Zeitschriftenschau: Sinn und Form 1/2017

fullsizerender-41Sinn und Form verkörpert Gediegenheit und akademische Weihen. Insofern ist Johannes R. Bechers, des Gründers, Plan wohl aufgegangen. Maß und Wert sollte seine Zeitschrift heißen (man wies ihn darauf hin, daß es bereits eine Zeitschrift mit diesem Titel gab). Sinn und Form paßte auch. – Meine Rede ist ganz unironisch. Becher kannte seine Genossen und wußte schon vor Gründung der DDR, wohin die Reise geht. Er wollte eine weitgehend unabhängige, international konkurrenzfähige Zeitschrift und hat sie bekommen. Er setzte Peter Huchel als Chefredakteur ein, der bis 1962 ohne Vorzensur arbeiten durfte. Noch jeder seiner Nachfolger in der DDR, mochte der Kurs auch schwanken, war sich der Tradition bewußt.fullsizerender-47

Prominente Namen zieren jede Ausgabe. In der ersten des 69. Jahrgangs u.a. Yves Bonnefoy, Elisabeth Borchers, Giorgos Seferis, Helmut Heißenbüttel und Norman Manea. Elisabeth Borchers erinnert sich in Tagebuchnotizen an Marie Luise Kaschnitz, Jurek Becker, Wolf Biermann, Johannes Bobrowski (sie nennt ihn Hannes), Thea Sternheim, Pierre Jean Jouve, Georges Bataille, sie kannte und besuchte sie alle, sie erzählt von Besuchen in Ostberlin und vergißt auch ihre Zeit in BDM-Uniform („Wir sangen: Eh der Fremde dir deine Krone raubt, Deutschland, fallen wir Haupt bei Haupt.“) und den fälschlich vermeldeten „Heldentod“ des Vaters nicht.

fullsizerender-43Giorgos Seferis erinnert sich in Paris 1942 an eine riskante und strapaziöse Reise durch den Suezkanal nach Jerusalem. Erzählt von der Fahrt eines Seelenverkäufers unter Panama-Flagge von irgendeinem rumänischen Hafen mit 1000 Juden an Bord nach Haifa. Die (britischen) Behörden in Palästina wollen sie nicht haben aus Furcht vor den Arabern, sie fahren zurück nach Istanbul, wo die Türken sie nicht einmal stundenweise an Land lassen, nicht einmal eine Leiter darf das Schiff auswerfen, so daß Lebensmittel in Körben an Bord hochgeseilt werden müssen. Notgedrungen geht die Fahrt ins Schwarze Meer zurück: „Im offenen Meer dringt bei schwerer See Wasser ins Schiff, es sinkt. Gerettet wurden, wie man hört, nur vierzig. Was ist das für eine Kultur, unsere Kultur, daß so etwas geschehen darf.“fullsizerender-48

Tagebuchaufzeichnungen von Mopsa Sternheim über das Frauen-KZ Ravensbrück, von ihr im Mai-Juni 1945 in Schweden und dann bis 1954 in Frankreich und Deutschland verfaßt, schwer erträgliche Szenen, ergänzen die Zeitzeugenberichte.

Es folgt ein Block über Poésie bzw. Littérature Noire, wozu man neben afrikanischen Autoren auch lateinamerikanische zählen kann, wie Aimé fullsizerender-45Césaire (Martinique), der zusammen mit Léopold Sédar Senghor (Senegal), Léon-Gontran Damas (Französisch Guyana), Guy Tirolien (Guadelupe), Birago Diop (Senegal) und René Depestre (Haiti) das Konzept der Négritude entwickelte. Ernstpeter Ruhe schreibt über Aimé Césaires Wirkung „in den deutschsprachigen Ländern“, hauptsächlich ist es die Bundesrepublik, mit einem kurzen Anhang zur DDR. Wieder einmal zeigt sich, daß die Rezeption fremdsprachiger Literatur jenseits staatlicher Förderprogramme hauptsächlich an der Person engagierter Übersetzer hängt. In der Bundesrepublik war das Janheinz Jahn, „für den das fullsizerender-46erste Auftreten Léopold Sedar Senghors 1951 in Frankfurt zum Schlüsselerlebnis wurde“. Die neoafrikanische Dichtung wurde sein Lebensthema. 1954 erschien die Anthologie Schwarzer Orpheus, ein Buch mit afrikanischer Poesie als Bestseller. In für eine erste Bestandsaufnahme äußerst beeindruckender Fülle gibt es dort (die Entkolonialisierung hatte noch kaum begonnen, Ländernamen und -grenzen weichen z.T. beträchtlich von den heutigen ab) Texte von Autoren aus: Senegal, Liberia, Ghana, Nigeria, Benin, Kongo (Kinshasa), Südafrika, Lesotho, Malawi, Sambia, Ruanda, Kenia, Madagaskar, Kuba, Jamaika, Haiti, Puerto Rico, Guadelupe, Martinique, St. Lucia, Barbados, Trinidad und Tobago (beiden Landesteilen), Guyana (Cayenne), Guyana (Georgetown), Kolumbien, Ekuador, fullsizerender-44Peru, Brasilien und Uruguay. 1954! Die Pionierarbeit Jahns kann gar nicht genug gewürdigt werden. Jahn starb früh schon 1973. Jetzt kommt laut Ruhe der andere deutsche Staat ins Spiel. Aimé Césaire war 1956 aus der Französischen Kommunistischen Partei ausgetreten und damit für die DDR zur Unperson geworden. Der Übersetzer Klaus Laabs übernimmt die Staffette und veröffentlicht 1989 eine erste Auswahl in der Weißen Lyrikreihe des DDR-Verlages Volk und Welt. (Zuvor, 1986, hatte es schon ein Heft der Poesiealbum-Reihe gegeben.) „Nach vielen Einzelpublikationen von Gedichten steht nun eine weit umfassendere, fullsizerender-39wiederum zweisprachige Edition kurz vor dem Erscheinen. Sie läßt hoffen, daß den deutschsprachigen Lesern eines Tages Césaires gesamte Lyrik zugänglich sein wird.“

Spannend(er) und Jahrzehnte voraus die Rezeption in der französischen Literatur (für die er nicht übersetzt, aber doch einmal entdeckt werden mußte). André Breton floh 1941 vor den Nazis nach Amerika via Martinique. Dort fand er in einem Kurzwarenladen ein lokales Zeitschriftenheft mit Gedichten Césaires, die ihn elektrisierten. Sie lernten sich dann kennen und beeinflußten einander – ein fullsizerender-42beidseitiger Vorgang. Der eurozentrische Blick sieht gern den (zeitweiligen) surrealistischen Einfluß auf Césaire. Ruhe schreibt: „Breton dagegen wurde nachhaltig durch die Begegnung mit der kämpferischen Lyrik Césaires geprägt und ließ fortan ein Thema in Gedichten zu. Seine »Ode an Charles Fourier« macht den Konzeptionswandel schon im Titel offensichtlich.“ Césaire wiederum: „Paßt Ihr Euch an mich an. Ich passe mich nicht an Euch an.“

In Jahns Sammlung von 1954 erhält Césaire 14 Seiten, mehr als jeder andere Dichter. Schon 1956 veröffentlichte er einen ersten zweisprachigen Lyrikband des Autors, mit dem er intensive Arbeitskontakte pflegte. 1960 veranstaltete die fullsizerender-38Akademie der Schönen Künste in München das erste deutsch-afrikanische Dichtertreffen. Ruhe urteilt, Césaires Eröffnungsrede habe bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. 1961 wurden Césaire und Senghor Mitglieder der Bayerischen Akademie und hielten ihre Antrittsreden über Poesie. Während Senghors Rede in der Akademiereihe gedruckt wurde, ist die Césaires verlorengegangen. Das Politische überwog offensichtlich (Senghor war Präsident des nun unabhängigen Senegal).

Der zweite Beitrag zum Thema Afrika kommt von dem französisch-fullsizerender-42kongolesischen Autor Alain Mabanckou, es ist seine Antrittsvorlesung am Collège de France. Ich stelle die Titel der beiden Beiträge zusammen: Die Vitalität der Poésie noire (Ruhe). / „Lettres noires“. Afrikanische Literaturen heute (Mabanckou). Der Afrikaschwerpunkt in Sinn und Form ist nicht allein informativ, er bietet viel Stoff zum Nachdenken über bewußtes Benennen und Unterscheiden. Eine Liste der von ihm verwendeten Begriffe beim Schreiben der Literaturgeschichte der kolonialen und postkolonialen Zeit in ihrer Verschränktheit mit der europäischen Politik (in zwei thematisch-chronologischen Kreisen):

  1. Kongreß der schwarzen Rasse, 1919 – der erste roman nègre (Negerroman), 1921 – Kongreß der Schwarzen Schriftsteller und Künstler, 1956 (damals wurde Paris „zum Leuchtturm der Schwarzen Welt“) – Mitte der 70er Jahre fand die uneingeschränkte Zuwanderung von Frankreich nach Afrika ein Ende, „Beginn einer Politik, die den Anderen als Ursache für die Schwierigkeiten Europas betrachtete“ – aber den teils schon in Frankreich geborenen „Schwarzen Frankreichs“ blieb die Frage, wohin sie nun gehörten – in den 80er Jahren fanden sie Platz in der Geschichte Frankreichs – in der Euphorie über die gewonnene Fußballweltmeisterschaft 1998 sah sich Frankreich als schwarz-weiß-arabische Mischkultur („Black-Blanc-Beur“) – und heute ist man immer noch unfähig, „sich Frankreich als eine Nation vorzustellen, die verschiedenartig und vielfältig und genau deshalb reich und groß ist“. – Bin ich ein Congaulois? (Mischwort aus Kongolesisch und Gaulois, Gallisch)
  2. Die Literatur Schwarzafrikas und die französische Kolonialliteratur sind fullsizerender-40untrennbar miteinander verbunden. Diese Kolonialliteratur hat eine Littérature nègre gezeugt, „der es gelang, den vom Okzident verbotenen oder konfiszierten eigenen Ausdruck durchzusetzen“, wenn auch vielfach unter Bevormundung oder unter Entfremdung, bis es mit der Négritude zum offenen Bruch kam.
    Zeit der Entdeckungsreisen ab 16. Jahrhundert (Leo Africanus). Welle von Forschungs- und Abenteuerfiktionen. „Da das Wissen ihr wesentliches Merkmal war, mußten die Fiktionen der Afrikaforschung den Gegenstand auf ihre Weise überhöhen und ihn mit vorhersehbarem Ungeschick als einen ganz besonderen, fremdartig-faszinierenden Kontinent darstellen.“ – Danach begleitete eine sog. exotische Literatur die kolonialen Eroberungen des 19. Jh. (kein Gegensatz zur Kolonialliteratur, sond. spätere Etappe). Jean-Marie Seillan, Joseph Conrad. Die in der kolonialen Propaganda Dargestellten sprachen noch nicht. Zur Hochzeit bezeichnete man die Kolonialliteratur schlicht als littérature africaine. Dann nacheinander: négrophile / esclavagiste / exotique / coloniale

Man muß das Klischee überwinden, wonach die Kolonialliteratur im wesentlichen von den Kolonisatoren verfaßt wurde. Einheimische sprachen mit, um es den anderen nicht zu überlassen. Dadurch werde der afrikanische Roman der Zeit nicht dem französischen Diskurs eingegliedert, im Gegenteil.

Die französische Literatur der Kolonien oder über die Kolonien grenzte sich von der exotischen Literatur ab, sie setzte das genaue Kennen, Erlebthaben voraus. Robert Randau, wie Kipling in den Kolonien geboren. Anders als die kurz Durchreisenden. Manche Reisende prangerten das Kolonialsystem an (André Gide, Michel Leiris), die Kolonialliteratur verteidigte es. Gide provozierte sowohl die kolonialistische Linke wie die kolonialistische Rechte.

Die Kolonisierung hat eine afrikanische Literatur in französischer Sprache hervorgebracht, aber die profitierte auch vom frischen Wind aus Amerika, wo Schwarze für ihre Rechte kämpften. In den 20er/30er Jahren kamen viele wegen der Rassentrennung ins Exil nach Europa. Die nach Paris verlegte Harlem Renaissance stärkte das schwarze Denken in den USA und beförderte die Emanzipation der schwarzen Studenten in Frankreich. Um 1956 knüpften manche an die Kolonialliteratur an, indem sie die Kolonialherrschaft beschrieben, dekonstruierten, aber auch einen neuen Blick auf den kolonisierten Raum warfen. Beispiel Bernard Dadié „Un nègre à Paris“, worin ein Afrikaner in „umgekehrtem Exotismus“ die westliche Kultur seziert.

Soweit das Skelett dieses Teils der Rede. In der zweiten wird eine neue Chronik aufgemacht, von den senegalesischen Mestizen Léopold Panet und David Boilat 1850/53 über die Négritude mit der Interaktion: „André Breton schreibt ein Vorwort für Aimé Césaire, Jean-Paul Sartre für Senghor – später auch für Frantz Fanon – und Robert Desnos für Damas.“ – bis heute. Wegen seiner Kolonialgeschichte hat Frankreich da einen Vorteil, zumindest im idealen Raum geistiger Beziehungen. Wir aber haben viel nachzuholen. (Während populistische Politiker und Richter von aufgezwungener Völkermischung faseln.)

Diese Umschau ist so lang geworden, daß ich in der nächsten Ausgabe eine Fortsetzung bringen werde. Da ist noch mehr drin!

Michael Gratz

Sinn und Form 2017-01

One Comment on “Zeitschriftenschau: Sinn und Form 1/2017

  1. Pingback: L&Poe ’17-03 « Lyrikzeitung & Poetry News

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: