Kategorie: Bulgarien
6. Der Reim (Daltschew)
Atanas Daltschew (1904-1978)
Der Reim ist keine äußere Verzierung, sondern ein organischer Bestandteil des Verses. Hat er einmal Eingang in ihn gefunden, bestimmt und verändert er seinerseits alle anderen Elemente, einschließlich des Inhalts. Das Denken in Reimen ist ein Denken mit den vier, fünf Endworten einer Strophe.
Fragm. 173
Der Reim ist eine sehr eigensinnige und despotische Freundin, die einen inspirieren, mit ihren Launen aber auch zugrunde richten kann. Was mich betrifft, so habe ich mich niemals von ihrem Witz betören lassen und war stets bereit, mich von ihr zu trennen, sobald ich sah, daß wir uns nicht verstanden. Mich beginnt diese Klingel sogar richtig zu belästigen, die wie meine Schreibmaschine am Ende jeder Zeile unausweichlich läutet.
Fragm. 173
Vor lauter Reimen kann man nicht sehen, ob noch etwas anderes in seinen Gedichten enthalten ist.
Fragm. 174
Der Reim ist schön durch die Überraschung, die er mit sich bringt, und in diesem Sinne ist er ein Element des Humors. Nicht von ungefähr findet er weiteste Anwendung in humoristischen Gedichten, und seine besten Meister sind die Humoristen: bei uns Podwyrsatschow und Smirnenski, in Rußland Marschak. Im ernsten Gedicht ist er hingegen weniger angebracht, dort stört er häufig, da er die Aufmerksamkeit des Lesers ablenkt.
Fragm. 175
Atanas Daltschew, Fragmente. Übersetzt und herausgegeben von Norbert Randow. Leipzig: Reclam 1980, S. 65f.
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138. Internationales Literaturfestival in Novi Sad
Међународни новосадски књижевни фестивал
Gestern begann das Internationale Literaturfestival im serbischen Novi Sad, das seit 2006 immer im August/September veranstaltet wird. Texte der Teilnehmer werden in der Zeitschrift Zlatna greda veröffentlicht. Während des Festivals wird ein Autor für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Außerdem erhält ein junger serbischer Lyriker den Branko-Preis (Brankova nagrada). Preisträger des Festivals waren bisher u.a. Christoph Meckel, Jean Pierre Faye und Ben Okri.
Unter den Teilnehmern sind Schriftsteller aus Serbien, Polen, Frankreich, Großbritannien, Rußland, Rumänien, Bulgarien, der Slowakei, Belgien, Schweden und Ungarn, aus Deutschland nehmen teil: Michael Krüger, Gerhard Falkner, Kathrin Schmidt, Ulf Stolterfoht, Uljana Wolf und Volker Sielaff.
Heute treten u.a. auf:
- 18 Uhr: Uljana Wolf, Ulf Stolterfoht, Gerhard Falkner, Volker Sielaff, Kathrin Schmidt und Michael Krüger, Moderation: Iris Radisch. Theater der Jugend
- 21 Uhr: Lesung auf dem Trg Mladenaca mit u.a. Nohad Salameh (Frankreich / Libanon), Radu Vancu (Rumänien), Volker Sielaff und Uljana Wolf.
49. Jerusalem frohlocke
Jetzt brachte Wolf den Text, der ihn nie losgelassen hatte. Weil in ihm mächtige Propaganda, Inbegriff befohlener Ordnung und von verordnetem Denken, von einem Ich selbst-bewusst hinterfragt wird. Es war ein Text von Albrecht von Johansdorf: “Die hinnen varen …” Ein Kreuzzugslied, so heißt die literaturgeschichtliche Schublade, in die man es gesteckt hat. Richtiger wäre: ein Liebeslied zur Zeit der Kreuzzüge, des Ost-West-Konflikts.
Wolf begann, seinen Kram zu erklären: “Die hinnen varen”, das sind diejenigen, die zum Kreuzzug aufbrechen, die zuvor das Zeichen des Kreuzes, einen Lappen aus Wolle, sich haben anheften lassen. Die Bezeichnung Kreuzzug ist im Deutschen erst seit Lessings Zeit bekannt, im Mittelalter spricht man von “hinnen varen”, von peregrinatio, Wallfahrt, von der Reise ins Heilige Land. In diesem Gedicht ist vom bevorstehenden Kreuzzug des Stauferkaisers Friedrichs I. die Rede, jenem Kreuzzug, von dem später Ludwig Uhland treu-teutsch dichten wird: “Als Kaiser Rotbart lobesam / ins heilige Land gezogen kam, /… / sah er zur Rechten und zur Linken / einen halben Türken heruntersinken.” 1187 war Jerusalem gefallen, diesmal in die Hände Salah ad-Dins; zuvor 1099, im ersten Kreuzzug, in die Hand der Christen. Bei den Vorbereitungen zur Operation Barbarossa heißt es wieder: Jerusalem laetare, frohlocke, Jerusalem.
Wie dieses “Frohlocken” aussah, die grausame Realität jener “Wallfahrt”, zeigt ein lateinisches Kreuzfahrer-Lied aus der Zeit des ersten Falls Jerusalems:
Von Blut viel Tränen fließen, indem wir ohn Verdrießen das Volk des Irrtums spießen – Jerusalem, frohlocke!
Des Tempels Plastersteine bedeckt sind vom Gebeine der Toten allgemeine – Jerusalem, frohlocke!
Stoßt sie in Feuersgluten! Oh, jauchzet auf, ihr Guten, dieweil die Bösen bluten – Jerusalem, frohlocke!
/ Rainer Nübel, Kontext:Wochenzeitung
Albrecht von Johansdorf, Kreuzlied III
47. Als hätten sie Pasternak gelesen
Das Politische senkt Gospodinov in die Wendungen seiner Verse ein. So ist es für den Leser stets spürbar, nicht als platte Botschaft, vielmehr als Fluchtpunkt oder als innere Spannung der Gedichte.
Aber was wären Gospodinovs Verse ohne die Liebe? „Ich beginne mit den blonden Frauen / in ihnen ist Leichtigkeit / in ihnen ist Feierlichkeit / als hätten sie Pasternak gelesen / oder auch Burns“. …
Immer tiefer hinab, immer weiter hinein in die Bedeutungsschichten der Sprache führen diese wunderlichen Gedichte. Leider ist die Ausgabe einsprachig gehalten, sodass man als Leser nicht einmal eine Klangspur des Originals erhaschen kann. Doch die Übersetzer, gleich drei an der Zahl, haben Gospodinovs Sprache in ein geschmeidiges Deutsch verwandelt. Seine wunderbaren „Elf Definitionen“ etwa, die jenes kleine „es“ umkreisen, das für manche die Kraft ist, mit der das Blatt vom Baum fällt, für andere etwas schlichtweg Göttliches: „es / ist schwindend und brüchig / benennst du es stirbt es / fängst du es geht es fort / und zerschmilzt in Leer-/ es“. / Nico Bleutge, Tagesspiegel
Georgi Gospodinov: Kleines morgendliches Verbrechen. A. d. Bulgarischen von Valeria Jäger, Uwe Kolbe und Alexander Sitzmann. Droschl, Graz 2010. 120 S., 18 €.
72. Überlandleitung
Im April 2011 startet die Lesereihe Überlandleitung in der Lettrétage in Berlin Kreuzberg.
Die Gesprächs- und Lesereihe präsentiert Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sowohl persönlich als auch von ihren Texten her zwischen Sprachen schreiben und leben.
Dabei soll aufgezeigt werden, wie das Schreiben fremde Sprache und Kultur näherbringen kann, ob und wie literarische Texte über die Sprachen, aus denen sie gemacht sind, hinausweisen. Gehen sie neue Verknüpfungen ein und zeigen so verschiedene Denkmuster und Perspektiven aber möglicherweise auch Parallelen auf? Gibt es grundlegende Unterschiede, Sprachbarrieren oder ein anderes Bewusstsein beim Verfassen von Texten in verschiedenen Sprachen?
Die Beteiligten
Abbas Khider, HEL Toussaint, Jean Krier, Katharina Deloglu, Maria Cecilia Barbetta, Nikola Richter, Norbert Miller, Simone Kornappel, Tzveta Sofronieva
Übersicht der Termine
- 06.04. Lesung: Tzveta Sofronieva / anschließend im Gespräch mit: Simone Kornappel
- 08.04. Lesung: Abbas Khider / anschließend im Gespräch mit: Nikola Richter
- 16.04. Lesung: María Cecilia Barbetta / anschließend im Gespräch mit: Katharina Deloglu
- 20.04. Lesung: Boris Schapiro / anschließend im Gespräch mit: HEL Toussaint
- 04.05. Lesung: Jean Krier / anschließend im Gespräch mit: N.N.
ZU ALLEN TERMINEN: Eintritt frei!
Überlandleitung wird unterstützt vom Berliner Senat und dem Staat Luxemburg
Medienpartner: tageszeitung
28. Bulgarien ist ein Löwe
Vielleicht ist Bulgarien nichts anderes als ein schönes Tier, das der Finger auf der Landkarte entdeckt: «Katze, Maus und Hund / die Erde die ist rund / Amsel Eule Möwe / Bulgarien ist ein Löwe / vor einem Schälchen Meer / der Ozean blutig ringsumher.» Es mag aber auch sein, dass der bulgarische Löwe sich plötzlich in einen Hund verwandelt, der neben einem bulgarischen Hirtenhund einen serbischen Schäferhund und einen albanischen Windhund in sich vereint. Ein solcher «Mischling des Balkans», wie Georgi Gospodinow ihn nennt, scheint ein höchst unberechenbares Wesen zu sein: «er taugt für die Jagd / leckt jedem die Hände / ist nicht böse, wenn man ihn anschreit / nur manchmal nur manchmal / (sehr selten jedoch) / stürzt er los und beisst und beisst und beisst . . .» …
Die Übersetzer, gleich drei an der Zahl, haben Georgi Gospodinows Sprache in ein geschmeidiges Deutsch verwandelt. Sie machen nicht nur die vielen Einsprengsel aus der Alltagssprache hörbar, sondern auch die Kunst des Verses, eines Verses, der den Miniaturen Jan Skácels mindestens ebenso viel verdankt wie den amerikanischen Beat-Poeten. Vielleicht kann man es mit Gospodinows «Technik zum Entgräten von Texten», bei der man alle Konsonanten aus den Wörtern entfernt, so sagen: U E I E E ! Will heissen: UNBEDINGT LESEN! / Nico Bleutge, NZZ 24.7.
Georgi Gospodinov: Kleines morgendliches Verbrechen. Aus dem Bulgarischen von Valeria Jäger, Uwe Kolbe und Alexander Sitzmann. Droschl-Verlag, Graz 2010. 120 S., Fr. 31.50.
118. Füllhorn
Eine bisher an mir vorbeigegangene Seite fliegt mir in einer Anmerkung von Ron Winkler zu, danke! Die literaturwerkstatt Berlin stellt ihre Reihe “Gespräch des Monats” zum Nachhören ins Netz. Ich höre gerade Sherwin Bitsui, klingt gut! Hier können Sie stundenlang zuhören. Es sprechen: Oskar Pastior, Karl Mickel, Peter Rühmkorf, Adolf Endler, Mayröcker und Erb und…
Ihr nennt es Sprache: Rolf Dieter Brinkmann
Zum Todestag von Rolf Dieter Brinkmann lasen am 22.4.2010 Hans Christoph Buch, Matthias Göritz, Günter Herburger, Stephan Turowski in der Literaturwerkstatt Berlin. Die Moderation hatte Jan Röhnert.
Michael Lentz: Offene Unruh
In seinem aktuellen Buch kehrt Michael Lentz zu Liebesgedichten zurück. In der Literaturwerkstatt Berlin stellte er am 31.3.2010 “Offene Unruh – 100 Liebesgedichte” vor.
49. Sprachwechsel
Global Literature ist eine Literatur in Bewegung, eine Literatur ohne festen Wohnsitz, eine Literatur der Unbehaustheit, sehr oft überdies eine Literatur der Nicht-Muttersprachlichkeit, die von Sprachwechslern geschrieben wird. Türken, Serben, Bosnier, Bulgaren, Ungarn, Tschechen, Russen wandern in die deutsche Sprache ein und mutieren zu deutschsprachigen Schriftstellern: Feridun Zaimoglu, Dimitre Dinev und Ilija Trojanow, Libuše Moniková, Wladimir Kaminer und Vladimir Vertlib, Terézia Mora und Saša Stanišić.
Die überwiegende Mehrzahl dieser Sprachwechsler wechselt allerdings ins Englische. Inder, Peruaner, Palästinenser, Äthiopier, Karibik-Bewohner, Kurden, Afghanen, Pakistani, Libanesen, Tamilen, Bangladescher, Somalier, Vietnamesen, Chinesen lassen ihre Herkunftssprachen hinter sich und beginnen, auf Englisch zu schreiben. Die führende Sprache der einstigen Kolonialherren ist zur Lingua franca der postkolonialen globalen Literatur geworden, ironischerweise.
Die Sprache, insbesondere das Englische, ist demokratisch. Man kann sich der englischsprachigen Literatur von überall her zugesellen: „Jeder kann die englische Sprache zu seiner Heimat erklären, und niemand kann aus ihr verbannt werden“, sagt etwa der Schriftsteller Aleksandar Hemon, ein gebürtiger Bosnier aus Sarajevo mit serbischen und ukrainischen Wurzeln, der in Chicago lebt und seine Bücher auf Englisch schreibt. / Sigrid Löffler in Falter : Buchbeilage 10/2010 vom 10.3.2010 (Seite 4)
86. Schwärmen
Wie – Gedichte? Für die einen komplett unzugänglich, geraten andere ins Schwärmen. Ein Kommentar von Börsenblatt-Redakteur Stefan Hauck.
Die Zahl derer, die sich von den Bildern der Klangzauberer und Sprachmagier verführen lassen, nimmt zu: Es wird öffentlich gelesen, über Poesie debattiert, die Verlage trauen sich wieder zu produzieren… / Börsenblatt für den deutschen Buchhandel #15
Auch NILS KAHLEFENDT schwärmt im gleichen Heft vom Lyrik-Boom:
Poesie-Engpass? Gedichtverknappung? Im Gegenteil: Das Lyrik-Jahr 2010 startet mit starken Auftritten, von toll choreografierten Deüts bis zu spannenden Anthologien.
… Das Lyrik-Jahr beginnt als eines mit starken weiblichen Stimmen, die – eine interessante Tendenz in Poesie und Prosa gleichermaßen zu Hause sind. … Traumwandlerisch sicher choreografiert die ausgebildete Tanzpädagogin Martina Hefter Wörter und Körper in ihrem Lyrik-Debüt »Nach den Diskotheken« (Kookbooks); ihr genauer, häufig ironischer Blick lässt uns die Welt neu sehen. …
Kritiker-Heißsporne wollten für Ron Winklers Verse schon mal eine Popband gründen, und in der Tat lässt er es in »Frenetische Stille« (Berlin Verlag) krachen: »wir spürten die Mischung / aus Revolte und Parkplatz. spürten das / Potenzial der Geisha -Chicas so, wie wir / ihre angeborenen Schmauchspuren spürten. tief / in uns selbst, wo 17Fronten-Kriege tobten.« Wenn die Amplituden von Winklers Metaphernstakkato stärker ausschlagen als in den letzten Büchern, mag das auch seiner intensiven Beschäftigung mit junger amerikanischer Lyrik als Übersetzer und Herausgeber geschuldet sein.
Dass er nicht nur einer der sprachmächtigsten Dichter seiner Generation, sondern auch ein Anthologist mit gutem Händchen ist, stellt Winkler mit einer Sammlung von Ostsee-Gedichten unter Beweis. »Die Schönheit ein deutliches Rauschen« (Connewitzer) versammelt Texte von 5o Autoren der jüngeren Lyrik-Garde; wer als Hühnergott-Sucher glücklos blieb, wird beim Blättern »im Inhaltsverzeichnis der See« (Ulrike A. Sandig) jede Menge toller Entdeckungen machen.
Besprochen wird:
Deutschsprachige Lyrik
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- > Martina Hefter: Nach den Diskotheken. Kookbooks, 80 S., 19,90 Euro
- > Steffen Jacobs: Die Liebe im September. Wallstein, 86 S., 18 Euro
- > Nadja Küchenmeister: Alle lichter. Schöffling & Co., 104 S., 16,90 Euro
- > Marion Poschmann: Geistersehen. Suhrkamp, 126 S., 17,80 Euro
- > Kathrin Schmidt: Blinde Bienen. Kiepenheuer & Witsch, 90 S., 16,95 Euro
- > Ron Winkler: Frenetische Stille. Berlin Verlag, 96 S.,18 Euro
Anthologien
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- > Wulf Kirsten (Hrsg.): »Beständig ist das leicht Verletzliche«. Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan. Ammann, 1120 S., 79,95 Euro
- > Christian Maintz (Hrsg.): Komische Liebesgedichte. Kein & Aber, 239 S., 16,90 Euro
- > Ron Winkler (Hrsg.): Die Schönheit ein deutliches Rauschen. Ostseegedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 156 S., 15 Euro (Mai)
Übersetzungen
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- > Georgi Gospodinov: Kleines morgendliches Verbrechen. Deutsch von Valeria Jäger, Uwe Kolbe und Alexander Sitzmann. Droschl, 120 S., 18 Euro
- > Gwendolyn McEwan: Die T.E. Lawrence Gedichte. Deutsch von Christine Koschel. Edition Rugerup, 160 S., 19,90 Euro
- > Gerald Stern: Alles brennt. Deutsch von Thomas Pletzinger. Matthes & Seitz, 288 S., 29,90 Euro
132. Katze entlaufen
Die Gedichte von Georgi Gospodinov haben häufig etwas Haikuhaftes an sich; mitunter setzen sie auf den Überraschungseffekt, auf das kurze Aufblitzen von etwas, das man für eine tiefere Wahrheit zu halten geneigt ist. So etwa in jenem Gedicht, in dem Henne und Ei sich gegenüberstehen “und keiner von beiden / sagt / Mama”.
Sueddeutsche.de 20.02.
