86. Lyrikstationen 2009 (2)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

2

Achterbahnfahrt –

Schwingen des Staunens

To find a form that accommodates the mess,
that is the task of the artist now‘
Samuel Beckett

(1)

bzw. seht nur diesen text! wie er einmal angestoßen wächst. und
wächst. hält augenblicklich folgendes bereit: zum geleit. alles be-
ginnt mit dem trimm. gezwitscher aus dem schwödebrei. prosa-
einschub die gerber. dann: die eigentliche prüfung. narbenplatzer.
art schadensbericht. der hat sich gehörig gebimst. subgattung lyri-
sches gespinst. zu guter letzt: ladung tragende aminogruppen wie
etwa: virulenter schleifbox-softy. vom liedhaften approxi süßer
sämischmann
wurde aus gründen des anstands abstand genommen.

Ulf Stolterfoht, fachsprachen XXXI
para-schwarte »schaut auf diese haut«

Gedichte sind keine Sonnenunter­gänge, denen Millionen Menschen Jahr für Jahr Tausende von Kilometern hinterherrasen, um sie an dreizehn aufeinanderfolgenden Tagen bei Ouzo oder Chianti zu bewundern. Was soll ein Vers, der keine Zumu­tung ist? Er ist eine Zumutung oder er ist ein Parfüm. Ein Steinschlag, oder Dünger fürs Feuilleton … Rück­sichtslosigkeit ist die Chance des Gedichts. Sie ist die Aufklärung der poeti­schen Sprache (Chris­toph Meckel). Die – der Musik gegen­über ja kaum so ausgeprägte – vers­tandorientierte bzw. dualistische Einstellung vie­ler Ly­rikleser weiterhin nicht kleinzu­krie­gen: Wie ist doch meine Seele zwischen Auge und Ohr ge­theilt, stöhnt der Tempelherr in Nathan der Weise, und eine ähnlich fatale Trennung – diesmal zwischen Intellekt und Emo­tion – sehe ich bei Lesern, die erwarten, daß ihnen Ge­dichte wie reife Geistes­früchte auf dem Silbertablett darge­reicht werden, Gedichte, die ihnen ins gedankliche Konzept passen, sie auf ange­nehme Weise pro­vozieren, Wohlbehagen be­reiten, Sonnenuntergangstraurigkeit evozieren und dabei vielleicht noch ei­nen sanften Impuls in sozialkritischer Hinsicht geben. Alles Un­ge­wohnte, Unkonventionelle, Unübliche das ener­gi­sche Auseinan­dersetzung fordert, wird schnell als zu schwer verdaulich emp­funden, und man wen­det sich mit einem kopfschüttelnden Kannitver­stan ab. Dabei ist die Sprache des Gedicht doch gerade da in ihrem eigentlichen Revier, wenn sie so unverwechselbar ausdrückt, was anders nicht formuliert werden kann, die Sprache des Gedichts ist das immerwährende Mor­gensternsche Lalula:

Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro – prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo …
Lalu lalu lalu lalu la!

Hontraruru miromente
zasku zes rü rü?
Entepente, leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lala la!

Simarar kos malzipempu
silzuzankunkrei (;)!
Marjomar dos: Quempu Lempu
Siri Suri Sei []!
Lalu lalu lalu lalu la!

Gedichte lesen ist eine metabolistische Ach­terbahnfahrt, ein Auf und Ab, ein Quer und Kreuz durch die Groß­hirn-, Stammhirn- und Neokortex-Windungen, ich werde absolut, voll und ganz, total in Anspruch genommen, die Phantasie wird beflügelt, das Blut ist in per­manenter Wallung, plötzlich runzle ich die Stirn, warum bin ich der­maßen wütend, und nichts als Fragen und Ratlosigkeit offenbaren sich: ganz wie im rich­tigen Leben. Gerade so wie mich zahllose Konfrontationen des Alltags in die vielfältigsten Stim­mungen versetzen, versetzt mich die Gedichtlektüre je nach dem in ein Schwingen des Staunens, der Begeisterung, der Zuneigung, des Sich-Fragens, der Verehrung, des Zorns, der Empörung, des Selber-noch-nicht-Wissens! (Peter Handke, Versuch über die Müdigkeit). Und während der berauschendsten Leseau­gen­blicke erfahre ich, was ebenfalls Peter Handke so überzeugend im Versuch über die Jukebox be­schreibt: Die Begegnung mit Lyrik wird mir zur „Levita­tion …, Auf­fahrt?, Entgren­zung?, Weltwerdung? Oder so: Das – die­ses Lied, dieser Klang – bin jetzt ich; mit diesen Stimmen, diesen Harmonien bin ich, wie noch nie im Leben, der geworden, der ich bin; wie dieser Ge­sang ist, so bin ich, ganz!

Keine Gewähr

Bei welchen Gedichtbüchern des Jahrgangs 2009 ist es mir annähernd so ergan­gen? Überwog Langeweile oder Kurzweil in diesem Jahr? Wer überrascht, wer sorgt für Überdruß? Welche Gedichte brauche ich, auf welche kann ich gut und gern ver­zichten? Zum Glück für die Autoren gehen die Bewertungen der Leser von Ge­dichten immer wieder weit auseinander, und ich werde hier nicht den einen Band gegen den anderen ausspielen.

Ich beschreibe – exemplarisch – Lektüreeindrücke, und in ihrer Ge­samtheit halte ich die hier zusammenge­trommelte Schar von Autoren mit ihren neuen Büchern für ein typisches erfolgrei­ches Ensemble, das nicht nur mit Stars und Größen besetzt sein darf, um gut zu sein. So ist, naturgemäß, das eine Gedichtbuch überwältigend, das andere überzeu­gend, je­nes ist ansprechend, dieses okay. Über das nächste hülle ich den Mantel des Schweigens, in einem weiteren finde ich ein originelles Gedicht. Mit dem einen Ge­dichtbuch bin ich wie der Blitz per du, bei dem anderen bleibt (zu­nächst?) eine, nicht immer leicht zu verstehende Distanz.

So stelle ich, beispielsweise, während der lustwustvollen Lektüre von Ulf Stolterfohts musikalischen Fachsprachen XXVIII–XXXVI fest, daß seine Lyrik und ich uns mit jedem Buch nä­herkommen: Diese neuen Gedichte, in denen tausend Stimmen aus dem Dies- und Jenseits anklingen, springen mich an, sind total mein Ding.

Ich fänd’s schad, wenn sich mir alle Lyrik immer einfach, leicht und ohne Hinder­nisse erschlösse: Der einfache Gang durch die Wiesen oder Straßen am ei­nen, die schweißtreibende Kraxelei auf den Berg am anderen Tag – beides steckt voller Reize und ist in seinen spezifischen Eigenarten schwer bloß miteinander ver­gleich­bar. Und eins ist eh klar: einmal oben angekommen, hast Du die herrlichste Aussicht, und alles, was vorher verzwickt war, kommt dir in diesem Moment ganz luftig, äthe­risch, sylphenhaft vor.

So schlage ich das nächste Buch auf, und die Augen beginnen schon wieder zu fahnden: Wo sind die funkensprühenden, lichtgebornen Wörter, die klingen und rie­chen und Bild sind zugleich? Gewiß, Gedichte bestehen zumeist aus verschiedenar­tigen ernst­zunehmenden, zueinander in Beziehung stehenden, polyvalenten allegori­schen, forma­len, graphischen, inhaltlichen, motivischen, psy­chi­schen, rhetorischen, sprachlichen, stofflichen, symbolischen Grundelementen: Das Gedicht ist immer zugleich sichtba­res Gewebe, hör­bares Gebilde und Aussage über die Welt. Norbert Hummelt wäh­rend der lust­vollen Lektüre von Wie Gedichte ent­stehen voll und ganz zustimmend, halte ich es beim Gedicht gern mit George Or­wells Roman Animal Farm, in dem heißt: All ele­ments are equal but some elements are more equal than others. Primär die Wörter suche ich, wie Wildschweine (deren Zahl in den Wäldern rings umher be­drohlich an­schwillt) die Trüffel suchen.

Die Seele geht spazieren, natürlich in den Wörtern, lese ich bei Rolf Dieter Brink­mann, dessen mehrere Seiten langes, alles verneinendes Ein Gedicht eines durch­gehend bejaht (obwohl der Autor auch ihnen maßlos mißtraut): die Wörter. Ce n’est pas avec des idées, que l’on fait des vers. C’est avec des mots. (Stéphane Mallarmé)

Ein Wort

Ein Wort, ein Satz —: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort —, ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich —,
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

Gottfried Benn

Direkte Vergleiche bringen mich nicht weiter. Wer 1919 (Hans Bender), 1929 (Hans Magnus Enzensberger) oder 1945 (Axel Kutsch) geboren wurde, bringt in aller Regel andere Voraussetzungen für das Verfassen von Lyrik mit ins Spiel als jemand, der 1974 (Adrian Kasnitz), 1980 (Sandra Trojan) oder 1982 (Katrin Marie Merten, Gerrit Wustmann) das Licht der Welt erblickte. (Was wohl würde die 1924 geborene Friede­rike Mayrö­cker zu dieser Anmerkung sagen?) Zu ungleich sind die Bücher auf dem Weg vom 31seitigen So­net­tenkranz bis zu den gesammelten Gedichten auf 1155 Seiten. Vier­zeiler, Sonett, freimetrischer Flattervers, Gedichte, die den Aufenthalt in der Zucht­hauszelle in Verse bannen, und solche, die uns in ferne Länder entführen, Trottoirly­rik, Steingar­tenpoesie, Bestands-, Blitzlicht- oder Momentaufnahme, absurd, grotesk, paradox, skurril sprudelnde Phantasmagorie, liebevoller Abgesang, einge­frorenes Standbild, Wa­denbeißergedicht, Ge­dichtge­dicht.

du lieber himmel, ein gedicht!

du lieber himmel!
ein herrenloses gedicht
streunt über die seite
vielleicht beisst es!
ein wadenbeissergedicht!
nehmen sie sich in acht
gedichte haben scharfe zähne
dringen tief ein ins fleisch
sehen harmlos aus
wenn sie so über die seiten weiden
so friedlich
beinahe könnte man sie lieben
und dann
schnappen sie zu

Jolanda Fäh

Wie etwa soll ich Uwe Tellkamps furioses phantastisches Langgedicht Reise zur blauen Stadt, Matthias Kehles lakonische, ver­haltene, aus wenigen Wörtern bloß gemachte Gedichte in Fundus und die sati­rischen Gedichte in Hans Magnus En­zensbergers Rebus unter ei­nen Hut bringen? Wieso sollte ich das auch wollen: So wie jedes Gedicht zunächst für sich steht, so auch jeder Gedichtband. Zu ver­schie­denartig sind die Schreiban­sätze – von akzen­tuiert oder aus­schweifend bis be­rauscht, char­mant, drangvoll dicht, eckig, forciert, frech oder fröhlich, grob­schläch­tig, hin­ge­haucht, irra­tional, japa­nisch, knisternd, ka­tachre­sisch, kurz und knapp, lang, lako­nisch oder le­ben­dig, mä­andernd, metalyrisch, mokant, nach­denklich, ob­skur, poin­tiert, queck­silbrig, reimend, sinnlich, schnoddrig, spröde, sperrig, transtex­tuell, trotzig, universal, ver­wegen, waghalsig, xenisch, ybermütig bis zickig — »usw.«. Der eine knausert derart mit Wör­tern, daß die Blät­ter dem Schneefeld mit Krähen glei­chen, während sich bei der anderen die im Wir­belwind tosende Wörterflut tempera­mentvoll in die Seiten er­gießt.

Wo nehme ich nur die Zeit her,
so viel nicht zu lesen?
Karl Kraus

Es gibt nur den einen direkten Weg, herauszufinden, wie ein Gedichtbuch beschaffen ist: Ich muß es lesen. (Oh my – not again.) Nicht querlesen, nicht darüber lesen, sondern direkt lesen. Täte ich das nicht und hätte immer wieder auf Kommentare gar nicht so weniger anderer Menschen gehört, die mit Brinkmann nichts anfangen kön­nen, die Kling geringschätzen, die von Fritz und Hölderlin kaum etwas und von Os­wald von Wolkenstein nichts gelesen haben, wo stünde ich heute? Daran mag ich nicht denken und komme nicht umhin, das (überschaubare) Risiko in Kauf zu neh­men, die eine oder andere Lektüre im nachhinein als Raub von Lebenszeit zu be­trachten. Dafür übernehme ich keine Gewähr, außer daß ich sage: Für jeden der hier aufgeführten Titel gibt es Le­ser, die gerade auf dieses Buch ge­wartet haben.

Diese gleichsam für jede Woche des Jahres 2009 ausgewählten 52 Einzeltitel leben­der Schreibgenossen von Klaus Anders bis Gerald Zschorsch habe ich inte­res­siert, (sehr) gern bzw. mit (großer) Begeis­te­rung und Gewinn gelesen, mich bei einigen prächtig amüsiert. Einzelne haben mich überwältigt, manche warten mit fei­nen Überra­schungen auf, und jedes dieser Bücher hat nun als mehr oder we­niger starkes, mehr oder minder strah­len­des Stück/chen im Mosaik meiner Bü­cher­samm­lung seinen Platz gefunden:

  • Klaus Anders, Silbermanns Rosen
  • Jürgen Becker, Im Radio das Meer
  • Hans Bender, Wie es kommen wird
  • Jörg Bernig, wüten gegen die stunden
  • Gerwalt Brandl, Ausgewählte Gedichte
  • Theo Breuer, Wortlos
  • Erika Burkart, Geheimbrief
  • Gerhard Butke, Dörnbusch bin ik.
  • Heinrich Detering, Wrist
  • Richard Dove, Syrische Skyline
  • Carl-Christian Elze, gänge
  • Hans Magnus Enzensberger, Rebus
  • Peter Engstler, Strophen eins
  • Peter Ettl, Samtkrallen Wurzelflügler
  • Jolanda Fäh, Wadenbeissergedichte
  • Bernd HARLEM Fischle, Die Helden des Rückzugs
  • Kersten Flenter, Glückselige Waisen der Verwirrung
  • Marianne Glaßer, Landschaft mit Mond und Segel
  • Egon Günther, hegt traum kerne
  • Florian Günther, Mir kann keiner
  • Michael Hillen, Ablegende Schiffe
  • Friedrich Hirschl, Nachthaus
  • Adrian Kasnitz, Den Tag zu langen Drähten
  • Matthias Kehle, Fundus
  • Ulrich Koch, Lang ist ein kurzes Wort
  • Helmut Krausser, Auf weißen Wüsten
  • Björn Kuhligk, Von der Oberfläche der Erde
  • Swantje Lichtenstein, Landen
  • Eberhard Loosch, Weltenchaosspielgesang
  • Werner Lutz, Kussnester
  • Friederike Mayröcker, dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif
  • Dieter P. Meier-Lenz, Im Wortgestrüpp
  • Katrin Marie Merten, Salinenland
  • Frank Milautzcki, Hemden denken
  • Georg Milzner, Ophelias
  • Heinrich Ost, In Trümmern Spiegelglas
  • Kevin Perryman, Der nicht verjährte Traum
  • Thomas Rackwitz, in halle schläft der hund beim pinkeln ein
  • Ewart Reder, Verfasste Landschaft
  • Nikola Richter, die do-re-mi-maschine
  • Walle Sayer, Kerngehäuse
  • Dieter Schlesak, Ich liebe, also bin ich
  • Tom Schulz, Kanon vor dem Verschwinden
  • Ludwig Steinherr, Kometenjagd
  • Ulf Stolterfoht, fachsprachen XXVIII–XXXVI
  • Rainer Strobelt, schöner ganzer frieden
  • Uwe Tellkamp, Reise zur blauen Stadt
  • Thien Tran, fieldings
  • Sandra Trojan, Um uns arm zu machen
  • Jürgen Völkert-Marten, Als das Verwünschen noch geholfen hat
  • Gerrit Wustmann, Morgenende
  • Gerald Zschorsch, Zur elften Stunde

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