Das Archiv der Lyriknachrichten | Seit 2001 | News that stays news
Veröffentlicht am 15. April 2026 von lyrikzeitung
148 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Eva Strittmatter
(* 8. Februar 1930 in Neuruppin; † 3. Januar 2011 in Berlin)
ANALYSE 1
Als ich dreißig wurde, habe ich
Ein Fest für Freunde gegeben.
Jetzt werde ich ohne Reklame alt
Und analysiere mein Leben.
Zweiundvierzig: und was bleibt als Bodensatz
Zurück aus vergangenen Jahren?
Hat wohl die Welt von mir durch mich
Etwas für sich erfahren?
War ich ein Sender oder nur
Das Echo fremder Töne?
Hab ich geschrieben, weil ich muß,
Oder mich nur ans schöne
Gewerbe angehängt, weil es der Zufall brachte,
Daß mich ein Mann zu seiner Frau
Und literarisch machte?
Das meiste an uns ist geheim.
Die Wurzeln sind verborgen:
Seit dreißig Jahren schreibe ich,
Und nicht seit heut und morgen.
Ich schreibe, wie ich existiere:
Vegetativ. Ich treibe kein
Bedarfsgerechtes Kunstgewerbe.
Schreiben ist meine Form von Sein.
Aus: Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte. Berlin: Aufbau, 2006, S. 182f (Ursprünglich in ihrem zweiten Gedichtband „Mondschnee liegt auf den Wiesen“ (1975)
Kategorie: DDR, Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Analyse 1, DDR-Lyrik, deutschsprachige Lyrik, Eva Strittmatter, Frauen in der Literatur, Lebensbilanz, Lyrik 20. Jahrhundert, Mondschnee liegt auf den Wiesen, Poetologische Lyrik, Sämtliche Gedichte, Schreiben als Existenzform, Selbstreflexion
Kann zu diesem Blog derzeit keine Informationen laden.
Neueste Kommentare