War Shakespeare schwul (2)

Sollten die Leser also auf das wahre Vergnügen und die wahre und befreiende Verstörung verzichten, die darin liegen, anzunehmen daß Shakespeare schwul war? Ja und nein. Die Gedichte sind „für seine persönlichen Freunde“* gedruckte Gedichte. Wie wir gesehen haben, ermuntern sie ihre Leser, die Wahrnehmungsperspektiven zweier verschiedener Leserkreise einzunehmen: eines exclusiven Kreises Eingeweihter, die alle Anpielungen genau auflösen können (wie idealisiert und imaginär immer), und eine Leserschaft des gedruckten Buches, für die „William Shakespeare“ nur ein verführerischer Name auf einem Titelblatt ist.

Aus: William Shakespeare: The Complete Sonnets and Poems (The Oxford Shakespeare). Edited by Colin Burrow. Oxford: University Press, 2002 (Oxford World’s Classics)

*) Insofern der Erstausgabe von 1609 eine Widmung des Verlegers voransteht, mit der die Sonette „dem einziger Erzeuger … dieses Sonette, Master W. H.“ zugeschrieben werden, eine (unauflösbare) Anspielung, die den „eingeweihten“ Leser anspricht, welcher (skandalträchtige) private Umstände hinter diesen Gedichten kennt (zu kennen glaubt / sucht)

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