77. Aufregende Lektüre

Vor mir ein Stapel Hefte der Zeitschrift „Neue Literatur“, „Zeitschrift des Schriftstellerverbandes der SRR“, Sozialistische Republik Rumänien. Mitte der 70er Jahre hatte ich die in Buchhandlungen in Berlin und Leipzig entdeckt, später gelang es mir, sie zu abonnieren. Aufregende Lektüre besonders in den 70er und frühen 80er Jahren – ab Mitte der 80er war zu merken, daß die Bedingungen schwieriger wurden – der Exodus hatte begonnen. Hier gab es Prosa von Arno Schmidt, Sartre, Canetti, Ionesco, Golding und vielen anderen oder Briefe Paul Celans – Sachen, nach denen man gierte. Vor allem aber entdeckte ich bald Lyrik und Prosa von einem Dutzend und mehr mir bis dahin unbekannter Autoren, deutschschreibende Autoren aus Rumänien. Mai 1979: Prosa von Herta Müller (sie taucht in den nächsten Jahren öfter auf)! Dezember 1980: Gedichte von Johann Lippet, Horst Samson, William Totok, Rolf Bossert, Prosa von Richard Wagner und Herta Müller. Dezember 1981 Sonderheft Banat. Januar 1982 Franz Hodjak, Hella Bara. Das war aufregende Lektüre. Auf Vermittlung eines Kollegen, mit dem mich sonst wenig verband, er wurde später mein Chef und begann sofort, mir am Zeug zu flicken, schrieb ich eine Rezension einer rumäniendeutschen Anthologie, ich schrieb darüber: „Unbekannte Literatur, die uns angeht“.

Jetzt lese ich die Namen, Heldennamen meiner Lesejugend, in allen Tageszeitungen. Manche als Täter, die meisten als Opfer der Securitate. Auch wenn es Leute gibt, die davon nichts mehr hören wollen, werde ich fortfahren, über die Literatur und wenn der Fall eintritt, die Akten dieser Autoren zu informieren. Hier ein weiter Bericht über den aktuellen „Fall Söllner“ – auch er war damals dabei, dann nicht mehr, 1982 ging er in die Bundesrepublik.

Der Schriftsteller Johann Lippet, Mitbegründer der «Aktionsgruppe Banat», veröffentlichte im Wunderhorn-Verlag in Heidelberg einen ersten Einblick in seine Unterlagen («Aus dem Leben einer Akte»), von dessen Vorläufigkeit er allerdings überzeugt ist…

An dieser Leitlinie entlang musste Publizist und Schriftsteller William Totok besonders drastische Erkenntnisse aus seinen 1146 fotokopierten Blättern gewinnen, die in «einem beträchtlichen Umfang eine Reihe von Geheimaktionen beinhalten, von denen ich keine Ahnung hatte und die mich nach dem ersten flüchtigen Lesen einiger Dokumente nicht nur empörten, sondern auch verbitterten». Zwanzig Jahre, vom letzten Jahr am Lyzeum bis zum Fall des Kommunismus, lernte er «sämtliche Paletten der Securitate-Repression kennen, die darauf abzielte, einen als Regimegegner eingestuften Menschen zum Schweigen zu bringen, ihn zu kompromittieren und als kritische Stimme zu annullieren». Der 1975 für mehrere Monate Verhaftete konnte jetzt in Akten seiner Schriftstellerkollegen zu bestimmten Vorkommnissen die Versionen anderer Informanten lesen und ein besseres Verständnis der mit grossem Aufwand betriebenen Machenschaften gewinnen, die die Securitate bei seiner jahrelangen Überwachung veranlasste. Sein Bruder wurde aus nichtigem Anlass und ohne mittelbare Verbindung zur «Aktionsgruppe Banat» zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Den von Totok später in Deutschland publizierten, 1984 auch von Herta Müller, Richard Wagner und Helmuth Frauendorfer unterschriebenen Brief der jungen Schriftsteller an den Ersten Sekretär des Kreisparteikomitees von Temeswar, in dem die Diskriminierung und Schikanierung der Schriftsteller zur Sprache gebracht wurde, ergänzt der heutige Generalsekretär des Exil-PEN, Horst Samson, jetzt um Details der auf den Brief folgenden Interventionen und Pläne der Securitate. / Markus Bauer, NZZ 11.12.

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