Kommunikative Eingänge

Nichts in der gegenwärtigen Lyrik ist kommunikativer als die auf den ersten Blick eingängigen Sätze, die schon in den Überschriften den Leser in den Sog der Verse ziehen: „Hilde ist bestimmt gar nicht nach Bonn gefahren“, „Ach wäre ich nur an der See geblieben“, „Du wirst doch jetzt nicht etwa traurig werden“, „Ich lebe mit einer Spinne zusammen“. Das weckt Neugier auf die zwischen Tragik und Komik balancierenden Episoden und Dramen, deren Verläufe in den Versen festgehalten sind. Der Sprecher des Gedichts gesteht unerfüllbare Wünsche und gibt unlösbare Rätsel auf.

Die Langgedichte des Thomas Kunst kommen in einem unaufgeregten Parlando daher, das fabulierend auf das Subversive der Wortfolgen setzt und zum Widerspruch herausfordert. Zwischen den lässig gestreuten Aussagen feiert das „Aber“ ein Fest. Dabei sperren sich die Gedichte gegen ein schnelles Einverständnis mit dem, wovon sie bildhaft erzählen: kleine Geschichten über Liebe und Tod, Familie, Einsamkeit zu zweit und durch Distanz wachsende Nähe. /Dorothea von Törne, Die Welt

Thomas Kunst: Kunst. Edition AZUR, Dresden. 144 S., 20 €.

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