78. Lyrikstationen 2009 (1)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

1

Unheimlich –

im Morgen Nebel Niesel Regen schweift

habe jetzt einen flow von Gedichten
Friederike Mayröcker

Es regt sich nichts, lese ich in einem Gedicht von Adrian Kasnitz in Den Tag zu lan­gen Drähten (sehr schön in dieser Sammlung von fünfunddreißig Gedichten das Seamus Heaney nachempfundene Gedicht Draht), werde aus der Lektüre heraus­katapultiert und lande in den Illmenauer Bergen, wo die Stille unheimlich unheim­lich ist:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh’
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde
Warte nur, balde
Ruhest Du auch.

Unheimlich. Mir gefriert das Blut, wenn ich diese Verse lese, und gleichzeitig beginnt es zu wallen. Dieses Gedicht gehört zu den Gedichten, die mich herauszerren aus dem soeben gelebten Moment: Ich schließe die Augen und steige, wie der chinesi­sche Maler in sein Bild, zwischen den offenen Versen in das Gedicht hinein und werde, für Augenblicke, gleichmütig verharrend der Schubertschen Vertonung lau­schend, zu diesem Gedicht. In Matthias Kehles Lyrik-Blog lese ich Jaime Gil de Biedmas Worte: Immer dachte ich, daß ich Dichter sein wollte, aber im Grunde wäre ich lieber Gedicht. Aber außergewöhnlich gelungen und besonders originell muß es sein. So wäre ich immer wieder gern Jakob van Hoddis’ 1911 entstandenes Gedicht

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Das Glücken eines Gedichts wird von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr weniger selbst­verständlich. Die ersten Gedichte vor rund dreitausend Jahren zu verfassen war zum einen ein gigantischer Schritt aus der lyrischen Sprach­losigkeit heraus, zum anderen trafen die Verfasser der ersten Verse der Menschheit nicht auf den sich gleichsam per­manent potenzierenden Ballast der Tradition. Als Dichter kann ich nicht so tun, als schriebe ich das erste Gedicht aller Zeiten – obwohl ich fürs be­sondere Gelingen u.a. auch gerade diese Grundhaltung brauche.

Ich setze mich beim Schrei­ben unablässig auseinander mit der Geschichte der für mich erreichbaren uni­versa­len Lyrik aus aller Welt, mit dem mittelalterlichen, baro­cken, romantischen, klassischen, dem modernen, post­mo­dernen und zeitgenössi­schen Gedicht, mit Hans Arp, Gottfried Benn, Rolf Dieter Brinkmann, Paul Celan, An­nette von Droste-Hülshoff, Hans Magnus Enzensberger, Elke Erb, Peter Ettl, Walter Helmut Fritz, Friedrich Hölderlin, Ernst Jandl, Thomas Kling, Axel Kutsch, Else Lasker-Schüler, Christoph Meckel, Helga M. Novak, Os­wald von Wolkenstein, Oskar Pastior, Rainer Maria Rilke, Jan Röhnert, Walle Sayer, Kurt Schwitters, Georg Trakl, Christian Uetz, Olaf Velte, Walther von der Vogelweide, Uljana Wolf, Annemarie Zor­nack (usw.), ent­scheide bei je­dem Gedicht, ob ich auf das Gedicht verzichte, das, für sich be­trachtet, keines­wegs mißlungen sein muß, gemessen an bereits ge­schriebe­nen ver­gleichbaren Gedichten aber nicht unbe­dingt gut abschneidet, näher betrach­tet also nicht not­wendig ist und un­veröffentlicht bleiben kann.

ihre dichtung hat eine meinen hals ausren­kende höhe erreicht, die so sehr weiter zu stei­gern ihre absicht ist, daß sie das alter von 150 zu erreichen prokla­miert hat.
Ernst Jandl

Friederike Mayröcker (Wörter wie rasende Sternschnuppen niederprasselnd) über­legt sich vermutlich eher selten, ob sie auf ein Gedicht verzichtet – wie auch, arbei­tet sie doch Tag für Tag immer bloß an dem einen Gedicht, das sie früh erfun­den und le­benslänglich veredelt hat. Ruhig lächelnd sehe ich sie in diesem Augen­blick konse­quent und lässig ihr mit Komma abgetrenntes, unverwechselbares usw. auf das in die Schreibmaschine eingespannte Blatt tippen.

Seit mehr als sechzig Jah­ren schreibt sie an diesem work in progress, ohne daß ich je Ermüdungserschei­nungen in ihren freimetrischen, langzeiligen, zwischen Syn­ästhesie und Katachrese schwin­genden Gedichtmontagen entdeckt hätte. 2009 er­weitert sie mit Scardanelli und dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif ihr in jeder Beziehung großes Werk um zwei weitere Bücher, deren virtuose Verwandlung der mit jedem Tag als immer zersplitterter erlebten Welt in Mayröckers Sprache mich wie jedes Mal bezaubern.

Ist Dichtung eine Form der Berührung von möglichen und wirklichen Welten? Ähnlich äußerte sich Friederike Mayröcker (die Titel locken aber die ungeheuren Bücher unge­lesen, auf dem Fußboden neben dem Bett), die in ihren neuen Gedichten so frisch und luftig und befreiend wirkt wie eh und je. Was aber sind mögli­che Welten, was wirkliche Wel­ten? Sie wird es nicht wissen, ich weiß es nicht. Es ist auch nicht weiter wesent­lich. Es gibt, glücklicherweise, diese dritte Welt, in der sich die beiden Welten berüh­ren, zu einer neuen verschmelzen. Und was für einer.

Was Friederike Mayröcker mir an lyrischen Berührungen und poetischen Verschmel­zungen schenkt, kann ich mit Wörtern schwer bloß beschreiben. Bei Richard Dove heißt es in einem Gedicht des großartigen Gedichtbuchs Syrische Skyline: FM c’est moi. Total und ur­sprüng­lich wirken diese in schwungvoller Spra­che und kapriziöser Form entworfenen, stets unvermittelt einsetz|endenden Gedichte, deren Sound sich entfaltet aus durch Allitera­tion, Anapher, Antithese, Assonanz, gelegentlich aufblit­zendem Binnen­reim, Paro­nomasie, Variation, Worthäufung, (verfremdetes, übermal­tes) Zitat usw. verknüpf­ten Assoziatio­nen, in denen buchstäb­lich ALLES zwischen Himmel und Erde – Alltag, Begegnung, Ekstase (T. S. Eliots grimmigem Gedichtauf­takt April is the cruel­lest month begegnet sie trunken frohlockend: mich betäubt die­ser April dieser süsze Monat so grün und zart), Emotion, Erinne­rung, Farbe, Freund­schaft, Liebe, Literatur, Korrespon­denz, Kunst, Melancholie (ich weine viel), Musik, Natur (Baum, Vogel, Pflanze), Reise, Sehn­sucht (ich möchte leben Hand in Hand mit Scardanelli), Spra­che, Traum, Um­welt, Wind und Wol­ken, Zu­fall, »usw.« – zu einem großen Gan­zen zusammen­fließt und die mich so teilhaben lassen an der Erschaffung dieser drit­ten Welt mit Na­men Freiheit: Ich lasse mich von meiner Sprache tragen, als sei ich aus­gestattet mit Fitti­chen und es trüge mich in die Lüfte, aber ich sehe es nicht und es musz von al­leine kommen ..

Friederike Mayröcker, die sich zu ihr Werk beeinflussenden Menschen wie H. C. Art­mann, Roland Barthes, Hélène Cixous, Jean Cocteau, Jacques Derrida, Gerhard Rühm, Friedrich Hölderlin, Ernst Jandl, Marguerite Duras, Jean Paul Sartre, Arno Schmidt und Gertrude Stein bekennt, gehört zu den von mir ganz besonders bevor­zugten Lieblingen unter den Lyrik schreibenden Menschen. So lautet mein radikal subjektives Verdikt naturgemäß: Von der May­röcker muß ich unbedingt jedes neue Buch lesen. In dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif treffe ich auf Seite 73 das Gedicht

»ich bin in Trauer tiefer als du denkst« (Dusan Kovacivics)

flackernder Schädel, meiner. Ein schräger Schein der Morgen-
sonne im Fenster Viereck graues Gewölk . . die zarte
Figur des Freundes der Freundin, danke mein
Kind
: die Stimme am Telefon, der alten Putzfrau der ich versprach
1 wenig Geld, danke mein Kind – es erinnerte mich an
T.S.Eliots Waste Land (danke mein Kind) oh ich sitze im kl.Garten
Am Mittelmeer, heute noch auf dem Wege zu dir aber
Nach Ischl. Die Meridian Rede des Paul Celan, hingeworfene
Vögel. Trage die alten Kittelchen : seien wärmer als frisches
Gewand usw., (be)schreibe die Wirklichkeitsform, sah aus dem blutenden
Fenster mit entzündetem Vergnügen und es heult der Wind (»will
Immer studieren«) zieh mich rasch an / religiöses Wolkenmeer, denke
so viel an dich möchte dich wiedersehen, so verzaubert die
Schreibkammer dasz ich weinen musz . . dies getippteste
Begräbnis : eine Art Waldes Maschine, wie die Wolken rasen
über den Himmel, als ich im kalten Zimmer (in Nässjö)
unter die Decke (raubte) verlesen während
die Schwalben funkelten und ich im Kalender schaute der wievielte
August, Klaus Schöning sagte in unserem Alter ist alles symbolisch

6.08.05

Thomas Kling unterstreicht: Die Mayröcker gehört zu den Unikatkünst­lern, und nicht zuletzt dieses Ver­dienst des unermüdli­chen Fortset­zens von Versuchs­anordnungen ist es, das ihr seit langem den Re­spekt von Autoren sichert, die gerade halb so alt sind wie sie oder noch jünger. Sie hat viele beeinflußt, das stellt sich immer deutli­cher heraus. Zu diesen zählen u.a. Marcel Beyer, Ulrike Draes­ner, Michael Donhau­ser, Thomas Kling, Michael Lentz (Die deutschsprachige Poesie ist derzeit die internati­onal bedeut­samste. Allein schon Friederike Mayröcker zu nen­nen genügt) und Peter Wa­terhouse. Mit John Ashbery und Les Murray bildet Friede­rike Mayröcker mein univer­sales Lyrikkleeblatt lebender Dichter. Ich sehe Friede­rike Mayröcker in ihrer von Büchern, Brie­fen, Heften, Zetteln übersä­ten vertrauten Wiener Woh­nung vor der Schreibmaschine sitzen, im Hintergrund läuft Musik von Johann Sebas­tian Bach und ihre Seele spannte / weit ihre Flügel aus, / flog durch die stillen Lande, / als flöge sie nach Haus, usw.

  • Richard Dove, Syrische Skyline
  • Hans Magnus Enzensberger, Rebus
  • Peter Ettl, Samtkrallen Wurzelflügler
  • Friederike Mayröcker, dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif
  • Friederike Mayröcker, Scardanelli
  • Walle Sayer, Kerngehäuse
  • Walter Helmut Fritz, Werkausgabe · poetenladen.de/theo-breuer-walter-helmut-fritz.htm
  • Adrian Kasnitz, Den Tag zu langen Drähten

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