Psalm

Heute vor 60 Jahren schrieb Paul Celan dieses Gedicht, vermutlich in Paris.

Psalm

Niemand* knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unsern Staub.
Niemand.

Gelobt seist du, Niemand.
Dir zulieb wollen
wir blühn.
Dir
entgegen.

Ein Nichts
waren wir, sind wir, werden
wir bleiben, blühend:
die Nichts-, die
Niemandsrose.

Mit
dem Griffel** seelenhell,
dem Staubfaden himmelswüst,
der Krone rot
vom Purpurwort, das wir sangen
über, o über
dem Dorn.

Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtuasgabe. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Suhrkamp taschenbuch 2019, S. 136f

Erstdruck im S. Fischer Almanach, Jg. 76 (1962), S. 48. Im Oktober 1963 im bei Suhrkamp erschienenen Band „Die Niemandsrose“, der seinen Titel von diesem Gedicht hat.

  • Erinnert natürlich an die List des Odysseus, der den Riesen Polyphem täuscht, indem er seinen Namen als „Niemand“ angibt. In seinem Prosatext „Gespräch im Gebirg“ schreibt Celan: „Er redet nicht, er spricht, und wer spricht, Geschwisterkind, der redet zu niemand, der spricht, weil niemand ihn hört, niemand und Niemand.“

**) Ob Nichts-, Niemandsrose, sie hat gleichwohl eine Blüte mit Krone, Griffel und Staubfaden aus dem Biologiebuch. Die Krone überblendet sich in den folgenden Zeilen mit der Dornenkrone des Gekreuzigten.

2 Comments on “Psalm

  1. beim griffel denke ich auch an »den griffel der sich sträubt« und den der dichter zu führen hat (stefan george)

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