Kategorie: Deutsch

Wer liest heute noch Arndt?

Michael Gratz „Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte“ (Wer liest heute noch Arndt?) Wir Kleingläubigen glauben ja gern, daß Lyrik heute keine Bedeutung hat, außer für den kleinen Kreis der Lyrikleser. Dabei müssen wir nur den Blick kurz aus der… Continue Reading „Wer liest heute noch Arndt?“

manuskripte 217

Zeitschriftenschau Michael Gratz Die österreichische Literaturzeitschrift manuskripte erscheint im 57. Jahr. Heft 217 eröffnet mit einer seltenen Marginalie. Die Schriftstellerin Aslı Erdoğan, die im August 2016 in Istanbul verhaftet wurde, schrieb der Redaktion, sie sei stolz, daß zwei ihrer Artikel 2013 in manuskripte publiziert… Continue Reading „manuskripte 217“

Mein Volk und ich

SALVADOR ESPRIU (1913-1985) Mein Volk und ich Pompeu Fabra, unser aller Lehrmeister, zum Gedächtnis.* Wir tranken unvermischt herbe Weine des Spotts, mein Volk und ich. Hörten, zu widerlegen nicht, Argumente des Säbels, mein Volk und ich. Eine Lektion der Pflicht mußten wir hören, mein… Continue Reading „Mein Volk und ich“

Lernziel: Gattin und Mutter

Sophie Tieck (verh. Bernhardi / von Knorring, * 28. Februar 1775 in Berlin; † 1. Oktober 1833 in Reval) Klagen. I. Die Lust entfloh, verarmt bin ich im Herzen, Mir kann nicht Leben, Glük mehr, Liebe taugen. Will ich aus Erd’ und Himmel Tröstung… Continue Reading „Lernziel: Gattin und Mutter“

Ein Dichter erhielt einen Fragebogen

Christa Reinig (6. August 1926 Berlin – 30. September 2008 München) EIN DICHTER ERHIELT EINEN FRAGEBOGEN Ein dichter erhielt einen Fragebogen zur Ausfindigmachung der von den Kulturschaffenden für geeignetst gehaltenen Methoden zur Hervorbringung drucktauglicher Produktion. Der fragebogen fragte: Welches halten Sie für die günstigste Voraussetzung zum fehlerlosen… Continue Reading „Ein Dichter erhielt einen Fragebogen“

Stele für Mickel, Hüge und Lorenc

Kito Lorenc Totenschmaus • Regenzauber Schält Zwiebeln reibt Meerettich die Trauerzitrone preßt, zu Tisch! Mickel hat sein Sterbchen gemacht, Hüge brannte schon Laßt kreisen den roten Wein Zu Tisch Fixgriffel! Bei Fuß winselnder Leichdorn Zeilenschinder Schmähbrieftipper Hoch die trüben Tassen ihr Frotzler Abzocker Fellversäufer… Continue Reading „Stele für Mickel, Hüge und Lorenc“

So langsam wirds Zeit

Kito Lorenc (1938-2017) Schließübung So langsam wirds Zeit das Haus einzuzäunen die Alarmanlage anzubringen und den Hund auszubuddeln da wo er begraben liegt Zeit wirds wieder die Zeit totzuschlagen die Grenzen dichtzumachen die Akten zu schließen und den Muskel Fangen wir gleich an mit… Continue Reading „So langsam wirds Zeit“

Meuchlem Sumpf der Unke Läuten

Albert Vigoleis Thelen (28. September 1903, Süchteln – 9. April 1989, Dülken) Dichterholdschaft Wenn das Abendmeer sich leichtet In der Holdschaft mit dem Mond, Fernster Stern der Erde beichtet, Was in seiner Meinheit wohnt – Meuchlem Sumpf der Unke Läuten Todesgraus und Trugsal nimmt,… Continue Reading „Meuchlem Sumpf der Unke Läuten“

Mehr Lust für Ohren

Andreas Tscherning (* 18. November 1611 in Bunzlau; † 27. September 1659 in Rostock) Andere Fassung (da ich auf Reisen bin, kann ich nicht überprüfen): Wer ungereget Die Sinnen träget / Wenn Künstler singen und Sayten klingen Mehr Lust für Ohren Ist nicht gebohren;… Continue Reading „Mehr Lust für Ohren“

Statt kampfgenössisch Sturm zu läuten

Ernst Wilhelm Lotz BEGREIFT Von Dumpfheit summt das halbe Kaffeehaus, Das halbe ist getaucht in weißes Glühen Und flackert in den Lampentag hinaus, Wo dünne Nebel an die Scheiben sprühen. Es wollen ernste Freunde mich bedeuten, Ich sei zu leicht für diese Gründerjahre, Weil… Continue Reading „Statt kampfgenössisch Sturm zu läuten“

Dantes Schwert

Zustand dieser Wehgarten Dantes Schwert Vögelchen in Alters- wildnis / -widmung fliegt August Mond / -mund und läßt schreckliche Ohrentrunkenheit / Tritt- spur »wie schön dich ankommen hören« aller Frühlinge Sommer obskure Baum Zeichen blaues Schmerz- auge aber wie Zirbe hart! nämlich versagter Speise… Continue Reading „Dantes Schwert“

Die Auswanderung der Dichter

Dieses Gedicht aus dem Jahr 1934 bezieht sich doppelt auf Dante: zuerst im biographischen Fakt des Exils: Dante floh und Brecht floh. Zum andern aber steckt im „Dichterkatalog“ dieses Gedichts eine danteske Struktur: der neue Dichter schreibt sich in die Geschichte der Weltpoesie ein… Continue Reading „Die Auswanderung der Dichter“

Ein schwerer Titel

Ernst Jandl göttliche komödie beginnen Sie mit dem titel? fast nie, diesmal aber schon es ist ein schwerer titel oder vielleicht erst schwer und dann leicht er reicht um die ganze europäische literatur wie ein ring für jeden liebsten an den fingern einer jungen… Continue Reading „Ein schwerer Titel“

Dante’s Gattin.

Alle reden von Beatrice. Aber wer nennt Dantes Ehefrau? Nicht einmal Dante selber – kein Wort über sie oder seine 4 Kinder. Josefa von Hoffinger (1820-1868) aber kennt Dante’s Gattin. Beatrix’ Name tönt in allen Zungen, Dich, arme starke Frau, besingt kein Lied; Der… Continue Reading „Dante’s Gattin.“

„Und“-Material (3)

Texte von Ernst Jandl (Zitatnachweis unten) (1) Dann fällt der Donner um und der Donnerstag um und der Tag um  und der dicke Asphaltelefant steht und zittert und ich stehe unrasiert verdrossen erschrocken und zittere und die Uhr steht und zittert und der Kalender… Continue Reading „„Und“-Material (3)“