Lyrikzeitung & Poetry News

8. Februar 2012

26. Islam Erwache

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Der “Islamische Revolutionsführer” Ayatollah Seyyed Ali Khamenei betonte die wichtige Rolle der Literatur im “Islamischen Erwachen”.

Er sprach am Montag in Teheran bei einem Treffen mit iranischen und ausländischen Literaten beim “Internationalen Kongreß für die Literatur des Islam ischen Erwachens”.

Er forderte die literarischen Figuren der islamischen Länder auf, Gedichte zu schreiben, die die “Erhebung des Islamischen Erwachens” beförderten.

An dem Treffen nahmen Gäste aus Tunesien, Ägypten, Libanon, Bahrain und mehreren anderen Ländern teil und lasen Gedichte zu Ehren des Propheten Mohammed, des “Islamischen Erwachens” und des 33. Jahrestages der Islamischen Revolution. / Tehran Times

8. Dezember 2011

34. Goncourt vergeben

Einsortiert unter: Frankreich, Französisch, Libanon — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 09:20

Die im Libanon geborene und in Paris lebende Dichterin Vénus Khoury-Ghata erhielt am 6.12. den Prix Goncourt für Lyrik – Adrien Bertrand für ihr Gesamtwerk. Außer rund 20 Romanen veröffentlichte sie auch neun Gedichtbände. Sie erhielt bereits zahlreiche andere Auszeichnungen, darunter den Grand prix de poésie der Académie française (2009) und den Grand prix Guillevic de poésie de Saint-Malo (2010).

Seit 1903 vergibt die Akademie jährlich den Prix Goncourt an einen Romanautor. 1985 wurde ein spezieller Preis für Lyrik zu Ehren des Schriftstellers Adrien Bertrand (Goncourt 1914) hinzugefügt. (Warum nach Bertrand, der natürlich für einen Roman ausgezeichnet wurde, und nicht nach einem der großen Lyriker, ist Außenstehenden nicht leicht einsichtig. Vielleicht, weil die wichtigsten Namen bereits vergeben waren?)

Klickt man bei Wikipedias Prix Goncourt-Eintrag auf den Namen Bertrands, erhält man die Mitteilung, dieser Eintrag existiere nicht. was aber nur für die deutsche Version gilt. Es gibt sehr wohl einen (knappen) französischen und auch einen englischen, die erreicht man aber nur durch einen Trick (z.B. bei Goncourt auf Französisch klicken und dann dort anklicken oder suchen).

Übrigens haben ja auch die vielen Millionen deutschen Mallorcabesucher bisher nicht ausgereicht, um dem “Inseldichter” einen deutschen Eintrag zu sichern. Der hat einfach zu viele Minuspunkte: Dichter, katalanisch schreibend und auch noch aus Afrika. D’Efak gibt es auf Spanisch und Katalanisch.

20. November 2011

93. Poetische Begegung der Kulturen in Bonn

Renommierte Dichter zu Gast im “deutsch-arabischen lyrik-salon”

Vor mehr als 6 Jahren gründete der aus Syrien stammende deutschsprachige Dichter, Übersetzer, Herausgeber und Publizist Fouad El-Auwad den „deutsch-arabischen lyrik-salon“.  Zur illustren Gästeschar seiner bisherigen Festivals zählten u.a. Reiner Kunze, Raoul Schrott, Evelyn Schlag und Fuad Rifka. Nunmehr findet der „lyrik-salon“ zum vierten Mal statt. Zu Gast sind diesmal bei der poetischen Begegnung der Kulturen neben Fouad El-Auwad auf deutschsprachiger Seite Ulrike Draesner, Eva Förster, Ludwig Steinherr, Suleman Taufiq und Christoph Leisten. Auf arabischsprachiger Seite werden  Naim Talhouk (Libanon) , Maram Massri (Syrien), Hanane Aad (Libanon),  Aisha Bassry (Marokko), Rim Najmi ( Marokko) und  Sarjoun Karam (Libanon) zu hören sein. Zum „4. lyrik-salon“ erscheint unter dem Titel „dOrt“ eine von Fuad El-Auwad herausgegebene deutsch-arabische Lyrik-Anthologie beim Shaker Verlag. Die zweisprachige Lesung aller Gedichte wird musikalisch begleitet durch den Oud-Virtuosen Raed Khoshaba. Sie findet statt am Samstag, dem 26. November 2011, 19 Uhr, im Festsaal der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn (Am Hof 1, 1. Obergeschoss). Der Eintritt beträgt 10,- Euro (ermäßigt 6,- Euro). – Weitere Informationen: www.lyrik-salon.de

30. August 2011

138. Internationales Literaturfestival in Novi Sad

Међународни новосадски књижевни фестивал

Gestern begann das Internationale Literaturfestival im serbischen Novi Sad, das seit 2006 immer im August/September veranstaltet wird. Texte der Teilnehmer werden in der Zeitschrift Zlatna greda veröffentlicht. Während des Festivals wird ein Autor für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Außerdem erhält ein junger serbischer Lyriker den Branko-Preis (Brankova nagrada). Preisträger des Festivals waren bisher u.a. Christoph Meckel, Jean Pierre Faye und Ben Okri.

Unter den Teilnehmern sind Schriftsteller aus Serbien, Polen, Frankreich, Großbritannien, Rußland, Rumänien, Bulgarien, der Slowakei, Belgien, Schweden und Ungarn, aus Deutschland nehmen teil: Michael Krüger, Gerhard Falkner, Kathrin Schmidt, Ulf Stolterfoht, Uljana Wolf und Volker Sielaff.

Heute treten u.a. auf:

  • 18 Uhr: Uljana Wolf, Ulf Stolterfoht, Gerhard Falkner, Volker Sielaff, Kathrin Schmidt und Michael Krüger, Moderation: Iris Radisch. Theater der Jugend
  • 21 Uhr: Lesung auf dem Trg Mladenaca mit u.a. Nohad Salameh (Frankreich / Libanon), Radu Vancu (Rumänien), Volker Sielaff und Uljana Wolf.

28. August 2011

125. Goethepreis für Adonis

Einsortiert unter: Arabisch, Libanon, Syrien — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 15:35

Dem syrisch-libanesischen Dichter Adonis ist in Frankfurt/Main der Goethe-Preis verliehen worden. Die Jury ehrte ihn dafür, “die Errungenschaften der europäischen Moderne in den arabischen Kulturkreis getragen” zu haben.

Adonis ist bekennender Laizist und überzeugt, dass nur die Säkularisierung der Gesellschaft die arabische Kultur und Politik weiterentwickeln kann. Dem Wochenblatt “Die Zeit” sagte er 2002: “Immer wenn die Religion nichts vorschreibt, ist die arabische Kultur großartig. Alles, was in der arabischen Kultur frei davon ist, ist außergewöhnlich.” Seine Poesie in seinen Büchern, Artikeln und Vorträgen versteht er als zivilisatorisches Kulturprojekt, das in der Lage ist, die arabische Geschichte neu zu schreiben und zu definieren.

Inzwischen pendelt Adonis zwischen Paris und Beirut. Ost und West, glaubt Adonis, begegnen sich vor allem durch Kunst und Poesie. Das ist ganz im Sinne Goethes, der bereits zu seiner Zeit erkannte: “Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.” Aber Adonis erkennt, dass “Ost oder West zwei Begriffe sind, die mehr ideologisch als geographisch auseinander gehen”.

/ Lina Hoffmann, Deutsche Welle

22. Juni 2011

110. Ängstliche Wahl

Festzuhalten bleibt aber, dass die Friedenspreisjury es nicht einmal in diesem Jahr geschafft hat, einen Autor auszuzeichnen, der nicht in den großen Sprachen der jüdisch-christlichen Tradition schreibt. Dabei gibt es mittlerweile etliche Arabisch schreibende Autoren, die ebenso gut oder schlecht auf dem deutschen Buchmarkt vertreten sind wie Sansal und literarisch locker in derselben Liga spielen: der Ägypter Alaa al-Aswani, die Palästinenserin Sahar Khalifa, der Libanese Elias Khoury, der Libyer Ibrahim al-Koni, der Syrer Adonis.

Aber einen von diesen Autoren zu wählen, war der Jury offenbar zu riskant: Wen holt man sich da eigentlich in die Paulskirche, wenn man Adonis, Al-Koni, Khalifa, Khoury, Al-Aswany auszeichnet? Wurde Adonis und Al-Koni nicht gerade noch vorgeworfen, sie stützten irgendwie die repressiven Regime in ihrer Heimat, ja, sie seien mit denen sogar verbandelt? Wie die beiden sich wirklich zur Revolution positionierten, hat dann leider niemanden mehr interessiert, nachdem ein aus der Hüfte geschossener Denunziationsjournalismus den Verdacht erst einmal ausgesprochen hatte. Sahar Khalifa? Zu brisant, da eine vehemente Israelkritikerin. Dass Khalifa auch eine fulminante Kritikerin des Islamismus und palästinensisch-arabischen Machismo ist, interessiert dann schon gar nicht mehr. Für Elias Khoury und Alaa al-Aswani gilt dasselbe. So sehr sie die Zustände in ihrer Heimat kritisieren: Wenn sie erst einmal anfangen, auszuteilen, dann kriegt auch der Westen, dann kriegen auch wir unser Fett ab.

Was uns Boualem Sansal am 16. Oktober in der Paulskirche sagen wird, wissen wir noch nicht. Aber in seinem bisherigen Werk deutet wenig darauf hin, dass er uns unangenehme Fragen stellen wird.  / Stefan Weidner, Süddeutsche 14.6.

17. Juni 2011

78. Neue Arabische Welt

Colloquium: Neue Arabische Welt

Sa 18.6. 18:00
Akademie der Künste, Pariser Platz, Black Box
Eintritt €5/3

Mit Ali Al-Jallawi Bahrain Deeb Ägypten El Général Tunesien Hend Hammam Ägypten Hind Shoufani Palästina Abdouldaim Ukwas Libyen  Moderation Arian Fariborz Politologe, Islamwissenschaftler und Journalist, Köln

Revolution, politischer Umsturz, Protest: Die Arabische Welt ist in Bewegung. In der Diskussion wird nach dem künstlerischen Umgang mit den derzeitigen Umbruchprozessen und gewaltvollen Auseinandersetzungen gefragt. Wie manifestieren sich Wünsche und Sehnsüchte in dichterischen Formen? Inwieweit bahnt sich die Wut ihren Weg in die Texte? Wie sieht die Situation in den unterschiedlichen Ländern und regionalen Wirklichkeiten aus? Welche Rolle spielen die Dichter in den Protesten, sind sie Beobachter, Katalysatoren oder gar Tongeber?

Neue Arabische Welt

Sa 18.6. 20:00
Akademie der Künste, Pariser Platz, Plenarsaal
Eintritt €10/7

Mit Ali Al-Jallawi Bahrain Deeb Ägypten El Général Tunesien Hend Hammam Ägypten Hind Shoufani Palästina Abdouldaim Ukwas Libyen  Moderation Pyranja Rapperin, Journalistin, Berlin

Die jungen Poeten und Performer aus der Arabischen Welt stellen ihre Werke und ihre Sicht auf das Alltagsleben vor. Jenseits von gängigen Orientalismen wird ein Wortkaleidoskop dargeboten, das von klassischer Poesie  über poetry performance bis hin zu Rap reicht. Die Vielstimmigkeit der jungen Künstler spiegelt die unterschiedlichen Lebensrealitäten in Ägypten, Bahrain, Libyen, Tunesien und dem Libanon wider und ermöglicht einen facettenreichen Einblick in eine heterogene Region aus erster Hand.

18. Mai 2011

74. Meine Anthologie: Wer bist du?

Einsortiert unter: Arabisch, Libanon — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 12:05

Fuad Rifka

Wer bist du?

– Wer bist du?
“Ich weiß nicht.”

–Wie verbringst du
ooo die Jahreszeiten des Lebens?
“Im Herbst
auf der Erde unter dem Laub.
Im Winter
auf der Erde unter dem Schnee.
Im Frühjahr
auf der Erde unter dem Gras.
Im Sommer
auf der Erde unter den Bächen.”

– Seltsam!
Immer unter Schleiern!

Fuad Rifka: Gedichte eines Indianers. Arabisch und deutsch. Übertragen von Ursula und Simon Yussuf Assaf. Eisingen: Heiderhoff 1994, S. 11

17. Mai 2011

72. Fuad Rifka gestorben

Im Alter von 80 Jahren ist am vergangenen Samstag der bekannte libanesische Dichter Fuad Rifka gestorben. Zusammen mit Adonis und Mahmud Darwish zählte er zu den großen Erneuerern der arabischen Lyrik, hatte in seiner Generation jedoch bis zuletzt eine Sonderstellung inne.
Seine literarische Prägung verdankt Rifka nicht der englisch- oder französischsprachigen Literatur, sondern der deutschen. Ende der fünfziger Jahre war er zum Studium der Philosophie nach Tübingen gegangen und promovierte dort 1965 über die Ästhetik von Heidegger.
Seine zahlreichen Übersetzungen machten die Araber erstmals mit der Lyrik von Hölderlin, Rilke und Trakl bekannt, die auch seine eigene Dichtung prägten.
[...]
Seit den neunziger Jahren wurde er mit seinen Texten auch hierzulande bekannt, war häufig auf Lesungen zu Gast und korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Für seine Verdienste um die Vermittlung der deutschen Literatur im Ausland erhielt er, von der Krankheit bereits gezeichnet, im vergangenen Jahr in Weimar die Goethe-Medaille.
In der arabischen Welt tragen die zahlreichen Nachrufe seiner außergewöhnlichen Stellung Rechnung: In seiner Generation ein Außenseiter, prägte er die um eine neue, unprätentiöse Sprache bemühten jüngeren Lyriker umso stärker. [...]

/Stefan Weidner, qantara.de

29. März 2011

146. Meine Anthologie: Olive

Fuad Rifka

Hymne

Die Sehnsucht der Oliven nach der Ölpresse,
die Sehnsucht der Ölpresse nach den Krügen,
die Sehnsucht der Krüge nach dem Öl,
die Sehnsucht des Öls nach dem Brot,
die Sehnsucht des Brots nach den Händen.
Die Sehnsucht der Erde nach dem Himmel,
die Sehnsucht des Himmels nach der Erde.

Aus: Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung. Hrsg. u. übers. von Stefan Weidner. München: C.H. Beck 2000, S. 94

Muoter-Meit (traget uliva nâ dorf)

Da slahet Ôstermittac!
Vrische himel, clâre loup.
Buobe, wellet uliva?
Clâre Ôsterâbent,
Vrische himel, clâre bach.
Uliva, uliva, uliva.

(Christian Filips 2009 nach Pasolini 1942)

Mari-Fruta (puartànd pal país l’aulíf)

A bat misdí di Pasca!
Fuèjs claris, séil fresc.
Fantàs, volèisu aulíf?
Clara sera di Pasca.
Clara roja, séil fresc.
Aulíf, aulíf, aulíf.

(Pier Paolo Pasolini 1942)

Grôz-Muoter (traget uliva nâ dorf)

Da slahet Ôstermittac!
Himel nacket, stumbes loup.
Niht ein buobe zeiget sich?
Toter Ôsterâbent,
Himel nacket, trucken bach.
Uliva wil niht sîn.

(Christian Filips 2009 nach Pasolini 1975)

Mari-Nona (puartànd pal país l’aulíf)

A bat misdí di Pasca!
Fuèjs mutis, séil nut.
No si jot un fantàt.
Muarta sera di Pasca.
Roja secia, séil nut.
L’aulíf a vòul no essi.

(Pier Paolo Pasolini 1975)

Aus: Pier Paolo Pasolini: Dunckler Enthusiasmo. Friulanische Gedichte. Übersetzt von Christian Filips. Basel/ Weil am Rhein: Urs Engeler Editor 2009, S. 100f.

Fuad Rifka wurde 1930 in Syrien geboren, ging später in den Libanon und promovierte in Tübingen über Heidegger.

Pier Paolo Pasolini, italienischer Schriftsteller und Filmregisseur, 1922 in Bologna geboren und 1975 unter ungeklärten Umständen in Ostia ermordet.

Die mittelhochdeutschen Texte in grober Rohübersetzung:

(1) Da schlägt es Ostermittag! Frischer Himmel, glänzendes Laub. Knabe, willst du Oliven? Glanzvoller Osterabend, frischer Himmel, glänzender Bach. Olive, Olive, Olive.

(2) Da schlägt es Ostermittag! Der Himmel leer, stumpfes Laub. Nicht ein Knabe in Sicht. Toter Osterabend. Der Himmel leer, trocken der Bach. Olive will nicht sein.

Keine Interpretation, aber ein kurzer Kommentar:

Der Text Rifkas hat die Selbstverständlichkeit des Vorhandenseins, wie die erste Strophe von Hölderlins “Hälfte des Lebens”. Eins greift nahtlos ins Andere. Die Grenze ist bei Hölderlin die Leerzeile zur zweiten “Hälfte”, bei Rifka die Sehnsuchtsform. Die Kette hält und mündet in die Umkehrbarkeit (Kreisform) des abschließenden Chiasmus, aber nur optional.

Pasolinis frühes Gedicht scheint die Anwesenheit des Idylls oder meinetwegen eine Epiphanie vollkommen auszudrücken. Alle Entsprechungen (Korrespondenzen) gehen auf und münden in “Olive”, wer interpretieren mag, sage je nach Gusto “Transzendenz”, Ding oder “Südwort”. (Der Inhalt existiert für den, der ihn will – jedem seiner).

Beide Gedichte erinnern mich an den Brecht der “Buckower Elegien”. Rifkas Chiasmus an den von “Rudern, Gespräche”, auch da mündet eine parallele Reihe zweigliedriger Verse in den Kreis: “Nebeneinander rudernd / Sprechen sie, sprechend / rudern sie nebeneinander”. (Der Leser ist gehalten, die Verse in ihrer Selbständigkeit* wahrzunehmen, dann und nur dann mag der Mittelteil des Zitats an Celans ungleich schwierigere Gangart gemahnen).

Bei Pasolini fiel mir zuerst ein anderer Spruch des späten Brecht ein, ein alter, 1942 noch mittelalter Zeitgenosse des jungen Herrn Pasolini, jetzt ist es 10 Jahre später:

Glücklicher Vorgang

Das Kind kommt gelaufen
Mutter, binde mir die Schürze!
Die Schürze wird gebunden.

Manchem kommen diese Texte simpel vor, viele Interpreten in Ost und West wollten Affirmation herauslesen. (Inhalt ist immer da für den, der ihn braucht). Der winzig kleine “glückliche Vorgang” ist doch aber ein elegischer Spiegel für all die nicht glückenden im Großen. Die Ruhe knapp vorm Verzweifeln. (Um die Zeit hatte er sich einen österreichischen Paß besorgt und plante die Übersiedlung nach Maos Chinas. Der Tod hat es ihm erspart, es wär ihm schlecht bekommen.)

Bei Pasolini, frühe Fassung, bin ich nicht sicher, ob ein doppelter Boden existiert. Das Gedicht erzwang den späten Rückruf. (Als gelernter Protestant finde ich es zu “katholisch”. Selbst in der latenten “Schwulität”. Die brauchen dafür DIE Mutter und DEN Knaben, dann geht ALLES.) –

*) Das heißt doch nicht “Selbst-ständigkeit”, wer läßt sich das von Ignoranten aufschwatzen? Selbst-Ständigkeit ist viel zu “selbstgewiß” für den Inhalt des Wortes. Die alte Schreibweise hielt in der Schwebe, was diese Idioten zur Entscheidung zwingen. Selbständig erlaubt den Übergang zu “selbander” (ein anderes verschwundenes Wort, auch hier Sprach-Rückbau durch Ignoranten). Selbstständig kappt die Beweglichkeit.

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