Leseecke 16

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 15-21 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

15

BVt wherefore do not you a mightier waie
Make warre vppon this bloudie tirant time?
And fortifie your selfe in your decay
With meanes more blessed then my barren rime?
Now stand you on the top of happie houres,
And many maiden gardens yet vnset,
With vertuous wish would beare your liuing flowers,
Much liker then your painted counterfeit:
So should the lines of life that life repaire
Which this (Times pensel or my pupill pen)
Neither in inward worth nor outward faire
Can make you liue your selfe in eies of men,
   To giue away your selfe, keeps your selfe still,
   And you must liue drawne by your owne sweet skill,

Einige Anmerkungen zum Text:

BVt wherefore unvermittelter Anschluß an das vorige Argument

fortifie befestigen, wappnen (gegen den Ansturm der Zeit)

blessed (zweisilbig blessèd) gesegnet, bedeutet auch schwanger – my barren rime die Dichtung hat ihren Auftritt, gar nicht glanz- und prunkvoll. Der Dichter (in Vers 11 mit seinem Stift präsent) ist persönlich anwesend und macht auf die Kluft zwischen Literatur und Leben aufmerksam. Insofern ist es hier keine Bescheidenheitsgeste. Auch der potenteste Reim und die größte  Feder (meine) kann nicht leisten, was du selber mit gesegneteren Mitteln vermöchtest.

5 top Zenith

6 muß man erklären, was noch unbestellte jungfräuliche Gärten sind? Das Oxford English Dictionary (OED) zitiert diese Stelle für die Ausweitung der Bedeutung des Wortes unset von „nicht bepflanzt“ zu „unverheiratet“.

7 der Vergleich der Braut mit einem Garten ist ein Renaissancetopos, der aus dem Hohelied 4, 12 abgeleitet ist:

Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born. Deine Gewächse sind wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten

lines of life a) genealogische Linien b) Linien einer „nach dem Leben“ gezeichneten Porträtskizze c) Verse (die „unsterblich machen“, hier also trotz der barren rimes) d) dem Leben vom Schicksal gesetzte Grenzlinien

10 pensel (pencil) und pen sind traditionell die Repräsentanten von Bildender Kunst und Poesie. Pencil, aus dem Altfranzösischen übernommen, bedeutete ursprünglich Pinsel (vom lateinischen Diminutiv von penis abgeleitet, penicillum = kleiner Penis), erst später auch (Blei)stift. Pen dagegen stammt – ebenfalls über das Altfranzösische – vom Lateinischen penna = Feder ab. Pencil wäre für die Aufzeichnung des Äußeren zuständig, pen des Inneren (vgl. nächste Zeile: inward worth / outward faire

12 eies eyes in eies of men a) vor den Augen von Menschen b) nach der Meinung der Welt

13 giue away Oxford Shakespeare kommentiert: heiraten oder Samen beim Geschlechtsverkehr verlieren

14 must hier: kann, vermag drawne gezeichnet nimmt das Spiel mit pen / penis auf, das damals verbreitet war und auch sonst bei Shakespeare vorkommt. Der Kaufmann von Venedig:

Well doe you so: let not me take him then,
for if I doe, ile mar the young Clarks pen.

A.W. Schlegel übersetzt verdunkelnd:

Gut! tut das nur, doch laßt ihn nicht ertappen,
Ich möchte sonst des Schreibers Feder kappen.

Ich vergleiche mal Verse 7 und 14 in mehreren deutschen Fassungen:

7 With vertuous wish would beare your liuing flowers

ihr Wunsch wird dir lebend’ge Blumen bringen (Kannegießer)
Im Wunsch, lebend’ge Blüte dir zu tragen, (Max J. Wolff nach Schlegel/Tieck)
Will herzhaft dir lebendige Blüten tragen (Ludwig Fulda)
mit junger Blume Huld dir aufzuwarten (Karl Kraus)*

14 And you must liue drawne by your owne sweet skill,

Und wirst bestehn, gemalt von eigner Hand. (Max J. Wolff nach Schlegel/Tieck)
Leb fort, von eigner Liebeskunst gemalt (Ludwig Fulda)
das Bild, das bleibt, du mußt es selbst gestalten (Karl Kraus)
Leb durch dein eignes süsses meisterstück (Stefan George)

*) Kraus schießt wie meist den Vogel ab.

Deutsche Fassung von Stefan George:

Bildschirmfoto 2016-06-27 um 14.45.01

und Ludwig Fulda:

Bildschirmfoto 2016-06-27 um 14.44.15





	
	

	

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