Der Göttliche

Heute vor 530 Jahren geboren: Pietro Aretino, genannt „der Göttliche“, aber o weh: „ein Dichter voll Talent, aber ohne alle sittliche Würde“ (Herders Conversations-Lexikon 1854), „durch sittenlose Schriften berüchtigt“ (Brockhaus 1911). Einige der „sittenlosen“ Sonette kann man in dem von Tobias Roth herausgegebenen Band „Welt der Renaissance“ (Ausgewählt, übersetzt & erläutert von Tobias Roth. Berlin: Galiani, 2020, 2. Aufl. 2021) nachlesen. Hier ein kirchenkritisches Gedicht im italienischen Original und einer Prosaübersetzung. (Den Originaltext findet man im Internet an verschiedenen Stellen als „anonyme Schmähung“, aber in Hartmut Köhlers Anthologie „Poesie der Welt. Italien“ steht er unter Aretinos Namen).

Non ti maravigliar, Roma, se tanto 
s'indugia a far del papa la elezione, 
perché fra' cardinai Pier con ragione 
non trova chi sie degno del suo manto. 

La cagion è che sempre ha moglie accanto 
questo, e quel volentier tocca il garzone, 
l'altro a mensa dispùta d'un boccone 
e quel di inghiottir pesche si dà il vanto. 

Uno è falsario, l'altro è adulatore, 
e questo è ladro e pieno di eresia, 
e chi di Giuda è assai più traditore. 

Chi è di Spagna e chi di Francia spia 
e chi ben mille volte a tutte l'ore 
Dio venderebbe per far simonia. 

Sicché truovisi via 
di far un buon pastor fuor di conclavi, 
che di san Pietro riscuota le chiavi 

e questi uomini pravi, 
che la Chiesa di Dio stiman sì poco, 
al ciel per cortesia sbalzi col fuoco. 

Wundere dich nicht, Rom, wenn man so lange zögert, die Wahl des Papstes vorzunehmen, denn unter den Kardinäleti findet Petrus mit Recht keinen, der seines Mantels würdig wäre.

Der Grund ist, daß dieser ständig ein Weib zur Seite hat, jener gerne den Knaben berührt, der andere bei Tisch um einen Bissen streitet und jener sich rühmt, Pfirsiche zu verschlingen.

Einer ist Fälscher, der andere Schmeichler, und dieser ist ein Gauner und voll Ketzerei, und mancher ist noch viel mehr Verräter als Judas.

Mancher ist ein Spion Spaniens und mancher Frankreichs, und mancher würde wohl tausendmal zu jeder Stunde Gott verkaufen, um Simonie zu treiben.

So möge sich ein Weg finden, einen guten Hirten außerhalb der Konklaven zu machen, der die Schlüssel des Hl. Petrus einholt und diese verdorbenen Leute, die die Kirche Gottes so gering achten, freundlicherweise mit Feuer bis zum Himmel schießt.

Aus:

Hartmut Köhler ( Hrsg.), Poesie der Welt: Italien. Edition Stichnote im Propyläen Verlag, 1985, S. 106f.

Die Auswahl der italienischen Lyrik aus acht Jahrhunderten und ihrer Übertragung traf Hartmut Köhler. Er besorgte die Prosa-Auflösungen und schrieb das Nachwort „Die italienische Lyrik und ihre deutschen Übersetzer“.

Mehr über Aretino im Lyrikwiki.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: