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Gestern vor 101 Jahren ist der Dichter August Stramm irgendwo an der Ostfront, im heutigen Belarus, gefallen. Vorige Woche hatten wir sein Grab auf dem Friedhof Stahnsdorf gefunden. Vernachlässigt, aber imposanter Grabstein, hatte uns die Friedhofsverwaltung geschrieben.
Der Friedhof war als wunderschöner Parkfriedhof angelegt, mehrere Berliner Stadtbezirke brauchten Begräbnisplatz. Namen von Grabfeldern zeugen davon, Charlottenburg, Schöneberg, Grunewald, Lietzensee. Es gab eigens eine S-Bahn-Linie, Bahnhof vorm Friedhofseingang. Dann griffen die Zeitläufte ein. Zunächst mit Umbettungen – den Vorarbeiten zu Hitlers Welthauptstadt Germania fielen mehrere Berliner Friedhöfe zum Opfer. Nach dem Krieg lag der Friedhof südlich von Westberlin, nach dem Mauerbau erlosch der Verkehr ganz, es gab keine Bahn von Wannsee mehr, der Bahnhof wurde abgerissen.
Effi Briest liegt dort – also das reale Vorbild für Fontanes Figur, eine Baronin von Ardenne. Fontane junior auch, Heinrich Zille, Lovis Corinth, Friedrich Wilhelm Murnau und viele andere. In neuerer Zeit scheint es wieder „Zuzug“ zu geben, Manfred Krug ist dort begraben, Dieter Thomas Heck, ein Herr aus dem Rheinland fragte uns nach Ingrid Steeger, zufällig konnten wir ihm helfen, weil wir bei der Suche nach Oskar Kanehl gerade bei ihr vorbeigekommen waren. Kanehl haben wir nicht gefunden, obwohl wir die Grabnummer wussten. Der riesige Friedhof ist in vielen Abschnitten unsaniert, die alten Nummerierungen verwittert oder verschwunden.
Aber wir waren bei Stramm. Antizyklisch stelle ich ein Liebesgedicht dahinein.
(* 29. Juli 1874 in Münster; † 1. September 1915 bei Horodec östlich Kobryn, heute Belarus)
Durch schmiege Nacht Schweigt unser Schritt dahin Die Hände bangen blaß um krampfes Grauen Der Schein sticht scharf in Schatten unser Haupt In Schatten Uns! Hoch flimmt der Stern Die Pappel hängt herauf Und Hebt die Erde nach Die schlafe Erde armt den nackten Himmel Du schaust und schauerst Deine Lippen dünsten Der Himmel küßt Und Uns gebärt der Kuß!
Aus: August Stramm: Das Werk. Wiesbaden 1963, S. 40f.

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