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Veröffentlicht am 12. Juni 2026 von lyrikzeitung
189 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Karl Kraus
(* 28. April 1874 in Jičín, Böhmen, damals Österreich-Ungarn; † 12. Juni 1936, heute vor 90 Jahren, in Wien)
KOMPETENZ VOR DER SPRACHE Ja, die Sprache beherrscht unser Herr, der Kommis. Ihm ist sie zur Hand und mich zwingt sie aufs Knie. Sie ist seine Magd und er geht mit ihr um, und ich bin ihr Diener und mich macht sie stumm. Was hör' ich? Wer vor einem Bild sich nicht traut zu sprechen, wird vor dem Gedichte laut? Das macht, er selbst kann nicht malen, doch sprechen, drum kann er sich gleich an dem Sprachwerk rächen. Wenn einer vor Symphonieen zwar schweigt, so weiß er doch, wie so ein Dichter geigt! Das macht, er kann selber sprechen, nicht geigen, drum wird er einmal es dem Dichter zeigen. Man sollte die Kompetenzen vermehren, die sprechenden Esel auch singen lehren, und die Umgangsmusik durch die Kunst noch ergänzen, die Kleider mit Farben anzutrenzen. Die Frage »Wie gehts?« sei gemalt, sei gesungen, zur Not sei sie gar in Gips noch gelungen. Daß vor keiner der Künste verstumme, nein nie, der die Sprache beherrscht, unser Herr, der Kommis! Aus: Karl Kraus, Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1989 (Schriften, Band 9), S. 151
Kategorie: Österreich, DeutschSchlagworte: Aphoristiker, Österreich-Ungarn, österreichische Literatur, Dichtung, Feuilletonkritik, Gedicht, Jičín, Karl Kraus, Kompetenz vor der Sprache, Kulturkritik, Kunstverständnis, Literaturkritik, Lyrik, Moderne, Satire, Sprachkritik, Sprachkunst, Sprachphilosophie, Todestag Karl Kraus, Wien
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