Lyrikzeitung & Poetry News

19. April 2011

89. Wenn du ich bist

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L&Poe Woche der türkischen Poesie

Der Wein bedeutet nicht das alkoholische Getränk aus Trauben und die inbrünstige Liebe nicht Eros und Sex. Und doch, wären die Metaphern verständlich und wahrhaftig, wenn es nicht den wirklichen Wein und die wirkliche Liebe gäbe? Das gilt vom Hohen Lied der Bibel, das seine Metaphern von der ältesten individuellen Liebeslyrik borgt, der altägyptischen. Das gilt ebenso von islamischen und christlichen Mystikerinnen.

Zwei Episoden aus einer Biographie des Dichters Rumi, der im Jahr 1207 in Belkh im Lande Khorasan im heutigen Afghanistan geboren wurde und im Alter von 5 Jahren über Mekka nach Anatolien kam. Er starb 1273 im anatolischen Konya. Sein Grab wird jährlich von über einer Million Menschen besucht.

1

Als der Prophet Mohammed die Nähe Seines geliebten Wesens erreichte und Er die Bedeutung der Verse Allahs Subhan (der nicht Fehlerhafte) verstand und alles göttliche Geheimnis und Wahrheit vollständig begriff, bot man Ihm (fsmi*) zwei Gläser an und gebot ihm, eines auszuwählen. In einem war Wein und im anderen Milch. Der Prophet Mohammed (fsmi) wählte das Glas Milch. Er (fsmi) überließ das andere, das Glas Wein, dem hervorragendsten Gelehrten unter seinen Anhängern. (S. 80)

2

Rumi hatte einen geliebten Freund, Shams. Als der nach einer Trennung zurückkehrte, wurde Mawlana sehr glücklich. Die höchste Vereinigung streifte die Bande des brennenden Verlangens ab und wurde frei. Die Freunde begannen wieder in Abgeschiedenheit zu leben. Sie wurden zwei Seelen in einem einzigen Körper. In seinem berühmten Buch Mathnawi erzählt Mawlana die spirituelle Gemeinschaft, die ihn mit Shams verband, in folgenden Versen:

 Jemand kommt und klopft an die Tür seines Geliebten.

Der Geliebte sagt: Wer klopft an die Tür?

Ich bins, antwortete der Liebende. Der Geliebte sagte: Geh! Komm nicht jetzt! Ein Tisch wie meiner kann nicht das Heiligtum eines spirituell Unreinen sein.

Der Mann ging, und ein Jahr lang brannte er wie eine Kerze in Sehnsucht nach seinem Geliebten. Nachdem er höhere Spiritualität erreicht hatte, kam er zurück und lief um das Haus seines Geliebten. Er fürchtete sich vor gemeinen Worten und klopfte ganz sanft an die Tür.

Wer ists? fragte der Geliebte.

Du hast mir mein Herz gestohlen, antwortete der Liebende.

Wenn du ich bist, komm herein, sagte sie**, in meinem Haus ist kein Platz für zwei.

/ Osman Behçet: Mawlana Jalal al-din Rumi. His Life and His Path. Konya 2007, S. 17f

*) fsmi: Friede sei mit ihm!

**) sic. Vielleicht sollte man “den Geliebten” im ganzen Text feminin übersetzen. Im Persischen ist die Form nicht unterschieden. Aber in dieser Geschichte ist das wohl unwesentlich. Shams, der geliebte Partner Rumis, aber wurde 1247/48 offenbar von Neidern oder Eiferern ermordet.

20. März 2011

91. Dichterschlacht in Afghanistan

Einsortiert unter: Afghanistan — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 18:35

„Nimm nochmals eine Axt, Ibrahim, und schlag damit den alten Göttern auf den Kopf.“ Was klingt wie ein frühislamisches Gemetzel, ist die jüngste Wortmeldung in einem afghanischen Dichterstreit der Gegenwart, bei dem ein paar junge Wilde an der Patina des lyrischen Establishments kratzen. Es sind die ersten Zeilen eines Gedichts, das der junge Poet Suhrab Sirat vor einigen Tagen auf seiner Webseite veröffentlicht hat. Innerhalb von einer Woche haben 62 Internetnutzer den Text kommentiert. Darunter auch Wahab Mujir, ein Schwergewicht der alten Garde, der sich in den 90er Jahren mit klassischen Gedichten einen Namen gemacht hat. Sein Urteil über Sirat fällt wenig schmeichelhaft aus. Nicht nur, dass der Text an Harmonie und Rhythmus vermissen lasse. „Dieses Gedicht verstehen nur 30 Leute in Mazar-i-Scharif. Sowas kannst du in dein Tagebuch schreiben, aber nicht in einen Blog, den die Welt liest. Das ist so, als würde ich im Internet über einen Streit mit meinem Cousin schreiben.” Mit solchen Worten bekriegen sich in der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif die Dichter der älteren und neueren Generation. Dabei bedienen sie sich des Genres der Hajwia – einer anerkannten Form der Schmähschrift. / Rohullah Rahimi, Masar-i-Scharif, Afghanistan today 30.11.

7. Februar 2011

29. Lyrikwelle in Afghanistan

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Als der BBC-Kriegskorrespondent Jonathan Charles afghanische Zivilisten einlud, ihm ihre Kriegsgedichte zu schicken, war er auf die Flut, die ihn erreichte, nicht vorbereitet.

Unter den Einsendungen findet sich Zeugenschaft, Wut, Propaganda und Katharsis.

… Am schockierendsten die Erzählung einer Frau, die jetzt in Kanada im Exil lebt. Sie schreibt von einem Ehepaar, das versuchte, zwei seiner Kinder zu verkaufen, um den Rest ihrer Familie zu ernähren.

Es gibt heute nicht nur den Rückgang einer großen Tradition, sondern auch die Explosion einer neuen Lyrik in Afghanistan.

In jedem Staat finden abendliche Lyriklesungen statt.

Wir hören sogar, daß britische Soldaten Menschen zu solchen Lesungen fahren und sie beschützen, während drinnen die Lyriker zornige Verse über die Invasionstruppen vortragen. / BBC

Dort auch:

 

21. September 2010

93. Bacha posh

Einsortiert unter: Afghanistan — Schlagworte: — lyrikzeitung @ 09:52

“When you don’t have a son in Afghanistan, it’s like a big missing in your life. Like you lost the most important point of your life. Everybody feels sad for you.”

AZITA RAFAAT, a member of Afghan’s Parliament, whose youngest daughter now lives as a “bacha posh,” a girl disguised as a boy.

/ Zitat des Tages bei New York Times, nytimes.com

(Ists auch nicht Lyrik…)

6. Juli 2010

29. Poetry International Web

Die erste von zwei Juliausgaben von PIW (Poetry International Web) ist erschienen mit Dichtern aus Kolumbien (zweisprachig) und den USA. Es sind

aus Kolumbien

  • Eduardo Cote Lamus
  • Margarita Cardona

und aus den USA

  • Amy Beeder
  • Kay Ryan
  • Ron Silliman

Außerdem mit 45 Poetry Clips vom Poetry International Festival 2010 in Rotterdam.

Clip of the Month: THE CRY OF A MARE ABOUT TO BECOME A BUTTERFLY von Kamran Mir Hazar (Afghanistan)

9. Juni 2010

49. Sprachwechsel

Global Literature ist eine Literatur in Bewegung, eine Literatur ohne festen Wohnsitz, eine Literatur der Unbehaustheit, sehr oft überdies eine Literatur der Nicht-Muttersprachlichkeit, die von Sprachwechslern geschrieben wird. Türken, Serben, Bosnier, Bulgaren, Ungarn, Tschechen, Russen wandern in die deutsche Sprache ein und mutieren zu deutschsprachigen Schriftstellern: Feridun Zaimoglu, Dimitre Dinev und Ilija Trojanow, Libuše Moniková, Wladimir Kaminer und Vladimir Vertlib, Terézia Mora und Saša Stanišić.

Die überwiegende Mehrzahl dieser Sprachwechsler wechselt allerdings ins Englische. Inder, Peruaner, Palästinenser, Äthiopier, Karibik-Bewohner, Kurden, Afghanen, Pakistani, Libanesen, Tamilen, Bangladescher, Somalier, Vietnamesen, Chinesen lassen ihre Herkunftssprachen hinter sich und beginnen, auf Englisch zu schreiben. Die führende Sprache der einstigen Kolonialherren ist zur Lingua franca der postkolonialen globalen Literatur geworden, ironischerweise.

Die Sprache, insbesondere das Englische, ist demokratisch. Man kann sich der englischsprachigen Literatur von überall her zugesellen: „Jeder kann die englische Sprache zu seiner Heimat erklären, und niemand kann aus ihr verbannt werden“, sagt etwa der Schriftsteller Aleksandar Hemon, ein gebürtiger Bosnier aus Sarajevo mit serbischen und ukrainischen Wurzeln, der in Chicago lebt und seine Bücher auf Englisch schreibt. / Sigrid Löffler in Falter : Buchbeilage 10/2010 vom 10.3.2010 (Seite 4)

8. April 2010

37. Bei Rumi in Konya

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(Woche der türkischen Poesie)

Konya war in seldschukischer Zeit Sommerresidenz (im Winter zog man ans freundlichere Mittelmeer). Die, mindestens, Halbmillionenstadt, wahrscheinlich sind es viel mehr, wird uns als konservativ beschrieben, und man sieht, daß alle Frauen verschleiert sind und sieht so viele schwarze Ganzverkleidete wie sonst nur in Deutschland. (“Die haben wir alle zu euch geschickt”, sagt Orhan).

Der heilige Paulus war hier, später Friedrich Barbarossa und Marco Polo. Vor allem aber Rumi, der große persische Mystiker. 1207 oder wahrscheinlich ein paar Jahre früher wurde er im heutigen Afghanistan geboren. Er war der Sohn eines berühmten Gelehrten, der den Ehrennamen “Sultan der Gelehrten”, Sultan al-Ulema, erhielt. Ob auf der Flucht vor den Mongolen oder wegen wissenschaftlicher Neider gingen Vater und Sohn nach Anatolien. Eigentlich hieß er Muhammad, daraus wurde Mawlana Jalal Al-Din (Jellaladin) Al-Rumi. Rumi heißt Anatolien, Mawlana (Mewlana) heißt sovielwie “Edelmann”, heute aber, lesen wir, ist das Wort ganz auf den Dichter und Mystiker übergegangen. Mawlana ist Rumi. Noch heute wird er in seiner Stadt Konya verehrt. Wir haben es gesehen. Das von Rumis Sohn gegründete Kloster des Ordens der Tanzenden Derwische, obwohl von Atatürk verboten und in ein Museum verwandelt, ist noch heute ein Wallfahrtsort. Keineswegs nur Touristen, vielleicht mehr noch Einheimische und vor allem Frauen sehen wir ehrfürchtig durch die Hallen wandeln. Hier ist er begraben, ein riesiger, schräg aufgestellter Sarkophag bezeichnet die Stelle. Es ist aber viel zu voll, um in Ruhe zu schauen. Schon sind wir vorbeigedrängt. Im Nebenraum eine Glasvitrine, darin ein großes prächtiges Buch, das wie ein Koran aussieht, aber es ist Rumis großer Diwan. Er schrieb Persisch, aber seine Gedichtsammlung, 43.000 Verse, enthält auch Texte in arabischer, türkischer und griechischer Sprache. Das Exemplar in Konya, vor dem wir stehen, gilt als ältestes erhaltenes. Mehr ein Heiligtum als ein Gedichtbuch. Wir sehen eine Frauenhand, die zärtlich über das Glas streicht. – Im nächsten Raum wieder ein Auflauf. Schwarzvermummte ältere Frauen, die eine Glasvitrine küssen. (Fotografieren und Filmen ist hier verboten). Gleich daneben freilich hält eine verschleierte junge Frau ein Handy ans Ohr. Es dauert ein Weilchen, bis wir auf der anderen Seite der Vitrine stehen, auf der ein Schild tatsächlich den “Bart des Propheten” verheißt. Um es lesen zu können, muß ich meinen profanen Vollbart auf einen halben Meter der Reliquie nähern. Ich war beim Barte des Propheten! Über Rumi später mehr.

9. September 2009

55. Nationaldichter in 3 Ländern

Einsortiert unter: Afghanistan, Iran, Persisch, Tadschikistan — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 16:51

Abdullah Jafar Ibn Mohammad Rudaki zählt zu den am meisten verehrten Dichtern im persischsprachigen Raum. In Afghanistan, im Iran und in Tadschikistan wird er bis heute als Nationaldichter gefeiert und seine Werke oder Teile daraus geliebt, gelesen und rezitiert. Eine Einschätzung und Würdigung des Vater der neupersischen Poesie von Dr. Haschmat Hossaini.

Im 3. Jahrhundert nach der Hedschra (9. Jh. nach Christus), als der Freiheitsgedanke in Xorāssān an Kraft gewann und das Land vom Abbassidenreich losgelöst wurde, haben die ersten Wortgewaltigen der Sprache und Literatur des Dari im damaligen Xorāssān und Sistān die Fackel der Dichtung und Literatur in die Hand genommen und mit ihr das Licht nach Zaranğ, Fōšanğ, Sistān, Herāt, Ġōr, Balx, Ğōzğānān, Toxārestān, Kābol und Zābol getragen. Die Safariden von Sistān und die Samaniden von Balx waren die Vorreiter und Inspiratoren dieser Bewegung. / Mehr bei Tethys, Central Asia Everyday

Einige Gedichte Persisch und Englisch

Vgl. deutsche und englische Wikipediaversion!

Vgl. L&Poe 2009    Jun    #92.    Zwei große asiatische Dichter

2009 Aug 074. Frühe persische Dichter

5. September 2009

29. Islamischer Modernist

Einsortiert unter: Afghanistan, Indien, Pakistan — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 11:49

Unter den Personen, die Pakistan zu seinen Gründervätern zählt, befindet sich auch ein Dichter: Muhammad Iqbal (1877–1938). Das ist nicht verwunderlich, denn in ganz Asien gilt das Gedicht als unmittelbarer Ausdruck der Bildung eines Menschen. Dazu war Iqbal ein bedeutender Philosoph des 20. Jahrhunderts. Individualität, freie Persönlichkeitsentfaltung und Leidenschaft für das Wohl aller sah er als Grundlage des Islam und war dabei in Kants, Hegels, Nietzsches und Bergsons Werk bewandert wie kein anderer islamischer Denker. Dies alles goss er in Verse, wurde so zum islamischen Gegenstück zu Tagore und nach seinem Tod zum Nationaldichter Pakistans. …

Der springende Punkt in Iqbals Philosophie der Selbstverwirklichung ist, dass sich nicht nur Individuen, sondern auch Völker selbst verwirklichen können, wodurch im Fall Britisch-Indiens die Kolonialherrschaft überflüssig wird. Denn die koloniale Ideologie beanspruchte, den «emotionalen» Indern rationale Wissenschaft und Technik zu bringen. Iqbal drehte diese Behauptung um, indem er erklärte, Werte seien nur emotional begründbar und dem Westen drohe der Untergang, wenn er nicht lerne, sich wie der Islam für Werte zu begeistern. Die Passion für moralischen Fortschritt im Sinn einer umfassenden Selbstverwirklichung nennt Iqbal «Liebe», die Heimat dieser Geisteshaltung war für ihn der Orient. Diese Auffassung wird in Pakistan auch heute noch oft vertreten.

Iqbal wurde in den Jahren der Krise nicht nur zum islamischen Modernisten, sondern auch zum Panislamisten. Da er in Europa sah, dass Nationalismus zu Kriegstreiberei führte, fand er eine alle Menschen einende, zu «Liebe», Moralität und Selbstverwirklichung führende Kraft im Islam. Die nächsten Gedichtbände sind 1923 die «Botschaft des Ostens» (deutsch von Annemarie Schimmel), eine Antwort auf Goethes «West-Östlichen Diwan», und eine Sammlung seiner Urdu-Gedichte, «Der Klang der Karawanenglocke», 1924 (deutsch in Auszügen in «Steppe im Staubkorn» von J. Christoph Bürgel).

In den nächsten Jahren ging Iqbal in die Politik und stellte 1928/29 seine Philosophie in den «Sechs Vorträgen zur Wiederherstellung des religiösen Denkens im Islam» dar. Zur Eröffnung des Jahrestreffens seiner Partei hielt er 1930 eine Rede, die in Pakistan rückblickend als die Geburtsstunde der Pakistan-Idee verstanden wird. Darin forderte er, die mehrheitlich islamischen Gebiete im Westen Indiens zu einer einzigen Provinz zusammenzuschliessen. Ob dies innerhalb oder ausserhalb Indiens geschehen soll, liess er offen. Er hätte die Schaffung Pakistans wohl begrüsst, wäre aber – wie so viele – sehr bald vom Regionalismus und vom mangelnden Willen zur Modernisierung enttäuscht worden. …

Iqbals Bedeutung für Pakistan, aber auch Afghanistan ist kaum zu unterschätzen. Alle, von den Taliban bis zu Feministinnen, zitieren ihn, und seine Forderung nach Selbstverwirklichung ist weiterhin eine Aufgabe für Pakistan. Gerade Aktivisten für Demokratie berufen sich auf ihn, so dass er für die Zukunft Pakistans weiter eine wichtige Rolle spielen wird. / Stephan Popp, NZZ 5.9.

Stephan Popp ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Iranistik der Universität Bamberg; 2007 erschien seine Studie «Muhammad Iqbal, ein Philosoph zwischen den Kulturen».

In L&Poe:

2001    Okt    #    Bitter Chill of Winter
2007    Okt    #80.    Petöfi auf Punjabi
2007    Nov    #40.    Iqbaltag
2009    Jun    #92.    Zwei große asiatische Dichter

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