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43. Celans Kastanie
Hier, an der Hausnummer fünf, hängt die Tafel zu Ehren des Dichters Paul Celan, der am 23. November 1920 in Czernowitz zur Welt kam. Wie es der Irrtum will, hängt die Gedenktafel an der falschen Stelle; über die Gründe indes kann nur spekuliert werden. Linker Hand, in jenem eher maroden Wohnhaus mit der Hausnummer drei, an dessen Aussenwänden der Putz abbröckelt, wuchs er tatsächlich auf. Durch das Gartentor, das an diesem sommerlich warmen Maitag offen steht, gelangt man in den Hof. Im ersten Stock soll er gewohnt haben. Eine Mansarde habe damals noch existiert. Mitten im Hof soll ein Kastanienbaum gestanden haben, der Kastanienbaum Celans, der damals noch Paul Anczel hiess.
Aus einem Text von Tom Schulz, der im Mai und Juni Stipendiat der Residenz Meridian in Czernowitz ist.
/ NZZ 10.6.
36. Fix Zone
Seit März bietet Frank Milautzckis Kolumne Fix Zone auf Fixpoetry eine herausragende Quelle für Kulturnachrichten. Aktuell u.a.:
Celan und Trakl – Texte als Konzept Recht neu auf Youtube sind durch den Komponisten Johannes Kreidler nach verschiedenen Vorschriften „vertonte Gedichte“ (er bedient sich dabei ausschließlich materieller textualer Aspekte = Struktur pur).
“Zeitgehöft” – 697 Gedichte von Paul Celan werden durch einen Sonifizierungsalgorithmus vertont. Jedem Buchstaben ist eine per Zufall bestimmte Tonhöhe zugeordnet. Zwischen jedem Gedicht ist eine halbsekündige Pause. Am Steinspiel: Ada Lovelace.
„Der Herbst des Einsamen“ – 180 Gedichte von Georg Trakl als Binärcode, auf der Geige gespielt. Die Gedichte liegen als Binärcode vor. Auf der Geige wird der Ton „d“ entweder auf der leeren Seite (0) oder mit dem 1. Finger gegriffen (1) gespielt. Claude Shannon spielt die Violine.
Johannes Kreidler über das geflügelte Wort „Anything goes“: „Weil die Digitalisierung ein Massenphänomen ist, heißt für mich mit dieser Technologie zu komponieren, gesellschaftlich aufgeweckt und thematisch bezogen zu komponieren. Das „Anything“ ist kein Selbstzweck, sondern ein riesiges Repertoire, aus dem ich aus inhaltlichen Gründen wähle, ob die Klarinette in pianopianissimo-Septolen oder einen Drumloop – jedenfalls kann beides Neue Musik sein. Der Kunstcharakter liegt für mich nicht mehr definitorisch an der klanglichen Oberfläche und in der strukturellen Tiefe, sondern wesentlich in Konzepten und Semantiken.“
99. Wohin reiste Celan?
1970 erschien in einem Frankfurter Verlag ein Materialband zu Paul Celan. Herausgegeben hatte ihn eine junge Germanistin, geboren 1938, die 1968 mit einer Arbeit über diesen jüdischen Dichter promoviert hatte. Das Buch wurde dem Literaturwissenschaftler Peter Szondi zugesandt, einem Freund Celans. Er bedankte sich bei der Herausgeberin und stellte für sie eine Liste mit Fehlern zusammen, zu berichtigen in der zweite Auflage. Am Ende dieser Liste hieß es lapidar: 1969 fuhr Celan nicht nach Palästina, sondern nach Israel.
Damit legte er einen frappanten Fall von gespaltenem Bewusstsein bei der Herausgeberin offen. Diese, gewiss nicht ohne Empathie für Celan, kannte zweifellos dessen Gedicht „Denk doch“ von 1967, geschrieben unter dem Eindruck des Sechs-Tage-Krieges, in Deutschland veröffentlicht in der Zeitschrift Akzente. 1968 bildete es den Schluss des Gedichtbands „Fadensonnen“. Die Anfangszeilen lauten: „Denk dir: / der Moorsoldat von Masada/ bringt sich Heimat bei“. Der jungen deutschen Germanistin wird nicht entgangen sein, dass Celan mit Kopf und Herz für Israel eintrat. Aber das ignorierte sie. / Jürgen Busche, Freitag 15
81. 14. Nahbellpreis 2013: THOMAS KUNST
“Eine mutige Entscheidung deshalb, weil ich fast zehn Jahre darauf warten musste, einen neuen Verleger für meine Gedichte zu finden, und weil meine Gedichte den falschen Zauber von Wissenschaftsschmeichelei und Bildungsdemonstration schon immer ignoriert haben. Was nicht alles in heutigen Gedichten so vorzukommen hat, wegen der permanenten Angst, eine angestrebte Weltläufigkeit zu verfehlen, alles, bis auf die unbefangene Eindringlichkeit der täglichen Verwunderung, in ihrer vertrauensenergischen Zuneigung gegenüber den Dingen und Menschen, die in diesem Land nicht die geringste Bewandtnis haben.”
8 NAHBELLPREISFRAGEN von Tom de Toys an Thomas Kunst: “WENN DIE GEWÖHNLICHSTEN DINGE IRRITIEREN” (INTERVIEW 2013 VIA FACEBOOK)
Das Interview wurde vom 12. bis zum 17.4. 2013 via facebook geführt. Seine Antworten sind so flüssig und authentisch wie seine wirklichkeitsverspielten Gedichte, die nur auf denjenigen “schwierig” wirken, der sich nicht traut, sie DIREKT zu interpretieren, ohne komplexe Hinterebenen aufspüren zu müssen, von denen natürlich trotzdem Unmengen vorhanden sind, aber das liegt wohl eher am naturell von Poesie im Allgemeinen: ihre Fähigkeit zu irritieren…
Auszug:
03.NAHBELLPREISFRAGE 13.4.2013:
hast du deine frühen gedichte damals jemandem gezeigt (gab es “verständnislose” reaktionen?) oder gar irgendwo veröffentlicht? oder waren sie “für die schublade” geschrieben? und gab es ein einschneidendes erlebnis, durch das du von celan “aufgetaut” bist? mit welchen dichtern fühlst du dich heute seelisch oder/und stilistisch verwandt?
03.NAHBELLPREISANTWORT 14.4.2013:
ich zeigte die ersten gedichte dem stralsunder dichter uwe lummitsch…er war es: der mich ermutigte: niemals mehr damit aufzuhören…das war so etwa 1982…ich war siebzehn…dann kämpfte ich so an die vier: fünf jahre mit celan: und um 1986 herum begann ich: die gedichte zu schreiben: zu denen ich auch heute noch stehen kann…die ablösung von celan kam schlagartig…durch die geburt meiner tochter charlie…1986…ich hatte sehnsucht nach mehr klarheit: nüchternheit und auch lakonie in gedichten…christoph meckel: thomas brasch: nicolas born: ulrich zieger…das waren die dichter: die mich von anfang an begleiteten…
parallel dazu immer auch viel franzosen: maurice blanchot: roland barthes: hervé guibert: emmanuel bove…ich freue mich im übrigen sehr über den diesjährigen nahbellpreis: mein lieber tom.
(…)
05.NAHBELLPREISFRAGE 15.4.2013:
wie ist es denn zu der “wertschätzung” von seiten der weiskopf-preisstifter gekommen? wurdest du von einem renommierten kollegen empfohlen, so daß sein wort genügend gewicht hatte? oder war es irgendeine andere form von “klüngel”, der du dich nicht entziehen konntest? und seitdem kein weiterer preis mehr? aber einige stipendien, die vermutlich eine “weisköpfische” nachwirkung sind, oder?
05.NAHBELLPREISANTWORT 15.4.2013:
in der weiskopf jury damals: peter geist : oskar pastior und paul wühr…es standen wohl erst ganz andere namen zur debatte…glück spielt oft eine große rolle…fuhr im letzten jahr nach etwa 20 jähriger bewerbung zum lyrikpreis nach meran…den hätte ich gern bekommen: hatte allerdings kein glück…meine letzten 4-5 lyrikbände sind preislos geblieben: darüber bin ich wirklich sehr erstaunt und auch wütend: es ist oft so: als existierte ich da draußen überhaupt nicht: feridun zaimoglu schrieb mal vor jahren in der faz über meine gedichte: “Wer wie er das schöne Gift gegen die Mickrigkeit reicht, wer wie er ein pathetisches und sehr melancholisches Verhältnis zum Leben hat, müsste – wenn es im Literaturbetrieb mit rechten Mitteln zuginge – mit Preisen überschüttet werden.” so etwas wird von den wenigsten gern zur kenntnis genommen…aber ich laß mich von alldem nicht entmutigen…über die stipendien in rom und venedig war ich sehr dankbar…wenn für meinen neuen gedichtband wieder kaum eine anerkennungsform in sicht ist: dann halte ich die gerechtigkeit für einen überholten konditionsausgleich und freue mich auf eine neue müdigkeit…darin bin ich jedenfalls norddeutsch geschult…diese sturheit treibt mir niemand aus…oft bin ich so verzweifelt: daß ich merkwürdige dinge von mir gebe: die größenwahnsinnig und traurig zu gleich sind: was die wahrnehmung gegenüber meinen texten anbelangt: jetzt schließe ich: bevor die betroffenheitsnötigung in die niedrigere spielklasse absteigt…
06.NAHBELLPREISFRAGE 15.4.2013:
ich denke, damit sprichst du vielen kollegen aus der seele, denn du bist ja nicht der einzige, dem es so ergeht bzw der sich so ungerecht behandelt fühlt. wenn alle, die ihre bände für wichtig halten, einen preis bekommen sollten, dann müssten wohl noch ein paar preise mehr erfunden werden, oder? es gibt doch weit mehr “gute” lyrik als preise, oder nicht? wie ist dein verhältnis zu anderen, derzeit aktiven lyrikern? pflegst du viele kontakte? oder bist du der zurückgezogene privatmensch? gibt es “ganz junge” autoren, die dich begeistern, die du als “dichter der zukunft” bezeichnen würdest, so wie lummitsch dich damals?
06.NAHBELLPREISANTWORT 16.4.2013:
die anzahl der lyrikpreise liegt bei über 700…ich finde: das ist völlig ausreichend: “sich wichtig finden” und “wichtig sein” sind zwei unterschiedliche dinge…die lesenswerten gedichte in deutschland halte ich für höchst überschaubar…also teile ich deine aussage: daß es mehr gute lyrik als preise gibt: nicht im geringsten…mit gedichten z.bsp. von ulrich koch: volker sielaff: nancy hünger: norbert lange: steffen popp und andré rudolph verbringe ich sehr gern meine zeit: unter den ganz jungen autoren sehe ich bislang keinen oder keine: die mit einer selbstbewußt ausgeprägten einzelsprache aufzutreten in der lage wären…(lautes aufbrausen der stimmen am rand…geschenkt)
ich war nie der auffassung: daß wir hier in deutschland in den letzten 10 bis 15 jahren über eine unverwechselbare: großartige: ideen- und sprachbesessene lyrik verfügen würden…immer zuviel gerede über zuwenig gedichte…bis auf wenige ausnahmen: sehr wenige…
73. Land der toten Dichter
Zur Wahrnehmung deutschsprachiger Lyrik im Ausland
Vor genau 200 Jahren veröffentlichte die französische Autorin Madame de Staël ihr Buch De l’Allemagne, in dem sie die Auffassung vertrat, bei den Deutschen handele es sich um ein „Volk der Dichter und Denker“. Mittlerweile ist diese Formel zum Allgemeinplatz geworden – nur mit der Wahrnehmung der Deutschen als „Dichter“ ist es im Ausland nicht mehr weit her.
Zwar werden durchaus noch deutschsprachige Lyriker in andere Sprachen übertragen: Die Gedichte von Paul Celan etwa sind in über dreißig Sprachen übersetzt, es gibt Gesamtausgaben auf Englisch und Chinesisch, demnächst erscheint eine zehnbändige Ausgabe auf Ukrainisch. Und das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse wurde in über sechzig Sprachen übertragen und ist damit, wie die Leiterin der Abteilung Rechte & Lizenzen beim Suhrkamp Verlag Petra Hardt formuliert, „weltweit das erfolgreichste deutsche Gedicht“. Aber zeitgenössische Lyriker haben es eher schwer.
Unter den noch lebenden Dichterinnen und Dichtern, die bei Suhrkamp erscheinen, liegen nur von fünf fremdsprachige Monographien vor, der letzte große Erfolg eines deutschsprachigen Dichters im Ausland liegt Jahrzehnte zurück: „Das war“, so Hardt, „in den Siebzigerjahren Hans Magnus Enzensberger mit seiner politischen Lyrik“. Beim Hanser-Verlag ist die Situation ähnlich: „Wenn ich im Jahr zwei Verträge für Gedichtbände etwa von Oskar Pastior oder Herta Müller machen kann, dann freue ich mich“, erzählt Friederike Barakat von der Auslandsrechte-Abteilung. „Im Prinzip ist jeder Lizenzverkaufsvertrag für einen Gedichtband, der dann auch erscheint, ein Erfolg.“
Warum aber ist die jüngere Lyrikszene in der ausländischen Verlagslandschaft so wenig präsent? „Die Situation könnte damit zu tun haben, dass deutsche Literaturvermittlung immer sehr marktorientiert betrieben wird“, vermutet die Dichterin und Verlegerin Daniela Seel vom auf Lyrik spezialisierten Verlag kookbooks. „Und Lyrik funktioniert eben nirgendwo über den Markt − man muss andere Kanäle haben: Festivals, Dichter, die aus anderen Sprachen übersetzen, und so weiter.“ Die Literaturwerkstatt lädt daher jeden Sommer internationale und deutschsprachige Dichterinnen und Dichter nach Berlin ein, um im Rahmen der Veranstaltungsreihe VERSschmuggel Gedichte über die Sprachgrenze zu bringen und den Kontakt zwischen Lyrikern aus unterschiedlichsten Kulturräumen zu vertiefen.
An deutschen Kulturinstitutionen im Ausland hingegen wird die Vermittlung von Gegenwartslyrik nur überaus zögerlich oder gar nicht betrieben. Das German Book Office in New York, das deutschsprachige Bücher an nordamerikanische Verlagshäuser vermittelt, hat sich, so Leiterin Riky Stock, „in den letzten Jahren auf Romane, Kinder- und Jugendbuch und Sachbuch konzentriert und nicht aktiv Lyrik angeboten.“ Auch am Goethe-Institut spielt Lyrik kaum eine Rolle: „Wir kaufen so gut wie keine Gedichtbände“, so Edna McCown, Library Project Manager an der New Yorker Dependance: „Lyrik wird einfach kaum ausgeliehen.“
Die in Berlin und New York lebende Schriftstellerin Uljana Wolf bestätigt, dass ihre Verbindungen zu ausländischen Verlagen noch nie über das German Book Office oder das Goethe-Institut zustande gekommen sei, sondern stets über eigene Kontakte: „Die Paarung von Übersetzerin und Lyrikerin muss eben genau passen, damit ein tolles Buch entsteht“. Dessen ungeachtet wäre eine gezielte Förderung deutscher Lyrik im Ausland aus ihrer Sicht durchaus wünschenswert. „Es würde für den Anfang schon reichen, wenn die gegebenen Institutionen ihre strukturelle Blindheit gegenüber der Lyrik aufgeben würden. Das Goethe-Institut in New York zum Beispiel macht keine Veranstaltungen mit Lyrikern, wenn keine gedruckten und verkaufbaren Übersetzungen vorliegen − wie aber sollen die zustande kommen, wenn keine Vermittlung durch Lesungen geschieht?“
Dass es auch anders geht, zeigt etwa der Nederlands Fonds voor de Letteren. Das niederländische Literaturfonds gibt regelmäßig kleine kostenlose Heftchen mit Probeübersetzungen aus dem Werk eines Dichters oder einer Dichterin heraus, die Appetit auf mehr machen sollen: „Da habe ich eine ganze Reihe davon im Regal stehen“, so kookbooks-Verlegerin Daniela Seel. Darüber hinaus findet sie, dass es Orte geben sollte, „wo man sich informieren kann, was gerade passiert in der Lyrikszene des jeweiligen Landes beziehungsweise der jeweiligen Sprache.“ Bisher existieren solche Orte vor allem in der virtuellen Welt – zum Beispiel in Form der Webseite lyrikline.org. „Auch international ist das eine der umfassendsten frei zugänglichen Online-Datenbanken für Gegenwartsdichtung in Übersetzung“, so Seel. „Sie weiter auszubauen, wäre ein großer Gewinn.“
Die Literaturwerkstatt Berlin führt eine Kampagne zur Gründung eines Deutschen Zentrums für Poesie. Dieses Poesiezentrum wird Informations-, Arbeits-, Begegnungs- und Veranstaltungsstätte für Dichterinnen und Dichter sein, für die interessierte Öffentlichkeit aller Altersstufen, für Verleger, für Lernende und Lehrende, für Medien und Multiplikatoren aus dem In- und Ausland. Weitere Informationen finden Sie unter www.poesiezentrum.de
Literaturwerkstatt Berlin
15. Quellenarbeit
Verfolgt man das endlose Gerede in Medien und Blogs und an den Stammtischen, mag man schon irre werden am Menschen und der Möglichkeit des Gesprächs, das wir seit Hölderlin* sind. Verwirrte Lehre zu verwirrtem Handeln, so faßte schon Goethe zusammen. In der Tat, mancher der Mitredenden handelt ja später, wie ers nicht besser hörte.
Wie wohltuend dann, in einem Gedichtbuch zu lesen. Das Gespräch mit einem Gedicht zu führen, das man mehrmals liest und bedenkt. Dabei beobachtend wie es selbst schon ein Gespräch zwischen seinen Zeilen und Worten ist. Wie es ins Gespräch mit den anderen Gedichten im Band tritt, und mit anderen, direkt oder indirekt, bewußt oder unbewußt zitierten Sätzen. Ein Stimmengewirr, in dem Ordnung und Chaos zugleich walten.
Die Gedanken kamen mir, als ich in Bertram Reineckes “Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst” las. Ich las das Sonett “Ich zöger noch, mir jenen Kinderort” und fand in der Anmerkung zur Entstehung dieses Gedichts, das auf einem Prosagedicht Jürgen Beckers basiert, Überlegungen des Autors zu alten und neuen Denkstrukturen. Dann ging ich zum fünfteiligen Titelgedicht, und hier fand ich dann in den Anmerkungen folgende Reflexion:
Damit man nicht in einen solchen Text wiederum seine Vorurteile über diese Zeit und deren Autoren hineinträgt, sondern deren Vorstellungen herausarbeitet, ist hier eine besonders strenge Quellenarbeit notwendig. So darf das Montageverfahren Inhalte nur neutral zusammenziehen und nicht durch geschickte Kombinatorik versuchen Witz zu erzeugen, wie es in den Texten nach der Centoregel geschieht.
Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. Hrsg. Ulf Stlterfoht. (roughbook 019). Leipzig, Berlin und Solothurn, 2012, S. 81.
Ah danke. Abermals, abermals. Poetry made my day. Weggebeizt das bunte Gerede des An-/erlebten – das hundert-/züngige Mein-/gedicht, das Genicht.
*) Paulus / Gilgamesch
63. Verse vom Freitod?
Am 27.12. 1925 nahm sich der russische Dichter Sergej Jessenin das Leben. Im Hotel “Angleterre” im damaligen Leningrad schnitt er sich eine Vene auf und erhängte sich dann. Und hinterließ ein Abschiedsgedicht – kolportiert wird, er habe es in Ermangelung von Schreibmaterial mit seinem Blut geschrieben.
До свиданья, друг мой, до свиданья.
Милый мой, ты у меня в груди.
Предназначенное расставанье
Обещает встречу впереди.
До свиданья, друг мой, без руки, без слова,
Не грусти и не печаль бровей,
В этой жизни умирать не ново,
Но и жить, конечно, не новей.
In der Übersetzung Paul Celans:
Freund, leb wohl. Mein Freund, auf Wiedersehen.
Unverlorner, ich vergesse nichts.
Vorbestimmt, so wars, du weißt, dies Gehen.
Da’s so war: ein Wiedersehn versprichts.
Hand und Wort? Nein, laß – wozu noch reden?
Gräm dich nicht und werd mir nicht so fahl.
Sterben –, nun, ich weiß, das hat es schon gegeben;
doch: auch Leben gabs ja schon einmal.
Aus: Sergej Jessenin: Gedichte. Russisch und deutsch. Hrsg. Fritz Mierau. Leipzig: Reclam 1981 (4., veränd. u erw. Aufl.), S. 226f.
Das Gedicht wurde unmittelbar darauf veröffentlicht. Jessenin war bei einem breiten Publikum beliebt. Wladimir Majakowski empfand das als sozialen Auftrag:
Jessenins Ende erweckte Trauer, ganz gewöhnliche, menschliche Trauer. (…) Aber am Morgen brachten die Zeitungen seine Abschiedsverse (…)
Mit diesen Zeilen war der Tod Jessenins eine literarische Tatsache geworden.
Es war sofort klar, daß dieses starke Gedicht eben als Gedicht eine große Zahl Schwankender zu Strick und Revolver greifen lasssen würde.
Und keine, aber auch gar keine Zeitungskommentare und -artikel waren in der Lage, dieses Gedicht auszulöschen.
Gegen dieses Gedicht konnte und mußte man mit einem Gedicht, und nur mit einem Gedicht, kämpfen.
Wladimir Majakowski: Wie macht man Verse? Deutsch von Siegfried Behrsing. Berlin: Volk und Welt 1949, S. 66f. (Später in der Übersetzung von Hugo Huppert in der fünfbändigen Werkausgabe beim Verlag Volk und Welt und als Suhrkamptaschenbuch unter dem gleichen Titel.)
Majakowski beschreibt in diesem auch heute noch lesenswerten Aufsatz seine Arbeitsweise.
AN SERGEJ JESSENIN
Sie sind weg,
aaaaaaaaaaa wie’s heißt:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa in eine andere Welt.
Leerer Raum…
aaaaaaaaaaaaa Flugs – zu den Sternenlichtern!
Keinen Vorschuß,
aaaaaaaaaaaaaaa Bier und Bar entfällt.
Nüchtern…
Nein, Jessenin,
aaaaaaaaaaaa mir gelingt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa kein Lächeln, −
Schmerz,
aaaaaaa nicht Spott,
aaaaaaaaaaaaaaaaa hält mich beim Hals gepackt.
Und ich seh:
aaaaaaaaaaa Blut strömt von Ihren Knöcheln,
und Sie schwingen
aaaaaaaaaaaaaaaa Ihren Knochensack.
Schluß,
aaaaaa jetzt hörn Sie auf!
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Sind Sie nicht bei Verstande?
Wünschen Sie
aaaaaaaaaaaa die eigenen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Wangen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa totenbleich?
Der Sie
aaaaaa sonst
aaaaaaaaaaa den kühnsten Spaß verstanden −
wer
aaa auf Erden
aaaaaaaaaaa tat es Ihnen gleich?!
Ach warum?
aaaaaaaaaa wozu!
aaaaaaaaaaaaaaa Vergeblich mein Gegrübel.
Krittler nörgeln:
aaaaaaaaaaaaaa schuld an dem Kollaps
wäre dies und das,
aaaaaaaaaaaaaaaa vor allem
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa ein Hauptübel:
wenig Massenfühlung,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa folglich Bier und Schnaps.−
Sehn Sie,
aaaaaaaa hätt auf Sie
aaaaaaaaaaaaaaaaa statt der Boheme
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa die Klasse
eingewirkt,
aaaaaaaaaa man brauchte keinen Nekrolog.
Leider
aaaaa trinkt die Klasse
aaaaaaaaaaaaaaaaaa auch nicht Kwaß und Wasser,
sondern kippt
aaaaaaaaaaaa im Durstfall
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa einen steifen Grog.
Hätt man Ihnen
aaaaaaaaaaaaa einen der „Wachtposten“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa beigestellt,
hätten Sie
aaaaaaaa inhaltlich
aaaaaaaaaaaaaaaa viel gewonnen:
hätten
aaaaa täglich
aaaaaaaaaaa hundert Verse
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa hergestellt,
lang
aaa und langweilig
aaaaaaaaaaaaaaa wie von Doronin.
Doch ein solcher Wahnwitz,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa scheint mir,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa hätte wohl
nur beschleunigt
aaaaaaaaaaaaaa die selbstmörderische Eile.
Besser noch
aaaaaaaaaa ein Tod im Alkohol
als vor Langeweile!
Weder Strick
aaaaaaaaaaa noch Federmesser
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa lösen
uns das Rätsel
aaaaaaaaaaaa des Verlusts,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa den wir erlitten.
Vielleicht,
aaaaaaaa wär im „Angleterre“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Schreibzeug gewesen,
hätten Sie sich nicht
aaaaaaaaaaaaaaaa die Adern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufgeschnitten.
Gleich sind da Nachahmer,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa rufen: „noch einmal!“
Kompanieweis
aaaaaaaaaaaa suchen sie den Freitod.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Ist das schön:
daß die Selbstmordziffer
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa steigt?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Sinnlose Zahl!
Besser wärs,
aaaaaaaaaa die Produktion von Schreibzeug
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa zu erhöhn!
Ihre Zunge
aaaaaaaaa schweigt,
aaaaaaaaaaaaaaaaa verbissen und entgeistert.
Für Mysterien
aaaaaaaaaaaa ist hier nicht die Stimmung,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa nicht die Stelle.
Dem Genie des Volks,
aaaaaaaaaaaaaaaaaa dem weisen Mundwerksmeister,
starb
aaaa ein klangfroh
aaaaaaaaaaaaaaaa trunkener Lehrbursch und Geselle.
Leichenbitter-Verse
aaaaaaaaaaaaaaaaa bringt man,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa abgequält
und kaum umgemodelt,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa von den Feiern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa früherer Toten:
Reime werden
aaaaaaaaaaaa stumpf
aaaaaaaaaaaaaaaaaa ins frische Grab gepfählt.
Wird dem Dichter
aaaaaaaaaaaaaaa so
aaaaaaaaaaaaaaaaa der letzte Gruß entboten?
Ihnen
aaaaa ist kein Denkmal noch gegossen,
keine Bronze
aaaaaaaaaaa klingt
aaaaaaaaaaaaaaaa und kein Granitschliff
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa glitscht.
Doch an das Gedächtnisgitter
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa klatscht schon
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa unverdrossen
Widmungskitt
aaaaaaaaaaaa und Memoirenkitsch.
Schon ins Schnupftuch geschneuzt
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa ist Ihr Namen,
Ihr Lied
aaaaaaa plärrt Sobinow
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa empfindsamen Damen,
greint
aaaaa im jämmerlichen Birkengrün:
„Kein Wort, o Freund, kein Seufzer.“
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Den Tenor,
oh,
aaa den knöpften Sie sich anders vor,
diesen saubern
aaaaaaaaaaaaa Leonid von Lohengrin!
Ja, Sie führen drein
aaaaaaaaaaaaaaaa mit Flüchen, Püffen:
„Ich verbiete,
aaaaaaaaaaa Poesie zu speicheln
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa und zu kaun!“
Mit betäubenden
aaaaaaaaaaaaaa Dreifinger-Pfiffen
täten Sie
aaaaaaa den Drei-Etagen-Fluch
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufbaun!
daß er dies untüchtige
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa Gezüchte
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa züchtige,
bis die Rockschöße
aaaaaaaaaaaaaaaa an ihm
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa wie Segel wehn;
daß ein Kogan
aaaaaaaaaaaa krach,
aaaaaaaaaaaaaaaaa in alle Winde sich verflüchtige,
mit dem Schnurrbart
aaaaaaaaaaaaaaaaa unterwegs
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa aufgabelnd irgendwen.
Noch ist
aaaaaaa diese Welt
aaaaaaaaaaaaaaaa vom Lumpenpack verschandelt.
Viel gibts noch zu tun −
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa man fahre drein!
Unser Leben
aaaaaaaaaa sei erst
aaaaaaaaaaaaaaaa ganz verwandelt,
dann, hernach,
aaaaaaaaaaaa soll es besungen sein.
Diese Zeit
aaaaaaaa ist für die Schreibkunst schwierig;
aber sagt,
aaaaaaaaa ihr Krüppel,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa wann und wo ihr saht,
daß ein großer Geist.
aaaaaaaaaaaaaaaaa auf leichtes Spiel
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa begierig,
den breit ausgetretnen
aaaaaaaaaaaaaaaaaa Weg
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa betrat!
Wort -
aaaaa Heerführer
aaaaaaaaaaaaaa aller Menschenkraft.
Marsch!
aaaaaaa daß hinten
aaaaaaaaaaaaaaaa Zeit
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa in Schweifraketen berste.
Ins Vergangene sei
aaaaaaaaaaaaaaaa vom Wind
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa zurückgerafft
nur des Haares wirre Schwärze.
Unser Erdplanet erweist
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa den Lustbarkeiten
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa wenig Gunst.
Jede Freude
aaaaaaaaaa muß
aaaaaaaaaaaaaa dem Kommenden
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa entrissen werden.
Sterben
aaaaaa ist hienieden
aaaaaaaaaaaaaaaaa keine Kunst.
Schwerer ists:
aaaaaaaaaaaa das Leben baun auf Erden.
Mein Freund Michael Gawenda aus Stralsund hat es nicht mehr ausgehalten mit sich, mit uns. Vor wenigen Tagen nahm er sich das Leben. Ich kannte ihn länger als ein Vierteljahrhundert. Er war Student in Greifswald, schrieb Gedichte, rimbaldesk. Wenn ich ihn viel später traf, zitierte er manchmal Verse, die er zuerst von mir gehört hatte. Vielleicht Karl Mickel, Georg Trakl, Inge Müller, Hölderlin, Rimbaud, Cummings. Es könnten auch diese von Majakowski gewesen sein. Bei einem frühen Selbstmordversuch verbrannte er ein langes Manuskript und wollte hinterher, aber wurde gerettet. Jetzt hat er es geschafft, für ihn wohl eine Erlösung. Aber den Seinen fehlt er. Ach, es ist nicht richtig, daß die Alten den Jüngeren nachrufen.
Gedichte helfen nicht (auch Majakowski war nicht zu helfen). Sie machen das Leben nicht besser, aber für manche erträglich. Wer von uns könnte leben ohne den Trost der Gedichte? Aber er wirkt nur für die Dauer des Gedichts, während wir es lesen oder anderen vortragen.
40. “Außenseiter”
Aber sobald man über Henri Thomas zu sprechen beginnt, befindet man sich zunächst in einem produktionsästhetischen Aufzählmodus. Denn da sind die etwa zwanzig Romane, die vielen Erzählungen, ein Dutzend Gedichtbände nebst Tagebüchern und Essais, und nicht zu vergessen: zahlreiche Übersetzungen aus dem Deutschen (u. a. Jünger, Goethe, Stifter, Kleist, Achim von Arnim, Brentano), dem Englischen (u. a. Shakespeare, Melville, Faulkner) oder dem Russischen (Puschkin). All das konnte ihn indessen über einen hartnäckigen Insiderkreis hinaus in Frankreich kaum nachhaltig bekannt machen. Leben und Werk beschreiben ihn als einen Aussenseiter des Literaturbetriebs – was im Übrigen auch nur eine abgedroschene Standardfloskel der Rezeption ist.
Auch sonst hielt man sich über Jahre hinweg – vorsichtig ausgedrückt – bedeckt. Deutsche Verlage stuften Thomas bei aller attestierten Wertschätzung als «schwierig» ein (eine Umschreibung für schwer verkäuflich). Vor vier Jahren wagte Suhrkamp mit dem bereits erwähnten «Vorgebirge» einen Vorstoss in Sachen Thomas-Übersetzung. Ein, wie sich herausstellte, durchsichtiges Unterfangen, in erster Linie der Tatsache geschuldet, dass Paul Celan rund fünfzig Jahre zuvor den Grossteil der Übersetzung des mit dem Prix Femina ausgezeichneten Romans «Le promontoire» besorgt hatte (und sich kurz vor Fertigstellung mit dem Verlag überwarf). Entsprechend wurde mit dem Buch geworben: Auf der Banderole war Celans Name grösser verzeichnet als derjenige des Autors. / Thomas Laux, NZZ
31. Dürrson, Szymborska, Hauge
1959 erschien sein erster Gedichtband, “Blätter im Wind”, viele weitere sollten folgen. Zudem übersetzte er aus dem Französischen: Rimbaud, Michaux und Yvan Goll. Dürrson, der 2008 auf Schloß Neufra bei Riedlingen starb, blieb zeitlebens der große Ruhm versagt. Sein aus dem Nachlass von Volker Demuth publizierter Band “Denkmal fürs Wasser” (Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2012) bietet nun eine gute Gelegenheit, den Dichter Dürrson neu- und wiederzuentdecken.
Dürrson hat mit diesem Buch dem alles umspannenden Raum des Wassers ein Denkmal gesetzt, das sich, darf man so sagen, “gewaschen hat”. Dabei wäre ihm das Material zu diesem weitausgreifenden Projekt beinahe außer Kontrolle geraten: einmal wurde das Manuskript von einem Windstoß über die Reling eines Schiffes gefegt, ein anderes Mal samt dem Fahrzeug, in dem es sich befand, gestohlen. Dürrson versuchte, das Möglichste aus seinem Gedächtnis zurückzugewinnen, aber freilich, die ursprüngliche Fassung blieb, wie er in einer Nachbemerkung zum Buch schreibt, “uneinholbar”.
Wir können nicht darüber richten, wie viel von der “Gurgelsprache der Quellen” Dürrson tatsächlich noch zu retten gelang. Bei diesem Dichter jedenfalls begegnet uns das Wasser in vielerlei Gestalt, wird es nahezu zu einem eigenen Charakter: mal unbezwinglich, mal vom Menschen domestiziert. Und Dürrson warnt: “wer ihm Rhythmen / austreiben will und // also den Fluss begradigt / verkrümmt stattdessen / die Erde.” Dürrsons großer Zyklus “Denkmal fürs Wasser” ist zugleich Lehrgedicht und Formenlehre des Meeres, seiner “Ur-Hohlformen”, “Wellungen Faltungen Ein- und Aus- / stülpungen”.
(…)
Mehr Ruhm zu Lebzeiten abbekommen hat eine Dichterin, von der es jetzt ebenfalls Gedichte aus dem Nachlass gibt: Wislawa Szymborska. Die 1996 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Polin hat das Buch “Glückliche Liebe und andere Gedichte” (Suhrkamp Verlag, 2012) noch zusammen mit dem Verlag geplant; nun ist es allerdings zu ihrem Vermächtnis geworden, denn Szymborska starb im Februar diesen Jahres. Sie sei, schreibt ihr Kollege Adam Zagajewski, stets um das “Originelle, Spannende” bemüht gewesen: “Sie liebte Konversation, gab sich ausgefallenen Lektüren hin und war an den unterschiedlichsten Wissenschaften interessiert.”
Die sie freilich auch hinterfragte, wie etwa ihr Gedicht “Träume” verrät: “Wider das Wissen und die Lehren der Geologen, / ihrer Magneten, Kurven und Karten spottend – / der Traum türmt im Bruchteil einer Sekunde / Berge vor uns auf, so steinern, / als stünden sie in der Wirklichkeit.” Über Teenager, alte Professoren, Verkehrsunfälle, Blinde und über Scheidung schreibt Szymborska in ihrem letzten Buch, und sie tut es so heiter und sarkastisch, wie man es seit je von ihr gewohnt ist.
Für den deutschsprachigen Leser zu entdecken ist endlich auch der Lyriker Olav H. Hauge. Hauge kannte jeden Grashalm seiner norwegischen Heimat, er bedichtete das Borstgras ebenso wie den Goldhahn, einen Fichtenwald oder einen einfachen Hauklotz. Nichts Geringes unter der Sonne, alles konnte dem 1908 in Ulvik Geborenen, der so sehr in der bäuerlichen Kultur seiner Heimat verwurzelt war, im Dichten bedeutsam sein. Aber Hauge übersetzte auch: Hölderlin, Trakl, Brecht und Celan ins Norwegische. Und er wusste: “Ein gutes Gedicht / soll riechen – nach Tee / oder nach roher Erde und frischgespaltenem Holz.” Es mutet ein wenig seltsam an, dass viele norwegische Kritiker das 4000 Seiten umfassende Tagebuch des Dichters als sein Hauptwerk betrachten. Denn immerhin ist auch Hauges Poesie in über 100 Sprachen übersetzt und wird gelesen. Die 340 Seiten starke, von Klaus Anders in der Edition Rugerup (Gesammelte Gedichte, 2012) herausgegebene, übersetzte und kommentierte Auswahl schliesst da nur eine Lücke, von der man bislang nur nicht wusste, dass es sie gab. Weit ist Hauges poetischer Kosmos: “Frage den Wind, / voran den sachten. / Er schweift weit / und kommt oft zurück / mit guter Antwort.”
/ Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 8.10.
- Werner Dürrson: ”Denkmal fürs Wasser” (Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2012)
- Wisława Szymborska: “Glückliche Liebe und andere Gedichte”, aus dem Polnischen von Renate Schmidgall (Suhrkamp Verlag, 2012)
- Olav H. Hauge: “Gesammelte Gedichte”, Hrsg. Klaus Anders (Edition Rugerup 2012)
20. Jessenin-Herbst
Mir hat es die letzte Strophe angetan. Sie spielt mit Positionen und Bezügen und dem, was man landläufig von Poesie immer erwartet: mit der veränderten Sicht auf Dinge. Dass der Herbst ein Küsser ist, der selbst vor dem Bewirker der Welt nicht Halt macht und ihm rote Wunden in den Lauf der Dinge zwingt mit einem bloßen, sanften Lippenbekenntnis (oder auch: mit leidenschaftlichen windigen Bissen?). Der Herbst – eine Macht, die unbeeinflusst ist vom unsichtbaren Lenker. Das ist so typisch eine poetische Erhöhung, eine Pathetisierung der sonst handelsüblichen Verhältnisse, wie sie nicht bildhafter ausgemalt sein kann in der Lyrik der großen Worte und großen Gedanken, zu der man sich jahrzehntelang berufen fühlte lange vor und lange nach der Jahrhundertwende 1900. Der Herbst ist der King im Ring, wenn er zuschlägt, wankt selbst der Gesalbte. Nicht ganz so: eine Umarmung geht voran, er ist der Bestimmer im Bett, es ist sein Bett, er küsst und verwundet durch seinen Kuss. Der Herbst, als alte Potenz noch aus Urzeiten, macht, dass das Blühen und Wachsen, Werden und Gedeihen umgelenkt wird in Reife und Frucht. Der Beleber, der alles erzeugt hat, leidet unter der Umarmung des Herbstes, dem Mantel des Mönches und kriegt rote Pickel mit fruchtbarem Eiter. / Frank Milautzcki, Fixpoetry, über das Gedicht “Herbst” von Sergej Jessenin (1895 – 1925)
Die letzte Strophe in der Übertragung von Wanda Berg-Papendick (1939):
An der Eberesche reifem Zweig er küßt
Wunden, blutigrot, dem unsichtbaren Christ.
Bei Celan, celanesk:
Wind, er weht zur Staude mit den Vogelbeeren
Christus, deine roten küsst er, deine Schwären.
Hier das Gedicht im Original, lesen Sie die Übersetzung bei Fixpoetry:
ОСЕНЬ
Р.В.Иванову
Тихо в чаще можжевеля по обрыву.
Осень - рыжая кобыла - чешет гривы.
Над речным покровом берегов
Слышен синий лязг ее подков.
Схимник-ветер шагом осторожным
Мнет листву по выступам дорожным
И целует на рябиновом кусту
Язвы красные незримому Христу.
<1914-1916>
Andere Übersetzungen hier (Eric Boerner) und hier (Waldemar Dege)