Weltstadtabend

251 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Georg Heym 

(* 30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; † 16. Januar 1912 in Gatow)

BERLIN III

Der Zug hielt eine Weile in den Weichen.
Von einem Tone ward das Ohr gefangen.
Von eines alten Hauses Mauern klangen 
Drei Geigen schüchtern auf mit dünnem Streichen.

Drei Männer spielten in dem Hofe leise, 
Von Regen waren naß die Pelerinen.
Der Blinden Schirm trug einer unter ihnen.
Die Kinder standen um sie her im Kreise.

Indes am niedren Bodenfenster oben 
Ein alter Mann sah auf zum Wolkenfalle 
Die stürmend sich am grauen Himmel schoben.

Der Zug fuhr an. Wir brausten in die Halle 
Des Bahnhofs ein, die voll war von dem Toben 
Des Weltstadtabends, Lärm und Menschenschwalle.

Aus: Georg Heym, Das Werk. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, o. J. (Verbesserte Lizenzausgabe mit Genehmigung des Melzer Verlags, 2005), S. 735f (Abschnitt: Gedichte aus den Jahren 1910 bis 1912)

Grabstein des Dichters Georg Heym auf dem Luisenkirchhof III, Berlin-Charlottenburg.
Grab des Dichters auf dem Luisenkirchhof III in Berlin-Charlottenburg. Das ursprüngliche Grab war 1942 eingeebnet worden. „Seit Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts bedeckt ein neuer Stein (das alte Fundament war an der Grabstelle noch vorhanden) sein Grab, der ganz nach seinem Wunsch beschriftet ist: ´Auf meinem Grabstein soll einmal nichts anderes stehen als KEITAI. Kein Name, nichts. KEITAI (alt. Griech., und bedeutet: Er schläft, er ruhet aus.` Zu danken ist dieser Stein Frau Beata Ziemer, die die Grabstelle erworben und damit einen Ort der Erinnerung wieder möglich gemacht hat.“ (Hans-Jürgen Mende / Debora Pfaffen: Die Kirchhöfe der ev. Luisen-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg. Berlin 2015. S. 157). – Heute steht trotzdem auf der Rückseite des Steins der Name des Dichters.

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