Leseecke 19

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 15-21 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

19

DEuouring time blunt thou the Lyons pawes,
And make the earth deuoure her owne sweet brood,
Plucke the keene teeth from the fierce Tygers yawes,
And burne the long liu’d Phaenix in her blood,
Make glad and sorry seasons as thou fleet’st,
And do what ere thou wilt swift-footed time
To the wide world and all her fading sweets:
But I forbid thee one most hainous crime,
O carue not with thy howers my loues faire brow,
Nor draw noe lines there with thine antique pen,
Him in thy course vntainted doe allow,
For beauties patterne to succeding men.
    Yet doe thy worst ould Time dispight thy wrong,
    My loue shall in my verse euer liue young.

Einige Anmerkungen zum Text:

DEuouring devour verschlingen, fressen, wegraffen, verzehren, vernichten. Ovid Metamorphosen 15.234: tempus edax rerum, Zeit, die die Dinge verzehrt  blunt stumpf machen pawes paws, Tatzen

plucke (pflücke) ziehe heraus keene scharf yawes jaws Kiefer, Maul

4 Phaenix phoenix, mythischer Vogel, der über 500 Jahre lebt, dann verbrennt und aus der Asche aufersteht

fleet’st vorbeieilst 

hainous heinous, fürchterlich, abscheulich, gräßlich

14 euer liue in manchen Ausgaben aus Gründen des Metrums zu live ever verbessert

Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:

19
Zeit, Würgerin, bezwing des Löwen Mut,
Die eignen Kinder schling’ die Erd’ hinab.
Brich du des nie gezähmten Tigers Wut,
Und stürz den Phönix in das Flammengrab.
Bring wechselnd trüb’ und heitre Jahreszeiten.
Mach, Flüchtige, daß deinen Zorn empfinde
Die Welt, mit ihren eiteln Lieblichkeiten;
Nur hüte dich vor einer schweren Sünde:
Oh! rühr nicht an des Freundes zarte Wangen,
Drück auf die schöne Stirne nie dein Siegel.
Laß ungekränkt im Jugendreiz ihn prangen,
Dem künftigen Geschlecht ein Schönheitsspiegel.
    Doch tu dein Ärgstes, Zeit. Trotz deinen Mühen
    Soll des Geliebten Lenz im Verse blühen.

 

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