Schinderhannes

Heute ein böses Märchen von Guillaume Apollinaire, keine freundliche Räuberromantik. Es entstand kurz vor dem ersten Weltkrieg, in dem Apollinaire gegen die Deutschen kämpfte. Er starb einen Tag nach dem Waffenstillstand an der Spanischen Grippe (oder den Folgen der Kopfverletzung?).

Guillaume Apollinaire

(* 26. August 1880 in Rom; † 9. November 1918 in Paris)

SCHINDERHANNES

Für Marius-Ary Leblond

Im Wald, wo er die Rast befohlen,
liegt Schinderhannes mit der Schar.
Im Mai muß man vor Liebe johlen –
so lagern sie hier, Paar bei Paar.

Dem Jacob Born sitzt was im Blute:
er prüft, ob jeder Schuß auch trifft,
und zielt nach Benzels spitzem Hute –
der liest mit Fleiß die Heilge Schrift.

Das Julchen rülpst, daß Gott bewahre –
und klagt, daß sie den Schlucken hat.
Dem Hannes ist ein Ton entfahren,
weil Schulz mit einem Zuber naht.

Er ruft (und seine Tränen fließen):
O Zuber mit dem duftgen Wein!
Wenn wir auch heut dran glauben müssen –
der Mai wird ausgetrunken sein!

Mamsell, herbei und gib dir Mühe!
Der Kräutlein gibts ein ganzes Schock.
aus Moselwein ist diese Brühe –
Prost, Räuberchen im Unterrock:

Frau Räuberin hat schief geladen:
sie will den Hanns, doch der hat Zeit:
Mit der Amour kanns Weile haben –
ein leckrer Bissen wär gescheit!

Denn heut, wenns dunkel wird am Rheine,
bring ich den reichen Juden um.
Hell glänzt, wenn harzge Fackeln scheinen,
als Gulden jede Maienblum!

So hält man Tafel rund im Kreise
und f. . .t und lacht beim Abendschmaus,
und wird ganz schwach, nach deutscher Weise,
und geht und bläst ein Leben aus.

Deutsch von Paul Celan, aus: Paul Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden. Band 4: Übertragungen I. Übertragungen aus dem Französischen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1983, S. 786ff.

Schinderhannes

Dans la forêt avec sa bande
Schinderhannes s’est désarmé
Le brigand près de sa brigande
Hennit d’amour au joli mai

Benzel accroupi lit la Bible
Sans voir que son chapeau pointu
À plume d’aigle sert de cible
À Jacob Born le mal foutu

Juliette Blaesius qui rote
Fait semblant d’avoir le hoquet
Hannes pousse une fausse note
Quand Schulz vient portant un baquet

Et s’écrie en versant des larmes
Baquet plein de vin parfumé
Viennent aujourd’hui les gendarmes
Nous aurons bu le vin de mai

Allons Julia la mam’zelle
Bois avec nous ce clair bouillon
D’herbes et de vin de Moselle
Prosit Bandit en cotillon

Cette brigande est bientôt soûle
Et veut Hannes qui n’en veut pas
Pas d’amour maintenant ma poule
Sers-nous un bon petit repas

Il faut ce soir que j’assassine
Ce riche juif au bord du Rhin
Au clair de torches de résine
La fleur de mai c’est le florin

On mange alors toute la bande
Pète et rit pendant le dîner
Puis s’attendrit à l’allemande
Avant d’aller assassiner

Aus: Guillaume Apollinaire, Rhénanes, Alcools, 1913

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: