Der Himmel küßt

300 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Gestern vor 101 Jahren ist der Dichter August Stramm irgendwo an der Ostfront, im heutigen Belarus, gefallen. Vorige Woche hatten wir sein Grab auf dem Friedhof Stahnsdorf gefunden. Vernachlässigt, aber imposanter Grabstein, hatte uns die Friedhofsverwaltung geschrieben.

Der Friedhof war als wunderschöner Parkfriedhof angelegt, mehrere Berliner Stadtbezirke brauchten Begräbnisplatz. Namen von Grabfeldern zeugen davon, Charlottenburg, Schöneberg, Grunewald, Lietzensee. Es gab eigens eine S-Bahn-Linie, Bahnhof vorm Friedhofseingang. Dann griffen die Zeitläufte ein. Zunächst mit Umbettungen – den Vorarbeiten zu Hitlers Welthauptstadt Germania fielen mehrere Berliner Friedhöfe zum Opfer. Nach dem Krieg lag der Friedhof südlich von Westberlin, nach dem Mauerbau erlosch der Verkehr ganz, es gab keine Bahn von Wannsee mehr, der Bahnhof wurde abgerissen.

Effi Briest liegt dort – also das reale Vorbild für Fontanes Figur, eine Baronin von Ardenne. Fontane junior auch, Heinrich Zille, Lovis Corinth, Friedrich Wilhelm Murnau und viele andere. In neuerer Zeit scheint es wieder „Zuzug“ zu geben, Manfred Krug ist dort begraben, Dieter Thomas Heck, ein Herr aus dem Rheinland fragte uns nach Ingrid Steeger, zufällig konnten wir ihm helfen, weil wir bei der Suche nach Oskar Kanehl gerade bei ihr vorbeigekommen waren. Kanehl haben wir nicht gefunden, obwohl wir die Grabnummer wussten. Der riesige Friedhof ist in vielen Abschnitten unsaniert, die alten Nummerierungen verwittert oder verschwunden.

Aber wir waren bei Stramm. Antizyklisch stelle ich ein Liebesgedicht dahinein.

August Stramm 

(* 29. Juli 1874 in Münster; † 1. September 1915 bei Horodec östlich Kobryn, heute Belarus)

Abendgang

Durch schmiege Nacht
Schweigt unser Schritt dahin
Die Hände bangen blaß um krampfes Grauen
Der Schein sticht scharf in Schatten unser Haupt
In Schatten
Uns!
Hoch flimmt der Stern
Die Pappel hängt herauf
Und
Hebt die Erde nach
Die schlafe Erde armt den nackten Himmel
Du schaust und schauerst
Deine Lippen dünsten
Der Himmel küßt
Und
Uns gebärt der Kuß!

Aus: August Stramm: Das Werk. Wiesbaden 1963, S. 40f.

Auf dem Grabstein stehen Zeilen des Dichters August Stramm
Tränen kreist der Raum …

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