Dem trunkenen Freund

565 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Beim Suchen nach einem Gedicht für heute blättere ich in einer Anthologie aus dem DDR-„Verlag für die Frau“ von 1977. Ich stoße auf ein Gedicht von „Kjö Säng“. Quellenangaben fehlen, im Literaturverzeichnis steht nur: Korea, 18. Jahrhundert. Nur noch der Name des Nachdichters: Ernst Schwarz. Der hat 1973 im ostdeutschen Kiepenheuer Verlag (Gustav Kiepenheuer Verlag Weimar) eine Sammlung koreanischer Lyrik herausgegeben, genauer gesagt „sino-koreanischer“, also in chinesischer Sprache. In dieser findet sich das Gedicht, aber ebenfalls ohne nähere Angaben. Da steht nur „Lebensdaten unbekannt“ und es ist chronologisch im 18. Jahrhundert eingeordnet. Dank KI-Suche kann ich die Quelle und den Originaltext finden – mit einer kleinen Überraschung.

Das Gedicht ist eindeutig identifizierbar. Der koreanische Titel lautet 贈醉客 (증취객, Jeung chwigaek), etwa „Dem betrunkenen Gast gewidmet“. Genaueres zum Text weiter unten.

Die wirkliche Autorin: Yi Mae-chang (이매창, 李梅窓, 1573–1610) war eine der bekanntesten koreanischen Dichterinnen der Joseon-Zeit. Sie war eine Gisaeng in Buan (부안) und ist auch unter den Namen Gyesaeng / Kyesaeng (계생, 桂生) und Gyerang (桂娘) überliefert. Eine koreanische wissenschaftliche Untersuchung führt sie als 桂生, „Gisaeng aus Buan“, auf und nennt unter ihren Werken ausdrücklich 贈醉客. Kjö Säng ist also offensichtlich eine ältere Umschrift von 계생 / 桂生, heute gewöhnlich Gyesaeng (älter auch Kyesaeng) – also ein anderer Name derselben Dichterin Yi Mae-chang, und demnach weder aus dem 18. Jahrhundert noch mit unbekannten Lebensdaten.

Hier zunächst der deutsche Text von Ernst Schwarz.

Dem trunkenen Freund

Daß du mich so am Kleide reißt,
so ungestüm und heftig bist,
macht mich nur froh, daß du es weißt.
Auch wenn mein Kleid zerrissen ist,
verzeih ich gerne dir – das heißt,
solange du mich nicht vergißt.

Aus: Lob des Steinquells. Koreanische Lyrik. Aus dem sino-koreanischen übertragen, nachgedichtet und herausgegeben von Ernst Schwarz. Weimar: Kiepenheuer, 1973 (Kiepenheuer Bücherei), S. 131 (Es gibt auch eine textgleiche Ausgabe in der Insel-Bücherei von Insel Leipzig 1988).

KI schreibt:

Die Identifizierung beruht nicht bloß auf Namensähnlichkeit. Das Motiv ist Wort für Wort dasselbe. Eine moderne koreanische Wiedergabe erläutert:

醉客執羅衫 – Der Betrunkene greift nach meinem Seidenkleid.
羅衫隨手裂 – Das Seidenkleid zerreißt unter seiner Hand.
不惜一羅衫 – Um dieses eine Seidenkleid ist es mir nicht leid.
但恐恩情絶 – Ich fürchte nur, dass unsere Zuneigung zerreißt/endet. 

Schwarz macht daraus ein gereimtes deutsches Gedicht und interpretiert die letzte Zeile relativ frei als „solange du mich nicht vergißt“. 恩情絶 bedeutet genauer das Abbrechen/Erlöschen der Zuneigung bzw. Liebesbeziehung.

Wie man auch ohne Kenntnis des Chinesischen sieht, besteht jeder Vers aus 5 Wörtern.

Ich lasse mir noch die Aussprache und die semantische Struktur erläutern. KI, mein Lyrik-Tool.

Das Gedicht ist zwar mit chinesischen Schriftzeichen geschrieben (klassisches Chinesisch, hanmun), wurde von einer Koreanerin aber koreanisch gelesen. Deshalb hier nur die koreanische Transkription.

Jeung chwigaek
Chwigaek jip nasam,
nasam su-su ryeol.
Bulseok il nasam,
dan-gong eunjeong jeol.

Die koreanische Aussprache ist hier die eigentlich relevante, wenn man sich dem Klang annähern möchte, den das Gedicht in Korea gehabt haben könnte. Allerdings ist auch sie nur eine moderne koreanische Lesung der Hanja; wie Yi Mae-chang die Wörter um 1600 ausgesprochen hätte, klang teilweise anders.

Sehr schön ist im Original die Wiederholung von 羅衫 nasam, „Seidengewand“:

Betrunkener Gast – ergreift – Seidengewand
Seidengewand – der Hand folgend – zerreißt
nicht bedauern – ein – Seidengewand
nur fürchten – Zuneigung/Liebe – zerreißt

Damit wird auch die Pointe deutlicher als bei Schwarz: 裂 / 絶 – „zerreißen“ / „abreißen, enden“. Das Kleid darf zerreißen; nur die Liebesbindung soll nicht zerreißen.

(Wow – diese Fassung ist ja stärker als die Nachdichtung!)

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