Kategorie: Iran

82. Iranische Lyrik

Heute ist Lyrik generell marginalisiert. 1354 aktive Lyrikleser gebe es in Deutschland, hat Hans Magnus Enzensberger einmal überschlagen. Und angesichts durchschnittlicher Auflagen von 100 – 150 Exemplaren pro Gedichtband scheint das gar nicht so weit hergeholt. Dass die Arbeit iranischer Dichter, die in Deutschland leben, nicht weiter auffällt, ist also kein Wunder. Umso mehr lohnt es sich aber, ihre Werke zu lesen. Seit Jahrzehnten leben und arbeiten Dichter aus dem Iran hierzulande, seit den verstärkten Repressionen gegen Künstler unter Präsident Mahmud Ahmadinejad sind zahlreiche weitere hinzugekommen. Die wenigen unter ihnen, die hin und wieder mediales Gehör finden, werden leider auf den Aspekt des in einer Diktatur verfolgten Exilschriftstellers reduziert. Zwar spielen Zensur und Unterdrückung eine durchaus große Rolle in den auf Deutsch vorliegenden Büchern, doch ist das längst nicht alles – die inhaltliche und stilistische Bandbreite ist immens.

Allerdings muss sich der interessierte Leser auf eine nicht immer einfache Suche begeben. Kaum ein Dutzend Anthologien mit persischer Lyrik gibt es auf Deutsch; den Anfang machte Cyrus Atabay 1968 mit seiner Sammlung Gesänge von morgen. Neue iranische Lyrik. Der Übersetzer Kurt Scharf ist nach wie vor aktiv, aber dann wird es auch schon dünn. Der in München lebende SAID ist in literarisch interessierten Kreisen ein Begriff, ebenso Abbas Maroufi, der in Berlin seine Buchhandlung Hedayat betreibt und mit seinem Roman Symphonie der Toten (Suhrkamp 1998, Übers. Anneliese Ghahraman-Beck) einen Bestseller landete. Dass Maroufi auch Gedichte verfasst, weiß hingegen kaum jemand.

Dass mit Houshang Ebtehaj, der unter dem Pseudonym H. A. Sayeh schreibt, auch einer der ersten unter den Erneuerern der persischen Poesie (die „shere nou“, die neue Dichtung, begann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Nima Yushij) in Köln lebt, ist vielleicht auch deswegen kaum bekannt, weil er wie viele seiner Kollegen nahezu nichts auf Deutsch veröffentlicht hat. Einige publizieren auf Farsi in Exilverlagen, einige schreiben aber auch auf Deutsch und sind dabei auf Kleinverlage angewiesen, die vom großen Feuilleton in der Regel ignoriert werden. Einer ist der von dem iranischen Verlegersohn Madjid Mohit betriebene Sujet Verlag in Bremen, der sich auf Exilliteratur spezialisiert hat. „Luftwurzelliteratur“ nennt Mohit sein Metier – Literatur von Autoren, die ihre eigentlichen geographischen Wurzeln verloren haben und nun fern der Heimat ihr Werk fortsetzen. Ebenso erwähnenswert ist die von Jalal Rostami in Bonn betriebene Verlagsbuchhandlung Goethe & Hafis; der Frankfurter Glaré Verlag von M. H. Allafi hat kaum Lyrik im Programm und setzt eher auf Prosa, denn die verkauft sich besser. In den etablierten Lyrikverlagen wie dem Poetenladen Verlag, dem Fixpoetry Verlag, Luxbooks, Kookbooks und Konsorten, sind keine Iraner zu finden, vielleicht weil sie zu wenig auf sich aufmerksam machen. Dabei wäre diese Aufmerksamkeit bitter nötig, um aus der Nische in der Nische herauszukommen.

In Iran selbst treibt die – dort ebenfalls auflagenschwache – Lyrikszene dieselben Fragen und Diskussionen um wie in Deutschland. Vor allem die Jüngeren stehen in der Kritik, die Ideen der „shere nou“ zu weit zu treiben. Die neue Dichtung hatte sich damals von den starren Formen verabschiedet, die seit Jahrhunderten die Dichtkunst be- herrschten, und trat für einen freieren Umgang mit der Sprache ein, in dem auch Alltagsduktus Platz hatte. Nun heißt es, die Gedichte der aktuellen Generation seien zu komplex, zu schwierig, zu beliebig. Der Vorwurf rührt vor allem von der Tatsache, dass die iranische Dichtung traditionell ein Allgemeingut ist, das im täglichen Leben Anwendung findet. Wer eine Aussage unterstreichen oder bloß seinen Standpunkt festigen will, der zitiert einen Dichter. Nur funktioniert das nicht, wenn das Gegenüber Verständnisprobleme mit dem vorgebrachten Vers hat.

Trotzdem bedienen sich auch die Jüngeren noch immer in Teilen der klassischen Symbolsprache, die auf westliche Leser mitunter blumig oder gar kitschig wirkt, weil sie hier nicht ohne Hintergrundwissen verstanden werden kann. Ganz neue Aspekte bringen jene Dichter ein, die sich die Sprache ihrer neuen Heimat zu Eigen gemacht haben. Iranische Lyriker sind passionierte Sprachspieler, die mit Klängen und Bedeutungen arbeiten und Doppelbödigkeiten herstellen, die trotz aller Komplexität in einem faszinierenden Sprachfluss aufgehen. Dass sich Vieles davon nahezu nicht übersetzen lässt und jede Übersetzung allenfalls eine Annäherung sein kann, versteht sich von selbst. Es ist aber faszinierend, wie schnell und sicher es einigen Exildichtern gelingt, sich das Deutsche anzueignen und es mit demselben Ansatz zu beharken. Als Beispiel sei Sanaz Zaresani (*1980) genannt, die seit 2009 in Deutschland lebt und hier ihren von Hossein Mansouri übersetzten Band Die Geschicklichkeit begrenzter Buchstaben (Sujet Verlag 2010) veröffentlicht hat. Das allererste Gedicht, das sie 2011 auf Deutsch schrieb, trägt den Titel „Hässlich willkommen“: „Machen sie die Tür auf / und kommen sie rein. / Aber mit kleinem „s“ // da die Decke dieses Gedichts sehr niedrig ist“ heißt es darin. Ganz unmittelbar verarbeitet sie die Erfahrung von Flucht und Exil und den Versuch von Neuanfang, aber auch die in Iran erlebte Situation, in faszinierenden, eindringlichen und berührenden Versen.

Ganz anders Mirza Agha Asgari (*1951, seit 1985 in Bochum), der unter dem Pseudonym Mani auf Farsi schreibt und vom großen Ahmad Shamlou einst als „Hoffnung der persischen Literatur“ bezeichnet wurde. Er spielt mit klassischen Formen und Symbolen, greift dabei aber ganz direkt Erfahrungen auf: „Es gibt ein Land, / in dem ich schmelze / wie eine Frucht, die zurückkehrt / zum Stengel, / zur Wurzel, / zur Erde, / und zum Nichts!“ Mani verbindet das Schöne mit dem Düsteren, schreibt von Liebe unter unwürdigen Bedingungen und von Sehnsucht. Und immer wieder kritisierte er den iranischen Staat, sowohl vor als auch nach der Islamischen Revolution, was ihn schließlich zur Flucht zwang.

Auf Deutsch schreibt auch Sara Ehsan (*1977, seit 1986 in Deutschland), deren vielschichtiges Debüt Deutschland, Mon Amour (Sujet Verlag) 2011 erschien. Ihre Gedichte atmen Vers für Vers die dunkle Melancholie, die so typisch ist für die iranische Literatur: „übrig blieb / das leere Gleis / die Wüste / meine Nacktheit / die Grabsteine“ heißt es in einem Gedicht, und in einem anderen: „der Strukturalismus / strukturlos / (…) / die existentielle / Trauer / der müden / Akteure // mein Elefant ohne / Stoßzahn / schau mich bitte / nicht so an“. Hier- aus spricht eine Dichtergeneration, die auf der Suche ist – nach sich selbst und nach neuen Formen, nach einer neuen Art, das Weltgeschehen und das Empfinden zu erfassen und zu verarbeiten. Eine Suche, die mitunter erstaunlich selbstbewusst daherkommt. Eine Haltung, die man auch schon bei Forough Farrokhsad beobachten konnte.

Gerrit Wustmann

Und mag die ganze Welt versinken. Über den deutsch-persischen Lyrikaustausch oder die Nische in der Nische. (Auszug) Vollständig in: LiteraturNachrichten Afrika Asien Lateinamerika, Nr 116, Frühjahr 2013. Pdf beim Sujet Verlag

75. Meine Anthologie 85: Cyrus Atabay

Cyrus Atabay, Der Osten sagte zu dir

DER OSTEN sagte zu dir
erzähl mir deine Herkunft
der Westen sagte zu dir
erzähl mir deine Wandlung
doch der eine ließ dich nicht
der andere fiel dir ins Wort
Laßt dem Alten
sein graues Haar
er will etwas erzählen
was euch beiden gefällt

Aus: Cyrus Atabay: Gedichte. Frankfurt am Main/ Leipzig: Insel 1991, S. 243 (zuvor in: Die Linien des Lebens. Düsseldorf: Verlag Eremiten-Presse 1986)

Cyrus Atabay (1929-1996), ein persischer Prinz als deutscher Dichter,

war der Sohn von Hadi Atabay, eines Arztes, der bei Ferdinand Sauerbruchpromovierte, und Prinzessin Hamdam al-Saltaneh, einer Tochter von Reza Schah Pahlavi und seiner ersten Ehefrau Maryam Khanum, die wenige Monate nach der Geburt ihrer Tochter im Februar 1904 verstarb. Von 1937 bis 1945 wuchs Cyrus in Berlin auf, wo er das renommierte Arndt-Gymnasium in Dahlem besuchte. Im Sommer 1945 kehrte Atabay in den Iran zurück. Er hatte jedoch Persisch verlernt, weshalb er auf eigenen Wunsch seine Schulausbildung in Zürich fortsetzte. Max Rychner und Gottfried Benn unterstützten den jungen Dichter, 1948 erschienen die ersten Gedichte in der Tageszeitung Die Tat.

(Wikipedia)

Er schrieb Lyrik und Prosa und übersetzte u.a. Hafis und Rumi aus dem Persischen.

(Ursprünglich 2001 in meiner Anthologie)

Die Fortsetzung der Biographie ist auch interessant:

Seit Anfang der 1960er Jahre lebte er abwechselnd in Teheran und London, wo er 1978 – als Neffe von Schah Mohammad Reza Pahlavi durch die Islamische Revolution staatenlos geworden – Asyl erhielt. Die deutschen Behörden lehnten es ab, Atabay ein Visum auszustellen. In London pflegte Atabay eine Freundschaft mit Elias Canetti. Erst 1983 konnte Atabay zurück nach München.

30. Doppelter Fehler

Wenn man Hafis in den Sturm und Drang oder die Romantik übersetzen kann, kann man ihn ebenso gut in den Expressionismus oder in die Neue Sachlichkeit übersetzen. Hafis ist ein Dichter, der auch wunderbar zu den Wiener Avantgarden gepasst hätte, ja dessen Sprachspiele im Deutschen am ehesten vergleichbar sind mit denen von H. C. Artmann oder Reinhard Priessnitz. Dass es zu keiner solchen Rezeption kam, hat zum einen den banalen Grund, dass keiner unserer Nachkriegslyriker einer Islamsprache mächtig war. Zum anderen dass keiner unserer Orientalisten die Lyrik seiner unserer Zeit und Muttersprache auch nur ansatzweise rezipiert hat, geschweige denn sich von ihr inspirieren ließ.

(…)

Freilich ist die vermeintlich klassische Sprache, in die bis heute die ältere orientalische Lyrik übersetzt wird, zumeist nur ein lebloser Klon der Sprache unserer Klassik und Romantik. Zu welchen Verirrungen das führt, belegte vor wenigen Jahren eine Anthologie orientalischer Liebeslyrik, deren Geschmack sich schon im Titel ausdrückt: „Gold auf Lapislazuli“. Mit der folgenden Übersetzung Annemarie Schimmels wird dort versucht, osmanische Dichtung zu vermitteln:

Meine Brust durchbohrte heut ein Liebchen, spielend Kastagnetten
Rosenwangig, rosablusig, und in Seiden, violetten.

Lichtgesichtig, silbernackig, mit zwei Schönheitsmalen, netten
Rosenwangig, rosablusig, und in Seiden, violetten.

Niemandem ist es übel zu nehmen, wenn er angesichts solcher Texte glaubt, sich für orientalische Literatur nicht interessieren zu müssen. Dass moderne Übersetzungen der klassischen islamischen Poesie möglich sind, hat die englisch- und französischsprachige Welt längst bewiesen. Wenn es dagegen hierzulande keine zeitgemäßen und repräsentativen Übersetzungen dieser Poesie mehr gibt, dürfte dies nicht nur an Übersetzern, Orientalisten und kleinmütigen Verlagen liegen: Es zeigt uns auch, wie schlecht heute, anders als zur Zeit unserer Klassik, Philologie, lebendige Literatur und geistige Neugier in unserem Land miteinander vernetzt sind.

/ Stefan Weidner, FAZ 13.1.

9. Übersetzt

Ein Band mit Liebesgedichten von Erich Fried, übersetzt von Ali Abdollahi, ist in Iran erschienen, meldet die Agentur IBNA (eine Einrichtung des iranischen Kulturministeriums). Der Artikel informiert über Frieds Übersetzungen aus dem Englischen (Shakespeare, Eliot, Dylan Thomas). Daß er zum Übersetzen kam, weil er als Jude vor Hitler nach England floh, verschweigt der Artikel wie überhaupt die Tatsache, daß er Jude war. Nicht verschwiegen wird aber, daß er umstritten war, weil er den Zionismus angegriffen habe. Ein antizionistischer Jude, das geht in der islamischen Republik (auf seinem Judesein muß man ja nicht herumreiten).

Der Artikel berichtet ferner, daß Frieds Werk hauptsächlich im Westen erschien, aber 1969 sei eine Auswahl seiner Gedichte in der DDR in der Reihe Poesiealbum erschienen, ebenso wie später seine Dylan-Thomas-Übersetzungen in der gleichen Reihe. Das stimmt, obwohl es ergänzungsbedürftig wäre. (In der DDR erschienen mehrere weitere Bände von Fried / bei dem Poesiealbum Dylan Thomas war Fried nicht der einzige Übersetzer / Fried übersetzte auch den israelischen Autor David Rokeah, der vor Hitler aus Lemberg geflohen war, aus dem Hebräischen. Zur gefälligen Benutzung durch das Kulturministerium.)

Ali Abdollahi wurde 1968 in Birjand geboren und hat u.a. Nietzsche, Rilke, Heidegger und Michael Ende ins Persische übersetzt. Seine eigenen Gedichte verfaßt er auf Persisch und Deutsch, einige finden sich in der von Gerrit Wustmann herausgegebenen Anthologie “Hier ist Iran!”

Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum. Ausgewählt und eingeleitet von Gerrit Wustmann.

Mit Gedichten von:
Ali Abdollahi, Pegah Ahmadi, Farhad Ahmadkhan, Mirza Agha Asgari (Mani), Houshang Ebtehaj (Sayeh), Sara Ehsan, Mahmood Falaki, Ali Ghazanfari, Salem Khalfani, Mina Khani, Abdolreza Madjderey, Hossein Mansouri, Abbas Maroufi, Madjid Mohit, Leila Nouri Naini, Schirin Nowrousian, Nassrin Ranjbar Irani, Shahrouz Rashid, Negar L. Roubani, Ali Akbar Safaian, Dorna Safaian, SAID, Mohammad Ali Shakibaei, Mitra Shahmoradi-Strohmaier, Mikal Numa Shayegi, Javad Talee, Sanaz Zaresani, Kathy Zarnegi.

Bremen: Sujet Verlag 2011

47. Zahlen & Fakten

Das sagte der Minister für Kultur und islamische Unterweisung in Teheran der Presse:

  • 2037 Dichter “wetteiferten” beim Internationalen Fajr-Festival, das am 5.2. auf der Insel Khark eröffnet wurde. Das sei weit mehr als im Vorjahr (1451).
  • Die Insel sei ausgewählt worden, weil sie während der “Heiligen Verteidigungsära” (1980-88) oft vom Feind angegriffen und von Islamischen Kämpfern tapfer verteidigt worden sei.
  • 27 Länder hätten sich für eine Teilnahme beworben, von denen 15 angenommen worden seien.

/ IRNA

Eine andere Nachricht ergänzt:

  • Die Teilnehmer wetteifern in verschiedenen Kategorien miteinander: Kritik und Foschung, Klassische Poesie, Abteilung Kinder und Jugendliche, Moderne Poesie, Lieder. Eine neue Kategorie ist “Der Prophet des Islam”.
  • 2012 hätten Teilnehmer aus mehreren europäischen und asiatischen Ländern teilgenommen, darunter Usbekistan, China, Georgien, Polen, Afghanistan, Pakistan, Dänemark, Indien, Kirgistan, Türkei und Südkorea.

/ presstv.ir

34. Vogelgespräche

Gibt es in Frankreichs Verlagswelt einen Nischen-Verlag, dann sind es die Editions Diane de Selliers. «Wir veröffentlichen jedes Jahr ein Werk», erklärt die Gründerin und Namensgeberin der NZZ. «Der Verlag hat vor zwanzig Jahren sein erstes Buch herausgegeben, die am 18. Oktober erschienenen ‹Vogelgespräche› von Fariduddin Attar sind also unsere 21. Schöpfung.» (…)

Für deren Ausgabe liess sie 207 persische Miniaturen etwa in Istanbul, Kabul, Kairo, New York, Teheran abfotografieren, deren Szenen oder Bildmotive mit bestimmten Passagen des mystischen Poems in Resonanz treten. Dasselbe gilt für das mit 520 japanischen Malereien illustrierte «Genji Monogatari» und das mit 660 indischen Miniaturen bebilderte «Ramayana». Beide Bände enthalten zudem ausführliche Kommentare zu jedem einzelnen Bild, die von Koryphäen verfasst wurden.

Das «Ramayana» mit seinen 1700 Seiten, seinen 14 Kilogramm Gewicht und seinen sieben Bänden (zuzüglich eines Kommentarbands) ist die bis anhin teuerste Publikation des Hauses. Der Ladenpreis beträgt stolze 950 Euro. Während keines der 21 in der «grande collection» erschienenen Werke unter einem dreistelligen Euro-Betrag zu haben ist, werden vergriffene Titel seit 2007 in der «petite collection» in einem reduzierten Format und zu einem erschwinglicheren Preis wiederaufgelegt. / Marc Zitzmann, NZZ

  • Le Cantique des oiseaux d’‘Attâr illustré par la peinture en Islam d’orient traduction intégrale versifiée par Leili Anvar, commentaires iconographiques de Michael Barry (Diane de Selliers, 2012)
  • Fariduddin Attar: Vogelgespräche und andere klassische Texte. Vorgestellt von Annemarie Schimmel. C.H.Beck
  • Navid Kermani: Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte. C. H. Beck Verlag, München 2005
  • Kenneth Avery, Ali Alizadeh (Hgg.): Attar: Fifty Poems of Attar, re-press 2007, ISBN 978-0-9803052-1-0Online (PDFOpen Access).

26. Gegen Zensur

Über 100 iranische Autoren und Übersetzer fordern in einem offenen Brief auf der Website Pendar ein Ende der Zensur. In den letzten Jahren habe sich die Zensur im Iran verstärkt. Zu den Unterzeichnern von innerhalb und außerhalb des Landes gehören Simin Behbahani und Mohammad Ghaed. In dem Brief heißt es: “Iran ist am Beginn des 21. Jahrhunderts eins der wenigen Länder, in dem Autoren den Staat um eine Druckerlaubnis bitten müssen, was nicht in der Verfassung verankert ist.” / Radio Free Europe

48. Blogger zu Tode gefoltert

Sattar Beheshti, der 35jährige iranische Blogger und Facebook-Aktivist, der nach seiner Verhaftung im Polizeigewahrsam starb, ist in seiner Heimatstadt Rabat Karim beigesetzt worden.

Oppositionelle Webseiten hatten berichtet, dass Beheshti im Verhör zu Tode gefoltert wurde.

(…)

Beheshti war am 30. Oktober von der iranischen Cyber-Polizei in seiner Wohnung verhaftet worden. Ihm wurde “Gefährdung der nationalen Sicherheit auf sozialen Netzwerkseiten und Facebook” vorgeworfen.

(…)

… Beide Handgelenke waren voller Hämatome, das bedeutet dass er (mit der als ‘Chicken’ genannten Foltermethode gefoltert wurde).”

Bei dieser von der iranischen Polizei angewandten Form der Folter werden die Gefangenen mit verbundenen Händen wie ein Huhn an der Decke aufgehängt.

“Reporter ohne Grenzen” hat die iranischen Behörden aufgefordert, die genauen Umstände von Beheshtis Tod aufzuklären.

“Die Regierung in Teheran ist ein ungeheuerliches Beispiel für den Triumph der Straflosigkeit”, so die Presseorganisation. “Bislang ist kein einziger Verantwortlicher für die Todesfälle unter Journalisten oder Netizens im Gefängnis vor Gericht gestellt worden.”

/ Julias Blog

106. Meine Anthologie 84: Hafis, Engel sah ich gestern nacht im Traum

Hafis

Engel sah ich gestern nacht im Traum
Schenkentüren schlagen, und aus Ton
formten sie den Erdensohn,
tranken danach auf sein Wohl.
Und des Himmels Bürger zechten mit
mir, dem Bettler, der am Wege sitzt.
Dem Himmel ward die anvertraute Last zu schwer;
ich, der Närrische,
bin ausersehen, sie zu tragen.
Jenen, die um Lehren Kriege führ’n, vergib!
Sähen sie die Wahrheit,
schlügen sie wohl nicht den Irrweg ein.
Lob sei Gott, daß er sich mir versöhnt!
Sufis haben tanzend ihm dafür gedankt.
Das ist Feuer nicht, in dem die Kerzenflamme
sich als Lächeln zeigt;
jene Glut ist wahre Glut erst,
deren Sein den Schmetterling verbrennt.
So wie Hafis weiß es keiner,
heimlichste Gedanken bloß zu legen,
seit die Feder der Rede Scheitel kämmt!

Aus: Hafis, Liebesgedichte. Übertragen von Cyrus Atabay. Frankfurt am Main: Insel 1980, S. 18

59

Gestern zechend, traumverloren,
hörte ich es pochen leis:
Klopfend an der Schenke Toren
standen – Engel still im Kreis.

Unsers Vaters Adam Asche
taten sie in den Pokal,
Ihr vermählend aus der Flasche
edlen Weines Purpurstrahl.

Huldvoll bot der gotterkornen
lichten Welten sel’ge Schar
Mir, dem niedern Staubgebornen,
den gefüllten Becher dar.

Fassen können Himmelshallen
nicht der Liebe Herrlichkeit,
Und mir ist das Los gefallen,
das mich ihrem Dienst geweiht!

Auf die Kunde von dem Bunde
mit der Gnadensonne Glanz
Schlingen jubelnd in der Runde
Huris den berauschten Tanz.

Soll im Leben nie berühren
eitles Streben diese Brust,
Während Adam hie verführen
konnte eines Apfels Lust?

Zweiundsiebzig Glaubenslehren
klauben Worte leer und tot;
Ihnen tagt, sie zu bekehren,
nie der Wahrheit Morgenrot.

Flamme mag ich das nicht nennen,
was auf Kerzen freundlich blinkt;
Flamme ist ein lodernd Brennen,
das den Tod dem Falter bringt.

Bräuten in der Locken Ranken,
denen Schleier, leicht und licht,
Halb nur hüllen den Gedanken,
gleicht, o Hafis, dein Gedicht.

Muhammad Schams Ad-Din Hafis: Gedichte aus dem Diwan. Unesco-Sammlung repräsentativer Werke Asiatische Reihe Ausgewählt und hrsg. v. Johann Christoph Bürgel. Stuttgart: Reclam 1992 (Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe 1977. 1. 1992) S. 94f. (Dieses Gedicht übertragen von G. Jacob)

Im Hafis hatte ich von Zeit zu Zeit gelesen, ohne sonderlichen Eindruck zu empfangen. Das mag an der Auswahl und Übertragung gelegen haben, die ich zuerst benutzt habe. Die Ausgabe von Walter Wilhelm (Insel) gibt das Bild eines harmlosen Weintrinkers und Schwerenöters, der Goethes Urteil über den persischen Dichter nicht so recht ausfüllt. – Das ändert sich jetzt. Seit ich auf die Übertragung des deutschen Dichters persischer Herkunft Cyrus Atabay gestoßen bin, arbeite ich mich mit Hilfe mehrerer deutscher und englischer Fassungen langsam hinein. Eine Entdeckung! (In nächster Zeit hier mehr Fassungen und Kommentare!)

(Meine Anthologie 2001)

71. Aserbaidschan – Iran

Der Fall der 2 aserbaidschanischen Dichter Farid Huseyn und Shahriyar Hajizade, die im Mai nach Besuch eines Dichtertreffens von iranischen Sicherheitskräften verhaftet wurden, ist immer noch ungelöst. Das aserbaidschanische Außenministerium schickte dem iranischen Außenministerium 5 Noten, in denen Aufklärung über das Schicksal der Vermißten verlangt wird. Schließlich bestätigte das iranische Außenministerium die Verhaftung der beiden und beschuldigte sie ein nicht näher bestimmtes Verbrechen versucht zu haben. Der aserbaidschanische Konsul erhielt keine Erlaubnis, die Verhafteten zu besuchen.

Staatliche iranische Medien berichteten, die beiden seien wegen Spionage für Israel angeklagt. / Orkhan Satarov, Vestnik kavkasa 14.7.