Nebel, der fehlte

372 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Martin Bernhardt

Ein Gedicht aus dem Jahr 1983 über eine Bootsfahrt mit tödlichem Ende. Es liegt am Nebel, sagt das Gedicht. Erst die letzten zwei Wörter korrigieren das Bild. Der Freund, „entwichen“, „entschlafen“, treibt tot nach Norden. Wer in den DDR-Jahren an der Ostsee stand, hatte an jedem Punkt zwei Boote des Grenzschutzes im Blickfeld. Der hatte weniger die Grenzen vor Eindringlingen zu schützen als vielmehr Fluchten der eigenen Bürger zu verhindern. Im Nebel hättest du entkommen können…

Bootsfahrt

Noch im Entweichen
Entschlafen
Den Keilflug der Gänse
Treibst du zwischen die Jahres-Zeiten
Gen Norden!
Mein Freund, dass du gestorben bist
Liegt am Nebel
Der fehlte

Aus: Martin Bernhardt, Das Maß allen Lebens ist die Axt sagt der Baum (Gedichte). Herausgegeben von Olaf Bernhardt. Berlin: Verlag Lutz Wohlrab, 2010, S. 29.

https://www.wohlrab-verlag.de/buecher_bernhardt.php.               

Martin Bernhardt wurde am 22. Januar 1961 in Greifswald geboren und studierte dort ab 1980 Medizin. Er engagierte sich in der Studentengemeinde, fotografierte und schrieb Gedichte. Das hatte zur Folge, dass die Staatssicherheit auf ihn aufmerksam wurde. 1985 hatten Dietrich Buhrow und Lutz Wohlrab begonnen, ein Buch mit seinen Gedichten im Linoldruckverfahren herzustellen. Auf der Buchpremiere des zuvor von ihnen gedruckten Buches »FHUNDE und Gedichte von Fukarek» kam es zur Verbrennung einer DDR-Fahne. Martin Bernhardt und Dietrich Buhrow wurden von einer Inoffiziellen Mitarbeiterin der Stasi verraten und wegen »Missachtung staatlicher Symbole« zu einer Haftstrafe von fünf Monaten verurteilt. Anschließend wurde Martin Bernhardt für drei Jahre vom Studium ausgeschlossen. Nach seiner Bewährung als Hilfskrankenpfleger wurde er Facharzt für Neurologie/Psychiatrie und arbeitete zuletzt als Oberarzt am Fachkrankenhaus für Forensische Psychiatrie in Ueckermünde. Am 24. Oktober 2000 nahm er sich das Leben.

Wer in oder um Greifswald ist, kann am kommenden Freitag um 19 Uhr im Falladahaus Filme von Martin Bernhardt (mit Oskar Manigk und Lutz Wohlrab) aus den 1980er Jahren sehen. Zugleich besteht die Möglichkeit, dort eine Ausstellung mit Malerei von Lutz Wohlrab und Dokumenten aus der Szene junger Künstler zu sehen, die ihre Kunst machen wollten und vom Staat misstrauisch beobachtet und verfolgt wurden. Und am 2. Oktober geht es um eine weitere Facette ihrer künstlerischen Arbeit – zur Finissage seiner Ausstellung stellt Lutz Wohlrab die Mail Art-Szene der DDR vor.

Falladahaus, Steinstraße 59, Greifswald. Geöffnet zum Besuch der Ausstellung dienstags 15-17 Uhr.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..