Kategorie: Europa

Ins Nichts gespannt

Rose Ausländer (* 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn; † 3. Januar 1988 in Düsseldorf) Ins Nichts gespannt Fäden ins Nichts gespannt: wir liegen wund verwoben in das Material der Qual, ein Muster lückenlos auf grauem Grund wie es ein schwarzer Wille anbefahl. Das… Continue Reading „Ins Nichts gespannt“

Von unnützen Büchern

Sebastian Brant (1457 Straßburg – 10. Mai 1521 ebd.) Aus dem Narrenschiff Im Narrentanz voran ich gehe Da ich viel Bücher um mich sehe, Die ich nicht lese und verstehe. Ein dürrer Büchernarr mit Brille, Schlafmütze und zurückgestreifter Narrenkappe sitzt vor einem mit Büchern… Continue Reading „Von unnützen Büchern“

Nachschrift

[Konkrete Poesie als dokumentarische Literatur] Heimrad Bäcker (* 9. Mai 1925 in Wien; † 8. Mai 2003 in Linz) und zwar die tempel in der schiffamtsgasse, in der neuenwelt- gasse, in der tempel- und in der stumpergasse, die synagogen in der unteren viadukt-gasse, in… Continue Reading „Nachschrift“

Volker Braun 80

Volker Braun (* 7. Mai 1939 Dresden) SHAKESPEARE INTERLINEAR Ich bin es müde und will meine Ruhe. Statt anzusehn, wie Leistung betteln geht Und Dürftigkeit sich trimmt zu Festtagsschmu Und Selbstvertraun nicht zu sich selber steht Und Ehrenspangen schamlos mißplaciert Und Jugendgradheit rasch verkommen… Continue Reading „Volker Braun 80“

Das Butterbrotpapier

Christian Morgenstern (* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Österreich) Das Butterbrotpapier Ein Butterbrotpapier im Wald, – da es beschneit wird, fühlt sich kalt . . . In seiner Angst, wiewohl es nie an Denken vorher irgendwie gedacht, natürlich,… Continue Reading „Das Butterbrotpapier“

Gewaltmarsch

Miklós Radnóti (geboren als Miklós Glatter, 5. Mai 1909 in Budapest, Österreich- Ungarn; gestorben 9. November 1944 auf einem Gewaltmarsch* bei Abda nahe Győr)   Berlin: Volk und Welt, 1967, S. 89. Nachdichtung und Nachwort Franz Fühmann Forced March You’re crazy. You fall down,… Continue Reading „Gewaltmarsch“

Friedhof 1944

Wilhelm Lehmann (* 4. Mai 1882 in Puerto Cabello, Venezuela; † 17. November 1968 in Eckernförde) AUF SOMMERLICHEM FRIEDHOF (1944) In memoriam Oskar Loerke Der Fliegenschnäpper steinauf, steinab. Der Rosenduft begräbt dein Grab. Es könnte nirgend stiller sein. Der darin liegt, erschein, erschein! Der… Continue Reading „Friedhof 1944“

Wollen Können Dürfen

Antonio di Meglio (Leonardo da Vinci) (* 15. April 1452 in Anchiano bei Vinci; † 2. Mai 1519 auf Schloss Clos Lucé, Amboise) Kannst du dein Wollen nicht, dein Können wolle! Wer will, was er nicht kann, muß Klugheit missen; Doch dem, der nie… Continue Reading „Wollen Können Dürfen“

Dialog

Eine Seite der „Aktion“, 18. Juni 1913 Else Lasker-Schüler Doktor Benn Er steigt hinunter ins Gewölbe seines Krankenhauses und schneidet die Toten auf. Ein Nimmersatt, sich zu bereichern an Geheimnis. Er sagt: „tot ist tot“. Dennoch fromm im Nichtglauben liebt er die Häuser der… Continue Reading „Dialog“

Mond

Konrad Weiß (* 1. Mai 1880 in Rauhenbretzingen bei Schwäbisch Hall; † 4. Januar 1940 in München) Der Mond Ein abgebrochenes Stück, Dem goldnen gleich vom Pol Herabgedrückt zum Hohl Der bangen Mitternacht, Bleibt ihm mit scharfem Rand zurück, Wem? Diesem, der da blickt,… Continue Reading „Mond“

Prosagedicht

Georg Kulka (* 5. Juni 1897 in Weidling/ Niederösterreich; † 29. April 1929 in Wien) CHARISMA Winkel. Wahn. Witzig. Fletschen. Überwältigt. Loch. Zuschnüren. Speere. Anfechten. Mager. Schlottern. Entzwei. Pupille. Aufgeschnitten. Erwägung. Besudeln. Jung. Stolpern. Zersinken. Schlaf. Mißgeschickt. Galopp. Kauern. Stellung. Brauen. Narkose. Geschehen. So.… Continue Reading „Prosagedicht“

Haus der Sprache

Karl Kraus (* 28. April 1874 in Jičín, Böhmen; † 12. Juni 1936 in Wien) Bekenntnis Ich bin nur einer von den Epigonen, die in dem alten Haus der Sprache wohnen. Doch hab’ ich drin mein eigenes Erleben, ich breche aus und ich zerstöre… Continue Reading „Haus der Sprache“

Hatem

Johann Wolfgang von Goethe Hatem Locken, haltet mich gefangen In dem Kreise des Gesichts! Euch geliebten braunen Schlangen Zu erwidern hab‘ ich Nichts. Nur dies Herz, es ist von Dauer, Schwillt in jugendlichstem Flor; Unter Schnee und Nebelschauer Ras’t ein Ätna dir hervor. Du… Continue Reading „Hatem“

Wizlaw schrieb das

Die Natur im Nordosten ist langsamer. Dieses Jahr aber zwei Wochen früher. Deshalb ein Mailied, ein altes von Rügen. Wald und Feld liegen ausgebreit’ in wundervoller Farben Kleid; die süßen Vögelein sind schon da. Sie üben ihren süßen Schall fröhlichen Herzens überall mal ich… Continue Reading „Wizlaw schrieb das“

3 Fassungen

Louise Labé (* ca. 1524 in Lyon; † 25. April 1566 in Parcieux- en-Dombes bei Lyon) Ô beaus yeus bruns, ô regards destournez, Ô chaus soupirs, ô larmes espandues, Ô noires nuits vainement attendues, Ô jours luisans vainement retournez : Ô tristes pleins, ô… Continue Reading „3 Fassungen“