Lettre 116 – Zeitschriftenschau

Es ist 25 oder 26 Jahre her, da las der – in der DDR verhaftete und in den Westen gedrängte – Autor Jürgen Fuchs in Greifswald. Es war noch sehr nahe an der DDR, „heikle“ Autoren lasen in den 80er Jahren und noch eine Weile länger nicht in staatlichen oder anerkannt-gesellschaftlichen Institutionen (Kulturbund, Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, Freie Deutsche Jugend…), sondern in der Kirche. So also Jürgen Fuchs nach der Wiedervereinigung oder jedenfalls nach der „Wende“. (Während ich das schreibe, fällt mir ein, daß es im Frühjahr oder Frühsommer 1990 gewesen sein muß.) Fuchs las nicht nur eigene Texte, sondern warb für Literatur. Er hatte einen Stapel Zeitschriften dabei, darunter Lettre International. Europas Kulturzeitung. Er legte sie in der Kirche aus und forderte uns auf, einige davon mitzunehmen. Ich kannte sie schon, sicher aus Westberlin, wohin ich seit Januar 1990 wenigstens einmal im Monat fuhr, um in der Staatsbibliothek West zu lesen (etwas später, im Maße, wie Geld zur Verfügung stand, kamen Buchhandlungen dazu, Heinebuchhandlung im Bahnhof Zoo, Autorenbuchhandlung, Kiepert und andere).

Seitdem lese ich die Zeitschrift viermal im Jahr. Die großformatigen Hefte sind schwer zu lesen, ich benutze eine Buchstütze für aufgeschlagene Bücher oder Zeitschriften, aber für die aufgeschlagen 54 mal 37 cm ist die zu klein. Knapp 2000 Quadratzentimeter mit großformatigen Fotos und Grafiken oder mit langen Texten in kleiner Schrift auf drei Spalten. Ich hatte mal einen Chef, der mir sagte, er kenne keinen, der die Lettre liest.

Jede neue Lettre ist ein Fest. Ich überfliege das Inhaltsverzeichnis und blättre erst einmal Seite für Seite durch, nur kurz auf jeder verweilend, Bilder gucken und herausfinden, was zuerst gelesen werden muß. Ach, die Stapel mit Lesezeichen irgendwo im Inneren, oft Bleistifte als Lesezeichen, die muß ich oft nachkaufen, die Bleistifte. Ich sitze im Lesesessel und schlage das Heft lose zusammen, gerade so daß die Bindung hält, und lese mit Bleistift.

Das aktuelle Heft 116 hat auf dem Titel ein Bild von Etel Adnan, viele weitere im Inneren. Außerdem großformatige Fotografien von Fotografen mit englischen, französischen oder vielleicht indischen Namen. Bilder auf gutem Papier in bester Druckqualität.

Raoul Schrott schreibt über Martin Luther. Von der Heilsbotschaft in Volkes Sprache zum Neuhochdeutschen. Der sprachliche Oberdeutsche setzt so ein: „ACH, IHR DEUTSCHEN! Eure Überheblichkeit manchmal uns Tirolern gegenüber, als wären wir der Sprache nicht mächtig, und dazu die Verlagslektoren, wenn sie im Manuskript wieder einen vermeintlichen Austriazismus bemängeln, als gehörten solche ein für allemal ausgemerzt.“ Wie jeder Ober-, nein Hochdeutsche klärt er die niederdeutschen Leser, die von sich glauben, daß sie das bessere (Hoch-)Deutsch sprechen, darüber auf, wo das Hochdeutsche herkommt, nämlich von „oben“, also unten auf unseren Karten. Amüsant und mit einigen schönen Beispielen, wenn auch ein wenig auf Volkshochschulniveau, erzählt er die Geschichte, wie ein Niederdeutscher, besagter Luther, ein einheitliches Deutsch regelrecht schuf, man nennt die von ihm recht eigentlich erfundene oder geschaffene Sprache Frühneuhochdeutsch. Luthers Prinzipien beim Dolmetzschen geben ihm Gelegenheit, seinen, Schrotts, also nun nicht den päpstischen sondern gräzistischen Kritikern eins auszuwischen:

Im Übrigen hält Luther den Klügelingen vor, die ihn wegen seiner Abweichungen vom Wortlaut meistern und vielleicht auch etliche Fromme sich dran stoßen: Was bringt es denn, die Worte ohne Not so steif und streng zu halten, daß man daraus nichts verstehen kann? Wer deutsch reden will, der muß nicht der hebräischen Worte Weise führen, sondern muß darauf sehen, wenn er den hebräischen Mann versteht, daß er den Sinn fasse und sich also denken: Lieber — wie redet der deutsche Mann in solch einem Fall? Wenn er nun die deutschen Worte hat, die hiezu dienen, so lasse er die hebräischen Worte fahren und spreche frei den Sinn heraus, im besten Deutsch zu dem er fähig ist. Jedesmal, wenn ich das lese, muß ich lachen — weil Luther damit nicht nur anschaulich die Technik des literarischen Übersetzens beschrieben hat, sondern auch – wie in meinem Fall bei der Ilias — die Reaktion der gräzistischen Klügelinge, die sich daran stießen daß ich mich nicht streng an den Wortlaut gehalten habe, obwohl man erst dadurch dem Original treu zu bleiben vermag.

Gegen Ende seines Aufsatzes kann auch Schrott nicht dagegen an, das zu tun, was er seinen Kritikern oder Lektoren vorwirft: ein „korrektes“ Normdeutsch zu postulieren. Auch die Plattdeutschen, schreibt er, müßten das Hochdeutsche erst in der Schule lernen, wo sie das Schriftdeutsch ihrem norddeutschen Dialekt gemäß aussprächen. Daher sprächen sie „China“ oder „Chemiker“ mit dem ch-Laut statt des „korrekten“ „k“. Naja. (Für mich Mitteldeutschen, der nicht mit plattdeutschen, sondern mit sächselnden Lauten aufgewachsen ist und Platt erst nach Übersiedlung an die Küste kennenlernte, eine lustige Vorstellung: „Hier Kömmt der Kaiser von Kina“. Für Schrott ist das gar nicht lustig!)

Dorothea Franck hält ein – nun, vielleicht nicht flammendes, aber kräftiges Plädoyer für Gedichte im „digitalen Zeitalter“. Natürlich „brauchen“ „wir“ (zumindest, sagt sie, „ich“ und die „kleine Minorität der Gedichteleser“) sie noch. Aber es geht um mehr als die individuelle Freude an Gedichten. Die Sprache braucht sie: „Gedichte sind Sauerstoff für die Sprache und damit auch für unsere geistige Existenz.“

Solche Sätze, die wir gern hören. Die sich schneller sagen als beweisen lassen.

Theoretisch ist das alles leicht nachvollziehbar. Erbauungsliteratur für die einen, Stoff für Einführungsseminare in die Literaturwissenschaft für die anderen. „Theoretisch“ also bewiesen, soweit man den zugrundeliegenden philosophischen, semiotischen Theorien folgt. Sprache sei eine geniale Verbindung zwischen der diskreten und der analogen Natur unserer Intelligenz. Kaum einem heutigen Sprecher sei bewußt, in welchem Ausmaß sich das Repertoire konventioneller Sprache ursprünglich der Dichtung verdanke. Die Verwandtschaft der Begriffe Sinn und Sinne werde in der Dichtung evident. Genau wie die kognitive könne auch die sinnliche Intelligenz geübt und verfeinert werden. Nicht nur das klangliche, auch das semantische Potential der Sprache werde in der Dichtung anders genutzt. Sie kämpfe nicht gegen „die lästige Unbestimmtheit sprachlichen Bedeutens“, sondern nutze und weite die „Offenheit“ und finde so zu „einer anderen Art der Präzision“.

Hier und da wird sich bei manchen Widerspruch melden. Eine Analyse von Goethes „Wanderers Nachtlied“ führt zu dem Fazit:

Viele glückliche Zufälle fügen sich so mühelos, daß die Kontingenz der Formen überwunden scheint und der Eindruck entsteht, die Sprache selbst wirke mit. Jeder Dichter wird dies bestätigen:

Äh, Sätze mit jeder!

Ein durchgeformtes Gedicht kann nicht „fabriziert“ werden, es muß entstehen.

Wo habe ich diese Debatte zuletzt gelesen? Richtig, gestern auf Facebook! Es redens allerorten die Menschen wie die Dichter, die einen so, die andern so.

Als ich noch Grundkurse gab, legte ich manchmal einen Fragebogen vor, bei dem anzukreuzen war, ob die Aussagen von Gottfried Benn stammen könnten oder nicht.

Der große Dichter ist ein großer Realist, sehr nahe allen Wirklichkeiten. JA / NEIN

Aber die Form IST ja das Gedicht. JA / NEIN

Die Dichter sind eigentlich keine geistigen Menschen, keine Ästheten JA / NEIN

Sie sind Träumer JA / NEIN

Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten, ein Gedicht wird gemacht. JA / NEIN

Meine teuflische Art der Fragestellung und/oder unsere Volksbildung sorgten dafür, daß in der Regel mehr als die Hälfte der Antworten falsch waren.

Nicht ohne Widerspruch mag auch diese Aussage Francks bleiben:

Den anderen Künsten hat die Dichtung noch etwas voraus: ihre ökonomische Bedeutungslosigkeit. Sie ist und bleibt

Sätze mit ist und bleibt!

der Hungerleider unter den Künsten, und das ist gut so. (…) Das schützt sie vor Korrumpierung und falschen Maßstäben.

Ganz schön romantisch, diese Theorie!

Zum Erholen nach diesen zwei unterschiedlichen Grundkursstücken folgt ein sehr schöner poetischer Text von Herbert Maurer, auf den ich aber nicht eingehen und aus dem ich jetzt nicht einmal zitieren will. Selberlesen macht schön, oder so.

Ich überspringe den nächsten Text und stoße auf Claudio Magris: Roman und Moderne. Schöne Gelegenheit zum Vergleichen. Und der Vergleich geht nicht gut für die Lyrik aus. Formal ähnelt Magris‘ Text Francks. Lobt die eine die Dichtung, sprich Lyrik, als Grundlage unserer geistigen Existenz, so nennt der andere den Roman als DEN Ausdruck der modernen Welt. Er geht von einer Bemerkung im Tagebuch Benedetto Croces aus, der notiert: Romanschriftsteller Moravia sei zu Besuch gewesen. Die Zuschreibung sei das Gegenteil eines Kompliments. Croce, der als Denker die moderne Welt als Fortschritt und Bestärkung des Geistes pries, „die Geschichte als Geschichte der Freiheit, ein von politischen und religiösen Dogmen befreiter Liberalismus und so weiter“, der auf politischer Ebene das Bürgertum überhöht, das die agrarische Klassizität zerstört und den Roman hervorgebracht habe, bleibe auf ästhetischer Ebene jener modernen „Prosa der Welt“ gegenüber fremd und unempfänglich. „Er war ein gerüsteter Zeitgenosse Mussolinis und Lenins, aber nicht Kafkas.“

Magris geht zunächst auf den inkommensurablen Don Quijote de la Mancha ein. Nach dessen Modell habe die Romantik Jahrhunderte später den Roman als Ausdruck der Moderne schlechthin erfunden und kodifiziert. Welch signifikanter Unterschied in den Romantikbegriffen: bei Franck die „romantische“ Überhöhung der Dichtung als „Muttersprache des Menschengeschlechts“, bei Magris die Prosa der modernen Welt. (Die Romantiker sind nicht romantisch; wir müssen sie uns als die ersten modernen Menschen vorstellen.) In dieser modernen Welt ist nichts ewig und unabänderlich, nicht der Mensch in seinen Leidenschaften, seinen Wahrnehmungen, seinem Bewußtsein usw. und auch nicht „die Kunst“ mit ihrem Kanon und den Idealen der Poesie und Schönheit. „Der Roman ist das Kennzeichen par excellence dieser universalen Transformation, die alle klassische Ordnung und die zeitlose Schönheit der Poetik zerstört und jede Hoffnung darauf nimmt, daß Homers Sonne noch über uns scheine*. Es fällt nicht schwer zu verstehen, warum es sich dabei um ein Croce nicht besonders genehmes literarisches Genre handelt, für den die Alternative Poesie versus Nicht-Poesie einen unveränderlichen Status hatte.“

*) Jandl sagt es so: „Zerbrochen sind die harmonischen Krüge / Die Teller mit dem Griechengesicht“

Magris geht dann auf Hegels Hoffnung ein, daß „dennoch“ der Roman die bürgerliche Epopöe werde. Paradoxerweise sei gerade der sozrealistische oder stalinistische Roman eine ihrer Realisierungen. Ansonsten Romane des 18. Jahrhunderts vor der französischen Revolution, wie Fieldings Tom Jones oder Defoes Moll Flanders, bei denen die „moderne Epopöe“ auf dem Glauben basiere, daß „aus dem unerbittlichen Kampf und der universellen Konkurrenz eine größere Freiheit“ hervorgehe.

Folgen Schlegel, der „Sonderfall Österreich“, Lukács‘ Begriff von Epik und Totalität usw.: Lesenswert!

Kennzeichnend für Lettre ist die Koexistenz ästhetischer und politischer Themen. Zwei Beiträge beschäftigen sich mit Trumps Welt. Etel Adnan steuert nicht nur die Bilder bei, sondern einen sehr informativen Aufsatz über den Untergang des Osmanischen Reiches – „Überlegungen zur Lösung alter Probleme“. Vieles was wir nicht so genau wissen (wollen). Etel Adnan wurde 1925 in Beirut geboren. Ihre Mutter war griechische Christin aus Smyrna (Izmir), ihr Vater hochrangiger osmanischer Offizier aus Damaskus, Schulkamerad Atatürks.

Schön optimistisch ihr Fazit:

Die Türkei wird eingestehen müssen, daß höchste osmanische Generäle, vor allem Karabekir Pascha, den Krieg dazu nutzten, die Armenier vollständig zu eliminieren, um einen türkischen Nationalstaat zu schaffen: Das nennen wir Genozid. Ist dies einmal anerkannt, dann können beide Völker ihrer Zukunft mit größerer Gelassenheit entgegensehen. Alte Probleme müssen gelöst werden, denn neue und dringliche Probleme globaler Natur warten: Überbevölkerung, Wassermangel, Umweltverschmutzung, um nur einige zu nennen, wo die ganze Menschheit, die Völker zusammenarbeiten müssen, mit Hilfe jedes einzelnen von uns. Wir werden gemeinsam überleben oder gemeinsam verschwinden. Ich denke, daß der Lebenstrieb sich durchsetzen wird.

(Damit ist die Zeitschrift nicht einmal zur Hälfte gelesen. Fortsetzung nächste Woche! Unter anderem zu Leben, Schreiben und Sterben von Sylvia Plath!)

Lettre international 116 (Frühjahr 2017) Raoul Schrott: Meister Luther. Dorothea Franck: Brauchen wir noch Gedichte im digitalen Zeitalter? Herbert Maurer: Auf den Zungen liegen. Alexander Goldstein: Poplawskis Geheimleben. Claudio Magris: Roman und Moderne. Donald Trump. Etel Adnan: Das Ende der Osmanen. Nedim Gürsel: Tod in Bursa. Wasserzeichen Europas. Der Bazillus des Krieges. Der Samen Indiens. Leben, Schreiben und Sterben der Sylvia Plath. 

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