Die Auswanderung der Dichter

Dieses Gedicht aus dem Jahr 1934 bezieht sich doppelt auf Dante: zuerst im biographischen Fakt des Exils: Dante floh und Brecht floh. Zum andern aber steckt im „Dichterkatalog“ dieses Gedichts eine danteske Struktur: der neue Dichter schreibt sich in die Geschichte der Weltpoesie ein wie der ältere, der sich von Vergil durch die Hölle führen läßt.

DIE AUSWANDERUNG DER DICHTER

Homer hatte kein Heim
Und Dante mußte das seine verlassen.
Li-Po und Tu-Fu irrten durch Bürgerkriege
Die 30 Millionen Menschen verschlangen
Dem Euripides drohte man mit Prozessen
Und dem sterbenden Shakespeare hielt man den Mund zu.
Den François Villon suchte nicht nur die Muse
Sondern auch die Polizei
»Der Geliebte« genannt
Ging Lukrez in die Verbannung
So Heine und so auch floh
Brecht unter das dänische Strohdach.

Ein paar Jahre später faßte er die Situation schärfer. Die Schlußzeile vom dänischen Strohdach wanderte in das Mottogedicht der Sammlung „Svendborger Gedichte“, der „Dichterkatalog“ aber verwandelt sich in eine echte Comedia-Szene. Die verbannten Dichter sitzen in ihrem speziellen Bereich der Hölle, in Hörweite der verbannten Lehrer. Wie Vergil für Dante übernimmt nun Dante für Brecht, den noch lebenden, die Führung.

BESUCH BEI DEN VERBANNTEN DICHTERN

Als er im Traum die Hütte betrat der verbannten
Dichter, die neben der Hütte gelegen ist
Wo die verbannten Lehrer wohnen (er hörte von dort
Streit und Gelächter), kam ihm zum Eingang
Ovid entgegen und sagte ihm halblaut:
»Besser, du setzt dich noch nicht. Du bist noch nicht gestorben. Wer weiß da
Ob du nicht doch noch zurückkehrst? Und ohne daß andres sich ändert
Als du selber.« Doch, Trost in den Augen
Näherte Po Chü-i sich und sagte lächelnd: »Die Strenge
Hat sich jeder verdient, der nur einmal das Unrecht benannte.«
Und sein Freund Tu-fu sagte still: »Du verstehst, die Verbannung
Ist nicht der Ort, wo der Hochmut verlernt wird.« Aber irdischer
Stellte sich der zerlumpte Villon zu ihnen und fragte: »Wie viele
Türen hat das Haus, wo du wohnst?« Und es nahm ihn der Dante bei Seite
Und ihn am Ärmel fassend, murmelte er: »Deine Verse
Wimmeln von Fehlern, Freund, bedenk doch
Wer alles gegen dich ist!« Und Voltaire rief hinüber:
»Gib auf den Sou acht, sie hungern dich aus sonst!«
»Und misch Späße hinein!« schrie Heine. »Das hilft nicht«
Schimpfte der Shakespeare, »als Jakob kam
Durfte ich auch nicht mehr schreiben.« – »Wenn’s zum Prozeß kommt
Nimm einen Schurken zum Anwalt!« riet der Euripides
»Denn der kennt die Löcher im Netz des Gesetzes.« Das Gelächter
Dauerte noch, da, aus der dunkelsten Ecke
Kam ein Ruf: »Du, wissen sie auch
Deine Verse auswendig? Und die sie wissen
Werden sie der Verfolgung entrinnen?« – »Das
Sind die Vergessenen«, sagte der Dante leise
»Ihnen wurden nicht nur die Körper, auch die Werke vernichtet.«
Das Gelächter brach ab. Keiner wagte hinüberzublicken. Der
Ankömmling
War erblaßt.

Brecht, Große Berliner und Frankfurter Ausgabe. Frankfurt/Main und Berlin: Suhrkamp und Aufbau. Bd. 14, 1993, S. 256. Bd. 12, 1988, S. 35f

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