Prosagedicht. Erkundung mit 3 Überraschungen

Prosagedicht / poème en prose. Eine Spurensuche mit drei Überraschungen

Von Michael Gratz

Vor Wikipedia benutzte man Lexika. Gero von Wilperts lange Zeit kanonisches Sachwörterbuch der Literatur (1. Ausgabe von 1955) kennt weder Gedicht in Prosa noch Prosagedicht oder Poème en prose. Ein kurzer Eintrag zu Prosarhythmus bezieht sich ausschließlich auf Prosa, die er dann Kunstprosa nennt. Da der Begrff (heute?) meist aus der französischen Literatur bekannt ist, schaue ich in Das kleine Lexikon der Weltliteratur von Hermann Pongs (1954). Leider vergeblich. Aber Baudelaire kennen die wenigstens? Ja. Viel über die „berühmten ‚Fleurs du Mal‘ (Blumen des Bösen), 1857, die das Böse verherrlichen wie das Gute; frei von Bindungen der Humanität, ‚Poésie absolue‘ über dem Abgrund des ‚Ennui‘, der Leere.“ Naja. Hätte so auch in der frühen DDR gesagt werden können. In den 50er Jahren waren sie gar nicht so weit auseinander… Am Schluß noch die knappe Nennung: “ ‚Poèmes en Prose‘, 1869, Zauber freier Prosa (Bertrand).“ Erst der sehr kurze Eintrag über Aloysius Bertrand sagt dann: „Der unscheinbare Begründer des französischen Prosagedichts. Vorläufer Baudelaires.“ Irgendwie interessant, aber für den Lexikographen auch wieder nicht.

Vierzig Jahre später im „Killy“ ist nichts besser, im Gegenteil. Nicht einmal Prosa und Prosarhythmus.

Otto F. Best: Handbuch litearischer Fachbegriffe (1972): Fehlanzeige, ebenso wie Friedrich/ Killy: Fischer Lexikon Literatur (1965) und Haremberg Literaturlexikon (1989/1997). Kein Thema für die deutsche Germanistik?

Erst im von Claus Träger herausgegebenen Wörterbuch der Literaturwissenschaft aus dem VEB Bibliographisches Institut Leipzig (1986) werde ich fündig:

Poème an prose [franz., Prosagedicht]: in der franz. Literatur Sammelbegriff für Formen, die zwischen künstler Prosa und dem regelmäßigen Vers stehen; meistens handelt es sich um Gebilde, die sich vor allem in bezug auf Rhythmus und Klang lyr. Ausdruck nähern. Gelegentlich wird auch – namentlich verallgemeinernd – wie in anderen Sprachen bzw. Literaturen ebenfalls (dt., russ. usw.) von „prose poétique“, von poet. oder lyr. Prosa gesprochen (↑ Prosa, ↑ Prosarhythmus). Im engeren Sinn bezeichnet es eine äußerlich prosahaft erscheinende Form, die inhaltlich wie gestalterisch (Rhythmus, Klang, versähnl. Struktur, Alliteration, Binnenreime usw.) durch poet./lyr. Elemente geprägt ist (NOVALIS, Hymnen an die Nacht, Fassg. 1800). In Frankreich entstand das P. im Zusammenhang mit den romant. Versuchen, sich von überkommener Regelhaftigkeit zu befreien und neue Möglichkeiten des künstler. Ausdrucks zu finden. Zu hoher Vollendung wurde es von Ch. BAUDELAIRE entwickelt; er verfaßte ab 1857 etwa 50 Prosagedichte, die nach seinem Tode unter dem Titel Petits Poèmes en Prose (1869) herausgegeben wurden. J. Papenbrock

Bertrand fehlt, aber zumindest ist die Form als Fakt der Weltliteratur und namentlich der französischen (bis hin zur französischen Originalform des Terminus) anerkannt.

Ich versuchs noch im Metzler Literaturlexikon, 2. überarb. Aufl. 1990:

Prosagedicht [nach frz. poème en prose], frz. literar. Gattung: lyr. Aussage in formal geschlossener, kunstvoll strukturierter und klangl.-rhythm. ausgestalteter Prosa, die den Eigenbewegungen einer dichter. Aussage adaequater und ungebrochener als metr. gebundene Formen Ausdruck verleihen soll ; oft in kurze Absätze (Lautréamont: »Gesänge«) gegliedert; steht zwischen ↗︎rhythm. Prosa und ↗︎freien Rhythmen (↗︎vers libre). Geschaffen von A. Bertrand (»Gaspard de la nuit«‚ 1826—36, hrsg. 1842) in Weiterentwicklung der romant. poet. Prosa etwa F.-R. de Chateaubriands und entsprechend der romant. Tendenz zur Vermischung und Entgrenzung der Gattungen; aufgegriffen von A. Rabbe und M. de Guérin (»Centaure«‚ 1835, »La bacchante«‚ 1836), jedoch erst durch die Bertrand-Rezeption Ch. Baudelaires (»Petits poèmes en prose«, 1869 posthum: 50 P.e) breiter bekannt; gepflegt u. a. auch von Lautréamont (»Les chants de Maldoror«, 1869), A. Rimbaud (»Les illuminations«, entstanden 1872, »Une saison en enfer«, 1873, z. T. P.e), F. Ponge oder Saint-John Perse, auch v. O. Wilde. Das P. blieb aber als Gattung nicht unumstritten (P. Verlaine, Th. de Banville). Für die dt. Literatur schlug U. Fülleborn (erstmals 1966) die Bez. vor für entsprechende Dichtungen seit der Vorromantik und Romantik, die z. T. als Prosahymnen, -idyllen, -elegien‚ Skizzen oder poet. Prosa bezeichnet worden waren (S. Geßner, Ch. M. Wieland, der junge Goethe, Jean Paul, A. v. Arnim), und die seit 1900 bis zur Gegenwart immer häufiger auftreten (F. Nietzsche, »Zarathustra«‚ Expressionisten, Dadaisten, Kafka, B. Brecht, E. Lasker-Schüler, G. Trakl, H. Heißenbüttel, P. Handke, Sarah Kirsch u.a.).
Frz. P. : Texte: Chapelan, M: Anthologie du poème en prose. Paris 1959.
Lit. : Bernard, S: Le poème en prose de Baudelaire jusqu’à nos jours. Paris 1959. — Rauhut, E: Das frz. P. Hamburg 1929.
Dt. P. : Texte: Fülleborn, U./Dencker, K. P. (Hrsg.): Dt. P.e des 20. Jh.s. Mchn. 1976. – Dies.: Dt. P.e vom 18.Jh. bis zur letzten Jh.wende. Mchn. 1985.
L: Simon, J.: The Prose Poem. New York 1987. — Fülleborn. U: Das dt. P. Zu Theorie u. Gesch. einer Gattung, Mchn. 1970.

Die beiden letzten retten die Ehre der Gattung Literaturlexikon. Wie steht es im Ausland? Das Penguin Dictionary of Literary Terms & Literary Theory von Cuddon (rev. Preston), 1. Aufl. 1977, 5. 1998 hat einen Eintrag prose poem und verweist auf Bertrand als „offenbar einer der ersten Schriftsteller, die es als kleinere Gattung (minor genre) etablierten. Bertrand habe Baudelaire und die Symbolisten und Surrealisten beeinflußt.

Und in Frankreich? Das Dictionnaire de la poésie française von Jacques Charpentreau (2006) schießt den Vogel ab mit mehr als 6 Seiten. Das poème en prose leite sich üblicherweise von Aloysius Bertrand (1842), Charles Baudelaire (1862) und Max Jacob (1917) her. Man könne auch auf Fénelon (1699), Parny (1787), Rabbe (1835), Guérin (1840) und andere verweisen. Folgen zahlreiche Beispiele und differenzierte Hinweise zur Geschichte und Poetik der Form. Eine schöne Formel: „Kürze. Intensität. Unmotiviertheit (gratuité).“ (Maurice Chapelan). Und der Hinweis auf unterschiedliche Meinungen: „Prosa ohne Rhythmus“ (Baudelaire). – „Rhythmisierte Prosa“ (Paul Fort). Im übrigen fehlen Autoren aus anderen Sprachgebieten praktisch ganz.

Ein zweites Lexikon: Dictionnaire de Poétique et de Rhétorique von Henri Morier (1. Aufl. 1961, 2. 1975). Hier gibt es einen langen Eintrag prose cadencée, prose poétique et poème en prose (Rhythmische Prosa, poetische Prosa und Prosagedicht). Erwähnt wird, daß rhythmische Prosa bereits Griechen und Römern bekannt war und daß man Rousseau als Erfinder der „musikalischen Prosa“ bezeichnet habe. Folgen zwei Abschnitte „Das große Prosagedicht“ und „Das kleine Prosagedicht“. Das große Gedicht in Prosa wird auf Fénelons Télémaque (1699) zurückgeführt, vollständig Die Abenteuer des Télémaque, ein aufklärerischer und didaktischer Roman, der die Geschichte der Odyssee weitererzählt. Fénelon selber spricht von „epischer Prosa“, das verweist auf den poetischen Ursprung der Epen und zugleich auf die Überlebtheit der Versdichtung in der Neuzeit. So gesehen entspricht die Prosaform dem aufklärerischen Impetus. Mit dem „kleinen Gedicht in Prosa“ bei Bertrand und Baudelaire hat das nicht viel zu tun, darauf zielt wohl das Stichwort Unmotiviertheit bei Chapelan.

Die Wurzeln des kleinen Prosagedichts werden in der Romantik gesehen. Um 1840 hätten drei Dichter, Alphonse Rabbe, Aloysius Bertrand und Maurice de Guérin, die Idee entwickelt. Die Idee habe in der Luft gelegen. Romantik und Prosagedicht hätten diese sechs Gemeinsamkeiten: 1. Sinn für Harmonie, 2. für Mischung der Gattungen, 3. die Menge oder Zahl (nombre), 4. für Bewegung, 5. Freiheit, 6. Idealisierung. Viele interessante Details folgen, bis in die Gegenwartsliteratur des 20. Jahrhunderts, zu Camara Laye, ein guineischer Autor, der eigentlich Laye Camara heißt, wenn ich der deutschsprachigen Wikipedia folge.

Auch in diesem Buch fehlen Verweise auf Autoren aus anderen Sprachen völlig (obwohl man bei Stichworten wie Romantik oder Mischung der Gattungen an die deutsche Romantik denken könnte, die ja tatsächlich via Madame de Staëls Deutschlandbuch die französischen Autoren beeinflußt hat.

Ich fasse das bisherige zusammen: das Prosagedicht scheint eine vorwiegend französische Gattung zu sein, deren Tradition auf Fénelon und im engeren Sinn auf Bertrand zurückgeht, die Bezeichnung poème en prose scheint Baudelaire eingeführt zu haben.

Erste Überraschung

Das ist etwa der common sense, also unbedingt hinterfragbar. Denn tatsächlich gibt es einen Eintrag Poème en prose bereits in der berühmten Encyclopédie von Diderot und d’Alembert. Im Dezember 1765 erschien Band 12 der Encyclopédie: Parlement – Potytric. Darin steht:

Poeme en prose, (Belles – Lettres.)

genre d’ouvrage où l’on retrouve la fiction & le style de la poésie, & qui par – là sont de vrais poëmes, à la mesure & à la rime près; c’est une invention fort heureuse. Nous avons obligation à la poésie en prose de quelques ouvrages remplis d’avantures vraissemblables, & merveilleuses à la fois, comme de préceptes sages & praticables en même temps, qui n’auroient peut – être jamais vû le jour, s’il eût fallu que les auteurs eussent assujetti leur génie à la rime & à la mesure. L’estimable auteur de Télémaque ne nous auroit jamais donné cet ouvrage enchanteur, s’il avoit dû l’écrire en vers; il est de beaux poëmes sans vers, comme de beaux tableaux sans le plus riche coloris. (D. J.)

Gedicht in Prosa,

eine Art von Werken, in denen sich die Erfindung und der Stil der Poesie wiederfindet und die als solche echte Gedichte sind, nur ohne Versmaß und Reim; das ist eine höchst glückliche Erfindung. Wir verdanken der Poesie in Prosa einige Werke voller zugleich wahrscheinlicher und wundersamer Abenteuer, ebenso weise wie brauchbare Beispiele, die vielleicht nie das Licht des Tages erblickt hätten, wären die Autoren verpflichtet gewesen, ihr Genie dem Reim und Versmaß zu unterwerfen. Der schätzenswerte Autor des Télémaque hätte uns niemals dieses bezaubernde Werk geschenkt, hätte er in Versen schreiben müssen; es gibt gute Gedichte ohne Verse so wie es Bilder gibt ohne reiche Farbigkeit.

Soweit so gut. Halten wir fest, die Bezeichnung poème en prose wurde nicht im 19. Jahrhundert von Baudelaire geprägt, sondern im 18. von den Aufklärern. Ja, sie beziehen sich auf Fénelon, den Autor des Télémaque. Aber ist ein didaktischer Roman in Prosa wirklich ein echtes Gedicht?

Zweite Überraschung

An dieser Stelle des Nachdenkens stieß ich auf die Tatsache, daß die Macher der Enzyklopädie nicht nur Fénelons Roman kannten, sondern tatsächlich kürzere poetische Stücke. Viele Jahre vor Goethes Werther gab es einen deutschsprachigen Autor, der in zahlreichen Ausgaben ins Französische, Englische, Italienische und Portugiesische übersetzt wurde. Seine Bücher waren in Prosa verfaßt, mit Bezeichnungen wie: Gedicht in fünf Gesängen. Idyllen. Ländliche Gedichte. Hirtengedichte. Poetischer Hirtenroman. Zwischen 1760 und 1840 ein europäischer Starautor. Der berühmte Mann hieß Salomon Geßner, ein Schweizer, der heute im französischen, englischen und auch im deutschen Sprachraum weitgehend vergessen ist. (Die Überraschung für mich war nicht, daß Geßner Prosagedichte schrieb, die kannte ich; sondern daß die Enzyklopädisten ihn kannten). „Geßner – ein Vergeßner“, reimte Ulrich Berkes, Herausgeber einer Auswahl von Idyllen bei Reclam Leipzig (1980). Das Kind Mozart spielte in seinem Haus, Goethe machte einen Anstandsbesuch. Vielleicht weiß man heute am ehesten noch, daß er der Gründer der Zürcher Zeitung war (1780), aus der später die Neue Zürcher Zeitung wurde. Hier eine unvollständige Aufstellung von Übersetzungen in europäische Sprachen.

La mort d’Abel,: poëme, en cinq chants
Published 1760 by J.H. Schneider

Idylles et Poëmes champêtres de M. Gessner
traduit de l’allemand par M. Huber
Published 1762 by J. M. Bruyset in Lyon

Rural poems
Translated from the original German, of M. Gesner.
by Salomon Gessner
Published 1762. Printed for T. Becket, and P.A. de Hondt in London

Select poems from M. Gessner’s Pastorals
By the versifier of Anningait and Ajutt.
Published 1762 by printed for the author, and sold by J. Newbury in London

Rural poems
Translated from the original German, of M. Gessner.
by Salomon Gessner
Published 1763. Printed for Peter Wilson in Dublin

Daphnis
a poetical, pastoral novel. Translated from the German of Mr. Gessner, the celebrated author of the Death of Abel. By an English gentleman, … To which is prefixed, a prefatory discourse on the origin and use of pastoral poetry.
Published 1768 by sold by J. Dodsley, T. Cadell, W. Owen, G. Kearsley, J. Wilkie, and W. Nicoll, and W. Davenhill in London

Contes moraux et nouvelles idylles
de Diderot et Salomon Gessner.
Published 1773 in Zuric .
Vol. 2 has title: Œuvres de Salomon Gessner, traduits de l’allemand.
Illustrations and plates by Gessner.

„Contes moraux“ by Diderot (v.1, p. [1]-58) comprise „Les deux amis de Bourbonne“ and „Entretien d’un pere avec ses enfans.“

Pastoraes: Traduzidas em Portuguez
Published 1778 by Na officina que foi de A. Alvares Ribeiro

Oeuvres complettes de Gessner.
Published 1780 by Cazin in Paris

I nuovi idillj di Gessner
in versi italiani, con una lettera del medesimo sul dipingere di paesetti.
Traduzione del P. Francesco Soave.
Published 1792 by Nella stamperia di G. Storti in Venezia .

Oeuvres de Salomon Gessner.
Published 1795 by chez Dufarc in Paris

Œuvres completes de M. Gessner.
Published 1796 by Chez Patris … Gilbert … in Paris
Translated by M. Huber. Cf. t.p., v. 2 and 3.

Idyls, or pastoral poems; to which is annexed, a letter to M. Fuessli, on landscape painting. Translated from the German of Solomon Gessner, …
Published 1798 by printed for W. Mudie, and Arch. Constable. And John Murdoch, Glasgow in Edinburgh

Œuvres de Salomon Gessner …
Published 1799 by Chez A.-A. Renouard in Paris. 4 Bd.

The works of Solomon Gessner
from the German. With some account of his life and writings.
Published 1802 by T. Cadell, junr. and W. Davies in London .
Table of Contents
1. Preface by the translator. The death of Abel. Letter on landscape painting.
2. Idylls. Miscellanies. the first navigator.
3. Daphnis. Evander Alcimna. Erastus. The deluge. The wish.

Select idylls
or, Pastoral poems.
by Salomon Gessner
Published 1809. Printed for Longman, Hurst, Rees and Orme, by W. Savage in London .

Oeuvres complètes.
Nouv. éd.
by Salomon Gessner
Published 1812 by L. Duprat-Duverger in Paris

Il maestro di miniatura a guazzo ed all‘ acquerello
opera dedicata alle dame, con quattordici figure
Published 1822 by P. e G. Vallardi in Milano

Œuvres completes de Gessner …
Published 1836 by Decourchant in Paris

Manche der Prosagedichte sind verhüllend in englische Blankverse übersetzt oder in artige französische Verse. Zu fremdartig schienen diese Texte den Übersetzern, als daß man sie formgetreu übersetzen könnte. Der Übersetzer der Rural Poems gibt ein Beispiel. Übersetzer X übersetzt in jetzt beliebte, sagt der Kritiker Y, „prosaische Verse“ oder „poetische Prosa“ etwa so:

The sprightly lark, mounting aloft, hails with her chearful note the new-born day

Während das Original schlicht so lautet:

Wie froh singet die kleine Lerche in der hohen Luft!

Erklärend fügt Y hinzu, daß der bombastische Ton der „Übersetzung“ vermutlich daher rühre, daß der Übersetzung nicht das Original, sondern eine französische Übersetzung zugrundelag. Und doch traut sich auch der kritische Übersetzer nicht, die Gedichte in ebenso konzise und einfache Prosa zu übersetzen. Wenn er die Prosa ganz in „geschmeidiger fließende Verse“ übersetzte, wäre es dem Ohr des englischen Lesers wohl annehmbarer, aber es bliebe wenig Ähnlichkeit mit dem Original; aber wenn er eine exaktere Übersetzung in Prosa fertigte, würde er wahrscheinlich nicht nur den Dichter, sondern auch den Leser verlieren: wörtlich „keine Hoffnung, einen einzigen Leser zu gewinnen“. Also wählt er einen Mittelweg und übersetzt teils in Prosa, teils in mit Assonanzen gespickte Blankverse. Das zweite Gedicht der Idyllen etwa, Milon, besteht bei ihm aus zwei Seiten Blankversen und einem Schlußabsatz von neun Zeilen Prosa. Bei anderen ist der Prosaanteil etwas höher. Immerhin bekommt der Leser einen wenn auch abgemilderten Eindruck vom Original. Seine Übersetzung aber mögen die beurteilen, so der Übersetzer abschließend, die in beiden Sprachen gleich kompetent seien und einen Sinn für deutsche wie für englische Poesie haben.

Das Vorwort der ersten französischen Ausgabe der Idyllen von 1762 sagt, die italienischen und französischen Idyllendichter scheinen zu glauben, daß Schäfer nur über Liebe reden. Geßner sei vielleicht der erste, der die Schäfer als wirkliche Menschen mit allen dazugehörigen Bedürfnissen und Leidenschaften schildere. Nichts Menschliches sei ihnen fremd, sie seien arm, sie würden alt, und beides mache sie umso interessanter. Es würde ihn nicht wundern, wenn man ihn in Frankreich dafür tadeln würde, daß er zu sehr ins Detail ginge. In den Augen der Deutschen seien diese Details gerade sein Verdienst. Voltaire habe in seinem Essay über epische Dichtung geschrieben, daß von allen polierten Nationen die Franzosen am wenigsten poetisch seien. Er, der Übersetzer, wolle nicht entscheiden, was der Grund dafür sei und ob die Deutschen sensibler oder die Franzosen vernünftiger seien. Die Übersetzung ist jedenfalls durchweg in Prosa.

Die Wirkung Geßners auf die französischen Dichter war ungeheuer. Anscheinend war sein Name und Ruhm zu Baudelaires Zeit vergessen; aber Baudelaires Anreger und namentlich Aloysius Bertrand kannten ihn gut. Dann geriet er in Vergessenheit.

Wieso Geßner nicht in dem Enzyklopädieartikel erwähnt wird, kann ich nicht erklären. Zu spekulieren wäre, daß zwar Diderot, wie nachweisbar, Geßner kannte und schätzte und möglicherweise deshalb einen Artikel über den Terminus wünschte; aber er schrieb nicht alle Artikel selber. Louis de Jaucourt übernimmt den Artikel, aber offensichtlich kann er wenig damit anfangen. Ihm fällt nur der fast 70 Jahre frühere Fénelon mit seinem Télémaque ein. Aber stimmt das auch?

Dritte Überraschung

Beim Nachdenken über diese Frage machte ich einen erstaunlichen Fund. Jaucourts Enzyklopädieartikel über das Poème en prose von 1765 ist ein hundertprozentiges Plagiat… aus einer 30 Jahre älteren Schrift. 1733 veröffentlichte Jean-Baptiste Dubos Réflexions critiques sur la poésie et la peinture (édition de Paris : P.-J. Mariette). Darin findet sich der komplette Text des vermeintlichen Enzyklopädieartikels. Jaucourt fügt buchstäblich kein einziges Wort hinzu, sondern streicht nur Teile aus. (Tatsächlich werden wenige Verbindungswörter bzw. -buchstaben und zwei Superlative eingefügt). In der folgenden Strichfassung lasse ich nur den Encyclopédie-Text stehen, von Jaucourt hinzugefügte Wörter rot in eckigen Klammern:

des estampes et des poëmes en prose.

je comparerois volontiers les estampes, où l’on retrouve tout le tableau, à l’exception du coloris, aux romans en prose, [genre d’ouvrage] où l’on retrouve la fiction et le stile de la poësie. Ils [et qui par-là] sont des [vrai] poëmes à la mesure et à la rime près. [c’est une] L’invention des estampes et celle des poëmes en prose, sont également [fort] heureuses. Les estampes multiplient à l’infini les tableaux des grands maîtres. Elles mettent à portée d’en joüir, ceux que la distance des lieux condamnoit à ne les voir jamais. On voit de Paris par le secours d’une estampe, les plus grandes beautez que Raphaël ait peintes sur les murs du vatican. Un particulier peut même mettre dans son cabinet, tout l’esprit et toute la poësie qui sont dans des chef-d’ œuvres, dont les beautez sembloient reservées pour les cabinets des princes, ou de ceux qui se sont rendus aussi riches qu’eux en maniant leurs finances. De même nous avons l’obligation à la poësie en prose, de quelques ouvrages remplis d’avantures vrai-semblables et merveilleuses à la fois, comme de préceptes sages et praticables en même-temps, qui n’auroient peut-être jamais vû le jour, s’il eut fallu que les auteurs eussent assujetti leur génie à la rime et à la mesure. Les [estimable] auteurs de la princesse De Cleves et de Telemaque, ne nous auroient peut être donné jamais ces[t] ouvrages, [enchanteur] s’ils avoient dû les écrire en vers. Il est de beaux poëmes sans vers, comme il est de beaux vers sans poësie, et [comme] de beaux tableaux sans un [le plus] riche coloris. Qu’on ne dise point que c’est la partie du coloris qui constituë le peintre, et qu’on n’est peintre qu’autant qu’on sçait colorier. C’est alléguer pour preuve une question que je crois même devoir demeurer sans décision. Expliquons-nous.

Ein Fall für WikiPlag! – 1733 war Geßner gerade einmal 3 Jahre alt und der empfindsame Stil, der bei Rousseau und Diderot einschlug, war noch nicht erfunden. Der findige Enzyklopädist nimmt ein älteres, fern verwandtes Phänomen und … läßt darüber schreiben. Ob das der Grund ist, warum der Enzyklopädieartikel über das Poème en prose nirgends erwähnt wird?

Über Geßner, Bertrand, Baudelaire und die Gattung Prosagedicht ein andermal.

Zum Nachlesen:

  • Aloysius Bertrand: Gaspard de la Nuit – Phantasien in der Manier Callots und Rembrandts. Aus dem Französischen übertragen von Jürgen Buchmann mit einem Nachwort des Übersetzers. 150 Seiten, Paperback 19×12 ISBN: 978-3-9813470-9-8 11,90 Euro (D) Bestellen unter info[at]reinecke-voss.de
  • Lyrikwiki: Prosagedicht

3 Comments on “Prosagedicht. Erkundung mit 3 Überraschungen

  1. Pingback: L&Poe ’17-10 – Lyrikzeitung & Poetry News

  2. Gessners Bedeutung für Frankreich ist nicht leicht zu überschätzen. Die Aussage: „Geßner sei vielleicht der erste, der die Schäfer als wirkliche Menschen mit allen dazugehörigen Bedürfnissen und Leidenschaften schildere. Nichts Menschliches sei ihnen fremd, sie seien arm, sie würden alt, und beides mache sie umso interessanter. Es würde ihn nicht wundern, wenn man ihn in Frankreich dafür tadeln würde, daß er zu sehr ins Detail ginge.“ kann man nur unterstreichen, auch wenn das Wie der Ausschilderung mir bei ihm oft missbehagt. (Und ich die Idyllen von Kosegarten oder Voß, die darum eher empfehlen würde, auch wenn sie auf Verse zurückgehen.)
    Immerhin sorgte diese Konkretheit dafür, dass Gessners Stern in Frankreich länger blank blieb und auch dem 19. Jahrhundert ein Zeitgenosse im Geiste blieb.
    Bei Nerval, der auch Klopstocks Gedichte in (wenn ich recht sehe) französische Prosa brachte, findet sich in seiner Erzählung „Sylvie“ (die gezielt zeitliche Folgerichtigkeit destruiert und am Plot auffallend wenig Interesse jenseits von Stimmung und Gedanklichkeit zeigt) z.B. eine Anrufung Gessners (im Netz finde ich auf die Schnelle den Text nur in englischer Übersetzung): „Sometimes I seek again my groves of Clarens lost in the fog to the north of Paris, but now, all is changed! Hermenonville, the spot where the ancient idyl blossomed again, transplanted by Gessner, thy star has set, the star that glowed for me with two-fold lustre. Blue and rose by turns, like the changeful Aldebaran, it was formed by Adrienne and Sylvie, the two halves of my love. One was the sublime ideal, the other, the sweet reality.“ (LUCIE PAGE, Portland, Maine THOMAS B. MOSHER, 1896)

    Die Geschichte mit dem Plagiat in der Enziklopädie finde ich den Hammer. Kein Wunder, dass auch französische Kanonisierungszüge an Gessner vorbeirollen. Man denkt ja, man hätte eine ergiebige und zuverlässige zeitgenössische Quelle, und muss dann dazu neigen ihn zu unterschätzen.

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  3. Herzlichen Dank – spannend und lehrreich! Aber zur Ehrenrettung des guten alten Wilpert darf ich mir vielleicht erlauben, darauf hinzuweisen, daß Wilpert in späteren Auflagen sehr wohl das „Prosagedicht“ in seinem „Sachwörterbuch“ behandelt hat, immerhin in einer Spalte. Mein Exemplar ist die 7. (erw. u. verb.) Auflage von 1989, das Buch erfuhr auch bei der 2., 4., 5. und 6. Aufl. (1959, 1964, 1969 u. 1979 [die 3. Aufl. 1961 ist lediglich „verbessert“, nicht „erweitert“, dürfte also nur Korrekturen, nicht aber Neuaufnahmen enthalten]) Erweiterungen, man müßte schauen, wo das „Prosagedicht“ erstmals aufgenommen ist. Leider habe ich keine der älteren Aufl. zu Verfügung, um das zu prüfen – 1989 ist es jedenfalls drin, ebenfalls übrigens der „Prosarhythmus“.
    Die Rezeption der Gattungsgeschichte scheint wirklich ganz und gar französisch bestimmt; das Phänomen ist jedoch gesamteuropäisch – man könnte etwa an Skandinavier denken (z.B. Wergeland, etwa zeitgleich mit Bertrand; u. später und in Deutschland durchaus rezipiert: Obstfelder) oder an Jean Paul (Polymeter, die als Gattungsbegriff Wilpert 1989 auch ganz kurz erwähnt), an Turgenjew, an so manches mehr. Um 1900 war die Gattungsform in Deutschland angekommen u. verbreitet, wie diffus auch immer (z.B. Johannes Schlaf, Max Dauthendey, Cäsar Flaischlen, selbst Stefan George, daneben viele heute völlig vergessene Autoren), fand aber anscheinend nie solch ein theoretisch-kritisches Echo wie in Frankreich.
    Ziemlich zeitgleich zu Gessner könnte Ossian vielleicht auch eine Rolle gespielt haben, die anzuschauen spannend sein könnte?
    Aber am spannendsten u. nach wie vor zeitgenössisch scheint mir doch Bertrand.
    Was bei Fenelon als „großes Prosagedicht“ bezeichnet wird, scheint auch mir wenig mit dem zu tun zu haben, was wir unter Prosagedicht heute verstehen – man müßte an den im 17. Jhdt. in Deutschland geläufigen Begriff des „Heldengedichts“ denken, das in Prosa dann schlicht und einfach das ist, was wir heute einen Roman nennen.
    Das rund zweieinhalb Jahrhunderte alte Plagiat in der Enzyklopädie finde ich einen schönen Fund, auch wenn es juristisch verjährt sein dürfte. Es war nicht so selten, eine Notwendigkeit für Wikiplag hätte auch schon vor der Möglichkeit des „copy and paste“ bestanden. Schade, früher war auch nicht alles besser. Naja, „früher“ ist eben auch nicht mehr, was es mal war…
    Die Fortsetzung wird dankbar u. mit Neugier erwartet.

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