Abschied von der Poesie

Enweri (12. Jahrhundert)

Ewhadeddin Enweri, das Haupt der persischen Panegyriker, als Dichter ausgezeichnet durch den Glanz seiner Phantasie, die Pracht der Bilder und den Wohllaut der Sprache, wurde in dem Dorfe Bedna nahe bei Mehna (Distrikt Abjurd) geboren. Zu Tus am Kollegium Manssurs hatte er seinen Studien obgelegen und ward dann Hofdichter Sultan Sandschars, Nachfolgers Malikschahs in Chorassan, den er in mehreren seiner besten Kassiden überschwänglich besungen hat. Auch der Astrologie widmete er sich, aber mit weniger Glück. Als einige seiner Vorhersagungen nicht eintrafen, verfiel er dem Spotte und ging deshalb nach Balch, wo er im Jahre 1152 starb und begraben liegt. Ebenso ausschweifend wie im Lob, ist er auch im Tadel, ein beißender, galliger Satiriker alsdann. Die Triebfedern seiner poetischen Thätigkeit, seinen Charakter hat er mit einem gewissen Cynismus in dem untenfolgenden Gedichte »Ein Dichterlein frug gestern mich…« aufgedeckt.

Aus: Divan der persischen Poesie. Blütenlese aus der persischen Poesie, mit einer litterarhistorischen Einleitung, biographischen Notizen und erläuternden Anmerkungen. Hrsg. Julius Hart. Halle/Saale: Otto Hendel, 1887, S. 50

Abschied von der Poesie

Ein Dichterlein frug gestern mich: Schreibst du noch oft Gedichte? 
Ich sagte: Nein, da ich seit lang auf Lob und Schimpf verzichte. 
Warum? frug er. Weil klar mir's ward, daß Dichten nur Verirrung. 
Jetzt floh der Wahn, nie wieder kehrt der Zustand der Verwirrung. 
Einst schrieb ich Panegyriken, Satiren und Ghasele, 
Weil Habsucht, Zorn und Leidenschaft mir heiß durchtobt' die Seele. 
Pfui Liebesdichter, die die Nacht in heißer Angst verbringen, 
Wie sie am besten Zuckermund und Lockenpracht besingen; 
Pfui Lobpoeten, die den Tag in bittrer Qual durchsinnen, 
Von wem und wo am besten wol fünf Drachmen zu gewinnen; 
Pfui Satiristen, die sich freun gleich schwachen kranken Hunden, 
Wenn einen Schwächren als sie selbst, sie packen und verwunden. 
Weh euch ihr drei, die hungernden und grimmen Hunden gleichen, 
Mög' euch der Herr auf ewiglich aus meiner Nähe scheuchen! 
Ich selbst schrieb Panegyriken, Ghasele und Satiren; 
Wie konnt', o Gott, Verstand und Geist so grausam ich torquiren! 
Geschwätz und Schein, o Enweri, sind keines Mannes Werke, 
Du fehltest, segne Gott dein Wort mit Mannheit jetzt und Stärke. 
Im Winkel birg bescheiden dich, den Pfad der Rettung gehe, 
Und denke, daß des Lebens Frist dem Odem gleich verwehe.

Deutsch von Schlechta Wssehrd.

Aus: Ebd. S. 64f

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