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Leseecke 11

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 8-14 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

11

AS fast as thou shalt wane so fast thou grow'st,
In one of thine, from that which thou departest,
And that fresh bloud which yongly thou bestow'st,
Thou maist call thine, when thou from youth conuertest,
Herein liues wisdome, beauty, and increase,
Without this follie, age, and could decay,
If all were minded so, the times should cease,
And threescoore yeare would make the world away:
Let those whom nature hath not made for store,
Harsh, featurelesse, and rude, barrenly perrish,
Looke whom she best indow'd, she gaue the more;
Which bountious guift thou shouldst in bounty cherrish,
    She caru'd thee for her seale, and ment therby,
    Thou shouldst print more, not let that coppy die.

Einige Anmerkungen zum Text:

1 wane abnehmen

2 departest übergibst, aufgibst. Hintergrund von 1/2 ist der verbreitete Glaube, daß ein Mann durch Geschlechtsverkehr sein Leben verkürzt (wane).

2, 4 thine dir gehörend / die Deinen. „Das frische Blut, daß du in der Jugend in Gesatlt von Samen verlierst, bleibt das Deine in künftigen Nachkommen“.

3 yongly a) als du jung warst b) mit jugendlicher Kraft bestow a) geben b) Geld anlegen

when thou from youth conuertest wenn du deine Jugend hinter dir gelassen hast

7 so (wie du)

threescoore 60 year bei Shakespeare häufig Plural

9 for store zur Vermehrung. Konnotiert ist store im Sinne von Ressource, Lagerhaus

10 barrenly unfruchtbar

11 (Die Natur gibt dem viel, der schon viel hat. Wer gut ist bekommt auch eher Nachkommen.)

12 bountious großzügig

13 seale Prägestempel, Petschaft

14 coppy das zu kopierende Original. Die lateinische Wurzel copia = Fülle, Überfluß war im 16. Jahrhundert noch präsent.

Deutsche Fassung von Stefan George

Bildschirmfoto 2016-05-18 um 13.54.43

Wie fast immer „gelingt“ es Karl Kraus, alle eigentümlichen Schönheiten des Originals „so allgemein als möglich“ im pseudopoetischen Friede-Freude-Eierkuchen-Klischee seiner pathetischen Genitivformeln abzumurksen. Sein Schlußcouplet:

Als Siegel der Natur soll dir gebühren,
der Schönheit Spur unsterblich fortzuführen.

Shakespeare konkrete, anspielungsreich verzweigte Prädikate, bei denen immer ökonomische und sexuelle Subtexte mitlaufen, gerinnen zu nichtssagenden substantivischen Floskeln: „Siegel der Natur“ (für: die Natur hat dich gut ausgestattet, also benutze deine „Petschaft“ auch), „der Schönheit Spur“ (für: du sollst mehr Nachkommen zeugen, damit dein Blut erhalten bleibt). Liebe Verleger und Vermittler: bitte nicht mehr diesen Pseudo-Shakespeare!* Karl Kraus ist ein verdienstvoller Autor und Sprachkritiker, aber leider ein erbärmlicher Nachdichter.)

*) Nehmt lieber Stefan George und / oder moderne Nachdichtungen.**

**) Aber das tun die nicht. Das unanstrengend Pseudopoetische verkauft sich.

Leseecke 4+

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Sonett 4 kommentierte Fassung
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Àxel Sanjosé hat dankenswerterweise mitgelesen und zu Sonett 4 eine Übersetzung angefertigt, die anstrebt, „die semantische dimension ein wenig mehr zu ihrem recht kommen zu lassen und dafür die formalmetrische etwas freier (…) handhabt.“ Er schreibt zu seiner Übersetzung:

wichtig war mir, dass die beiden kongruierenden hauptisotopien zum zuge kommen:

die des kaufmännisch-buchhalterischen mit besonderem fokus auf der treuhänderischen verwaltung: vnthrifty, spend, legacy, bequest, giue (3x) lend (2x), franck, free, nigard, abuse, bountious, largesse, profitles, vserer, summe (2x), traffike, deceaue, Audit, executor

die des gegensatzes von großzügigkeit und geiz, die mit der vorherigen verbunden ist, wobei ein kleines sprachlogisches paradoxon auftaucht: der verschwender (unthrifty) ist zugleich ein geizhals (nigard), was referentiell gesehen kein widerspruch ist, semantisch aber sehr wohl.

die mitschwingende sexuelle lesart bleibt durch »wendest dir selber zu« und »mit dir selber nur verkehr hast« für mein gefühl ausreichend erhalten, auch im original ist sie ja, wenn ich es richtig sehe, eine augenzwinkernde doppeldeutigkeit, die durch die narzisstische grundierung des schönheitsthemas verstärkt wird.

auf der anderen seite habe ich versucht, dem merkmal der gebundenheit rechnung zu tragen. nur eben dass ich mich nicht sklavisch an das ur-schema halte, sondern dieses »freier« übertrage (so, wie sonst die sememe zugunsten des reims »freier« gehandhabt werden). in unserem fall habe ich folgende lösung gefunden: für die fünfhebigen jamben im kreuzreim der drei quartette habe ich eine alternanz von fünf- und sechshebigen jamben mit durchgehender weiblicher kadenz gewählt. das abschließende, für das englische sonett so charakteristische couplet bekommt zwei sechshebige zeilen mit männlicher kadenz, wodurch der paarreim-effekt angedeutet wird. ausgiebig habe ich von tonbeugung bzw. der lizenz zur schwebenden betonung gebrauch gemacht, zum teil, weil es nicht anders ging, immer aber ganz bewusst um das mechanische klappern zu vermeiden.

ansonsten habe ich versucht, möglichst »normale« sprache zu verwenden (sowie mit Vergeuder, schenken leihen, zuwenden, anvertrauen, Vermächtnis, Nachlass, Geizhals, ordentlich, abbeordern, Rechnungsprüfung, Testamentvollstrecker u.ä. etwas nähe zum buchhalterisch-bürokratischen zu schaffen) und mich ansonsten von der dezimononischen diktion mit ihren apostrophheischenden apo- und synkopierungen zu entfernen.

am ende zwei anmerkungen:

1:

man kann es durchaus auch wie sabine scho mit #10 machen (s. http://signaturen-magazin.de/william-shakespeare–sonett-10.html). es ist eine frage des rahmens/diskurses, auf den man sich bezieht. als spitze gegen die immer wieder in ehrfurcht erstarrende (und dadurch hierarchiefördernde) tradition signalisiert sie eine haltung. als konkretes vermittlungsangebot für den leser, der sich (u.u. erstmalig) den sonetten nähert, bleibt die fassung m.u. zu willkürlich. und: shakespeare würde wahrscheinlich rappen.

2:

dies war auch ein selbstversuch. unter meinen spezifischen produktionsumständen knapp eine woche bei hintanstellung aller möglichen anderen dinge, die sich über meine unthriftienes beklagen werden.

IV
 VNthrifty louelinesse why dost thou spend,
 Vpon thy selfe thy beauties legacy?
 Natures bequest giues nothing but doth lend,
 And being franck she lends to those are free:
 Then beautious nigard why doost thou abuse,
 The bountious largesse giuen thee to giue?
 Profitles vserer why doost thou vse
 So great a summe of summes yet can’st not liue?
 For hauing traffike with thy selfe alone,
 Thou of thy selfe thy sweet selfe dost deceaue,
 Then how when nature calls thee to be gone,
 What acceptable Audit can’st thou leaue?
      Thy vnus’d beauty must be tomb’d with thee,
      Which vsed liues th’executor to be.
Was bist du, Liebreiz, fürn Vergeuder: wendest
dir selber zu all das Vermächtnis deiner Schönheit!
Als Nachlass schenkt Natur nichts, sondern leiht bloß,
großherzig leiht sie denen, die großzügig handeln.
Wenns so ist, schöner Geizhals, was missbrauchst du
die reiche Fülle, anvertraut zum Weitergeben?
Du Wucherer ohne Profit, was brauchst du
Unsummen auf und kannst davon ja doch nicht leben?
Indem du mit dir selber nur Verkehr hast,
betrügst dein Selbst du um dein eignes Selbst, dein schönes;
wie willst du, wenn Natur dich abbeordert,
die Rechnungsprüfung halbwegs ordentlich bestehen?
    Die ungebrauchte Schönheit geht mit dir ins Grab,
    gebraucht lebt sie als Testamentsvollstrecker fort.

Alternativ:

Veruntreuender Liebreiz, warum wendest
du selbst dir zu all das Vermächtnis ...

<»veruntreuen« gefällt mir ob der verbindung zur kaufmännischen welt gut, es geht aber dann der »sparsam/unsparsam//geizig/freigiebig«-komplex verloren>

Leseecke 10

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10

FOr shame deny that thou bear'st loue to any
Who for thy selfe art so vnprouident
Graunt if thou wilt, thou art belou'd of many,
But that thou none lou'st is most euident:
For thou art so possest with murdrous hate,
That gainst thy selfe thou stickst not to conspire,
Seeking that beautious roofe to ruinate
Which to repaire should be thy chiefe desire:
O change thy thought, that I may change my minde,
Shall hate be fairer log'd then gentle loue?
Be as thy presence is gracious and kind,
Or to thy selfe at least kind harted proue,
     Make thee an other selfe for loue of me,
     That beauty still may liue in thine or thee.
 

Einige Anmerkungen zum Text:

vnprouident ohne Vorsorge

 6 stickst zögerst

Deutsche Fassung von Gottlob Regis

O Schmach! vernein‘ es irgend wen zu lieben,
Du, der Du auf Dich selbst so unbedacht!
Gieb zu, Du sey’st das Ziel von Vieler Trieben,
Doch daß Du niemand liebst, ist ausgemacht.
Denn Dich beherrscht ein mörderischer Haß,
Daß Du nicht zauderst selbst Dich zu bedräuen,
Das edle Haus zerrütten möchtest, das
Vor allen Dir geziemte zu erneuen.
O ändre Deinen Sinn, und meine Meinung!
Birgt Haß in holder Liebe Wohnung sich?
Sey mild wie Deine liebliche Erscheinung:
Sey mindestens barmherzig gegen Dich.
Erschaffe neu, aus Liebe Dich zu mir,
Daß Schönheit leb‘ im Deinen oder Dir.

Shakspeare-Almanach, 1864

(Der Hauptmangel dieser Übersetzung: daß das Ich in Vers 9 – o change my mind that I may – wegfällt. Das erste, verräterische Ich in diesen Sonetten.)

Leseecke 9

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9

IS it for feare to wet a widdowes eye,
That thou consum'st thy selfe in single life?
Ah; if thou issulesse shalt hap to die,
The world will waile thee like a makelesse wife,
The world wilbe thy widdow and still weepe,
That thou no forme of thee hast left behind,
When euery priuat widdow well may keepe,
By childrens eyes, her husbands shape in minde:
Looke what an vnthrift in the world doth spend
Shifts but his place, for still the world inioyes it
But beauties waste hath in the world an end,
And kept vnvsde the vser so destroyes it:
     No loue toward others in that bosome sits
     That on himselfe such murdrous shame commits.

Einige Anmerkungen zum Text:

issulesse kinderlos if thou shalt hap wenn es dir passieren sollte

4 makelesse a) unvergleichlich b) alleinstehend

5 wilbe will be

priuat private (von lat. privus = einzeln, individuell)

8 by by means of

9 vnthrift Verschwender

12 vnvsde unused (auch: nicht investiert; der user ist mit usury verwandt!) der user, der die Schönheit nicht einsetzt / investiert / verschwendet, zerstört sie

14 murdrous shame wieder mit Anspielung auf Selbstliebe, Masturbation

(Eine deutsche Entsprechung wird nachgereicht)

Hier „meine“ Version. Ich habe sie, einen Vorschlag von Felix Philipp Ingold aufgreifend, reimlos aber metrisch kompiliert aus: Dorothea Tieck, Stefan George, Max Wolff, Ludwig Fulda und Günter Plessow. Ich habe nur die Großschreibung vereinheitlicht. Verständlicher als die „ganze“ Übersetzung von Karl Kraus ist sie allemal. (Der unreine Reim 12/14 war nicht geplant, aber akzeptiert als Markierung des Gedichtschlusses.)

Verweinte Witwenaugen fürchtest du,
Wenn einzeln du verzehrest deinen Leib?
O! wirst Du kinderlos zur Grube fahren
So wär die Welt das Weib, das um dich klagt.

Die ganze Welt als Witwe weint um dich,
Dass nach dir keine Form mehr auf dich weist ·
Da andre Wittwen täglich tröstend sehn
Des Gatten Bild bewahrt in ihren Kindern!

Sieh, was auf Erden Leichtsinn auch vertut,
Tauscht nur den Platz, bringt stets der Welt Gewinn;
Doch hat der Schönheit Nutzung hier ein Ende:
Denn der sie nicht genutzt, hat sie zerstört.

Nicht Nächstenliebe wohnt im Herzen dessen,
Der mit sich selbst so mörderisch verfährt.

Leseecke 8

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Sonette 8-14 bei Signaturen hier
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*) Oder ein paar mehr; weil es Tage geben wird, wo die Zeit fehlt.

8

MVsick to heare, why hear'st thou musick sadly,
Sweets with sweets warre not, ioy delights in ioy:
Why lou'st thou that which thou receaust not gladly,
Or else receau'st with pleasure thine annoy?
If the true concord of well tuned sounds,
By vnions married do offend thine eare,
They do but sweetly chide thee, who confounds
In singlenesse the parts that thou should'st beare:
Marke how one string sweet husband to an other,
Strikes each in each by mutuall ordering;
Resembling sier, and child, and happy mother,
Who all in one, one pleasing note do sing:
    Whose speechlesse song being many, seeming one,
    Sings this to thee thou single wilt proue none.

Einige Anmerkungen zum Text:

MVsick to heare a) when there is music to hear b) you, who are music to listen to

2 warre to war kämpfen

lou’st lovest receaust receivest (hörst, empfängst)

annoy Ärger (ennui)

true concord perfekte Harmonie tunèd (zweisilbig)

vnions married verheiratete Einheiten, also diese Harmonien (Musik /Ehe)

sweetly chide sanft tadeln confounds zunichtemacht 

in singlenesse a) vernichtest durch dein Singlesein b) indem du deine Stimme dem Wohlklang entziehst parts entsprechend dem Doppelsinn a) musikalische Stimmen b) Rollen als Ehemann und Vater

9 nach string (Saite) ist ein Komma zu denken

10 mutuall ordering die Saiten der Laute werden auf einen Ton gestimmt, um harmonisch zu klingen

11 sier sire (Vater) – so wie Vater Kind und Mutter denselben Ton „singen“

14 thou … none in Anführungsstrichen zu denken als musikalische Mahnung an dich

 

Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:

Musik, wie hörst du sie mit trüben Blicken?
Kämpft Süß mit Süß? Freut sich nicht Lust der Lust?
Wie liebst du das, was doch nicht kann beglücken?
Und drückst den Schmerz mit Freud‘ an deine Brust?

Kann wohlgestimmter Saiten Harmonie,
Vermählt im Dreiklang, nicht dein Ohr ergötzen?
Nein, denn den Einzeln steh’nden schelten sie,
Der so den Ton des Ganzen darf verletzen.

Merk‘, wie die Saiten zart vermählet sind,
Durch Wechselwirkung in einander klingen,
Wie Vater, Mutter und das holde Kind,
Die, eins in Lieb‘, ein süßes Lied nur singen.

Wortloser Sang von Vielen scheint nur Einer,
Und spricht zu dir: Du Einzelner wirst Keiner.

Leseecke 7

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*) Oder ein paar mehr; weil es Tage geben wird, wo die Zeit fehlt.

7

LOe in the Orient when the gracious light,
Lifts vp his burning head, each vnder eye
Doth homage to his new appearing sight,
Seruing with lookes his sacred maiesty,
And hauing climb’d the steepe vp heauenly hill,
Resembling strong youth in his middle age,
Yet mortall lookes adore his beauty still,
Attending on his goulden pilgrimage:
But when from high-most pich with wery car,
Like feeble age he reeleth from the day,
The eyes (fore dutious) now conuerted are
From his low tract and looke an other way:
     So thou, thy selfe out-going in thy noon:
     Vnlok’d on diest vnlesse thou get a sonne.

Einige Anmerkungen zum Text:

LOe lo, sieh

veach vnder eye under-eye a) jedes minderwertige Auge (Person) b) jeder Sterbliche (jeder unter [dem Auge der] der Sonne)

3 homage ist auch eine juristische Kategorie im Feudalrecht: die pflichtschuldige Verehrung der Sonne ist auch hier juristisch lesbar: es steht der Sonne (im Englischen maskulin) / dem Sohn (?) zu, jedes under-eye ist ihm verpflichtet

5 hauing having: bezieht sich eher auf die Sonne als auf die ihr huldigenden Wesen. Man beachte den Tempuswechsel vom Präsens zum Imperfekt und zurück (Burrow 2002) steepe vp steil

6 youth … middle age (13 in thy noone): dreigliedriges Schema des Menschenalters

 9 high-most pich höchste Gipfel wery weary (müde) car Wagen

10 reeleth wankt, taumelt

11 fore before dutious gehorsam, pflichtgemäß

12 tract Pfad; hier auch zeitliche oder räumliche Ausdehnung

13 thy selfe out-going a) dich übernehmend b) dich überdauernd

14 Vnlok’d unlooked diest stirbst get a sonne zeugst einen Sohn

Deutsche Fassung von Stefan George:

Schau in den osten wie das gnädige licht
Sein brennend haupt erhebt: jed auge späht
In ehrfurcht zu der neu erschienenen sicht ·
Dient mit dem blick der heiligen majestät.

Und wenn es himmels steilen berg erklomm ·
Der jugend gleich in ihrer mittelkraft ·
So sehn die menschen seine schönheit fromm
Und warten seiner goldnen pilgerschaft.

Doch rollt von höchster höh mit müdem rad
Wie schwaches alter es vom tage fort ·
Wenden wir uns von seinem niedren pfad ·
Wir · vorher dienstbar · schaun zu andrem ort.

So stirbst du · wenn dein mittag dir entflohn ·
Unangesehen – zeugst du keinen sohn.

Leseecke 6

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*) Oder ein paar mehr; weil es Tage geben wird, wo die Zeit fehlt.

6

THen let not winters wragged hand deface, 
In thee thy summer ere thou be distil’d:
Make sweet some viall; treasure thou some place,
With beautits treasure ere it be selfe kil’d:
That vse is not forbidden vsery,
Which happies those that pay the willing lone;
That’s for thy selfe to breed an other thee,
Or ten times happier be it ten for one,
Ten times thy selfe were happier then thou art,
If ten of thine ten times refigur’d thee,
Then what could death doe if thou should’st depart,
Leauing thee liuing in posterity?
     Be not selfe-wild for thou art much too faire,
     To be deaths conquest and make wormes thine heire.

Einige Anmerkungen zum Text:

wragged ragged rau (zweisilbig gesprochen: wraggèd) hand kann Handschrift bedeuten, also etwa zittrige Handschrift deface Verb zu face a) entstellen b) auslöschen

3 vial Phiole, Behälter für Parfüm, auch übertragen: Frau

beautits so im Erstdruck; die meisten Ausgaben haben beauty’s

vsery usury (Wucher), Wortspiel mit use

ten for one 10 Nachkommen für 1 Vater. Verse 5-14 spielen – vorbereitete durch zweimaliges treasure in 3-4 – mit dem Doppelsinn Nachkommen zeugen / Zins kassieren. Elizabeth I führte zu Shakespeares Zeit einen Zins-Höchstsatz von 10% (one for ten) ein.

13 selfe-wild self-willed (eigensinnig)

14 conquest Einnahme, Erringung. Im britischen Recht: Eigentum, das anders als durch Erbschaft erworben wird.

Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:

Laß Dir nicht Winters rauhe Hand den Schatz
Des Lenzes rauben, eh‘ Du ihn vergraben,
Füll ein Chrystall, bereichre einen Platz,
Eh‘ sie verwelkt mit Deiner Schönheit Gaben.

Verbothen kann der Wucher nimmer seyn,
Wo gern und froh der Gläub’ger Zinsen beuth
Durch neues Selbst mußt Du Dich selbst erfreun,
Und zehnmal mehr, wirst zehnfach Du erneut.

Für wahr! es wird ein zehnfach Glück Dir bringen,
Wenn Du in zehn der Dein’gen froh Dich siehst.
Wie soll Dich dann der herbe Tod bezwingen,
Wenn Du in Kind und Enkel lebst und blühst.

Du bist zu schön durch harten Sinn zu sterben,
Ein Raub des Tod’s und Würmer Deine Erben.

Leseecke 5

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5

THose howers that with gentle worke did frame,
The louely gaze where euery eye doth dwell
Will play the tirants to the very same,
And that vnfaire which fairely doth excell:
For neuer resting time leads Summer on,
To hidious winter and confounds him there,
Sap checkt with frost and lustie leau’s quite gon.
Beauty ore-snow’d and barenes euery where,
Then were not summers distillation left
A liquid prisoner pent in walls of glasse,
Beauties effect with beauty were bereft,
Nor it nor noe remembrance what it was.
    But flowers distil’d though they with winter meete,
    Leese but their show, their substance still liues sweet.

Einige Anmerkungen zum Text:

howers hours (zweisilbig gesprochen)

4 vnfaire zum Verb gemachtes Adjektiv, Verneinung von to fair = schön machen fairely by being fair. Klaus Reichert übersetzt die Zeile in seiner Prosaübersetzung: „und das entschönen, was das Schöne übertrifft“.

confounds vernichtet

sap Saft leau’s leaves

ore-snow’d o(v)ersnowed

distillation Essenz

10 wäre mit der Schönheit auch die Wirkung der Schönheit verflogen

14 leese lose (verlieren)

Deutsche Fassung von Rudolf Alexander Schröder:

 Dieselben Stunden, die so hold dein Bild
 Zur Augenlust geschmückt mit zartem Kleid,
 Sind bald tyrannisch wider dich gewillt,
 Unhold verkehrend die Holdseligkeit.
 Denn nimmermüde Zeit führt Sommers Blühn
 Zum eklen Winter fort in blinde Schmach:
 Frost hemmt den Saft, es welkt all frisches Grün,
 Die Schönheit liegt verschneit, die Welt liegt brach.
 Und bliebe nicht des Sommers Quintessenz,
 Ein flüssiger Häftling gläsernem Gewänd,
 Stürb aller Schönheit Sinn mit ihrem Lenz,
 Daß sich auch nicht ein Angedenken fänd.
    Nur Blumen-Aufguß wahrt zur Winterszeit
    Zwar nicht die Schau, doch Wesens Süßigkeit.

(Rudolf Alexander Schröder: Gesammelte Werke Bd.1, Suhrkamp 1952)

Kommentar zur Übersetzung:

Mit dem Wort hold im ersten Vers beginnt die „Poetisierung“ des Urtexts (im nächsten Vers mit „zartem Kleid“ fortgeführt). Man vergleiche seine vierte Zeile mit der in den Anmerkungen mitgeteilten Prosaübersetzung. (Am schönsten in dieser Übersetzung scheint mir das Wort Augenlust für „the lovely gaze“ – leider sogleich ins Poesiesurrogat zurückgeholt.) Ich glaube, mit einer guten Prosaübersetzung wie der Klaus Reicherts wäre dem auf Shakespeares Innovation der poetischen Sprache neugierigen deutschen Leser mehr gedient.

William Shakespeare: Die Sonette. Neuübersetzt von Klaus Reichert. Fischer, 2007

William Shakespeare: Die Sonette. Neuübersetzt von Klaus Reichert. Fischer, 2007

Leseecke 4

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4

VNthrifty louelinesse why dost thou spend,
Vpon thy selfe thy beauties legacy?
Natures bequest giues nothing but doth lend,
And being franck she lends to those are free:
Then beautious nigard why doost thou abuse,
The bountious largesse giuen thee to giue?
Profitles vserer why doost thou vse
So great a summe of summes yet can’st not liue?
For hauing traffike with thy selfe alone,
Thou of thy selfe thy sweet selfe dost deceaue,
Then how when nature calls thee to be gone,
What acceptable Audit can’st thou leaue?
     Thy vnus’d beauty must be tomb’d with thee,
     Which vsed liues th’executor to be.

Einige Anmerkungen zum Text:

VNthrifty verschwenderisch, unrentabel; ältere Wortbedeutung: unkeusch, lüstern (dazu spend / Vpon thy selfe (masturbieren). Wieder aufgegriffen in 11 traffike a) Handel, b) sexueller Handel/Verkehr.

bequest Vermächtnis

those are those that are

5 nigard Knauser

giue give

10 deceaue deceive (täuschen)

11 Audit Rechnungsprüfung

14 vsed (used) wurde zweisilbig gesprochen: usèd; executor Testamentsvollstrecker (also hier ein Sohn)

Deutsche Fassung von Max Josef Wolff:

SHAKESPEARES SONETTE. ÜBERSETZT VON MAX JOSEF WOLFF. BERLIN: B. BEHR, 1903

SHAKESPEARES SONETTE. ÜBERSETZT VON MAX JOSEF WOLFF. BERLIN: B. BEHR, 1903

Kommentar zu Wolffs Übersetzung:

Das Sonett mischt  finanzökonomischen Wortschatz mit sexuellen Anspielungen. Ersterer ist in dieser Übersetzung stark abgemildert (Rechenschaft statt Rechnungsprüfung) und letztere fehlen ganz. Shakespeares eindeutig zweideutiges „Verkehr zu haben nur mit dir allein“ (wie Plessow fast wörtlich übersetzt) wird bei Wolff verschleiert zu „Ziehst du dich einsam in dich selbst zurück“. Aber es geht hier doch um Kinderzeugen, möchte man dem wilhelminischen Übersetzer zurufen. (Interessant wäre eine experimentelle Übersetzung, die einmal ganz auf den bei Wolff getilgten und bei anderen gemilderten sexuellen Kontext fokussiert.) (Morgen mal nachsehen, wie George damit umgeht). Schade auch, daß das Oxymoron profitless usurer aufgelöst wird, das im Original Teil einer ganzen Kette ist.

Leseecke 3

Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 1-7 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

3

LOoke in thy glasse and tell the face thou vewest,
Now is the time that face should forme an other,
Whose fresh repaire if now thou not renewest,
Thou doo’st beguile the world, vnblesse some mother.
For where is she so faire whose vn-eard wombe
Disdaines the tillage of thy husbandry?
Or who is he so fond will be the tombe
Of his selfe loue to stop posterity?
Thou art thy mothers glasse and she in thee
Calls backe the louely Aprill of her prime,
So thou through windowes of thine age shalt see,
Dispight of wrinkles this thy goulden time.
     But if thou liue remembred not to be,
     Die single and thine Image dies with thee.

Einige Anmerkungen zum Text:

 

vewest viewest (siehst)

forme an other ein anderes Gesicht / eine andere Person formen

beguile betrügen vnblesse some mother einer (möglichen) Mutter keinen Segen gönnen

vn-eard wombe ungepflügter Schoß

tillage Pflügen, Befruchten husbandry a) Ackerbau b) eheliche Pflichten

posterity die Nachwelt sind hier natürlich die schuldhaft nicht gezeugten Kinder

 

Deutsche Fassung von Stefan George:

Shakespeare Sonnette. Umdichtung von Stefan George. Berlin: Georg Bondi, 1909

Shakespeare Sonnette. Umdichtung von Stefan George. Berlin: Georg Bondi, 1909

Deutsche Fassung von Max Josef Wolff:

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Shakespeares Sonette. Übersetzt von Max Josef Wolff. Berlin: B. Behr, 1903

 

Leseecke 2

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2

VVHen fortie Winters shall beseige thy brow,
And digge deep trenches in thy beauties field,
Thy youthes proud liuery so gaz’d on now,
Wil be a totter’d weed of smal worth held:
Then being askt, where all thy beautie lies,
Where all the treasure of thy lusty daies;
To say within thine owne deepe sunken eyes,
Were an all-eating shame, and thriftlesse praise.
How much more praise deseru’d thy beauties vse,
If thou couldst answere this faire child of mine
Shall sum my count, and make my old excuse
Proouing his beautie by succession thine.
          This were to be new made when thou art ould,
          And see thy blood warme when thou feel’st it could.

Einige Anmerkungen zum Text:

 

1 beseige besiege (belagern)

liuery Schmuckgewand (Livree)

totter’d weed (2. Ausg. 1640: tattered) a) Lumpengewand b) Unkraut (in einer Manuskriptfassung steht rotten weeds)

6 lusty kräftig, lebhaft; sexuell aktiv

thriftlesse wertlos

deseru’d deserved (verdiente)

13 make my old excuse rechtfertigt mein Alter

14 could cold

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Faksimile der Erstausgabe (Q, 1609)

Faksimile der Erstausgabe (Q, 1609)

Deutsche Fassung von Stefan George:

Bildschirmfoto 2016-04-26 um 01.12.57

Deutsche Fassung von Karl Kraus:

Dir wird, wenn in die Jahre du gekommen
und Falten furchend durch dein Antlitz ziehn,
Erinnrung jener Schönheit wenig frommen,
die schneller als die Zeit dir ging dahin.

Und wenn dich dann wer fragt, wohin sie kam,
und wo sie, da sie nicht mehr sei, gewesen,
dann frage deinen Stolz, ob deine Scham
sie ließe aus erloschnen Augen lesen.

Doch wahrlich andern Ruhm trügst du davon,
könntst du auf die bewahrte Schönheit zeigen
und sprechen: Seht, in meinem jungen Sohn
ist heut vorhanden, was mir einst zu eigen!

Durch Alter endet nicht der Lebensmut:
die Jugend, die du schufst, erwärmt dein Blut.

Leseecke 1

Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
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1

FRom fairest creatures we desire increase,
 That thereby beauties Rose might neuer die,
 But as the riper should by time decease,
 His tender heire might beare his memory:
 But thou contracted to thine owne bright eyes,
 Feed’st thy lights flame with selfe substantiall fewell,
 Making a famine where aboundance lies,
 Thy selfe thy foe, to thy sweet selfe too cruell:
 Thou that art now the worlds fresh ornament,
 And only herauld to the gaudy spring,
 Within thine owne bud buriest thy content,
 And tender chorle makst wast in niggarding:
    Pitty the world, or else this glutton be,
    To eate the worlds due, by the graue and thee.

Einige Anmerkungen zum Text:

1 increase hier: Nachwuchs, Nachkommen

2 neuer never (wie in deutschen Texten der Zeit sind u und v ohne erkennbare Regel austauschbar)

3 the riper die reifere (Rose)

4 heire Erbe, Nachkomme

5 contracted a) anvertraut, verlobt, b) geschrumpft, eingeschränkt

6 self-substantial von deiner eignen Substanz zehrend

10 gaudy froh, erfreulich

11 content a) Glück, b) Inhalt (also hier Nachkomme, das was du enthältst). Damals auf der zweiten Silbe betont.

12 tender churl liebenswerter Knauser niggarding geizen, knickern

13: hab Erbarmen mit der Welt, sonst wirst du so ein Vielfraß

14 the world’s due was du der Welt schuldest (Kinder) by the… das Grab oder du selbst verzehren es

Deutsche Fassung von Karl Kraus:
Ein schönes Wesen wünscht man fortgesetzt,
daß nie der Schönheit Rose ganz vergehe,
und welkt sie durch die Zeit, daß unverletzt
im schönen Sproß das Schöne auferstehe.

Du aber, nur dem eignen Strahl verbunden,
du, nur genährt, verzehrt von deinem Glanze,
du hast, dich neidend, deinen Feind gefunden,
der dir im Vollbesitz mißgönnt das Ganze.

Du, der die Welt beglückt mit jedem Reiz,
des Frühlings Herold, der mit vollen Händen
versagt im Spenden, du gewährst dem Geiz,
dich endlich in dir selber zu verschwenden.

Gewähre dich der Welt, der zugehört
die Schönheit, die das Grab der Zeit verzehrt.

Leseecke Shakespeare

Ein großartiges Projekt der Signaturen und Günter Plessows, in den kommenden 22 Wochen sämtliche 154 Sonette Shakespeares sowie das Erzählgedicht A Lover’s Complaint im Original und Plessows Übersetzung aus KRITIK DER LIEBE –– Shakespeare’s Sonnets & A Lover’s Complaint –– wiedergelesen und wiedergegeben von Günter Plessow.  (Passau, Karl Stutz Verlag, 2003) in faßlichen Portionen von je sieben Texten pro Woche zu veröffentlichen. Ich möchte die Gelegenheit für eine Neulektüre nicht versäumen. Jeden Tag 1 Sonett kann man gut schaffen, egal was man sonst liest und tut. Mit Erlaubnis von Kristian Kühn richte ich hier eine Shakespeare-Leseecke ein und lade neugierige Leser zum Mitlesen und Hin- und Herklicken ein. Die ersten sieben Sonette sind Online in beiden Fassungen mit einem Kommentar des Übersetzers

Sonette 1-7 Plessow

Signaturen wird jeden Tag ein Gedicht aus Plessows Fassung präsentieren. Meine Leseecke verlinkt darauf und stellt hier den Originaltext mit zusätzlichem Material (mindestens aber eine ältere Übertragung) dazu. Vielleicht mag jemand parallel mitlesen. In der Leseecke könnten Hinweise und Leserkommentare zum Original oder der Übersetzung zusammengetragen werden. Wer macht mit?

 

 

Zum Schäkespears Tag

Eine Rede  zu Ehren des britischen Dichters, gehalten von Goethe am 14.10. 1771 in Frankfurt/ Main
Mir kommt vor, das sey die edelste von unsern Empfindungen, die Hoffnung, auch dann zu bleiben, wenn das Schicksaal uns zur allgemeinen Nonexistenz zurückgeführt zu haben scheint. Dieses Leben, meine Herren, ist für unsre Seele viel zu kurz, Zeuge, dass ieder Mensch, der geringste wie der höchste, der unfähigste wie der würdigste, eher alles müd wird, als zu leben; und dass keiner sein Ziel erreicht, wornach er so sehnlich ausging – denn wenn es einem auf seinem Gange auch noch so lang glückt, fällt er doch endlich, und offt im Angesicht des gehofften Zwecks, in eine Grube, die ihm, Gott weis wer, gegraben hat, und wird für nichts gerechnet.

Für nichts gerechnet! Ich! Da ich mir alles binn, da ich alles nur durch mich kenne! So ruft ieder, der sich fühlt, und macht grosse Schritte durch dieses Leben, eine Bereitung für den unendlichen Weeg drüben. Freylich ieder nach seinem Maas. Macht der eine mit dem stärcksten Wandertrab sich auf, so hat der andre siebenmeilen Stiefel an, überschreitet ihn, und zwey Schritte des letzten bezeichnen die Tagreise des ersten. Dem sey wie ihm wolle, dieser embsige Wandrer bleibt unser Freund und unser Geselle, wenn wir die gigantischen Schritte ienes, anstaunen und ehren, seinen Fustapfen folgen, seine Schritte mit den unsrigen abmessen.

Auf die Reise, meine Herren! die Betrachtung so eines einzigen Tapfs, macht unsre Seele feuriger und grösser, als das Angaffen eines tausendfüsigen königlichen Einzugs.

Wir ehren heute das Andencken des grössten Wandrers und thun uns dadurch selbst eine Ehre an. Von Verdiensten die wir zu schätzen wissen, haben wir den Keim in uns.

Erwarten Sie nicht, das ich viel und ordentlich schreibe, Ruhe der Seele ist kein Festtagskleid; und noch zur Zeit habe ich wenig über Shakespearen gedacht; geahndet, empfunden wenns hoch kam, ist das höchste wohin ich’s habe bringen können. Die erste Seite die ich in ihm las, machte mich auf Zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein blindgebohrner, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenckt. Ich erkannte, ich fühlte auf’s lebhaffteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert, alles war mir neu unbekannt, und das ungewohnte Licht machte mir Augenschmerzen. Nach und nach lernt ich sehen, und, danck sey meinem erkenntlichen Genius, ich fühle noch immer lebhafft was ich gewonnen habe.

Ich zweifelte keinen Augenblick dem regelmäsigen Theater zu entsagen. Es schien mir die Einheit des Orts so kerckermäsig ängstlich, die Einheiten der Handlung und der Zeit lästige Fesseln unsrer Einbildungskrafft. Ich sprang in die freye Lufft, und fühlte erst dass ich Hände und Füsse hatte. Und ietzo da ich sahe, wieviel Unrecht mir die Herrn der Regeln in ihrem Loch angethan haben, wie viel freye Seelen noch drinne sich krümmen, so wäre mir mein Herz geborsten, wenn ich ihnen nicht Fehde angekündigt hätte, und nicht täglich suchte ihre Türne zusammen zu schlagen.

Das griechische Theater, das die Franzosen zum Muster nahmen, war, nach innrer und äuserer Beschaffenheit, so, dass eher ein Marquis den Alcibiades nachahmen könnte, als es Corneillen dem Sophokles zu folgen möglich wär.

Erst Intermezzo des Gottesdiensts, dann feyerlich politisch, zeigte das Trauerspiel einzelne grose Handlungen der Väter, dem Volck, mit der reinen Einfalt der Vollkommenheit, erregte ganze grose Empfindungen in den Seelen, denn es war selbst ganz, und gros.

Und in was für Seelen!

Griechischen! Ich kann mich nicht erklären was das heisst, aber ich fühls, und berufe mich der Kürze halber auf Homer und Sophokles und Theokrit, die habens mich fühlen gelehrt.

Nun sag ich geschwind hinten drein: Französgen, was willst du mit der griechischen Rüstung, sie ist dir zu gros und zu schweer.

Drum sind auch alle Französche Trauerspiele Parodien von sich selbst.

Wie das so regelmäsig zugeht, und dass sie einander ähnlich sind wie Schue, und auch langweilig mit unter, besonders in genere im vierten Ackt das wissen die Herren leider aus der Erfahrung und ich sage nichts davon.

Wer eigentlich zuerst drauf gekommen ist die Haupt und Staatsaktionen auf’s Theater zu bringen weiss ich nicht, es giebt Gelegenheit für den Liebhaber zu einer kritischen Abhandlung. Ob Shakespearen die Ehre der Erfindung gehört, zweifl’ ich: genung, er brachte diese Art auf den Grad, der noch immer der höchste geschienen hat, da so wenig Augen hinauf reichen, und also schweer zu hoffen ist, einer könne ihn übersehen, oder gar übersteigen.

Shakespeare, mein Freund, wenn du noch unter uns wärest ich könnte nirgend leben als mit dir, wie gern wollt ich die Nebenrolle eines Pylades spielen, wenn du Orest wärst, lieber als die geehrwürdigte Person eines Oberpriesters im Tempel zu Delphos.

Ich will abbrechen, meine Herren, und morgen weiter schreiben, denn ich binn in einem Ton, der Ihnen vielleicht nicht so erbaulich ist als er mir von Herzen geht.

Shakespears Theater ist ein schöner Raritäten Kasten, in dem die Geschichte der Welt vor unsern Augen an dem unsichtbaaren Faden der Zeit vorbeywallt. Seine Plane sind, nach dem gemeinen Styl zu reden, keine Plane, aber seine Stücke, drehen sich alle um den geheimen Punckt, |: den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat 😐 in dem das Eigenthümliche unsres Ich’s, die prätendirte Freyheit unsres Willens, mit dem nothwendigen Gang des Ganzen zusammenstösst. Unser verdorbner Geschmack aber, umnebelt dergestalt unsere Augen, dass wir fast eine neue Schöpfung nötig haben, uns aus dieser Finsternis zu entwickeln.

Alle Franzosen und angesteckte Deutsche, sogar Wieland haben sich bey dieser Gelegenheit, wie bey mehreren wenig Ehre gemacht. Voltaire der von ieher Profession machte, alle Maiestäten zu lästern, hat sich auch hier, als ein ächter Tersit bewiesen. Wäre ich Ulysses; er sollte seinen Rücken unter meinem Scepter verzerren.

Die meisten von diesen Herren, stosen auch besonders an seinen Carackteren an.

Und ich rufe Natur! Natur! nichts so Natur als Shakespeares Menschen.

Da hab ich sie alle überm Hals.

Lasst mir Lufft dass ich reden kann!

Er wetteiferte mit dem Prometheus, bildete ihm Zug vor Zug seine Menschen nach, nur in Colossalischer Grösse; darinn liegts dass wir unsre Brüder verkennen; und dann belebte er sie alle mit dem Hauchseines Geistes, er redet aus allen, und man erkennt ihre Verwandtschafft.

Und was will sich unser Jahrhundert unterstehen von Natur zu urteilen? Wo sollten wir sie her kennen, die wir von Jugend auf alles geschnürt und geziert an uns fühlen, und an andern sehen. Ich schäme mich offt vor Shakespearen, denn es kommt manchmal vor, dass ich beym ersten Blick dencke, das hätt ich anders gemacht! Hinten drein erkenn ich dass ich ein armer Sünder binn, dass aus Shakespearen die Natur weissagt, und dass meine Menschen Seifenblasen sind von Romanengrillen aufgetrieben.

Und nun zum Schluss, ob ich gleich noch nicht angefangen habe.

Das was edle Philosophen von der Welt gesagt haben, gilt auch von Shakespearen, das was wir bös nennen, ist nur die andre Seite vom Guten, die so nothwendig zu seiner Existenz, und in das Ganze gehört, als Zona torrida brennen, und Lapland einfrieren muss, dass es einen gemäsigten Himmelsstrich gebe. Er führt uns durch die ganze Welt, aber wir verzärtelte unerfahrne Menschen schreien bey ieder fremden Heuschrecke die uns begegnet: Herr, er will uns fressen.

Auf, meine Herren! trompeten Sie mir alle edle Seelen, aus dem Elysium, des sogenanndten guten Geschmacks, wo sie schlaftruncken, in langweiliger Dämmerung halb sind, halb nicht sind, Leidenschafften im Herzen und kein Marck in den Knochen haben, und weil sie nicht müde genug zu ruhen und doch zu faul sind um tähtig zu seyn, ihr Schatten Leben zwischen Myrten und Lorbeergebüschen verschlendern und vergähnen.

Todestage

Früher galt der 23. April 1616 als Todesdatum gleich zweier großer Dichter, William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Inzwischen haben die Spanier ihr Datum korrigiert. Am 23. April wurde der Dichter begraben – man nimmt offiziell an, daß er am Tag davor starb. Er war 68 Jahre alt, Todesursache Diabetes. Das Sterbehaus in Madrid heißt heute Casa de Cervantes, Cervanteshaus.

Als Cervantes begraben wurde, blieben Shakespeare noch 10 Tage. Denn in Spanien galt schon der Gregorianische Kalender. Am 23. April alten Stils schrieben die kalendarisch moderneren katholischen Länder den 3. Mai. Am 3. Mai wird der Tod Shakespeares also genau 400 Jahre zurückliegen. Die Verschiebung gibt also den Vorteil – in England genau wie in Pommern und den meisten evangelischen Ländern, nur Preußen hatte sich auf Druck Polens dem päpstlichen Kalender schon angeschlossen –, die Wiederkehr eines Ereignisses im 17. Jahrhundert gleich zweimal zu begehen, am Kalenderdatum und noch einmal nach heutigem Kalender.

Shakespeares Lebensdaten ergeben übrigens eine praktische Eselsbrücke zur zeitlichen Zuordnung englischer und deutscher Literaturgeschichte. Shakespeare wurde im Jahr (15)64 geboren und starb 1616. Andreas Gryphius umgekehrt: geboren 1616, gestorben (16)64.