Poetry Project

Wer eine Kultur verstehen will, der liest ihre Literatur. Um Deutschland zu verstehen, liest man seine Romane und Erzählungen. Der persischen Kultur hingegen nähert man sich am besten durch ihre Gedichte, ihnen kommt dort eine bedeutendere Rolle zu als bei uns. Ganze Generationen schreiben in lyrischer Sprache am Zeitgeschehen mit. Sie äußern ihre Gedanken und Gefühle zur Geschichte und Politik des Landes, aber auch zu Alltäglichem. Bei Festessen werden selbstgeschriebene Verse vorgetragen, genauso den Geliebten, und auch Familiengeschichten werden in ihnen festgehalten. Schon im Kindesalter nähern sich die Menschen auf diese Weise der Versform und Geschichte. Was erinnert werden soll, wird zum Gedicht, und was zum Gedicht wird, bleibt in Erinnerung.

Dass man dafür kein gestandener und prominenter Dichter sein muss, zeigen acht Jugendliche aus dem Iran und Afghanistan. Sie alle sind zwischen vierzehn und achtzehn Jahre alt und allein nach Berlin geflohen. In einem wöchentlichen Poesie-Workshop des Anwalts Aarash D. Spanta, der Journalistin Susanne Koelbl und des Künstlers Rottkay reflektierten sie ihre eigene Geschichte in Gedichtform. / Jan Russezki, FAZ

Acht Monate lang haben sich die 14- bis 18-jährigen Jugendlichen aus Afghanistan und Iran regelmäßig für einen Workshop mit ihren Poesie-Mentoren in Berlin getroffen. Sie alle hatten eine Erfahrung gemeinsam: Sie sind allein geflüchtet, einige von ihnen zunächst aus Afghanistan in den Iran, wo es ihnen schlecht erging, später nach Europa. „Sei neben mir und sieh, / was mir geschehen ist“, so beginnt ein Gedicht von Yasser Niksada, des Jüngsten aus der kleinen Gruppe. Und in der Tat, mit den Worten und Versen, in die sie das Erlebte fassen, gelingt es den Geflüchteten, nicht nur den Kopf, sondern auch die Gefühle ihrer Zuhörer zu erreichen. Sie setzen sich aus, und das Publikum begreift.

Susanne Koelbl, Auslandskorrespondentin des Spiegel mit Afghanistanerfahrung, sieht in dem Projekt eine Zwiesprache „zwischen denen, die hier geboren sind und jenen, die aus einem Land kommen, in dem allein an diesem Tag fünf Autobomben explodiert sind, die Dutzende Menschen in den Tod gerissen haben.“ Sie hat das Projekt ins Leben gerufen, gemeinsam mit dem Rechtsanwalt und Übersetzer Aarash D. Spanta regelmäßig mit den Jungs gearbeitet. Mädchen fanden sie nicht für ihr Vorhaben, denn die werden von ihren Familien nicht auf die gefährliche Reise geschickt. / Deutsche Welle

Die Gedichte von Ali Ahmade, Ghani Ataei, Kahel Kaschmiri, Mehdi Hashemi, Mohamad Mashghdost, Samiullah Rassouli, Shazamir Hataki und Yasser Niksada wurden 2016 in der Reihe „Berliner Anthologie“ unter dem Titel „The Poetry Project“ veröffentlicht.

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