Lyrikzeitung & Poetry News

12. September 2011

49. Irrealis und zurück

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Mal begegnen wir ihm als Ritter im ‘sprachturnier’, mal als ‘hirten mit flöte’ oder gar als dichtendem Huhn, dessen ‘gefiedertes herz’ flimmert. Fast immer ist dieser ernüchterte Dichter unterwegs, ohne dass man ihn doch als Reisepoeten bezeichnen könnte, der nur touristische Impressionen sammeln würde. Vielmehr huscht Ališankaüber die Kontinente wie jener Geist, den er einmal besingt. Claudia Sinnig zeigt in ihren Übersetzungen großes Gespür für die ‘separatistische stimmung’ in Ališankas Kopf. Mit schnellen Zeilensprüngen legt er seine freien Rhythmen über die Seiten. Manchmal benutzt er die Verse ein wenig zu deutlich, um das Tagesgeschehen zu kommentieren. Meist aber hüpft er leichthin ‘aus dem präsens in den irrealis’ und zurück. / NICO BLEUTGE, Süddeutsche Zeitung

EUGENIJUS ALIŠANKA: exemplum. Gedichte. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 112 Seiten, 14,90 Euro.

30. August 2011

134. Für die “Reinheit der Poetik”

Einsortiert unter: China, Litauen, Tschechien — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 02:19

“Ein Gedicht, in dem Rhythmus, Syntax und Struktur klar sind, hat sein eigenes moralisches Verantwortungsbewusstsein”, so Poet Tomas Venclova aus Litauen auf der Abschlusszeremonie des Qinghai Lake Poetry Festival am Donnerstag. Venclova wurde mit dem Golden Tibetan Antelope Award ausgezeichnet, dem höchsten Preis des Festivals.

Tu An, ein 88-jähriger chinesischer Poet und Vize-Präsident des Chinesischen Instituts für Poetik, sagte, die Leute machten einen Fehler, wenn sie versuchen, die poetischen Traditionen zu verändern. Zeitgenössische chinesische und ausländische Poetik sei voll von “vulgären Gedichten, die Verfall, Gewalt und Wolllust beinhalten”.

Doch das Qinghai Lake Poetry Festival wurde für die Auszeichnungen gelobt, die an solche Poeten verliehen wurden, die nicht eine solche Sprache verwenden. “Die Tatsache, dass der höchste Preis des Festivals an einen europäischen Poeten ging, zeigt, dass China offen für den Kulturaustausch ist”, so Petr Borkovec, ein junger tschechischer Poet. Venclova, der bekannt ist als einer der größten lebenden europäischen Poeten, erklärte, Poetik sei die Essenz der menschlichen Sprache. “Sie kann weltlich sein, aber nicht vulgär”, meint er. …

Viele chinesische und ausländische Poeten appellierten auf dem Festival an ihre Kollegen und Leser, die “Reinheit der Poetik” aufrechtzuerhalten.

22. August 2011

98. Mehr Nachworte

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In der Wiener Zeitung bespricht Andreas Wirthensohn übersetzte Bücher von John Burnside, Simon Armitage und Eugenijus Ališanka und findet:

Kein Zweifel: Die Lyrik dieser drei Dichter kann durchaus für sich bestehen, aber deutlich mehr Lesefreude hat man, wenn einem zumindest die ein oder andere helfende Krücke gereicht wird. Darum die klare Forderung: Bitte mehr Nachworte!

11. August 2011

53. exemplum

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Nicht Respekt, sondern Zweifel ist das Instrumentarium dessen, der sich seiner Identität immer neu vergewissern muss. Ein beständiges Ich gibt es bei Ališanka nicht, nur eines, das Rollen erprobt, um sie wieder zu verwerfen. Weder Theoreme noch Definitionen kommen ihm bei. Symptomatisch heisst es in «curriculum vitae»: «hungrig geboren / absolvent des klassenspiels / diplomierter melancholiker / das ganze leben tagelöhner / am längsten ausgeübte tätigkeit – taschendieb / kurzzeitig messdiener für den einen / und sargmacher für den anderen gott / zur zeit saisonschriftsteller / lebe allein mit frau und sohn / habe mehr bücher publiziert als geschrieben / zehn erklärungen verfasst / appelle und bewerbungen / ein paar stellungnahmen / für die verkehrspolizei dieses jahr ausgezeichnet / mit einem preis des kultusministeriums / laureat im schienen-marathon / ich bitte um arbeit entsprechend meiner qualifikation / irgendwo am boden / selbst für den lohn / eines hirten mit flöte». / Ilma Rakusa, NZZ

Eugenijus Ališanka: exemplum. Gedichte. Aus dem Litauischen und mit einer Nachbemerkung von Claudia Sinnig. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2011. 111 S., Fr. 23.90. Eugenijus Ališanka / Aleš Debeljak: Baltische Adria. Zwei Essays. Aus dem Litauischen von Cornelius Hell. Aus dem Slowenischen von Ludwig Hartinger. Edition Thanhäuser, A-Ottensheim 2010. 101 S., € 20.–.

 

23. Juli 2011

88. Land der Lyrik

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Litauen ist ein Land der Lyrik. Das liegt zuerst einmal daran, dass die archaischste heute noch gesprochene indoeuropäische Sprache über einen Formen- und Klangreichtum verfügt, der seinesgleichen sucht. Zum anderen hat die sowjetische Zensur bis zur Wiederherstellung des unabhängigen Staates vor zwei Jahrzehnten dafür gesorgt, dass Gedichte interessanter waren als Romane und natürlich aufregender als die gleichgeschaltete Presse, weil man in eine Verszeile Andeutungen einschmuggeln konnte, die im Klartext nie durchgegangen wären.

In der Demokratie hat die Prosa die Lyrik überflügelt – an Auflagenzahlen wie an erreichter Aufmerksamkeit. Doch Poesiefestivals sind noch immer ein fester Bestandteil des Kulturlebens, und Gedichtbände haben (bei 3,5 Millionen Einwohnern!) dieselben Auflagen wie im deutschen Sprachraum. In Litauen gibt es sie noch, die “reinen” Lyrikerinnen und Lyriker – und nicht als Auslaufmodelle. / Cornelius Hell, DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.

Besprochen wird der neue Band

Eugenijus Alisanka, “exemplum”. Gedichte. Aus dem Litauischen und mit einer Nachbemerkung von Claudia Sinnig. 112 Seiten, Suhrkamp Verlag, Berlin 2011

23. August 2010

115. Fotos und Gedichte aus Litauen in Münster

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Die eindringlichen Schwarz-Weiß-Fotografien aus Litauen sind zugleich Dokumente auch der jüngsten Zeitgeschichte des baltischen Staates. Am Mittwoch, 25. August, bietet das Stadtmuseum um 16 Uhr einen besonderen Rundgang durch diese Foto-Ausstellung an. Die Aufnahmen werden kontrastiert durch Gedichte litauischer Autoren wie Antanas Venclova, Sigitas Geda oder Ricardas Gavelis. Bilder und Worte geben einen intensiven Eindruck davon, was Menschen in der osteuropäischen Republik in den vergangenen 60 Jahren bewegt hat. / presse.service.de

22. Juni 2010

114. Venclova Brodsky Miłosz

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Der Litauer Venclova war eine Schlüsselfigur des literarischen Untergrundes der sowjetischen Repressionsjahre. Im Vortrag versucht er, dem Erwachen seiner Dichtergeneration nach dem niedergewalzten Ungarnaufstand 1956 durch präzise Gedichtanalysen beizukommen.

Seine spontanen Einschübe aber führen vor Augen, dass Venclovas Zeitrechnung seither nicht weitergerückt ist. Venclova spricht wie umringt von den Dichterschulen, Freunden und Lesungsabenden von damals. Selbst die Formel, mit der er seine Erinnerungen an einzelne Poeten zu beenden pflegt, wirkt wie aus der Zeit gefallen: Venclova sortiert nach jenen, die in Exil, Haft oder Gulag zu Tode kamen, und jenen, die im eigenen Bett sterben durften: ‘a lucky man’. …

‘Das Sowjetreich’, sagt er, ‘galt uns als zeitlich begrenzt. Viel wichtiger war das Reich aus Klang und Rhythmus, das alle Reiche überdauert hatte.’

Die Welt dieses Lyrikers ist historisch nicht eingrenzbar. Mit den beiden engsten Freunden, dem ebenfalls in Litauen geborenen Polen Czeslaw Milosz und dem Russen Joseph Brodsky, war er durch eine poetische Sendung verbunden: inmitten kulturellen Kahlschlags bedingungslos an die Weltkultur anzuknüpfen. …

Venclova erzählt das frei, er muss sich jetzt am Riemen reißen, um beim Thema zu bleiben. Für Venclova liegt die Kühnheit Brodskys nicht lediglich im Stoff, im Zugriff auf die Literatur aller Zeiten und Länder. Silbe für Silbe vollzieht er am russischen Original nach, wie sinnreich Brodsky die Wechselbeziehungen von Reim und Rhythmus handhabte. Für westliche Zugriffe, die in Brodsky einen expressiven Bildergaukler sehen wollen, ist da wenig Platz. Dafür umso mehr für die beeindruckend vielen Studenten, die in diesem Seminar noch Versmaße bestimmen und diskutieren können.

/ FLORIAN KESSLER, SZ 15.6.

16. Juni 2010

87. Tomas Venclova in Münster

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Bescheiden und zurückhaltend bedankte sich einer der wichtigsten osteuropäischen Lyriker des 20. Jahrhunderts am Montagabend bei seinem Publikum im münsterschen Stadtmuseum. Unter dem Titel „Camera obscura“ las der 1937 geborene Autor knapp eineinhalb Stunden aus seiner Lyrik und gab Einblicke in sein Leben. / Münsterländische Volkszeitung

3. Februar 2010

11. Barbara Köhler bei Europe … a poem

Lange Zeit haben sie es geheim gehalten, doch nun ist die Katze aus dem Sack: Der deutsche Beitrag für die Ausstellung “Europe … a poem” stammt von der im Ruhrgebiet ansässigen, vielfach ausgezeichneten Dichterin Barbara Köhler. “Ihre Poesie, ihr experimentelles Spiel mit der Sprache und ihre bildhafte Ausdrucksstärke haben uns bewogen sie zu dem Projekt einzuladen,” erläutert Initiator Roy Kift die Wahl. Europas Schönheit einfangen, seine kulturelle Vielfalt nachzeichnen, die Länder zum Sprechen bringen, das wollen die Macher der Ausstellung erreichen. …

Die Ausstellung ist ein Teil des Projektes “Castrop-Rauxel … ein Gedicht”, das anlässlich des Kulturhauptstadtjahres von Juni bis August insgesamt 2010 Gedichte an öffentlichen Plätzen und ungewöhnlichen Orten in ganz Castrop-Rauxel präsentiert. Auf der Webseite www.gedichte2010.de können Bürgerinnen und Bürger ihr Lieblingsgedicht vorschlagen oder ein eigenes Gedicht einreichen. Ab 3. Juli sind dort auch die Gedichte der 27 europäischen Dichterinnen und Dichter nachzulesen. / fair-news

Die übrigen Teilnehmer:

Sir Andrew Motion (Großbritannien. Hofdichter 1999-2009), Seamus Heaney (Nobelpreis, Irland), Wislawa Szymborska (Nobelpreis, Polen.), Ana Blandiana (Rumänien), Elisa Biagini (Italien), Olli Heikkonen (Finnland), Kostas Koutsourelis (Griechenland), Göran Sonnevi (Schweden), Knuts Skujenieks (Lettland), Eugenijus Ališanka (Litauen), Jaan Kaplinski (Estland), Miriam Van hee (Belgien), Petr Borkovec (Tschechische Republik), Zsuzsa Rakovszky (Ungarn), Oliver Friggieri (Malta), Barbara Korun (Slowenien), Joan Margarit (Spanien), Menno Wigman (Niederlande), Anise Koltz (Luxembourg), Niki Marangou (Zypern), Pia Tafdrup (Dänemark), Mirela Ivanova (Bulgarien), André Velter (Frankreich), Marián Hatala (Slowakische Republik), Friederike Mayröcker (Österreich) und Ana Luísa Amaral (Portugal).

22. Januar 2010

99. Zum Tod des jiddischen Dichters Abraham Sutzkever

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Von Uwe Wittstock, Die Welt 22. Januar 2010:

Der große jiddische Dichter Abraham Sutzkever ist im Alter von 97 Jahren in Tel Aviv gestorben. Er zählte zu den jüdischen Schriftstellern des 20.Jahrhunderts, deren Leben durch Vertreibung und Verfolgung in kaum vorstellbarem Maße gezeichnet war und die ihre Zuflucht nicht zuletzt in der Sprache fanden. Bei Wilna geboren, wurde Sutzkever während des Ersten Weltkriegs im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie erstmals vertrieben und lebte bis 1920 im sibirischen Omsk.

Abraham Sutzkever: Wilner Diptychon (Wilner Getto 1941 – 1944 / Gesänge vom Meer des Todes), 2 Bände im Schuber, Ammann Verlag, Zürich, 34,95 Euro.

„Geh über Wörter wie über ein Minenfeld“. Campus, 389 S., geb., 34,90 €.

Mehr:

Spiegel 21.1. (Jiddische Lyrik-Legende) / NZZ 22.1. (Stefana Sabin) / faz.net / Haaretz (“one of the greatest Jewish poets to have lived” / “the greatest poet who ever lived in Israel”) / NZZ 21.1. / Hilpoltsteiner Zeitung / Der Standard 21.1.

Vgl. L&Poe

2009 Dez #33. Minenfeld

2009 Nov #112. «Wilne schtot fun gajst un tmimes»

2009 Aug #40. Ammann hört auf

2009 Aug #5. Dantes Allegorie und die wirkliche Hölle

2009 Jul #31. Poesie aus der Hölle

2008    Jul    #47.    Grünbeins Essays

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