Kategorie: Afghanistan
107. But some men in Badakhshan
Documentary about Afghan woman poet by Rahmat Haidari and Sajia Hussain
41. Solidarität
271 bekannte Dichter, unter ihnen Nobel- und Pulitzerpreisträger ebenso wie Gewinner kontinentaler und nationaler Literaturpreise, Präsidenten von internationalen Poesiefestivals, PEN-Clubs und Schriftstellerverbänden aus 88 Ländern unterzeichneten einen offenen Brief an führende Politiker der Welt, in dem sie ihre Solidarität mit dem Volk der Hazara bekunden. Seit über hundert Jahren wurden die Hazara in Afghanistan und Pakistan Opfer systematischer Verbrechen wie Völkermord, Sklaverei, sexueller Mißbrauch, Kriegsverbrechen und Diskriminierung.
Der Hazaradichter Kamran Mir Hazar, der den Brief entwarf, erklärte, daß die Hazara in Afghanistan trotz der Anwesenheit internationaler Truppen regelmäßig von den Taliban und Regierungskräften angegriffen werden. Straßen der Hazara werden blockiert, Autos angehalten und die Reisenden ermordet. Millionen Hazaras flohen aus Afghanistan nach Ländern wie der Türkei, Griechenland, Australien und Indonesien. In Pakistan wurden kürzlich, am 10.1., bei einem Anschlag mehr als 100 Hazaras getötet.
Der Offene Brief ist auf Englisch, Spanisch, Italienisch, Hazaragi/Dari und Azeri auf
http://www.HazaraRights.com
zugänglich.
40. Taliban-Poesie
“Ein Gewehr und einen Dolch in der Hand, so ziehe ich in die Schlacht, ich bin ein afghanischer Mujahedin … “
So heißt es in einem Taliban-Gedicht, veröffentlicht in einem Buch, das in diesem Jahr in London erschienen ist. Das Gedicht eines Taliban-Kämpfers – er sagt da:
“Vielleicht werde ich hundert Mal für meine Heimat sterben
Ich habe meine Religion, ich habe meinen Glauben, und das Recht des heiligen Koran,
Jeder, der mich falsch anschaut, wird für immer verloren sein.
Ich bin ein afghanischer Mudschaheddin.
Afghanistan-Wissenschaftler Felix Kühn hat dieses Gedicht zusammen mit etwa 200 anderen in dem Buch “Poetry of the Taliban” veröffentlicht, er hat in lange Zeit in Kandahar im Süden Afghanistans gelebt.
/ DLR
125. Land der Poeten
Afghanistan ist auch das Land der Poeten. Selbst Menschen, die sonst mit Waffen sprechen, schreiben Gedichte. Sie fassen das Elend der jüngeren Geschichte in Verse – auf Persisch, Paschtu, Usbekisch, Tadschikisch, Turkmenisch oder Belutschisch. Ein Besuch. Von Tim Neshitov, Süddeutsche Zeitung 20.7.:
Mehrdad sagt, die afghanische Dichtung müsse sich von alten Formen lösen, Dichter müssten nach neuen Wegen suchen, wie seinerzeit Partaw Naderi. Als es dunkel wird, entdeckt Mehrdad ausgerechnet diesen Partaw Naderi im Keller des Schriftstellerhauses. Der Meister sitzt im Schneidersitz in einem grün beleuchteten Raum neben der Bibliothek und spricht etwas müde zu einer Handvoll Zuhörer über die Besonderheiten altpersischer Dichtung. ‘Wollen Sie etwas mit uns trinken?’ Er verspricht, sich am nächsten Tag interviewen zu lassen.
Unter den Sowjets verbrachte Naderi drei Jahre im berüchtigten Pul-e-Charkhi-Gefängnis, im Bürgerkrieg blieb er im zerbombten Kabul. Er sah, wie eine der islamistischen Milizen Hunderte Bücher aus den Beständen des Schriftstellerverbandes verbrannte. Im Juni 1994 schrieb er ein kurzes Gedicht mit dem Titel ‘Verwüstung’: ‘In die Linien deiner Hände / haben sie das Schicksal der Sonne hineingeschrieben / Steh auf / erhebe deine Hand – / die lange Nacht erstickt mich.’ (…)
Ein englischer Verlag hat kürzlich eine Sammlung von Taliban-Poesie herausgegeben. Die Autoren sind keine PEN-Mitglieder, sie veröffentlichen ihre Gedichte auf der Internetseite der Taliban.
‘Die süßen Augenblicke des süßen Lebens gehen sehr schnell vorbei’, schreibt ein Abdul Hai Mutma’in. Er schildert eine Menschenmenge, die den Sonnenuntergang genießt. ‘Die Sonne ist wie ein Geist in der bunten Mischung des späten Nachmittags. / Wenn die Sonne geht, bleiben die Menschen nicht mehr beieinander. / Dieser gelbe Nachmittag ist ein Beispiel des süßen Lebens. / Wenn der Geist geht, bleibt alles zurück.’
82. Poetischer Untergrund
Paschtunische Fundamentalisten hassen schöne Wörter und verfolgen Schriftsteller. Aber der poetische Untergrund gibt nicht auf. Wie Frauen in Afghanistan ihr Leben riskieren, um Gedichte zu schreiben: Eine Reportage von Eliza Griswold, Die Welt
Meena lebt in Gereshk, einer Stadt mit 50.000 Einwohnern in Helmand, der größten der 34 afghanischen Provinzen. Helmand kämpft mit dem Fluch, einer der weltgrößten Opiumproduzenten und zugleich eine Hochburg der Aufständischen zu sein. Vor vier Jahren wurde Meena von ihrem Vater aus der Schule genommen, nachdem Bewaffnete eine ihrer Klassenkameradinnen entführt hatten. Jetzt bleibt sie zu Hause, kocht, putzt und bringt sich selbst heimlich das Gedichteschreiben bei. Gedichte sind die einzige Art von Bildung, zu der sie Zugang hat. Persönliche Begegnungen außerhalb der Familie kennt sie nicht.
“Vor meinen Brüdern kann ich keine Gedichte aufsagen”, erklärt sie. Liebesgedichte wären in deren Augen der Beweis für eine verbotene Beziehung, für die Meena geschlagen oder sogar getötet werden könnte. “Ich bin die neue Rahila”, sagt sie. “Nimm meine Stimme auf, damit wenigstens etwas von mir bleibt, wenn man mich tötet.”
89. Wenn du ich bist

L&Poe Woche der türkischen Poesie
Der Wein bedeutet nicht das alkoholische Getränk aus Trauben und die inbrünstige Liebe nicht Eros und Sex. Und doch, wären die Metaphern verständlich und wahrhaftig, wenn es nicht den wirklichen Wein und die wirkliche Liebe gäbe? Das gilt vom Hohen Lied der Bibel, das seine Metaphern von der ältesten individuellen Liebeslyrik borgt, der altägyptischen. Das gilt ebenso von islamischen und christlichen Mystikerinnen.
Zwei Episoden aus einer Biographie des Dichters Rumi, der im Jahr 1207 in Belkh im Lande Khorasan im heutigen Afghanistan geboren wurde und im Alter von 5 Jahren über Mekka nach Anatolien kam. Er starb 1273 im anatolischen Konya. Sein Grab wird jährlich von über einer Million Menschen besucht.
1
Als der Prophet Mohammed die Nähe Seines geliebten Wesens erreichte und Er die Bedeutung der Verse Allahs Subhan (der nicht Fehlerhafte) verstand und alles göttliche Geheimnis und Wahrheit vollständig begriff, bot man Ihm (fsmi*) zwei Gläser an und gebot ihm, eines auszuwählen. In einem war Wein und im anderen Milch. Der Prophet Mohammed (fsmi) wählte das Glas Milch. Er (fsmi) überließ das andere, das Glas Wein, dem hervorragendsten Gelehrten unter seinen Anhängern. (S. 80)
2
Rumi hatte einen geliebten Freund, Shams. Als der nach einer Trennung zurückkehrte, wurde Mawlana sehr glücklich. Die höchste Vereinigung streifte die Bande des brennenden Verlangens ab und wurde frei. Die Freunde begannen wieder in Abgeschiedenheit zu leben. Sie wurden zwei Seelen in einem einzigen Körper. In seinem berühmten Buch Mathnawi erzählt Mawlana die spirituelle Gemeinschaft, die ihn mit Shams verband, in folgenden Versen:
Jemand kommt und klopft an die Tür seines Geliebten.
Der Geliebte sagt: Wer klopft an die Tür?
Ich bins, antwortete der Liebende. Der Geliebte sagte: Geh! Komm nicht jetzt! Ein Tisch wie meiner kann nicht das Heiligtum eines spirituell Unreinen sein.
Der Mann ging, und ein Jahr lang brannte er wie eine Kerze in Sehnsucht nach seinem Geliebten. Nachdem er höhere Spiritualität erreicht hatte, kam er zurück und lief um das Haus seines Geliebten. Er fürchtete sich vor gemeinen Worten und klopfte ganz sanft an die Tür.
Wer ists? fragte der Geliebte.
Du hast mir mein Herz gestohlen, antwortete der Liebende.
Wenn du ich bist, komm herein, sagte sie**, in meinem Haus ist kein Platz für zwei.
/ Osman Behçet: Mawlana Jalal al-din Rumi. His Life and His Path. Konya 2007, S. 17f
*) fsmi: Friede sei mit ihm!
**) sic. Vielleicht sollte man “den Geliebten” im ganzen Text feminin übersetzen. Im Persischen ist die Form nicht unterschieden. Aber in dieser Geschichte ist das wohl unwesentlich. Shams, der geliebte Partner Rumis, aber wurde 1247/48 offenbar von Neidern oder Eiferern ermordet.
91. Dichterschlacht in Afghanistan
„Nimm nochmals eine Axt, Ibrahim, und schlag damit den alten Göttern auf den Kopf.“ Was klingt wie ein frühislamisches Gemetzel, ist die jüngste Wortmeldung in einem afghanischen Dichterstreit der Gegenwart, bei dem ein paar junge Wilde an der Patina des lyrischen Establishments kratzen. Es sind die ersten Zeilen eines Gedichts, das der junge Poet Suhrab Sirat vor einigen Tagen auf seiner Webseite veröffentlicht hat. Innerhalb von einer Woche haben 62 Internetnutzer den Text kommentiert. Darunter auch Wahab Mujir, ein Schwergewicht der alten Garde, der sich in den 90er Jahren mit klassischen Gedichten einen Namen gemacht hat. Sein Urteil über Sirat fällt wenig schmeichelhaft aus. Nicht nur, dass der Text an Harmonie und Rhythmus vermissen lasse. „Dieses Gedicht verstehen nur 30 Leute in Mazar-i-Scharif. Sowas kannst du in dein Tagebuch schreiben, aber nicht in einen Blog, den die Welt liest. Das ist so, als würde ich im Internet über einen Streit mit meinem Cousin schreiben.” Mit solchen Worten bekriegen sich in der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif die Dichter der älteren und neueren Generation. Dabei bedienen sie sich des Genres der Hajwia – einer anerkannten Form der Schmähschrift. / Rohullah Rahimi, Masar-i-Scharif, Afghanistan today 30.11.
29. Lyrikwelle in Afghanistan
Als der BBC-Kriegskorrespondent Jonathan Charles afghanische Zivilisten einlud, ihm ihre Kriegsgedichte zu schicken, war er auf die Flut, die ihn erreichte, nicht vorbereitet.
Unter den Einsendungen findet sich Zeugenschaft, Wut, Propaganda und Katharsis.
… Am schockierendsten die Erzählung einer Frau, die jetzt in Kanada im Exil lebt. Sie schreibt von einem Ehepaar, das versuchte, zwei seiner Kinder zu verkaufen, um den Rest ihrer Familie zu ernähren.
Es gibt heute nicht nur den Rückgang einer großen Tradition, sondern auch die Explosion einer neuen Lyrik in Afghanistan.
In jedem Staat finden abendliche Lyriklesungen statt.
Wir hören sogar, daß britische Soldaten Menschen zu solchen Lesungen fahren und sie beschützen, während drinnen die Lyriker zornige Verse über die Invasionstruppen vortragen. / BBC
Dort auch:
- Words and war
Jonathan Charles explores poetry from the front line
- Spirtual journey
How poetry became a refuge for Imtiaz Dharker
- Great poetry
The enduring appeal of Iran’s Shahnameh
93. Bacha posh
“When you don’t have a son in Afghanistan, it’s like a big missing in your life. Like you lost the most important point of your life. Everybody feels sad for you.”
AZITA RAFAAT, a member of Afghan’s Parliament, whose youngest daughter now lives as a “bacha posh,” a girl disguised as a boy.
/ Zitat des Tages bei New York Times, nytimes.com
(Ists auch nicht Lyrik…)
29. Poetry International Web
Die erste von zwei Juliausgaben von PIW (Poetry International Web) ist erschienen mit Dichtern aus Kolumbien (zweisprachig) und den USA. Es sind
aus Kolumbien
- Eduardo Cote Lamus
- Margarita Cardona
und aus den USA
- Amy Beeder
- Kay Ryan
- Ron Silliman
Außerdem mit 45 Poetry Clips vom Poetry International Festival 2010 in Rotterdam.
Clip of the Month: THE CRY OF A MARE ABOUT TO BECOME A BUTTERFLY von Kamran Mir Hazar (Afghanistan)