Leseecke 20

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 15-21 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

20

A Womans face with natures owne hand painted, 
Haste thou the Master Mistris of my passion,
A womans gentle hart but not acquainted
With shifting change as is false womens fashion,
An eye more bright then theirs, lesse false in rowling:
Gilding the obiect where-vpon it gazeth,
A man in hew all Hews in his controwling,
Which steales mens eyes and womens soules amaseth.
And for a woman wert thou first created,
Till nature as she wrought thee fell a dotinge,
And by addition me of thee defeated,
By adding one thing to my purpose nothing.
   But since she prickt thee out for womens pleasure,
   Mine be thy loue and thy loues vse their treasure.

Einige Anmerkungen zum Text:

1 painted a) gemalt b) geschminkt

Master Mistris Malone 1780 verbessert master-mistress

acquainted: „Quaint“ war damals ein Slangausdruck für das weibliche Geschlechtsorgan: „thou hast a womans heart but not a quaint“. Das Wortspiel erscheint nicht so fernliegend, da das Sonett ab V. 11 auf die Pointe des „hinzugefügten“ Teils hinausläuft. Nicht einmal George konnte das mitübersetzen. – Wer keine Fußnoten liest, liefert sich den Entscheidungen irgendwelcher Vordenker aus.

4 shifting change: weiblicher Wankelmut ist ein Gemeinplatz der Zeit.

5 Dein Auge ist heller als ihrs und weniger bereit, nach anderen „zu rollen“.

6 Gilding, vergolden ist bei Shakespeare selten eindeutig positiv

7 man in kleiner Blick in die Welt der Konjekturen und Emendationen: Beeching 1904 verbessert: maiden. Mackail verbessert: native. Kommentar in einer modernen Ausgabe (Signet Classic Shakespeare Serie 2001):

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7 hue … controwling: hue bedeutete ursprünglich Form, Gestalt, dann Gesichtsfarbe, dann Farbe generell. a) ein Mann, dessen Schönheit alle anderen bezaubert b) ein Mann in Form, der fähig ist, jede Farbe anzunehmen, auch die einer Frau c)  daß er alle Gesichtsfarben (erröten, erbleichen) annehmen kann.

8 Which entweder maskulin, also a man who oder Neutrum: a hue which

10 fell a dotinge begann sich zu verlieben

11 addition zunächst auf das zusätzliche Teil, Penis, bezogen; kann vielleicht auch hinzugefügten sozialen Status mitbedeuten. (Burrow)

13 prickt thee out a) dich auswählte b) dich mit einem prick, Penis ausstattete

14 In der hier verwendeten Originalschreibweise steckt grammatische Mehrfachlesbarkeit a) thy loves (do) use their treasure b) thy love’s use (is) their treasure. Burrow kommentiert: „Strained? Maybe. But Shakespeare is in the Sonnets still the poet of Venus and Adonis, urging his readers to make it lewd, to stray towards the ‚bottom grass‘. Local mobilities of sense shift the reality from which the poems seem to spring. The only way to grasp the circumambient reality is to grasp hold of the totality of the poem’s possible senses.“ A.a.O. S. 130. Deshalb greift die Frage zu kurz, ob Shakespeare homosexuell war. Es geht um das Spiel der Möglichkeiten. In Sonett 136 wird es auf die Spitze getrieben, indem der Name des Dichters, „Will“, spielerisch eingeführt wird in der  Mehrfachbedeutung a) und b) der Geschlechtsorgane beider Geschlechter, c) des sexuellen Begehrens und d) der Person namens Will. In diesem Sonett (wird lange dauern, bis wir dahin kommen) kommt Will in Klein- und Großschreibung sowie im Plural insgesamt siebenmal vor, sechsmal allein im ersten Satz und am Schluß eingesammelt in der Phrase „for my name is Will“. Moderne „Normalisierung“ in Orthographie, Grammatik und Interpunktion beschneidet eben die Deutungsmöglichkeiten, auf die es den Sonetten ankommt. (Man sieht unschwer, daß die erst 1904 vorgenommene „Konjektur“ maiden hue für man in hue in Vers 7 dem bewußten oder vielleicht auch unbewußten Bestreben nach Verkürzung der nun als heikel empfundenen Ambiguität dient. Bloß nicht fragen, ob gleichgeschlechtliche Liebe mitgemeint sein könnte!). Philologie ist Politik!

„20 beschreibt seine weiblichen Züge (Master Mistris of my passion) und unterstreicht das durch weibliche Reime“ (Plessow). „Weibliche Reime treten oft in sexuell suggestiven Momenten auf, wie in Hero and Leander II. 555-8.“ (Burrow 2002)

Deutsche Fassung von Stefan George:

Ein frauenantlitz das Natur selbsthändig
Gemalt – hast du · Herr-Herrin meiner minne ·
Ein zartes frauenherz · doch das nicht ständig
Den wechsel sucht nach falscher frauen sinne.

Ein aug so hell wie ihrs doch nicht so hehlend ·
Jed ding vergoldend worauf es sich wendet ·
Ein mann in form · den formen all befehlend ·
Der mannes aug und weibes seele blendet.

Du warst als frau gedacht als erst dich schaffte
Natur · doch sie verliebte sich beim werke ·
lndem durch zutat sie dich mir entraffte
Tat sie ein ding bei – nicht für meine zwecke.
  
  Doch da sie dich erlas zu weibes labe ·
  Sei mein dein lieben · ihnen liebes-gabe-

Quellen

  • Q = Shake-speares Sonnets. Never before imprinted (1609) (Quelle der Originaltexte)
  • B = Benson, Poems: Written by Wil. Sh. (1640)
  • Burrow = W. Shakespeare: The Complete Sonnets and Poems. Ed. Colin Burrow (Oxford World’s Classics), Oxford University Press, 2002
  • B/H = Shakespeare, The Sonnets. Hrsg. Raimund Borgmeier, Michael Hanke. Stuttgart: Reclam, 2006
  • Borgmeier = Shakespeare: The Sonnets. Die Sonette. Engl. u. in ausgewählten deutschen Versübersetzungen. Hrsg. Raimund Borgmeier. Stuttgart: Reclam, 1974

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