Jack Hirschman (USA), John Unrau (Kanada), John Akpata (Kanada), Jacques Roubaud (Frankreich) und Thomas Kunst (Deutschland) bei einer Veranstaltung in Venedig am 5.3. 2011
22. Mai 2012
76. Europa anagrammiert
Kein Zweifel: «Europa anagrammiert / an Ego-Primärtrauma.» / Thomas Brunnschweiler, Neue Zürcher Zeitung 19.4.
Etienne Klein / Jacques Perry-Salkow: Anagrammes renversantes ou Le sens caché du monde. Flammarion, Paris 2011. 112 S. Petra Nagenkögel: Anagramme. da die bäume, die sprache, ein schlaf. Otto-Müller-Verlag, Salzburg 2012. 87 S., Fr. 27.50. Anna Isenschmid: Vier Seidenjahre Zeit. Anagramme. Verlag Martin Wallimann, Alpnach 2010. Unpaginiert, mit CD, Fr. 28.–. Die Anagramm-Sprechoper «Vier Seidenjahre Zeit» wird im Rahmen der Ausstellung «Jo Achermann, Die Quadratur des Blicks» in der Turbinenhalle in Giswil aufgeführt.
11. Mai 2012
34. Oktosyllabischer Roman
Die französische Lyrik nach 1945 verdankt Georges Perros ihre Alltagstauglichkeit. Nun liegt sein großer Gedichtroman endlich auf Deutsch vor. …
Der „octosyllabe“ ist ein kurzes Versmaß, das nicht den lockeren Atem des in der Renaissance beliebten Zehnsilbers oder die dramatische Fülle des klassischen Alexandriners bietet. Perros ist ein existentieller Purist, er beschränkt sich, ringt um Luft, um Worte, so, wie er seinen Lebenskreis auf die Elementarlandschaft des bretonischen Douarnenez reduziert – in dieser Begrenzung findet er Freiheit, und Weber hat das begriffen. / Niklas Bender, FAZ
Georges Perros: „Luftschnappen war sein Beruf“. Gedichtroman. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Anne Weber. Matthes & Seitz, Berlin 2012. 162 S., geb., 22,90 €.
3. Mai 2012
10. 13. poesiefestival berlin
Einige der klangvollsten Stimmen der internationalen Gegenwartslyrik kommen vom 1. – 9. Juni zum 13. poesiefestival berlin der Literaturwerkstatt Berlin. Mit dabei sind u.a. Ken Bastock (Kanada), Horácio Costa (Brasilien), Ngwatilo Mawiyoo (Kenia), Abdelwahab Meddeb (Tunesien/Frankreich), Michael Palmer (USA) Hama Tuma (Äthiopien), JUN Yan (China), Fatima Naoot (Ägypten).
Zum diesjährigen Übersetzungsworkshop VERSschmuggel treffen Dichter aus Brasilien auf ihre deutschsprachigen Kollegen und übersetzten sich gegenseitig. Lyrikline.org nutzt die Gelegenheit, um mit einigen Autoren ins Studio zu gehen und sie für die Webseite aufzunehmen.
Während des Festivals treffen sich zudem die internationalen Partner von lyrikline.org. Das Treffen bietet ein Forum für den Ideen- und Erfahrungsaustausch, für die Diskussion von Problemen und Perspektiven, und es dient der stärkeren Vernetzung über Ländergrenzen hinweg.
Weitere Informationen unter www.poesiefestival.org
29. April 2012
106. Kaspar Hauser singt
Das klassische, auch im deutschsprachigen Raum traditionsstiftende Modell für diese Anverwandlung der geschichtslosen und gleichwohl (oder gerade darum unwiderstehlich) bildmächtigen Figur hatte Paul Verlaines Gedicht «Gaspard Hauser chante» von 1873 geschaffen. Er schrieb das Gedicht, als er nach dem misslungenen Mordanschlag auf seinen Geliebten Rimbaud im Brüsseler Gefängnis eine zweijährige Haftstrafe verbüsste. «Je» am Anfang und «Gaspard» am Ende des Gedichts bilden eine bedeutungsvolle Klammer, die überdies das Ich mit der Kaspar-Figur in eins setzt. «Je suis venu, calme orphelin, / [. . .] / Vers les hommes des grandes villes: / Ils ne m’ont pas trouvé malin.» Sprachlos und verwaist, zurückgewiesen und verstossen von den Frauen, ja selbst vom Tod («La mort n’a pas voulu de moi»), hat sich dieses Ich ganz dem angeblichen Schicksal Kaspar Hausers anverwandelt: «Priez pour le pauvre Gaspard!», so endet Verlaines Gedicht.
1913, im Jahr vor seinem Tod, schrieb Georg Trakl sein Gedicht «Kaspar Hauser Lied», das sich nun einerseits eng an Verlaine anlehnt und doch anderseits Hausers Geschichte weniger egozentrisch und näher an der Überlieferung lyrisch nacherzählt. / Roman Bucheli, NZZ 28.4.
26. April 2012
95. Kann ein Dichter sterben?
Der Dokumentarfilm “Kann ein Dichter sterben?” (“Un poète peut-il mourir ?”), eine Würdigung des Schriftstellers und Journalisten Tahar Djaout, der 1993 ermordet wurde, nimmt am 7. Internationalen Festival des Orientalischen Films (Festival International du Film Oriental de Genève, FIFOG) in Genf teil. Das Festival findet vom 28.4.-6.5. statt. Der Film ist der einzige algerische Beitrag in der Kategorie Dokumentarfilm. Regisseur ist Abderrazak Larbi Cherif.
Der 80minütige Film verfolgt die Entwicklung des ersten Intellektuellen, der in Algerien Opfer des Terrorismus wurde. Die Sprache ist Tamazight mit französischen Untertiteln. / Dépêche de Kabylie
Aufgrund seiner Unterstützung des Säkularismus und seiner ablehnenden Haltung dem Fanatismus gegenüber verübte die Groupe Islamique Armé am 26. Mai 1993 ein Attentat auf Djaout, dem er, im Alter von 39 Jahren, eine Woche später erlag. / wiki
25. April 2012
91. Schluß mit dem Schwindel
“Poesie ist nichts als Schwindel”, schimpft Arthur Rimbaud. Im September 1886 bricht der Dichter von Somalia nach Äthiopien auf, um Waffen zu verkaufen. Für die Lyrik, den Pariser Literaturbetrieb, seinen spießigen Geburtsort Charleville hat er nur mehr Verachtung übrig. “Bei jedem Gespräch über Literatur geriet Rimbaud in Rage”, wundert sich Jean Roch Folelli. Der Korse, Mörder und Kommunarde von 1871, schließt sich Rimbauds Karawane an. / Jürgen Schickinger, Badische Zeitung 25.4.
In der Besprechung gehts um diese Comics:
– Christian Straboni, Laurence Maurel: Chapeau, Herr Rimbaud. Aus dem Französischen von Marie Luise Knott. Verlag Matthes & Seitz, 80 Seiten, 19,90 Euro.
– Michel Onfray; Maximilen Le Roy: Nietzsche. Aus dem Französischen von Stephanie Singh, Knaus Verlag, 128 Seiten, 19,99 Euro.
– Will Bingley, Anthony Hope-Smith: Gonzo Die grafische Biographie von Hunter S. Thompson. Aus dem amerikanischen Englischen von Jan-Frederik Bandel. Tolkemitt Verlag, 180 Seiten, 14,95 Euro.
23. April 2012
85. Sprachdenker
Edmond Jabès war buchstabengläubig: ein Sprachdenker, der auf der Wortoberfläche – im Klangraum der Poesie – spekulative Erkenntnis suchte und fand. Eine Erinnerung an den vor hundert Jahren geborenen Dichter und Philosophen von Felix Philipp Ingold, NZZ 14.4.
Mit seinem Sprachdenken ist Jabès für zahlreiche jüngere Dichter – unter ihnen Anne-Marie Albiach, Joseph Guglielmi, Rosmarie Waldrop, auch Paul Auster – schulbildend geworden. Namhafte Zeitgenossen wie Levinas, Derrida, Chillida, Nono oder Zanzotto haben an diesem ebenso schwierigen wie produktiven Denken partnerschaftlichen Anteil genommen und ihm zu bemerkenswerter Resonanz verholfen.
Lesetipp:
Zwischen den Zeilen Heft 26, Dezember 2006: Jean Daive, Edmond Jabès
5. April 2012
17. Gestorben
Raymond Jean, “Dichter, Romancier, Essayist, Kritiker und militant communiste” (L’Humanité), starb im Alter von 87 Jahren.
12. März 2012
50. Lyrik soll überraschen
André Velter : « Die wichtigste Aufgabe der Lyrik: dahin gehen, wo man sie nicht erwartet »
Der Frühling der Dichter geht in seine 14. Ausgabe. André Velter gehört zu den Gründervätern mit Jack Lang und Emmanuel Hoog. Corse Matin vom 11.3. befragte ihn:
Wie geht es der französischen Lyrik?
Sie ist äußerst lebendig! Es gibt eine Wiederbelebung der Mündlichkeit mit dem Auftreten interessanter und sehr unterschiedlicher Autoren. …
Wohin geht die Lyrik?
Nach einer Periode des Formalismus schwingt das Pendel in Richtung eines neuen Lyrismus. …
Wenn Sie zwei große Dichter der Gegenwart nennen sollten?
Adonis, der arabische Dichter syrischer Herkunft, der in Paris lebt. Ein wahrhaft universeller Dichter, der überall übersetzt und gelesen wird. Und Juan Gelman, der aus Argentinien stammt und in Mexiko lebt. Nicht so oft übersetzt, aber ein bedeutender Dichter.
Ihre drei wichtigsten neuen Bücher in Frankreich?
Je Est un Juif (Ich ist ein Jude) von Charles Dobzynski, bei Orizons, ein aufwühlendes Buch, C’est-à-dire (Will sagen) von Franck Venaille im Mercure de France und Vrouz* von Valérie Rouzeau, 100 wunderbare Sonette an der Table ronde.
* Ni vrac ni vroum, voilà le vrouz qui arrive, déboule et roule comme un dé sur la table, avec sa couverture bleue sage pas ciel plutôt bleu gris froid, peut-être un peu terne mais quelle vie ne l’est pas ? Vrouz donc, et une note finale nous informe qu’il s’agit d’un bon mot forgé par Jacques Bonnaffé, titre préféré à celui initialement prévu, « autoportraits sonnés avec ou sans moi ». hier