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Veröffentlicht am 12. Dezember 2009 von lyrikzeitung
Durch Übersetzungen persischer Dichter im 19. Jahrhundert – und nicht zuletzt auch durch Goethes Arbeit am «West-östlichen Diwan» – haben deutsche Dichter ihre Faszination für die südasiatische Liedform des Ghasels entdeckt. Sie diente persischen Mystikern seit dem 8. Jahrhundert zur Beschwörung göttlicher Liebe. Dabei gab schon der weise Goethe zu bedenken, dass «die zweizeilig gereimten Verse der Orientalen einen Parallelismus fordern, welcher aber, statt den Geist zu sammeln, selben zerstreut». Wenn nun die Münchner Dichterin und Schriftstellerin Ursula Haas in ihrem Band «Ich kröne dich mit Schnee» die Form des Ghasels wiederaufnimmt, dann spielt sie mit dem erotisch-geistigen Doppelgesicht der mystischen Anrufungen, indem in ihren filigranen Liebesgedichten das Metaphysische im Erotischen oder umgekehrt das Sinnliche in der kühlen Verskonstruktion anklingt. Dabei gelingt es ihr, der Repetition des immer gleichen Reims, die schnell monoton oder beliebig wirken könnte, verschiedene zeitliche oder logische Färbungen abzugewinnen, so etwa im Gedicht «Erinnerung», wo der wiederkehrende Ausdruck «Hand in Hand» ganz unterschiedliche Nuancen von Nähe und Zuneigung aufscheinen lässt.
/ NZZ 10.12.
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Ursula Haas: Ich kröne dich mit Schnee. Gedichte und Ghasele. Verlag St.-Michaels-Bund, München 2009. 128 S., Fr. 23.30.
Kategorie: Deutsch, Deutschland, PersischSchlagworte: Ghasel, Johann Wolfgang Goethe, Ursula Haas
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