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288 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Albrecht Haushofer
(* 7. Januar 1903 in München; ermordet 23. April 1945 in Berlin)
In der letzten Nacht nationalsozialistischer Herrschaft wurden vierzehn Häftlinge des Berliner Lehrter-Straße-Gefängnisses aus ihren Zellen geholt mit der Versicherung, daß sie frei seien, daß ihre Entlassung jedoch noch in der Prinz-Albrecht-Straße bestätigt werden müsse, wohin sie sogleich gebracht würden. Als die vierzehn Ausgesonderten das Gefängnisportal durchschritten hatten, wurden sie von einer ebenso starken schwarzuniformierten Bewachungsmannschaft übernommen.
Nur wenige Schritte wurden die Gefangenen in der Frühlingsnacht geführt, während sie die befreienden Schüsse der Sieger aus nächster Nähe hörten, — dann wurden sie alle durch Genickschuß niedergestreckt.
Als man die Toten auffand, war einer unter ihnen, der ein Heft mit Gedichten in seiner Hand hielt. Es war Albrecht Haushofer. Der ihn so fand, war sein eigener Bruder, selbst nun aus der Haft befreit. Die Verse, die er aus des Toten Händen nahm, trugen die Überschrift: „Moabiter Sonette“.
Gefesselt, in der Einsamkeit seiner Zelle, hatte Albrecht Haushofer achtzig Gedichte geschrieben. Mit dem letzten Wissen der Todesnähe durchwandert hier ein ungewöhnlich tiefer und umfassender Geist noch einmal die inneren Stationen seines Daseins.
Albrecht Haushofer: Moabiter Sonette. Berlin: Lothar Blanvalet, 1946, S. 91
KASSANDRO
Kassandro hat man mich im Amt genannt,
weil ich, der Seherin von Troja gleich,
die ganze Todesnot von Volk und Reich
durch bittre Jahre schon vorausgekannt.
So sehr man sonst mein hohes Wissen pries,
von meinem Warnen wollte keiner hören,
sie zürnten, weil ich wagte, sie zu stören,
wenn ich beschwörend in die Zukunft wies.
Mit vollen Segeln jagten sie das Boot
im Sturm hinein in klippenreiche Sunde,
mit Jubelton verfrühter Siegeskunde –
nun scheitern sie – und wir. In letzter Not
versuchter Griff zum Steuer ist mißlungen. –
Jetzt warten wir, bis uns die See verschlungen.
Ebd. S. 69
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