Antonio Tabucchi war von einer liebenswürdigen Unberechenbarkeit. Wenn ihn Lust auf eine Zigarette, ein Getränk, ein Hustenbonbon, ein Gedicht von Emily Dickinson oder eine Zeile von Pessoa überfiel, liess er das Auto anhalten, vergass Verabredungen, spazierte mitten in Veranstaltungen vom Podium, rauchte, trank etwas, schlug ein Buch auf, knüpfte Gespräche an und verwickelte sich in Unvorhersehbares. … Zufällig entdeckte der 1943 in Pisa geborene Schriftsteller Anfang der sechziger Jahre bei einem Pariser Bouquinisten Gedichte von Pessoa und beschloss, vom Philosophie-Studium auf Portugiesisch umzusatteln. Gemeinsam mit seiner Lissabonner Frau Maria José de Lancastre wurde er später zum Herausgeber und Übersetzer Pessoas und Lehrstuhlinhaber an der Universität von Siena. / Maike Albath, NZZ
27. März 2012
26. März 2012
113. Tonino Guerra
In der Welt ein bisher unveröffentlichtes Interview mit dem am vorigen Mittwoch verstorbenen italienischen Drehbuchschreiber und Schriftsteller Tonino Guerra;
Die Welt: Fellini und Tarkowski haben immer wieder Gedichte von Ihnen verwendet. Der Film “Nostalgia” endet zum Beispiel mit dem Gedicht über den Wind. Sind Sie mit Poesie aufgewachsen?
Tonino Guerra: Meine Mutter war völlig ungebildet, aber trotzdem sehr einfühlsam. Dinge, die sie nicht kannte oder verstand, vermochte sie dennoch intuitiv zu erfassen. Ich glaube, meine Mutter mochte Gedichte, manchmal rezitierte sie etwas in unserem Heimatdialekt. Ich versuche mich gerade zu erinnern. Ich glaube, ich war es, der die Poesie entdeckte. Vielleicht war es aber auch umgekehrt?
(…)
Die Welt: Sie sollen während der Dreharbeiten zu “Blow Up” niemals mit Antonioni über den Film gesprochen haben. Warum?
Tonino Guerra: Antonioni und ich hatten schon vor Beginn der Dreharbeiten beschlossen, kein Wort mehr über den Film zu verlieren. Ansonsten hätten wir keine Ruhe gefunden. Vielleicht hätte Antonioni auch einen anderen Film gedreht, wenn wir miteinander geredet hätten. Ich weiß es nicht mehr so genau. Ich kann mich aber gut daran erinnern, dass wir uns stattdessen ausschließlich mit Maler und Fotografen trafen und mit schönen Frauen auf Partys gingen. Wir aßen fast jede Nacht mit den Beatles, trafen Francis Bacon und lernten die Stadt kennen.
21. März 2012
91. Tonino Guerra gestorben
Der italienische Dichter, Schriftsteller und Drehbuchautor Tonino Guerra ist am Mittwoch in Italien im Alter von 92 Jahren gestorben. Der aus der Region Emilia Romagna stammende Guerra war Drehbuchautor mehrerer Meisterwerke von Regisseuren wie Federico Fellini, Michelangelo Antonioni und Andrej Tarkowski. …
Guerra schrieb melancholische, schelmenhafte, naiv-weise Gedichte im Dialekt der Romagna. Seine erste Lyrik schrieb er während der Haft im Arbeitslager von Troisdorf bei Bonn. / kurier.at
2. März 2012
7. Gestorben
Der große italienische Sänger, Dichter, Klarinettist und Pianist Lucio Dalla starb während einer Konzertreise in der Schweiz im Alter von 68 Jahren. Er komponierte auch Filmmusik für die Regisseure Mario Monicelli, Carlo Verdone, Michelangelo Antonioni und Michele Placido.
18. Februar 2012
78. Europäische Poesiezeitschrift
Zum Schluss sei noch auf die erste Ausgabe der neuen europäischen Poesiezeitschrift „Limen“ verwiesen, die wohl hoffnungsvollste Zeitschriften-Neugründung dieser Tage. Das erste Heft versammelt jeweils zweisprachig Gedichte und poetologische Notizen von Dichtern aus Deutschland, Frankreich und Italien. „sist zappenduster in diesem gedicht, welche sprache es wohl spricht?“ Die Verszeile Uljana Wolfs präludiert eine Reihe von sprachskeptischen Texten, die sich in „Limen“ zu einem beeindruckenden Gruppenbild avancierter Poesie zusammenfinden. / Michael Braun, Poetenladen
Limen, Heft 1(2011)
Postfach 2923, 49019 Osnabrück. 144 S. 14,80 Euro.
4. Februar 2012
20. Federico Hindermann †
Der Dichter, Übersetzer und Verleger Federico Hindermann ist am 31. Januar in Aarau gestorben. Ab 1971 leitete er für zwei Dekaden den Manesse Verlag in Zürich. … Als Übersetzer übertrug Hindermann unter anderem Werke von Emilio Cecchi, Luigi Pirandello, Anna Felder, Elio Vittorini, Albert Camus, Gérard de Nerval und Jules Supervielle. Er veröffentlichte auch eigene Gedichte in deutscher und italienischer Sprache.
Im Limmat Verlag liegt eine Sammlung mit Gedichten Federico Hindermanns vor: “Docile contro | Fügsam dagegen”, Gedichte italienisch und deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Antonella Pilotto (144 Seiten, 21,50 Euro, ISBN 978-3-85791-563-5). / Börsenblatt
Hindermann lebte seit seiner Jugend in der deutschen Schweiz und galt als «die bedeutendste zeitgenössische italienische poetische Stimme ausserhalb der Grenzen der Italofonie», wie es der Schriftsteller Fabio Pusterla einmal ausformuliert hatte. / Klein Report
16. Dantejahre
In Italien gehört Dantes Literatur zur Pflichtlektüre. Jedoch ist dies für viele italienische Jugendliche oft alles andere als ein Vergnügen, denn die alte Sprache ist nicht gerade leicht verständlich. Über drei Schuljahre müssen italienische Schüler sich die Werke von Dante zu Gemüte führen und interpretieren. / Schwäbische Post
21. Januar 2012
79. Einladung, Dante zu lesen
Es ist nicht weiter verblüffend, dass ausgerechnet ein New Yorker Filmemacher Dantes Hölle nachbaut, denn der angelsächsische Raum pflegt bis in die jüngste Gegenwart hinein eine besondere Vorliebe für “Die Göttliche Komödie”. Jeder kennt sie, und sie ist Bestandteil der Moderne. Ezra Pound bezieht sich mit seinen Cantos auf den italienischen Dichter, T.S. Eliot widmet “The Waste Land” seinem Lehrmeister Pound mit dem Dante-Zitat “Il miglior fabbro” und variiert im gesamten Zyklus zahlreiche Motive Dantes. James Joyce beruft sich mit schöner Regelmäßigkeit wieder auf Dante, und Samuel Beckett trug sein Leben lang eine Taschenbuchausgabe der Göttlichen Komödie mit sich herum. …
Deutschland war bis ins 20. Jahrhundert hinein führend in der Dante-Forschung, aber im Unterschied zu England und den USA wird die “Göttliche Komödie” jenseits akademischer Pflichtübungen heute kaum noch gelesen. …
Deutschland war bis ins 20. Jahrhundert hinein führend in der Dante-Forschung, aber im Unterschied zu England und den USA wird die “Göttliche Komödie” jenseits akademischer Pflichtübungen heute kaum noch gelesen. Auch deshalb ist es begrüßenswert, dass in den letzten Jahren zwei neue Übersetzungen erschienen sind. Neben der – noch nicht ganz abgeschlossenen – überaus geglückten, einfallsreichen Prosaübertragung von Hartmut Köhler im Reclam-Verlag liegt jetzt bei S. Fischer eine schön aufgemachte, zweibändige Ausgabe von Kurt Flasch vor. Seiner ebenfalls reimlosen Übersetzung stellt er einen Kommentarband zur Seite. …
Flaschs Entscheidung für Prosa ist richtig. Bei den Blankversen berühmter Übersetzungen von Karl Vossler und Hermann Gmelin stellt sich mittlerweile eine Art Schunkelgefühl ein, welches wenig mit dem vorantreibenden Endecasillabo des Originals zu tun hat. Die Besonderheit des italienischen Elfsilbers ist ohnehin nicht übertragbar. / Maike Albath, Die Welt
Dante Alighieri: Commedia. Bd.1: Commedia, in dt. Prosa; Bd.2: Einladung, Dante zu lesen von Kurt Flasch. Hg. und übersetzt von Kurt Flasch. S. Fischer, Frankfurt/M. 736 S., 98 Euro.
27. Dezember 2011
102. Untreue um Treue
Es gibt viele Wege, sich mit schwieriger Literatur zu beschäftigen. Neben den diversen wissenschaftlichen Methoden legt sich Gelehrten auch immer wieder das Übersetzen als eine besondere Form des Sich-Einlassens und Eindringens nahe. Der grosse Petrarca-Kenner Karlheinz Stierle hat sie im Laufe der letzten Jahrzehnte immer wieder gewählt, um Petrarcas «Canzoniere» und seine geheimen Bauformen besser zu begreifen. Eine erste Kostprobe erschien 1990 in dem Buch «Petrarca. Aus dem Canzoniere». Eine erweiterte Auswahl rundete 1998 seinen Essay «Petrarca: Fragmente eines Selbstentwurfs» ab; 2004 erschien eine nochmals ergänzte Auswahl im Deutschen Taschenbuch-Verlag: «Francesco Petrarca. Ich bin im Sommer Eis, im Winter Feuer». Und diese vergriffene, inzwischen auf 83 Übersetzungen, also gut ein Viertel der italienischen Sammlung angewachsene Auswahl bringt nun der Insel-Verlag wieder heraus unter dem etwas irreführenden Slogan: «Petrarcas weltberühmte Laura-Gedichte neu übersetzt, in einer zweisprachigen Ausgabe». …
Da gerade der Reim sowohl Spiegel der gedanklichen Architektur als auch Teil einer Klangerfahrung sei, die das Eigentliche dieser Dichtung ausmache, schlägt Stierle entgegen dem heutigen Trend zu einer philologisch immer exakteren, bis in die Wortstellung hinein getreuen Übertragung in Prosa den umgekehrten Weg ein. …
Allein diese Untreue um der Treue zur Form willen hat gelegentlich ihren Preis. Wo Petrarca ganz schlicht, für seinen Sprachduktus höchst charakteristisch, «le labbra apersi» sagt (die Lippen öffnete ich), heisst es «mein Lippenpaar entzweit». … / Franziska Meier, NZZ 24.12.
Francesco Petrarca: Canzoniere. Rerum vulgarium fragmenta. Zweisprachige Ausgabe. Ausgewählt und aus dem Italienischen übersetzt von Karlheinz Stierle. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2011. 274 S., Fr. 39.90.
24. Dezember 2011
93. Libero
Als 1996 der damals 70-jährige Lokalbesitzer Libero Laganis vor seiner Triestiner Osteria niedergestochen wurde, war der Überfall – der Täter hatte es auf die Tageslosung abgesehen – dem Corriere della Sera einen größeren Artikel wert. Beim Opfer, so der Corriere, handle es sich um den weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten “Wirt von Claudio Magris”, wobei der “Professore” und Literaturwissenschafter nur einer der vielen prominenten Gäste der Osteria in der Via della Risorta war.
Doch der “sagenumwobene Libero” (Magris) war mehr als ein Szenewirt, er war ein Original, das zu erzählen, aber auch zuzuhören verstand, und er war einer, bei dem es schon mal vorkommen konnte, dass er Gäste, die ihm unsympathisch waren, des Lokals verwies – und andere, die kein Geld hatten, gratis verköstigte.
Nun hat sich der 1964 in Triest geborene Lyriker Gaetano Longo – als Honorarkonsul Kolumbiens für die Region Friaul-Julisch-Venetien und Organisator des Lyrikpreises Triest eine nicht minder schillernde Figur als Laganis – in Libero. Geschichten aus einer Triestiner Osteria (Wieser Verlag) der Lebensgeschichte des Wirtes angenommen, die er sich von ihm erzählen ließ. / Stefan Gmünder, DER STANDARD 21.12.