Lyrikzeitung & Poetry News

17. März 2012

75. Platz für Lyrik

Ob es zu Goethes Zeiten schon so war, ich weiß nicht. Christian Felix Weiße, Steuereinnehmer und Lyriker,  war ein Star mittleren Alters, den der Student eher verachtete, obwohl er selber so unendlich besser noch nicht war. Er hat ja auch das meiste verbrannt – als er soweit war, war er nicht mehr in der Pleißestadt.

Heute ist Leipzig ein gutes Pflaster für die Literatur und, was mich hier interessiert, ein hervorragender Platz für Lyrik. Nicht nur leben hier viele Lyriker, manche nur ein paar Jahre und manche länger – es kommt auch viel Publikum. Im Trubel der lärmenden Messehallen nicht immer mit voller Platzauslastung, aber ich habe keine Lesung gefunden, die ohne Publikum auskommen mußte trotz des Überangebots (das Programm ist 467 Seiten stark). Gestern 16:00 bis 16:30 lasen Artur Punte und Sergej Timojejev von der lettischen Poetengruppe ORBITA ihre russischen Gedichte, danach wechselte ich ein paar Stände weiter, wo schon seit 16:00 drei Autoren unter der Rubrik “Kleine Sprachen – Große Literaturen” lasen, Serhij Zhadan aus der Ukraine hatte ich verpaßt, als ich kam, las gerade der Litauer Sigitas Parulskis und dann der Schweizer und Engelerartist Arno Camenisch, dieser zweisprachig Surselvisch und Deutsch. Zum Schluß gabs noch eine furiose Soundzugabe aller drei Dichter in den Originalsprachen ohne Übersetzung, aber ein Ereignis!

Eine ähnliche Überlagerung hatte ich schon am Donnerstag erlebt. Ich hörte junge Lyrik aus Ungarn – es lasen András Gerevich und Attila Végh eine Probe im Original, dann eine junge Frau mit zu dünner Stimme Übersetzungen, die nicht sehr markant klangen im lauten Hintergrundrauschen um das “Café Europa”. Dann aus der Nähe sehr lauter Applaus und dann in einer fremden Sprache sehr laut und klangvoll ein Mann, die Moderatorin kommentierte, irgendein politischer Appell störe die Lyriklesung, die “Störung” dauerte an und schwächte die Aufmerksamkeit für die Ungarn, die nach der politischen Situation in ihrer Heimat ausgefragt wurden. Ich sah später nach, die Störung kam kam aus dem Buchmesseschwerpunkt “Tranzyt” und hier speziell von einer Lesung zweier weißrussischer Dichter, Volha Hapejeva und – vermutlich der Herr mit der durchdringenden Stimme – Zmicer Vishniou. Da hatte ich mich falsch entschieden und dennoch eine akustische Kostprobe bekommen.

Entscheiden, ob richtig oder falsch, muß man sich hier ständig. Als ich im English Room zweisprachig Texte von Peter Gizzi, H.D. und George Oppen hörte, verpaßte ich, nur einige Namen zu nennen, Thomas Böhme und Tom Bresemann, Georg Klein und Andreas Reimann, Wladimir Kaminer, Jan Skudlarek, Christian Kracht, Franzobel, Wiglaf Droste, Marcel Beyer, Ralph Dutli und und und. Gestern nachmittag hörte ich Chirikure Chirikure aus Simbabwe, der Englisch und auch einmal Schona las und sich in phonetischem Deutsch probierte. Im fliegenden Wechsel dort bei arte in der Glashalle traf ich meinen Freund Alex, der tschechische Autoren gehört hatte und zur nächsten Lesung weiterflog.

Am Abend fuhr ich in den quirligen, offenbar noch nicht von Gentrifizierung bedrohten Süden, nach Plagwitz, wo das junge Leben pulsiert und auch das der Lyrik. Im Abstand von 150 Metern zwei attraktive Veranstaltungsorte, zwischen denen nicht nur ich pendelte, ein Stempel auf der Hand machts möglich. Bis nach Mitternacht konnte man im Lindenfels Westflügel “UV – die Lesung der unabhängigen Verlage” genießen, zu Beginn lasen unten im “Café” Lydia Daher, Norbert Lange und Monika Rinck aus ihren neuen Büchern, während gleichzeitig oben im “Saal” DDR-Altstar Werner Heiduczek sowie Peter Wawerzinek und Karsten Krampitz zu hören waren. Beide Räume waren voller Zuhörer, und auch das dort ausgeschenkte “Industriebier” ist empfehlenswert. Unter vielen weiteren Autoren nenne ich nur Enno Stahl und Thomas Meyer. Ein Stück weiter die Lyrikbuchhandlung mit attraktivem Buchangebot zahlreicher Lyrikverlage – keine Buchhandlung kann sich damit messen, der Verkäufer empfahl, nicht zu viel Bargeld mitzubringen, womöglich hatte er recht. Auch dort drängte sich das junge Publikum bei Bertram Reinecke und Dagmara Kraus. Leipzig bildet seine Leute immer noch – auch seine Lyriker und Lyrikleser, q.e.d.

14. März 2012

64. Sarmatische Begeisterungsfähigkeit

Einsortiert unter: Deutschland, Polen, Ukraine, Weißrußland — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 17:34

Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Martin Pollack, der 2011 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten hat, kuratiert den auf drei Jahre angelegten Schwerpunkt „Tranzyt – Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus“ auf der Leipziger Buchmesse. Die Presse (Wien) berichtet:

2005 hat Pollack eine Anthologie namens „Sarmatische Landschaften: Nachrichten aus Litauen, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland“ herausgegeben. „Die Polen erinnern sich gern an das einstige Sarmatien“, erklärt Pollack: „Für sie ist das so eine Art innerkontinentales Atlantis.“ In der Spätantike verstand man unter Sarmatien die große Region zwischen Weichsel, Wolga, dem Schwarzen Meer und der Ostsee. Die polnisch-litauische Adelsrepublik der frühen Neuzeit übernahm diesen Namen, in ihr lebten Polen, Weißrussen und Westukrainer in einem Staatenverband, in dem die Polen die Führung innehatten: „Für sie war das ein Goldenes Zeitalter.“

Eines könne sich der Westen aber von den Osteuropäern abschauen, meint Pollack: die Begeisterungsfähigkeit für Literatur. „Ich habe Lyrik-Lesungen erlebt, bei denen die Säle gerammelt voll mit jungen Leute waren, die gejubelt haben.“ So etwas wünsche er sich auch für Leipzig…

/ Die Presse 14.3.

Die Leipziger Buchmesse dauert von 15. bis 18. März. Insgesamt präsentieren 2071 Verlage über 100.000 Bücher aus 44 Ländern.

Das Autoren-Camp ist die wichtigste Neuerung. Es dient der Vernetzung von Autoren.

10. März 2012

43. Westliche Erwartungshaltung

Einsortiert unter: Weißrußland — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 01:39

Zum Buchmesseschwerpunkt Weißrußland ein Gespräch im Standard:

Standard: Gibt es da vielleicht vom westlichen Publikum eine bestimmte Erwartungshaltung, die von den Autoren in vorauseilendem Gehorsam eifrig bedient wird?

Pollack: Das stimmt, aber es gibt auch Autorinnen wie die belarussische Lyrikerin Valzhyna Mort, die es nicht mehr hören kann, dass sie ständig politische Statements abgeben soll. Es ist alles andere als einfach, nicht in diese Falle zu tappen, weil sich diese Autoren dem theoretisch zwar verweigern können, aber wenn sie das tun, dann wird es für sie noch einmal schwerer, im Westen wahrgenommen zu werden, als es ohnehin schon ist. Diese Dynamik finde ich alles andere als optimal.

Standard: Ist es Ihnen gelungen, in Leipzig Autorinnen und Autoren aus Belarus, Polen und der Ukraine zu präsentieren, die sich eben nicht als “politische Autoren” schubladisieren lassen?

Pollack: Zum Teil. Wir bringen zum Beispiel Andrej Chadanowitsch, der auch unpolitische Gedichte schreibt und der sich wie Valzhyna Mort dagegen verwahrt, als Ideologe oder Publizist gesehen zu werden. Es geht nicht darum, die Politik völlig auszublenden, das ist ohnehin unmöglich.

22. Februar 2012

100. Lyrik bei Tag und Nacht

Einsortiert unter: Polen, Ukraine, Weißrußland — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 13:36

Tranzyt. Messeschwerpunkt auf der Leipziger Buchmesse

Poetische Tage und Nächte warten auf Lyrikfans. Bei Tage stellt sich das “Internationale Poesiefestival Meridian Czernowitz” in Leipzig vor. In mehreren Veranstaltungen lesen Lyrik-Stars und Newcomer. Am Nachmittag des ersten Messetages steht zeitgenössische Lyrik aus Polen, der Ukraine und Belarus auf dem Programm. Die Teilnehmer debattieren, was die neue lyrische Richtung in diesen drei Ländern auszeichnet. Die tranzyt-Nacht auf der Leipziger Theaterbühne Skala vereint Slam-Poetry und Musik aus Polen, der Ukraine und Belarus.

Spannend sind nicht nur die Literaturen aus den drei Ländern sondern auch die Literaturzeitschriften und -portale. In Leipzig stellen sich die Zeitschrift des Vereins translit e.V., die deutsch-polnisch-ukrainische Zeitschrift “RADAR” und das Webportal literabel.de für belarussische Gegenwartsliteratur vor.

Vielfältige Literaturen – vielfältige Buchmärkte

“Polen, Belarus und die Ukraine stehen für unterschiedliche politische Systeme”, erläutert Oliver Zille. “Ebenso verschieden haben sich die Buchmärkte der einzelnen Länder entwickelt und so sind auch die statistischen Gegebenheiten zu unterschiedlich, um eine wirkliche Vergleichbarkeit der bekannten Daten und Fakten herzustellen.”

Polen verfügt über den größten Buchmarkt innerhalb des Programmschwerpunktes. Die gut 38 Millionen Einwohner sorgten 2010 für einen Umsatz von 736 Millionen Euro im Buchmarkt. Der Deutsche Buchexport nach Polen lag 2010 bei 19,79 Millionen Euro. Im Jahr 2009 wurden 24.380 Bücher veröffentlicht davon 13.430 Neuerscheinungen . 26 Prozent der publizierten Titel sind Übersetzungen. Die 200 größten Verlage verzeichneten 98 Prozent des Umsatzvolumens.

Polen verzeichnet insgesamt 3.000 Buchhandlungen und 31.100 Unternehmen im Verlagswesen. Zu den wichtigsten Vertriebswegen zählen der Buchhandel/Buchketten, Supermärkte/Warenhäuser, Direktverkauf/Buchklubs und das Internet . Polen gehört seit 1995 zur weltweiten Spitzengruppe der Lizenzkäufer deutscher Titel. Die Hälfte der Lizenzen entfallen auf Belletristik. Eine Studie aus dem Herbst 2012 der Arbeitsstelle für Leseforschung der Nationalbibliothek ergab, dass 46 Prozent der polnischen Bücherfans gern Übersetzungen fremdsprachiger Literatur lesen, darunter zahlreiche Neuübersetzungen deutscher Klassiker des 20. Jahrhunderts wie Fallada, Remarque oder Rilke. Die Zahl der regelmäßigen Leser liegt stabil bei 12 Prozent der Bevölkerung. Besonders beliebt beim Publikum sind Thriller, Liebesromane und Reportagen. E-Books und E-Reader erfreuen sich vor allem bei jungen Polen großer Beliebtheit.

Belarus stellt mit 9,5 Millionen Einwohnern das bevölkerungsärmste Land des Programmschwerpunktes. 2010 erschienen 10.774 Titel mit einer Gesamtauflage von 42 Millionen Stück. Das Verlagswesen vereint 837 Unternehmen, von denen etwa 100 marktentscheidend sind.

Zwei Drittel der Bevölkerung bekennt sich zum Lesegenuss, während ein Drittel keine Bücher zur Hand nimmt. Weißrussisch ist die Amtssprache in Belarus. Etwa 75 Prozent der Bevölkerung nutzt im Alltag das Russische. Der Mehrheit er Publikationen erscheint daher in dieser Sprache. Nur etwa ein Drittel wird auf Weißrussisch veröffentlicht. Immerhin 13,3 Prozent der Einwohner können nicht auf Weißrussisch lesen und 62 Prozent zeigen an weißrussischer Literatur nur wenig Interesse. Hoch im Kurs steht hingegen zeitgenössische, ausländische Literatur insbesondere russische.

In der Ukraine leben rund 45 Millionen Einwohner. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung beherrscht sowohl die ukrainische als auch die russische Sprache. Offizielle Amtssprache ist nach der Unabhängigkeit 1991 das Ukrainische. Die russische Kultur und Literatur beeinflusst aber weiterhin die Gesellschaft. So wird der ukrainische Buchmarkt stark mit russischer Belletristik versorgt. Andererseits steigt die Nachfrage nach Büchern in der ukrainischen Sprache. Den Buchmarkt teilen sich 350 Verlage. Im letzten Jahr gaben 60 Prozent dieser Unternehmen ein Umsatzwachstum an. Im Jahr 2010 betrug die Gesamtauflage an Büchern und Broschüren knapp 34 Millionen Stück, davon erschienen knapp 17 Millionen auf Ukrainisch und gut 15 Millionen auf Russisch.

54 Prozent der Bevölkerung in der Ukraine lesen regelmäßig. Sie kauften zu 38 Prozent ukrainische und zu 60 Prozent russische Publikationen. Bücher auf Deutsch werden von 1,1 Prozent der Ukrainer erworben.

Insgesamt 2.780 Autoren und Mitwirkende in 2.600 Veranstaltungen kommen zu Europas größtem Lesefest “Leipzig liest” nach Leipzig. Das komplette Programm ist online unter www.leipzig-liest.de verfügbar. Wer viel unterwegs ist, kann die mobile Programm-Version unter www.leipzig-liest.de/mobil erreichen.

99. Schillernd, vielfältig und reich: “tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus”

Neuer Programmschwerpunkt der Leipziger Buchmesse

Prosa und Lyrik, Gesellschaftspolitik und Fußball, Diktatur und Demokratie – die Literaturszenen in Polen, der Ukraine und Belarus versprechen neue Namen, spannende Themen und bewegende Geschichten. Zur Leipziger Buchmesse präsentieren vom 15. bis 18. März junge Wilde und preisgekrönte Routiniers erstmals den Programmschwerpunkt “tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus”. “Mit ´tranzyt´ wollen wir gemeinsam mit unseren Partnern den Blick auf diese weitgehend unbekannten Literatur-Landschaften schärfen”, erklärt Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse. “Gerade über literarische Texte, erhalten die Leser ein differenziertes Bild der verschiedenen Kulturen.”

Wie gehen Schriftsteller mit den historischen Ereignissen und den teils dramatischen, politischen Entwicklungen um? Welche Aufgaben kommen Autoren und Künstlern in der Diskussion über die Zivilgesellschaften gegen einen alles beherrschenden Staat zu? Wie können die Künstler als Kreative jenseits der jeweiligen Landespolitik wahrgenommen werden? Unterscheiden sich Prosa oder Lyrik aus diesen drei Ländern voneinander oder vom Rest der Welt?

In 20 Veranstaltungen des Programmschwerpunktes “tranzyt” geben 32 Autoren aus Polen, der Ukraine und Belarus Antworten auf diese Fragen. Von den “tranzyt”-Gästen haben einige bereits auf Deutsch publiziert. Hierzu gehören Joanna Bator, Sylwia Chutnik, Piotr Siemion und Andrzej Stasiuk aus Polen sowie Swetlana Alexijewitsch und Alhierd Bacharewitsch aus Belarus. Deutsche Ausgaben gibt es zudem bereits von den ukrainischen Autoren Juri Andruchowytsch, Andrej Kurkow, Natalka Sniadanko, Oksana Zabuzhko und Serhij Zhadan.

Kurator des Programmschwerpunktes ist Martin Pollack, Experte für Geschichte und Literatur Mittel- und Osteuropas, Autor, Übersetzer und Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2011. “Brilliant, bedeutend und beeindruckend sind die literarischen Landschaften Polens, der Ukraine und Belarus”, verspricht Pollack. “Sie verdienen es, von einem großen Publikum entdeckt zu werden. Die teils bestürzenden politischen Entwicklungen sollten unsere Neugier auf neue Themen, Zusammenhänge und Wechselwirkungen von Geschichte, Politik und Kultur noch erhöhen.” “tranzyt” ist ein Projekt der Leipziger Buchmesse, der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Kooperation mit der Rinat Ahmetov Stiftung “Rozvytok Ukrajiny”, der Allianz Kulturstiftung, dem Lviver Verlegerforum und dem Polnischen Institut Berlin, Filiale Leipzig. Koordiniert wird das Programm von der Kulturmanagerin Kateryna Stetsevych.

Fußball und Politik – eine runde Sache?

Politik und Fußball sind vielfältig verknüpft – nicht nur in Polen und der Ukraine. Aber 2012 liegt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit ganz besonders auf den gastgebenden Ländern der Fußball-Europameisterschaft. Anlässlich der EM haben sich elf Autorinnen aus der Ukraine auf die Suche nach einem Fußball gemacht. Was dabei herausgekommen ist, erfahren die Zuschauer der Veranstaltung “Wodka für den Torwart”. Unter dem Titel “Freistoß. Fußball und Gesellschaft in Polen, der Ukraine und Belarus” geht “tranzyt” der Frage nach, wie sich der Fußball und das Turnier auf die politischen und kulturellen Entwicklungen dieser Länder auswirken.

LEIPZIGER BUCHMESSE
(15. bis 18. März 2012)

14. Februar 2012

55. Schwerpunkt Tranzyt

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“Tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus (Weißrussland)” heißt der Programmschwerpunkt der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Man wolle, auch aus Anlass der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine, Autoren aus Mittel- und Osteuropa bekannt machen und deren Publikationen in deutschen Verlagen befördern, erklärte Buchmessedirektor Oliver Zille. Als Gäste werden unter anderem Andrzej Stasiuk, die belarussische Autorin Swetlana Alexijewitsch und Jury Andruchowytsch aus der Ukraine. Kurator Martin Pollack erklärte, die Autoren aus Polen, der Ukraine und Belarus seien “untereinander sehr gut vernetzt und gemeinsam in verschiedenen Projekten aktiv”.

12. Juli 2011

48. Mechanik und Esprit

Auf eine andere Art exotisch wirkt in einer nach dem Authentischen, Eigentlichen, Unmittelbaren gierenden Leserwelt jene Gruppe der französischen Schriftsteller, die sich «Oulipo» abkürzt (auf Deutsch: «Werkstatt für potenzielle Literatur») und die der Pariser Romanist Jürgen Ritte einem begeisterten Publikum in einer Hotelbar vorstellte. Die Mitglieder der Gruppe schreiben nach selbst verordneten, teilweise sehr komplizierten Regeln – von denen der Leser möglichst nichts bemerkt. Das Verfahren ist noch nicht die Kunst: Aber es ermöglicht sie, bringt sie im besten Fall gerade durch Beschränkung hervor. Die von Ritte übersetzten Beispiele zeigten wunderbar, wie auch Komik aus purer Mechanik entstehen kann – wenn sie vom Öl des Esprits angetrieben wird.

O-Töne: Das ist ein weiterer Trumpf des Leukerbader Festivals. Die Veranstalter legen Wert darauf, dass viel in Originalsprachen gelesen wird. So konnte man Isländisch (Sjón) und Weissrussisch hören (Valzhyna Mort), ungarische Verse (Istvan Kemeny) und englische Prosa (…) / Martin Ebel, Tages-Anzeiger

7. April 2011

33. Weißrussland: schwarze Liste mit unerwünschter Kultur

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Das Papier wirkt unwirklich, wie eine Reminiszenz an die alte Zeit der Parteiendiktatur. Es ist dünn, ähnlich dem Papier, das man in der Sowjetunion gebrauchte. Es fehlen Stempel, Unterschriften, all die Insignien, die das Papier als ein offizielles Dokument der weißrussischen Bürokratie ausweisen würden. ‘Spisok’, Liste, steht auf Russisch über den Namen der 57 Musiker, Autoren und Schauspieler. Bekannte weißrussische Bands wie N.R.M., Krambambulja, Lyapis Trubeckoi oder das Theaterprojekt ‘Belarus Free Theatre’ stehen auf dieser Liste. Auch der Song-Schreiber Zmicier Wajzjukjewytsch, ein enger Freund des Dichters Uladzimier Njakljaeu, der bei den Präsidentschaftswahlen 2010 antrat, dann am finalen Wahlabend von Sicherheitskräften zusammengeschlagen und ins KGB-Gefängnis verschleppt wurde. / SZ 29.3.

23. März 2011

104. Jüdische Lieder

Der sich anschließende Auszug aus Mieczyslaw Weinbergs Zyklus „Jüdische Lieder auf Verse von Shmuel Halkin, op. 17“ stand in jeder Hinsicht in krassem Gegensatz zum spätromantischen Auftakt. Während Brahms’ Lieder von Liebe, Sehnsüchten und träumerischer Weltabgewandheit handeln, hat Weinbergs 1944 entstandenes Werk das Leid der jüdischen Bevölkerung im von Deutschland besetzten Polen zum Thema. … Besonders eindrucksvoll geriet „Tife griber, rote leym“. Der 1996 verstorbene Weinberg hinterließ ein umfangreiches Œuvre, in dem es noch viel zu entdecken gibt. / Manuel Wenda, Main-Spitze

Shmuel Halkin (1897-1960) war ein sowjetischer jiddischer Dichter aus Weißrußland.

“Er nahm Bilder und Themen aus Bibel, Talmud, Kabbala und dem Chassidismus auf, die er als universelle Symbole und Metaphern einsetzte. Nicht weniger wichtig war der Einfluß der russischen und deutschen Gedankendichtung, besonders Puschkin, Fjodor Tjutschew und Goethe. Der führende jiddischer Dichter Avram Sutzkever lobte Halkin für seinen ästhetischen Perfektionismus, der sich in der ‘ausgewogenen Balance von Wort und Ausdruck’ äußerte; nach dem amerikanischen Kritiker Nakhmen Mayzel war Halkin ‘einer der am meisten komplexen und raffinierten, tiefen und jüdischen jiddischen Dichter der Sowjetunion’”. (Mikhail Krutikov)

Über Halkin:

Shmuel Halkin, “Oytobiografye,” Di goldene keyt 39 (1961): 69–86, see preface by Avrom Sutzkever; Mikhail Krutikov, “Traditsye un haynttsaytikayt in der shafung fun Shmuel Halkinen,” Sovetish heymland 7 (1987): 102–108; Nachman Mayzel, “Shmuel Halkin,” in Dos yidishe shafn un der yidisher shrayber in Sovetnfarband, pp. 253–268 (New York, 1953).

Hier zur Biografie

Hier das Lied “Tiefe griber, roiter leym” (Tiefe Gräber, roter Lehm) Jiddisch und Englisch

In der Open Library (Steven Spielberg digital Yiddish library) gibt es einige seiner Bücher

26. Januar 2011

107. Annenskij in Lörrach

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In ihrer neuen Heimat Wollbach findet sie nicht nur die Ruhe, die sie fürs Übersetzen braucht, sondern auch ein neues Bild der Landschaften, die sie aus vielen der russischen Bücher kennt, die sie übersetzt. Ihre neueste Übersetzung, der Lyrikband “Wolkenrauch” von Innokentij Annenskij, ist im vergangenen Herbst bei der renommierten Edition Rugerup erschienen. Am heutigen Mittwoch wird Jakobson in der Stadtbibliothek sowohl auf Deutsch als auch auf Weißrussisch daraus lesen und vom Leben und Schreiben des Schriftstellers erzählen. …

Das Übertragen von Gedichten in eine andere Sprache gilt als eine der schwierigsten und komplexesten Übersetzertätigkeiten überhaupt. Darum muss man, um einen Lyriker übersetzen zu wollen und können, einen Bezug zu ihm haben, sagt Martina Jakobson. Ihr Interesse habe Annenskij zum einen als Dichter zwischen den Welten von Symbolismus und Avantgarde geweckt, der oft klar in Inhalt und Sprache sei, manchmal aber auch voller Geheimnisse. Zum anderen binde sie die immer gültige Aktualität seiner Landschaftsmotive als Spiegel von Seelenzuständen an den Autor. …

Es sind aber nicht nur die Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts, die die Übersetzerin für Russisch, Weißrussisch und Französisch interessieren, sondern auch die junge und ganz junge Lyrik nicht-deutscher und deutscher Autoren. “Da lese ich alles, was auf den Markt kommt”, sagt Jakobson. Die Frische der Sprache und die in diesem Umgang entstehenden neuen Wortschöpfungen der zeitgenössischen Dichter inspirierten sie stark in ihrer Übersetzertätigkeit, sagt die Berlinerin. Wichtig ist ihr auch der Austausch mit den Zeitgenossen, das assoziative Gespräch und Denken, das sie für ihre Arbeit brauche und zu dem die Lyriker in ganz besonderem Maße in der Lage seien. Von Marion Poschmann zum Beispiel, die im April in Staufen den Peter-Huchel-Preis vom Südwestrundfunk verliehen bekommt, einen Literaturpreis für Lyrik, habe sie viel gelernt. / Claudia Gabler, Badische Zeitung 26.1.

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