Kategorie: Litauen

41. Tomas Venclova 75

Es muss für ihn ein besonderer Schock gewesen sein. Tomas Venclova, Amerikaner nicht ganz aus eigener Wahl – die Sowjetunion hatte ihn ausgebürgert -, dieser Wanderer aus der Alten Welt feierte an jenem 11. September wie jedes Jahr Geburtstag. (…)

Einige Zeit später, zu Silvester, saß der Dichter, wie er erzählt, bei Freunden in New York im Restaurant “Russian Samovar”. Seine Gedanken wanderten zurück zum Zweiten Weltkrieg – auch er ein Septemberkind. Audens Gedicht “1. September 1939″ kam ihm in den Sinn. Auch Auden hatte damals hier gesessen, in der Fifty-second Street. Venclova griff zur Feder und schrieb das Gedicht “Anno Domini 2002″. Eine fatalistische, wohl auch kulturkritische Reflexion über den Beginn einer neuen Zeitrechnung, über die Freiheitsstatue, “die Dame aus einer längst verlorenen Partie”, über die Rückkehr der Menschheit in einen Zustand des Krieges, der ja “ursprünglicher” sei als der Friede. Auch über den jungen Mann, der irgendwo in Armut in seinem Zelt schläft und von einem großen Fliegerangriff träumt. “Wir haben ihn dazu gemacht”, heißt es weiter, “jetzt beginnen wir dafür zu zahlen”. Wir, unsere Zivilisation des Hochmuts. / Gerhard Gnauck, Die Welt

66. Unzeitgemäßest

[Tomas Venclovas] Lyrik ist widerständig, kritisch, aber dabei immer zutiefst poetisch, streng in der Form, das Gestern und Heute verbindend. Gedichte, von denen der Lyriker Durs Grünbein sagt: “Sie gehören zum Unzeitgemäßesten, was die zeitgenössische europäische Poesie zu bieten hat.” Eine Entdeckung. / Stefan Brams, Neue Westfälische

62. Archaische Avantgarde in Altenbeken

Ein passender Ort, um einer “archaischen Avantgarde” zu begegnen. Einer Avantgarde, die sich tief aus der Vergangenheit der Menschheit und intensivem Naturerleben speist. Festivalleiterin Brigitte Labs-Ehlert hat den großen litauischen Lyriker Tomas Venclova, dessen Lyrik den Dialog mit der Antike und der Klassik sucht, an diesen Ort gebeten. Und den Schauspieler Matthias Habich, der Czeslaw Milosz’ magisch-realistischen Roman “Das Tal der Issa” neu lesen soll. / Stefan Brams, Neue Westfälische

46. Politischer Akt

Noch ein Auszug aus Cornelius Wüllenkempers Festivalbilanz (Grass hat mit zwei schnell hingeschriebenen politischen Gedichten tatsächlich geschafft, was ihm zuletzt mit Gedichten nicht mehr gelang, er ist überall dabei):

Selbst bei der eigentlich spielerisch-unterhaltend programmierten Poet’s Corner, bei der Autoren an öffentlichen Orten in Berlin ihre Werke vortrugen, dichtet der deutsche Lyriker Hendrick Jackson in “Das Ende des falschen Propheten” über den Tod von Osama Bin Ladin:

“Jemand liebt den Tod mehr als die Freiheit
Ein anderer liebt die Freiheit mehr als den Tod
Ein Dritter liebt Freiheit und Tod,
kann sich aber unter beidem nichts vorstellen …”

Beim Poesiefestival war in diesem Jahr vor allem eine junge Generation von Dichtern zu erleben, die, wie es die Britin Jen Hadfield ausdrückte, Lyrik weniger als programmfreie Sprachästhetik versteht, denn als politischen Akt, als die freieste und individuellste Ausdrucksform der persönlichen Weltwahrnehmung. So erklärten sich auch die Organisatoren der Literaturwerkstatt die durchweg große Resonanz beim Publikum damit, dass Lyrik – wie zuletzt bei Günter Grass – heute vor allem dann für Aufsehen sorgt, wenn es um die unmittelbare sprachliche Übersetzung der Weltgegenwart geht. / Cornelius Wüllenkemper, DLF

41. Neues Interesse an Politik?

Abseits des poetisch-musikalischen Programms des diesjährigen Berliner Festivals standen Themen im Vordergrund, die in Dichterkreisen, wenn überhaupt, bisher gern als zweitrangig betrachtet wurden und mit denen der deutsche Moralpoet Günter Grass erst unlängst für Entrüstung und für Spott gesorgt hatte: unverhüllte politische, gesellschaftliche oder religiöse Gegenwartsfragen. Das Festival-Projekt renshi.eu griff die griechische Krise der EU, die Frage nach Politik, Markt und Solidarität auf. Dichter aus den 27 EU-Mitgliedsstaaten und dem assoziierten Kroatien hatten in Form des Renshi, eines japanischen Kettengedichts, Bilder von Europa versprachlicht.

Die 1980 in Litauen geborene Lyrikerin Gabrielė Labanauskaitė verglich in ihrem Renshi-Beitrag die europäischen Regierungschefs mit Vätern, die Wirtschaft mit Müttern, die Börsenkurse mit Schwestern, das Kapital mit Brüdern und die Presse mit Cousins. Am Ende kam Labanauskaitė zum ernüchternden Schluss, dass sie selbst schon lange Waise sei. / Cornelius Wüllenkemper, DLF

49. Irrealis und zurück

Mal begegnen wir ihm als Ritter im ‘sprachturnier’, mal als ‘hirten mit flöte’ oder gar als dichtendem Huhn, dessen ‘gefiedertes herz’ flimmert. Fast immer ist dieser ernüchterte Dichter unterwegs, ohne dass man ihn doch als Reisepoeten bezeichnen könnte, der nur touristische Impressionen sammeln würde. Vielmehr huscht Ališankaüber die Kontinente wie jener Geist, den er einmal besingt. Claudia Sinnig zeigt in ihren Übersetzungen großes Gespür für die ‘separatistische stimmung’ in Ališankas Kopf. Mit schnellen Zeilensprüngen legt er seine freien Rhythmen über die Seiten. Manchmal benutzt er die Verse ein wenig zu deutlich, um das Tagesgeschehen zu kommentieren. Meist aber hüpft er leichthin ‘aus dem präsens in den irrealis’ und zurück. / NICO BLEUTGE, Süddeutsche Zeitung

EUGENIJUS ALIŠANKA: exemplum. Gedichte. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 112 Seiten, 14,90 Euro.

134. Für die “Reinheit der Poetik”

“Ein Gedicht, in dem Rhythmus, Syntax und Struktur klar sind, hat sein eigenes moralisches Verantwortungsbewusstsein”, so Poet Tomas Venclova aus Litauen auf der Abschlusszeremonie des Qinghai Lake Poetry Festival am Donnerstag. Venclova wurde mit dem Golden Tibetan Antelope Award ausgezeichnet, dem höchsten Preis des Festivals.

Tu An, ein 88-jähriger chinesischer Poet und Vize-Präsident des Chinesischen Instituts für Poetik, sagte, die Leute machten einen Fehler, wenn sie versuchen, die poetischen Traditionen zu verändern. Zeitgenössische chinesische und ausländische Poetik sei voll von “vulgären Gedichten, die Verfall, Gewalt und Wolllust beinhalten”.

Doch das Qinghai Lake Poetry Festival wurde für die Auszeichnungen gelobt, die an solche Poeten verliehen wurden, die nicht eine solche Sprache verwenden. “Die Tatsache, dass der höchste Preis des Festivals an einen europäischen Poeten ging, zeigt, dass China offen für den Kulturaustausch ist”, so Petr Borkovec, ein junger tschechischer Poet. Venclova, der bekannt ist als einer der größten lebenden europäischen Poeten, erklärte, Poetik sei die Essenz der menschlichen Sprache. “Sie kann weltlich sein, aber nicht vulgär”, meint er. …

Viele chinesische und ausländische Poeten appellierten auf dem Festival an ihre Kollegen und Leser, die “Reinheit der Poetik” aufrechtzuerhalten.

98. Mehr Nachworte

In der Wiener Zeitung bespricht Andreas Wirthensohn übersetzte Bücher von John Burnside, Simon Armitage und Eugenijus Ališanka und findet:

Kein Zweifel: Die Lyrik dieser drei Dichter kann durchaus für sich bestehen, aber deutlich mehr Lesefreude hat man, wenn einem zumindest die ein oder andere helfende Krücke gereicht wird. Darum die klare Forderung: Bitte mehr Nachworte!

53. exemplum

Nicht Respekt, sondern Zweifel ist das Instrumentarium dessen, der sich seiner Identität immer neu vergewissern muss. Ein beständiges Ich gibt es bei Ališanka nicht, nur eines, das Rollen erprobt, um sie wieder zu verwerfen. Weder Theoreme noch Definitionen kommen ihm bei. Symptomatisch heisst es in «curriculum vitae»: «hungrig geboren / absolvent des klassenspiels / diplomierter melancholiker / das ganze leben tagelöhner / am längsten ausgeübte tätigkeit – taschendieb / kurzzeitig messdiener für den einen / und sargmacher für den anderen gott / zur zeit saisonschriftsteller / lebe allein mit frau und sohn / habe mehr bücher publiziert als geschrieben / zehn erklärungen verfasst / appelle und bewerbungen / ein paar stellungnahmen / für die verkehrspolizei dieses jahr ausgezeichnet / mit einem preis des kultusministeriums / laureat im schienen-marathon / ich bitte um arbeit entsprechend meiner qualifikation / irgendwo am boden / selbst für den lohn / eines hirten mit flöte». / Ilma Rakusa, NZZ

Eugenijus Ališanka: exemplum. Gedichte. Aus dem Litauischen und mit einer Nachbemerkung von Claudia Sinnig. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2011. 111 S., Fr. 23.90. Eugenijus Ališanka / Aleš Debeljak: Baltische Adria. Zwei Essays. Aus dem Litauischen von Cornelius Hell. Aus dem Slowenischen von Ludwig Hartinger. Edition Thanhäuser, A-Ottensheim 2010. 101 S., € 20.–.

 

88. Land der Lyrik

Litauen ist ein Land der Lyrik. Das liegt zuerst einmal daran, dass die archaischste heute noch gesprochene indoeuropäische Sprache über einen Formen- und Klangreichtum verfügt, der seinesgleichen sucht. Zum anderen hat die sowjetische Zensur bis zur Wiederherstellung des unabhängigen Staates vor zwei Jahrzehnten dafür gesorgt, dass Gedichte interessanter waren als Romane und natürlich aufregender als die gleichgeschaltete Presse, weil man in eine Verszeile Andeutungen einschmuggeln konnte, die im Klartext nie durchgegangen wären.

In der Demokratie hat die Prosa die Lyrik überflügelt – an Auflagenzahlen wie an erreichter Aufmerksamkeit. Doch Poesiefestivals sind noch immer ein fester Bestandteil des Kulturlebens, und Gedichtbände haben (bei 3,5 Millionen Einwohnern!) dieselben Auflagen wie im deutschen Sprachraum. In Litauen gibt es sie noch, die “reinen” Lyrikerinnen und Lyriker – und nicht als Auslaufmodelle. / Cornelius Hell, DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.

Besprochen wird der neue Band

Eugenijus Alisanka, “exemplum”. Gedichte. Aus dem Litauischen und mit einer Nachbemerkung von Claudia Sinnig. 112 Seiten, Suhrkamp Verlag, Berlin 2011