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Schlagwort-Archive: William Shakespeare

Im Netz seit 1.1.2001

Leseecke 5

Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 1-7 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

5

THose howers that with gentle worke did frame,
The louely gaze where euery eye doth dwell
Will play the tirants to the very same,
And that vnfaire which fairely doth excell:
For neuer resting time leads Summer on,
To hidious winter and confounds him there,
Sap checkt with frost and lustie leau’s quite gon.
Beauty ore-snow’d and barenes euery where,
Then were not summers distillation left
A liquid prisoner pent in walls of glasse,
Beauties effect with beauty were bereft,
Nor it nor noe remembrance what it was.
    But flowers distil’d though they with winter meete,
    Leese but their show, their substance still liues sweet.

Einige Anmerkungen zum Text:

howers hours (zweisilbig gesprochen)

4 vnfaire zum Verb gemachtes Adjektiv, Verneinung von to fair = schön machen fairely by being fair. Klaus Reichert übersetzt die Zeile in seiner Prosaübersetzung: „und das entschönen, was das Schöne übertrifft“.

confounds vernichtet

sap Saft leau’s leaves

ore-snow’d o(v)ersnowed

distillation Essenz

10 wäre mit der Schönheit auch die Wirkung der Schönheit verflogen

14 leese lose (verlieren)

Deutsche Fassung von Rudolf Alexander Schröder:

 Dieselben Stunden, die so hold dein Bild
 Zur Augenlust geschmückt mit zartem Kleid,
 Sind bald tyrannisch wider dich gewillt,
 Unhold verkehrend die Holdseligkeit.
 Denn nimmermüde Zeit führt Sommers Blühn
 Zum eklen Winter fort in blinde Schmach:
 Frost hemmt den Saft, es welkt all frisches Grün,
 Die Schönheit liegt verschneit, die Welt liegt brach.
 Und bliebe nicht des Sommers Quintessenz,
 Ein flüssiger Häftling gläsernem Gewänd,
 Stürb aller Schönheit Sinn mit ihrem Lenz,
 Daß sich auch nicht ein Angedenken fänd.
    Nur Blumen-Aufguß wahrt zur Winterszeit
    Zwar nicht die Schau, doch Wesens Süßigkeit.

(Rudolf Alexander Schröder: Gesammelte Werke Bd.1, Suhrkamp 1952)

Kommentar zur Übersetzung:

Mit dem Wort hold im ersten Vers beginnt die „Poetisierung“ des Urtexts (im nächsten Vers mit „zartem Kleid“ fortgeführt). Man vergleiche seine vierte Zeile mit der in den Anmerkungen mitgeteilten Prosaübersetzung. (Am schönsten in dieser Übersetzung scheint mir das Wort Augenlust für „the lovely gaze“ – leider sogleich ins Poesiesurrogat zurückgeholt.) Ich glaube, mit einer guten Prosaübersetzung wie der Klaus Reicherts wäre dem auf Shakespeares Innovation der poetischen Sprache neugierigen deutschen Leser mehr gedient.

William Shakespeare: Die Sonette. Neuübersetzt von Klaus Reichert. Fischer, 2007

William Shakespeare: Die Sonette. Neuübersetzt von Klaus Reichert. Fischer, 2007

Leseecke 4

Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
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4

VNthrifty louelinesse why dost thou spend,
Vpon thy selfe thy beauties legacy?
Natures bequest giues nothing but doth lend,
And being franck she lends to those are free:
Then beautious nigard why doost thou abuse,
The bountious largesse giuen thee to giue?
Profitles vserer why doost thou vse
So great a summe of summes yet can’st not liue?
For hauing traffike with thy selfe alone,
Thou of thy selfe thy sweet selfe dost deceaue,
Then how when nature calls thee to be gone,
What acceptable Audit can’st thou leaue?
     Thy vnus’d beauty must be tomb’d with thee,
     Which vsed liues th’executor to be.

Einige Anmerkungen zum Text:

VNthrifty verschwenderisch, unrentabel; ältere Wortbedeutung: unkeusch, lüstern (dazu spend / Vpon thy selfe (masturbieren). Wieder aufgegriffen in 11 traffike a) Handel, b) sexueller Handel/Verkehr.

bequest Vermächtnis

those are those that are

5 nigard Knauser

giue give

10 deceaue deceive (täuschen)

11 Audit Rechnungsprüfung

14 vsed (used) wurde zweisilbig gesprochen: usèd; executor Testamentsvollstrecker (also hier ein Sohn)

Deutsche Fassung von Max Josef Wolff:

SHAKESPEARES SONETTE. ÜBERSETZT VON MAX JOSEF WOLFF. BERLIN: B. BEHR, 1903

SHAKESPEARES SONETTE. ÜBERSETZT VON MAX JOSEF WOLFF. BERLIN: B. BEHR, 1903

Kommentar zu Wolffs Übersetzung:

Das Sonett mischt  finanzökonomischen Wortschatz mit sexuellen Anspielungen. Ersterer ist in dieser Übersetzung stark abgemildert (Rechenschaft statt Rechnungsprüfung) und letztere fehlen ganz. Shakespeares eindeutig zweideutiges „Verkehr zu haben nur mit dir allein“ (wie Plessow fast wörtlich übersetzt) wird bei Wolff verschleiert zu „Ziehst du dich einsam in dich selbst zurück“. Aber es geht hier doch um Kinderzeugen, möchte man dem wilhelminischen Übersetzer zurufen. (Interessant wäre eine experimentelle Übersetzung, die einmal ganz auf den bei Wolff getilgten und bei anderen gemilderten sexuellen Kontext fokussiert.) (Morgen mal nachsehen, wie George damit umgeht). Schade auch, daß das Oxymoron profitless usurer aufgelöst wird, das im Original Teil einer ganzen Kette ist.

Leseecke 3

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3

LOoke in thy glasse and tell the face thou vewest,
Now is the time that face should forme an other,
Whose fresh repaire if now thou not renewest,
Thou doo’st beguile the world, vnblesse some mother.
For where is she so faire whose vn-eard wombe
Disdaines the tillage of thy husbandry?
Or who is he so fond will be the tombe
Of his selfe loue to stop posterity?
Thou art thy mothers glasse and she in thee
Calls backe the louely Aprill of her prime,
So thou through windowes of thine age shalt see,
Dispight of wrinkles this thy goulden time.
     But if thou liue remembred not to be,
     Die single and thine Image dies with thee.

Einige Anmerkungen zum Text:

 

vewest viewest (siehst)

forme an other ein anderes Gesicht / eine andere Person formen

beguile betrügen vnblesse some mother einer (möglichen) Mutter keinen Segen gönnen

vn-eard wombe ungepflügter Schoß

tillage Pflügen, Befruchten husbandry a) Ackerbau b) eheliche Pflichten

posterity die Nachwelt sind hier natürlich die schuldhaft nicht gezeugten Kinder

 

Deutsche Fassung von Stefan George:

Shakespeare Sonnette. Umdichtung von Stefan George. Berlin: Georg Bondi, 1909

Shakespeare Sonnette. Umdichtung von Stefan George. Berlin: Georg Bondi, 1909

Deutsche Fassung von Max Josef Wolff:

Bildschirmfoto 2016-04-26 um 14.40.27

Shakespeares Sonette. Übersetzt von Max Josef Wolff. Berlin: B. Behr, 1903

 

Leseecke 2

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2

VVHen fortie Winters shall beseige thy brow,
And digge deep trenches in thy beauties field,
Thy youthes proud liuery so gaz’d on now,
Wil be a totter’d weed of smal worth held:
Then being askt, where all thy beautie lies,
Where all the treasure of thy lusty daies;
To say within thine owne deepe sunken eyes,
Were an all-eating shame, and thriftlesse praise.
How much more praise deseru’d thy beauties vse,
If thou couldst answere this faire child of mine
Shall sum my count, and make my old excuse
Proouing his beautie by succession thine.
          This were to be new made when thou art ould,
          And see thy blood warme when thou feel’st it could.

Einige Anmerkungen zum Text:

 

1 beseige besiege (belagern)

liuery Schmuckgewand (Livree)

totter’d weed (2. Ausg. 1640: tattered) a) Lumpengewand b) Unkraut (in einer Manuskriptfassung steht rotten weeds)

6 lusty kräftig, lebhaft; sexuell aktiv

thriftlesse wertlos

deseru’d deserved (verdiente)

13 make my old excuse rechtfertigt mein Alter

14 could cold

Bildschirmfoto 2016-04-26 um 01.03.11

Faksimile der Erstausgabe (Q, 1609)

Faksimile der Erstausgabe (Q, 1609)

Deutsche Fassung von Stefan George:

Bildschirmfoto 2016-04-26 um 01.12.57

Deutsche Fassung von Karl Kraus:

Dir wird, wenn in die Jahre du gekommen
und Falten furchend durch dein Antlitz ziehn,
Erinnrung jener Schönheit wenig frommen,
die schneller als die Zeit dir ging dahin.

Und wenn dich dann wer fragt, wohin sie kam,
und wo sie, da sie nicht mehr sei, gewesen,
dann frage deinen Stolz, ob deine Scham
sie ließe aus erloschnen Augen lesen.

Doch wahrlich andern Ruhm trügst du davon,
könntst du auf die bewahrte Schönheit zeigen
und sprechen: Seht, in meinem jungen Sohn
ist heut vorhanden, was mir einst zu eigen!

Durch Alter endet nicht der Lebensmut:
die Jugend, die du schufst, erwärmt dein Blut.

Leseecke 1

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1

FRom fairest creatures we desire increase,
 That thereby beauties Rose might neuer die,
 But as the riper should by time decease,
 His tender heire might beare his memory:
 But thou contracted to thine owne bright eyes,
 Feed’st thy lights flame with selfe substantiall fewell,
 Making a famine where aboundance lies,
 Thy selfe thy foe, to thy sweet selfe too cruell:
 Thou that art now the worlds fresh ornament,
 And only herauld to the gaudy spring,
 Within thine owne bud buriest thy content,
 And tender chorle makst wast in niggarding:
    Pitty the world, or else this glutton be,
    To eate the worlds due, by the graue and thee.

Einige Anmerkungen zum Text:

1 increase hier: Nachwuchs, Nachkommen

2 neuer never (wie in deutschen Texten der Zeit sind u und v ohne erkennbare Regel austauschbar)

3 the riper die reifere (Rose)

4 heire Erbe, Nachkomme

5 contracted a) anvertraut, verlobt, b) geschrumpft, eingeschränkt

6 self-substantial von deiner eignen Substanz zehrend

10 gaudy froh, erfreulich

11 content a) Glück, b) Inhalt (also hier Nachkomme, das was du enthältst). Damals auf der zweiten Silbe betont.

12 tender churl liebenswerter Knauser niggarding geizen, knickern

13: hab Erbarmen mit der Welt, sonst wirst du so ein Vielfraß

14 the world’s due was du der Welt schuldest (Kinder) by the… das Grab oder du selbst verzehren es

Deutsche Fassung von Karl Kraus:
Ein schönes Wesen wünscht man fortgesetzt,
daß nie der Schönheit Rose ganz vergehe,
und welkt sie durch die Zeit, daß unverletzt
im schönen Sproß das Schöne auferstehe.

Du aber, nur dem eignen Strahl verbunden,
du, nur genährt, verzehrt von deinem Glanze,
du hast, dich neidend, deinen Feind gefunden,
der dir im Vollbesitz mißgönnt das Ganze.

Du, der die Welt beglückt mit jedem Reiz,
des Frühlings Herold, der mit vollen Händen
versagt im Spenden, du gewährst dem Geiz,
dich endlich in dir selber zu verschwenden.

Gewähre dich der Welt, der zugehört
die Schönheit, die das Grab der Zeit verzehrt.

Leseecke Shakespeare

Ein großartiges Projekt der Signaturen und Günter Plessows, in den kommenden 22 Wochen sämtliche 154 Sonette Shakespeares sowie das Erzählgedicht A Lover’s Complaint im Original und Plessows Übersetzung aus KRITIK DER LIEBE –– Shakespeare’s Sonnets & A Lover’s Complaint –– wiedergelesen und wiedergegeben von Günter Plessow.  (Passau, Karl Stutz Verlag, 2003) in faßlichen Portionen von je sieben Texten pro Woche zu veröffentlichen. Ich möchte die Gelegenheit für eine Neulektüre nicht versäumen. Jeden Tag 1 Sonett kann man gut schaffen, egal was man sonst liest und tut. Mit Erlaubnis von Kristian Kühn richte ich hier eine Shakespeare-Leseecke ein und lade neugierige Leser zum Mitlesen und Hin- und Herklicken ein. Die ersten sieben Sonette sind Online in beiden Fassungen mit einem Kommentar des Übersetzers

Sonette 1-7 Plessow

Signaturen wird jeden Tag ein Gedicht aus Plessows Fassung präsentieren. Meine Leseecke verlinkt darauf und stellt hier den Originaltext mit zusätzlichem Material (mindestens aber eine ältere Übertragung) dazu. Vielleicht mag jemand parallel mitlesen. In der Leseecke könnten Hinweise und Leserkommentare zum Original oder der Übersetzung zusammengetragen werden. Wer macht mit?

 

 

Zum Schäkespears Tag

Eine Rede  zu Ehren des britischen Dichters, gehalten von Goethe am 14.10. 1771 in Frankfurt/ Main
Mir kommt vor, das sey die edelste von unsern Empfindungen, die Hoffnung, auch dann zu bleiben, wenn das Schicksaal uns zur allgemeinen Nonexistenz zurückgeführt zu haben scheint. Dieses Leben, meine Herren, ist für unsre Seele viel zu kurz, Zeuge, dass ieder Mensch, der geringste wie der höchste, der unfähigste wie der würdigste, eher alles müd wird, als zu leben; und dass keiner sein Ziel erreicht, wornach er so sehnlich ausging – denn wenn es einem auf seinem Gange auch noch so lang glückt, fällt er doch endlich, und offt im Angesicht des gehofften Zwecks, in eine Grube, die ihm, Gott weis wer, gegraben hat, und wird für nichts gerechnet.

Für nichts gerechnet! Ich! Da ich mir alles binn, da ich alles nur durch mich kenne! So ruft ieder, der sich fühlt, und macht grosse Schritte durch dieses Leben, eine Bereitung für den unendlichen Weeg drüben. Freylich ieder nach seinem Maas. Macht der eine mit dem stärcksten Wandertrab sich auf, so hat der andre siebenmeilen Stiefel an, überschreitet ihn, und zwey Schritte des letzten bezeichnen die Tagreise des ersten. Dem sey wie ihm wolle, dieser embsige Wandrer bleibt unser Freund und unser Geselle, wenn wir die gigantischen Schritte ienes, anstaunen und ehren, seinen Fustapfen folgen, seine Schritte mit den unsrigen abmessen.

Auf die Reise, meine Herren! die Betrachtung so eines einzigen Tapfs, macht unsre Seele feuriger und grösser, als das Angaffen eines tausendfüsigen königlichen Einzugs.

Wir ehren heute das Andencken des grössten Wandrers und thun uns dadurch selbst eine Ehre an. Von Verdiensten die wir zu schätzen wissen, haben wir den Keim in uns.

Erwarten Sie nicht, das ich viel und ordentlich schreibe, Ruhe der Seele ist kein Festtagskleid; und noch zur Zeit habe ich wenig über Shakespearen gedacht; geahndet, empfunden wenns hoch kam, ist das höchste wohin ich’s habe bringen können. Die erste Seite die ich in ihm las, machte mich auf Zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein blindgebohrner, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenckt. Ich erkannte, ich fühlte auf’s lebhaffteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert, alles war mir neu unbekannt, und das ungewohnte Licht machte mir Augenschmerzen. Nach und nach lernt ich sehen, und, danck sey meinem erkenntlichen Genius, ich fühle noch immer lebhafft was ich gewonnen habe.

Ich zweifelte keinen Augenblick dem regelmäsigen Theater zu entsagen. Es schien mir die Einheit des Orts so kerckermäsig ängstlich, die Einheiten der Handlung und der Zeit lästige Fesseln unsrer Einbildungskrafft. Ich sprang in die freye Lufft, und fühlte erst dass ich Hände und Füsse hatte. Und ietzo da ich sahe, wieviel Unrecht mir die Herrn der Regeln in ihrem Loch angethan haben, wie viel freye Seelen noch drinne sich krümmen, so wäre mir mein Herz geborsten, wenn ich ihnen nicht Fehde angekündigt hätte, und nicht täglich suchte ihre Türne zusammen zu schlagen.

Das griechische Theater, das die Franzosen zum Muster nahmen, war, nach innrer und äuserer Beschaffenheit, so, dass eher ein Marquis den Alcibiades nachahmen könnte, als es Corneillen dem Sophokles zu folgen möglich wär.

Erst Intermezzo des Gottesdiensts, dann feyerlich politisch, zeigte das Trauerspiel einzelne grose Handlungen der Väter, dem Volck, mit der reinen Einfalt der Vollkommenheit, erregte ganze grose Empfindungen in den Seelen, denn es war selbst ganz, und gros.

Und in was für Seelen!

Griechischen! Ich kann mich nicht erklären was das heisst, aber ich fühls, und berufe mich der Kürze halber auf Homer und Sophokles und Theokrit, die habens mich fühlen gelehrt.

Nun sag ich geschwind hinten drein: Französgen, was willst du mit der griechischen Rüstung, sie ist dir zu gros und zu schweer.

Drum sind auch alle Französche Trauerspiele Parodien von sich selbst.

Wie das so regelmäsig zugeht, und dass sie einander ähnlich sind wie Schue, und auch langweilig mit unter, besonders in genere im vierten Ackt das wissen die Herren leider aus der Erfahrung und ich sage nichts davon.

Wer eigentlich zuerst drauf gekommen ist die Haupt und Staatsaktionen auf’s Theater zu bringen weiss ich nicht, es giebt Gelegenheit für den Liebhaber zu einer kritischen Abhandlung. Ob Shakespearen die Ehre der Erfindung gehört, zweifl’ ich: genung, er brachte diese Art auf den Grad, der noch immer der höchste geschienen hat, da so wenig Augen hinauf reichen, und also schweer zu hoffen ist, einer könne ihn übersehen, oder gar übersteigen.

Shakespeare, mein Freund, wenn du noch unter uns wärest ich könnte nirgend leben als mit dir, wie gern wollt ich die Nebenrolle eines Pylades spielen, wenn du Orest wärst, lieber als die geehrwürdigte Person eines Oberpriesters im Tempel zu Delphos.

Ich will abbrechen, meine Herren, und morgen weiter schreiben, denn ich binn in einem Ton, der Ihnen vielleicht nicht so erbaulich ist als er mir von Herzen geht.

Shakespears Theater ist ein schöner Raritäten Kasten, in dem die Geschichte der Welt vor unsern Augen an dem unsichtbaaren Faden der Zeit vorbeywallt. Seine Plane sind, nach dem gemeinen Styl zu reden, keine Plane, aber seine Stücke, drehen sich alle um den geheimen Punckt, |: den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat :| in dem das Eigenthümliche unsres Ich’s, die prätendirte Freyheit unsres Willens, mit dem nothwendigen Gang des Ganzen zusammenstösst. Unser verdorbner Geschmack aber, umnebelt dergestalt unsere Augen, dass wir fast eine neue Schöpfung nötig haben, uns aus dieser Finsternis zu entwickeln.

Alle Franzosen und angesteckte Deutsche, sogar Wieland haben sich bey dieser Gelegenheit, wie bey mehreren wenig Ehre gemacht. Voltaire der von ieher Profession machte, alle Maiestäten zu lästern, hat sich auch hier, als ein ächter Tersit bewiesen. Wäre ich Ulysses; er sollte seinen Rücken unter meinem Scepter verzerren.

Die meisten von diesen Herren, stosen auch besonders an seinen Carackteren an.

Und ich rufe Natur! Natur! nichts so Natur als Shakespeares Menschen.

Da hab ich sie alle überm Hals.

Lasst mir Lufft dass ich reden kann!

Er wetteiferte mit dem Prometheus, bildete ihm Zug vor Zug seine Menschen nach, nur in Colossalischer Grösse; darinn liegts dass wir unsre Brüder verkennen; und dann belebte er sie alle mit dem Hauchseines Geistes, er redet aus allen, und man erkennt ihre Verwandtschafft.

Und was will sich unser Jahrhundert unterstehen von Natur zu urteilen? Wo sollten wir sie her kennen, die wir von Jugend auf alles geschnürt und geziert an uns fühlen, und an andern sehen. Ich schäme mich offt vor Shakespearen, denn es kommt manchmal vor, dass ich beym ersten Blick dencke, das hätt ich anders gemacht! Hinten drein erkenn ich dass ich ein armer Sünder binn, dass aus Shakespearen die Natur weissagt, und dass meine Menschen Seifenblasen sind von Romanengrillen aufgetrieben.

Und nun zum Schluss, ob ich gleich noch nicht angefangen habe.

Das was edle Philosophen von der Welt gesagt haben, gilt auch von Shakespearen, das was wir bös nennen, ist nur die andre Seite vom Guten, die so nothwendig zu seiner Existenz, und in das Ganze gehört, als Zona torrida brennen, und Lapland einfrieren muss, dass es einen gemäsigten Himmelsstrich gebe. Er führt uns durch die ganze Welt, aber wir verzärtelte unerfahrne Menschen schreien bey ieder fremden Heuschrecke die uns begegnet: Herr, er will uns fressen.

Auf, meine Herren! trompeten Sie mir alle edle Seelen, aus dem Elysium, des sogenanndten guten Geschmacks, wo sie schlaftruncken, in langweiliger Dämmerung halb sind, halb nicht sind, Leidenschafften im Herzen und kein Marck in den Knochen haben, und weil sie nicht müde genug zu ruhen und doch zu faul sind um tähtig zu seyn, ihr Schatten Leben zwischen Myrten und Lorbeergebüschen verschlendern und vergähnen.

Todestage

Früher galt der 23. April 1616 als Todesdatum gleich zweier großer Dichter, William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Inzwischen haben die Spanier ihr Datum korrigiert. Am 23. April wurde der Dichter begraben – man nimmt offiziell an, daß er am Tag davor starb. Er war 68 Jahre alt, Todesursache Diabetes. Das Sterbehaus in Madrid heißt heute Casa de Cervantes, Cervanteshaus.

Als Cervantes begraben wurde, blieben Shakespeare noch 10 Tage. Denn in Spanien galt schon der Gregorianische Kalender. Am 23. April alten Stils schrieben die kalendarisch moderneren katholischen Länder den 3. Mai. Am 3. Mai wird der Tod Shakespeares also genau 400 Jahre zurückliegen. Die Verschiebung gibt also den Vorteil – in England genau wie in Pommern und den meisten evangelischen Ländern, nur Preußen hatte sich auf Druck Polens dem päpstlichen Kalender schon angeschlossen –, die Wiederkehr eines Ereignisses im 17. Jahrhundert gleich zweimal zu begehen, am Kalenderdatum und noch einmal nach heutigem Kalender.

Shakespeares Lebensdaten ergeben übrigens eine praktische Eselsbrücke zur zeitlichen Zuordnung englischer und deutscher Literaturgeschichte. Shakespeare wurde im Jahr (15)64 geboren und starb 1616. Andreas Gryphius umgekehrt: geboren 1616, gestorben (16)64.

Einladung zum Shakespearejahr

Ein Knüller zum Shakespearejahr bei Signaturen:

Im Shakespeare-Jahr
sieben Sonette wöchentlich
– übersetzt und kommentiert
von Günter Plessow

Jeder Leser ist eingeladen, an den nächsten 155 Tagen jeden Tag ein Gedicht des englischen Barden zu lesen. Oder einmal am Wochenende alle sieben Wochengedichte:

Wir präsentieren Shakespeares Sonette für Anfänger, das heißt: für die Kenner, die anfangen, sich einzugestehen, wie wenig sie eigentlich von dem kennen, über den sie so viel gelesen und so oft gesprochen haben.

Wir präsentieren die ganze Sequenz, so wie sie dasteht: 154 Sonette, englisch und deutsch, in verdaulichen Portionen, wöchentlich sieben zum Septett gebündelt, zweiundzwanzig Wochen lang, ohne zu vergessen, das Erzählgedicht A Lover’s Complaint folgen zu lassen. Leser, die Lust haben, diesen Schritten zu folgen, werden entdecken, daß dies Werk kein Sammelband für Liebhaber panegyrischer Gedichte ist (aber auch kein in sich geschlossener Zyklus), sondern eine eigentümlich offene Komposition, die einem Takt folgt und deren Elemente eng und weiträumig aufeinander reagieren, vergleichbar einer lyrischen Suite mit vier kontrapunktisch angelegten Sätzen: 1. Maßvoll getragen, 2. maßlos erregt, 3. nebenbei bemerkt, 4. desillusioniert.

Bards Without Borders

In London wird es zu Ehren des 400. Todestages von William Shakespeare auch eine Ehrung durch Flüchtlings- und Migrantendichter geben. Am 23. April 1616 (julianischer Kalender – in katholischen Ländern schrieb man den 3. Mai) starb der Dichter in Stratford-upon-Avon. Am 23. April veranstaltet Bards Without Borders in London eine Lesung mit 10 Dichtern aus 9 Ländern, darunter Nigeria, Kolumbien, Bosnien, Somalia und Afghanistan. Die Dichterin Laila Sumpton, Mitgründerin, sagt: „Shakespeare verkörpert die britische Kultur und Identität, aber er ist ebenso global. Seine Werke werden in der ganzen Welt gesehen, so daß wir sagen können, daß er nicht Englands Eigentum ist. Unsere Poeten erforschen dieses Konzept und laden mit ihrer Lesung zum Mittun ein.“ Die Show soll den Dichtern eine Plattform geben, ihre Erfahrungen als Migranten und Flüchtlinge mitzuteilen.

Arne Pohlmeier, ein anderes Gründungsmitglied von Bards without Borders, sagt: “Shakespeares Stücke sind randvoll mit Geschichten von Migration, Vertreibung und kulturellem Anderssein. Viele seiner Figuren riskieren lange Reisen und enden als Schiffbrüchige an fremden Ufern. Prospero aus dem Sturm, Perikles, Viola aus Was ihr wollt sind einige der markantesten Beispiele.

Viele andere Figuren sind oder fühlen sich in ihrer Umgebung fremd, was ihre Identität, Gesundheit und Realitätswahrnehmung in Frage stellt, wie Hamlet, Lear, Antipholus von Syrakus in der Komödie  der Irrungen. Das sind Erfahrungen, die Shakespeares Figuren mit uns teilen, den Migranten und Flüchtlingen von heute.“ / A younger theatre

Bards without Borders will performance a celebration of Shakespeare’s life on April 23 at Rich Mix. 

Datenkünstler

US-Künstler Nicholas Rougeux hat erst jüngst in seinem Kunstprojekt „Between the Words“  gezeigt, wie große Literaturklassiker aussehen, wenn man die Wörter weglässt und nur die Leer- und Satzzeichen visualisiert.

Seine neueste Arbeit heißt „Sonnet Signatures“. Darin beschäftigt sich Rougeux mit dem Gedichtband„Shakespeares Sonette“  aus dem Jahr 1609. Der Daten-Designer zeigt die 154 Sonette des englischen Dichters als verschnörkelte, abstrakte Zeichnungen, die aussehen, als hätte jemand gerade unter Zeitnot seine Unterschrift gekritzelt. / Benedikt Plass-Flessenkämper, Wired

It’s about sex

Sonnet 129“ by William Shakespeare

Mad in pursuit, and in possession so,
Had, having, and in quest to have, extreme;
A bliss in proof, and proved, a very woe;
Before, a joy proposed; behind, a dream.

Shakespeare wrote a lot about sex. He just has such a highbrow reputation these days, that sometimes it’s hard to remember that he was considered lowbrow in his own time. His plays and sonnets are riddled with innuendo, but „Sonnet 129“ is especially vague in talking about physical love. He only mentions lust once, but the rest of the poem is about pursuing and then having and then kind of regretting and feeling ashamed of what you’ve had. Really, he’s talking about sex that seems like a good idea before the fact, but then turns out to have been a very bad idea. We’ve all had nights like that, Shakespeare.

/ CHARLOTTE AHLIN, bustle.com

Andere Gedichte, denen sie „es“ nachweist, sind: „Come Slowly – Eden!“ by Emily Dickinson; „Putting in The Seed“ by Robert Frost; „I Sing the Body Electric“ by Walt Whitman; „First Fig“ by Edna St. Vincent Millay; „In Adoration“ by Sappho; „To a Dark Moses“ by Lucille Clifton.

Okay: bei Whitman und Sappho wird man nicht erstaunt sein. Und im Deutschen? Probieren Sie mal, im Deutschkurs (oder im Proseminar?) zu sagen, daß dieses Gedicht von Rilke von der „Überwindung der Masturbation“ handelt, oh je!🙂
XXIII. Sonett

O erst dann, wenn der Flug
nicht mehr um seinetwillen
wird in die Himmelstillen
steigen, sich selber genug,

um in lichten Profilen,
als das Gerät, das gelang,
Liebling der Winde zu spielen,
sicher, schwenkend und schlank, –

erst, wenn ein reines Wohin
wachsender Apparate
Knabenstolz überwiegt,

wird, überstürzt von Gewinn,
jener den Fernen Genahte
sein, was er einsam erfliegt.

Aus: Die Sonette an Orpheus, Erster Teil (1922)

Zwei 400. Todestage

Sowohl Shakespeare als auch Cervantes sollen am 23. April 1616 gestorben sein. Dennoch war einer um zehn Tage früher dran – in Spanien hatte man schon den Gregorianischen Kalender eingeführt, in England hingegen galt noch der Julianische, der etwas hintennach war. Und wer weiß, ob die Engländer nicht ein bisschen geschwindelt haben. Der 23. April ist nämlich auch der Todestag St. Georgs, ihres Landespatrons, zu Beginn des vierten Jahrhunderts. Das Gedenken an den legendären Drachentöter ist doch ideal für den Abschied vom größten englischen Dichter, der in seiner Heimatstadt starb, in Stratford-upon-Avon. Eingefleischte Stratfordianer behaupten auch, dass Shakespeare am 23. April 1564 geboren wurde. Relativ sicher ist aber nur, dass am 26. April seine Taufe stattfand.

Das aber nur nebenbei, denn beim 400. Jubiläum, das 2016 gefeiert wird, geht es um letzte Dinge. Und die erwiesen sich bei diesen zwei Dichtern doch als recht unterschiedlich. Shakespeare war 52 – ein beachtliches Alter für einen Menschen der frühen Neuzeit, der eine Pestepidemie und einige Theater überlebt hatte. Am schönsten ist es, sich vorzustellen, dass der aus London in seine Geburtsstadt zurückgekehrte Dramatiker nach der eigenen Geburtstagsfeier gestorben sei. Das mag glauben, wer das Tagebuch John Wards gelesen hat. Der Pfarrer der Holy Trinity Church in Stratford notierte darin, dass William nach einer fröhlich durchzechten Nacht verschied:

„Shakespear, Drayton and Ben Jonson had a merry meeting and it seems drank too hard, for Shakespear died of a feavour there contracted.“ / Die Presse

„In England, muß ich sagen“

Bei Manuzio bespricht Bertram Reinecke die dritte, erneut erweiterte Ausgabe des von Ulrich Erckenbrecht herausgegebenen Bandes „Shakespeare Sechsundsechzig“. Auszug:

Besonders interessant ist für mich, dass die Behauptung des Herausgebers, dass Shakespeares Sonett 66 in Zeiten politischer Misere den deutschen Dichtern besonders wichtig wird, in diesem Nachtrag überraschend deutliche Beglaubigung findet. 3 zu DDR-Zeiten entstandene Fassungen ergänzen die bisherigen, 2 davon sind aus Stasiakten überliefert (Wilhelm Bartsch und Rayk Wieland).

An Rayk Wielands Fassung fanden sich in der Stasiakte folgende Bemerkungen: „Defätistische Tendenzen“, „Plumpe Demagogie“ „Verhöhnung der Errungenschaften des Sozialismus“ „Parolen des Klassenfeinds“ „Staatsfeindliche Hetze“ „Verächtlichmachung führender Persönlichkeiten“ „Diffamierung des sozialistischen Rechtssystems“ „Konkret geäußerte Absicht einer Republikflucht“ So allgemein, wie sein Text gehalten ist (siehe Auszug unten) muss ich an einen alten DDR Witz denken: Ein Mann geht an den Auslagen eines Geschäfts vorbei und murmelt „Scheiß Staat!“ Dies hört ein Polizist und sagt: „Ich muss sie festnehmen, sie haben den Staat beleidigt“ Nach einer Weile meint der Mann „Aber sie wissen doch gar nicht, welchen Staat ich meine.“ Der Polizist lässt ihn laufen. Einen Augenblick später steht er wieder vor ihm: „Ich muss sie doch mitnehmen.“ „Ja warum das denn?“ fragt der Mann. „Es gibt nur einen Scheiß Staat.“.

Lässt sich Rayk Wielands Dichtung auch auf die Übelstände verschiedener Zeiten oder Staaten beziehen, mag eine winzige Verschiebung die Stasi hellhörig gemacht haben. „Ich hab es satt, ich möchte weg sein bloß/ Noch liebe ich. Und das lässt mich nicht los“ übersetzt Wieland die letzten beiden Zeilen und unterdrückt hier den Todesgedanken des Originals. Man könnte das für die bloße Tilgung einer Redundanz halten, denn dieser Todessehnsucht kommt ja bereits in Zeile eins einmal vor, aber so lassen sich die letzten Zeilen dann eben auch als konkrete Fluchtgedanken lesen. Und man kann durchaus unterstellen, dass auch Leser, die nicht so paranoid lasen wie die Stasi, dies so wahrgenommen haben. Man sieht hier. Zensur ist ein Ritt auf einem Tiger, man kann nicht absteigen. Wenn etwas zu äußern verboten wird, finden sich Anspielungen, die dies auszusprechen dennoch ermöglichen. Diese müssen dann ihrerseits verboten werden und werden dann durch wiederum andere ersetzt. „Mich jammert’s! In England, muß ich sagen, und nicht jäh.“ beginnt Jendryschiks Fassung. Je treuherziger er versichert, dass er nicht hiesige Zustände meint, desto aufmerksamer wird der Leser, ob sich das Ganze denn nicht doch auf die DDR beziehen ließe. Und er wird diese Zeile etwa folgendermaßen deuten: „Ich muss behaupten, ich redete von England, weil mir über die hiesigen Zustände zu sprechen verwehrt wird“

(…)

Ich hab es satt. Wär ich ein toter Mann.
Wenn Würde schon zur Bettelei geborn
Und Nichtigkeit sich ausstaffieren kann
Und jegliches Vertrauen ist verlorn
Und Rang und Namen Fähigkeit entbehrt
Und Fraun vergebens sich der Männer wehrn
Und wenn der Könner Gnadenbrod verzehrt
Und duldende nicht aufbegehrn […]

Rayk Wieland

Ulrich Erckenbrecht (Hrsg.): ‚Shakespeare Sechsundsechzig‘
Verlag: Muriverlag
Erscheinungsjahr: 3. erweiterte Auflage 2009, neue Beilage 2015
Seitenzahl: 380 Seiten
Preis²: 10 €
ISBN-13²: 978-3922494263
ISBN-10²: 3922494269 

18. The only begetter

Die Shakespeare-Forschung ist um eine These reicher: Der amerikanische Forscher Geoffrey Caveney will mit einem im Journal «Notes and Queries» der Oxford University Press erschienenen Essay möglicherweise den Adressaten der Widmung identifiziert haben, die der 1609 erschienenen Ausgabe von Shakespeares Sonetten vorangestellt ist. Bis dato fand sich keine plausible Erklärung dafür, wer sich hinter dem nur mit den Initialen «Mr. W. H.» bezeichneten Widmungsträger verbarg, der als «onlie begetter» (einziger Erzeuger) der folgenden Gedichte angesprochen wird. Der erotische Unterton des Wortes «begetter» wie auch die Tatsache, dass «W. H.» ein Fortleben in der «eternitie promised by our ever-living poet» verheissen wird, legten immerhin die Vermutung nahe, dass jener schöne Jüngling gemeint sein könnte, dem die Sonette ausgiebig huldigen und dessen Identität ebenso wenig gesichert ist wie diejenige der im letzten Teil der Gedichtsammlung angesprochenen «Dark Lady».

Caveneys Recherche hat nun eine wesentlich nüchternere Variante ergeben: Er liest aus der Widmung eine Hommage des Verlegers der Sonette, Thomas Thorpe, an seinen 1607 verstorbenen Kollegen William Holme. / Neue Zürcher