Sie zählt zu den am höchsten dekorierten Protagonistinnen und Protagonisten der österreichischen Gegenwartsliteratur, genießt mit ihrem ebenso umfangreichen wie eigenwilligen Lyrik- und Prosa- Werk höchstes Ansehen in der Fachwelt und ist mit ihrer schwarz verhüllten Gestalt und ihrer zettelübersäten Wohnung, in der sie aus Platzgründen keine Besucher mehr empfängt, zu einer Art Legende geworden: Am 20. Dezember feiert die große österreichische Poetin Friederike Mayröcker ihren 85. Geburtstag.
Als „bekannt, aber nicht gekannt“ bezeichnete ein Literaturwissenschafter einmal die u.a. mit dem Großen Österreichischen Staatspreis und dem Georg- Büchner- Preis ausgezeichnete Dichterin, die vielfach bewundert, aber nur von wenigen wirklich gelesen wird. „Ich lebe nur in Sprache“, bekennt Mayröcker, der Leben und Literatur eins sind, „Ich kann alles durch meine Augen in mich aufnehmen und aus mir herausschreiben.“ Seit über fünf Jahrzehnten entstehen so in dichter Folge Prosa- und Lyrikbände. „Das Gedichte Schreiben ist so eine Art Aquarellieren, das Prosa Schreiben ist eine harte Kunst wie eine Skulptur Anfertigen“, schilderte Mayröcker, deren zweite Liebe der Bildenden Kunst gehört, kürzlich in einem APA- Interview, „Es sind zwei wirklich ganz verschiedene Zugehensweisen, und ich fühle das auch im Körper ganz anders.“ / Vienna online
schließlich
große lyrik im kleinen kreis
beigesetzt:
wörter trugen sie
kein leser hat sie begleitet
Andreas Noga
Na und so weiter, blabla:
In der heutigen Zeit gibt es nur noch wenig Platz für Lyrik und Poesie, denn das große Zeitalter der Dichter und Denker ist vorbei. Interessenten oder Veröffentlichungsplattformen gibt es mittlerweile fast gar nicht mehr. Geht diese Kunst verloren?
Die Zeit der Französischen Aufklärung war eine weitere Blütezeit dieser Thematik. Voltaire, Diderot, Montesquieu und Rousseau trieben ihren Staat mit verfassungskritischen Werken in den Wahnsinn, trafen damit aber genau den Nerv der Gesellschaft.
Goethe, Schiller & Co. waren ein Höhepunkt in der Lyrik. Doch heute scheint diese Form der Kunst wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Die wenigen Jugendlichen, die heute noch eine poetische Ader haben, wissen entweder nichts von ihrer Gabe oder haben keine Ahnung wie sie ihre Ideen verkleiden sollen. Viele haben aber auch einfach kein Interesse an dieser alten Kunst.
Selbst wenn jemand seine Gabe entdeckt hat und sie [in ein, MG] wortgewand einkleiden kann, hat er kaum eine Möglichkeit seine Werke zu veröffentlichen. …
Es heißt immer: „Die Jugend fördern!“
Für Interessierte oder Kreative gibt es kein populäres Medium, dass dieser alten Kunst eine Plattform bietet. Auch die Weiten des Internets bieten keine spezifischen Seiten, die sich mit damit befasst./ newspoint
(Liebe Jugend, nicht verzagen. Es gibt noch ein paar von allem: Lyriker, Lyrikleser, Lyrikverleger, Lyrikbücher… Man muß sie nur finden wollen.)
Ehrlich gesagt ist mir Frank Milautzckis Klage über „die Poesie, wie sie gegenwärtig in Deutschland en vogue ist“, zu wohlfeil (allein weil zu viele Leute mit den gegensätzlichsten Meinungen oder Absichten sie teilen können) und als Erklärungsmuster zu schlicht. (Lockerer werden!) Ich zitiere sie aber um des von ihm angefügten wunderbaren Zitats aus einem Interview mit Margitt Lehbert willen:
Die Poesie, wie sie gegenwärtig in Deutschland en vogue ist, bewegt sich zu oft in Kanälen, die kaum mit den welthaltigen und –bezüglichen zusammenfließen. Deswegen ist kein Wunder was Margitt Lehbert, die Übersetzerin und deutsche Verlegerin des Buches von Håkan Sandell, in einem Interview mit Volker Sielaff im März des Jahres 2008 im Poetenladen darlegt:
„Ich finde es schade, daß man im deutschen Sprachraum so wenig Poesie liest. So hat der wirklich außergewöhnliche Dichter Yehuda Amichai in Berlin vor etwa 70 Menschen gelesen. In Iowa City, eine Uni-Stadt mit damals 70.000 Einwohnern, kamen 800 Menschen, um diesen Mann zu erleben, und das, obwohl er auf Hebräisch dichtet und man „nur“ die Übersetzungen verstand. Was ich mir wünsche, wäre ein lockerer, ein freudvoller, ein nahezu erotischer Umgang mit der Poesie, eine Lust an der Sache. Les Murray freut sich immer besonders, wenn er dort veröffentlichen kann, wo es nicht ausschließlich literarisch zugeht, und ich gebe ihm da Recht. Deshalb achte ich auch so sehr auf die Ausstattung meiner Bücher, es soll Lust bringen, sie in die Hand zu nehmen, Lust bringen, sie aufzuschlagen, Lust bringen, sie zu lesen.“
Mitten im Warenhausgetümmel öffnet sich ein Guckloch zum Hades. Vielfältige Bezüge zur Musik, zu Orpheus, Odysseus und andere antike Gestalten oder zu Transzendenz und Herzensbildung der Romantik beleben die trivialsten Verhältnisse. Der seit 1998 in Norwegen lebende Sandell nennt sich selbst einen „Retrogardisten“. Seine Verse sind nicht auf avantgardistische Wortwelten erpicht. Sie notieren Momente jener „großen epischen Erzählung, welche Geschichte ist“, wie es in „Randzeichnung“ heißt. Ideen, Motive und Figuren vergangener Kunstepochen greift Sandell in seinem lyrischen Alltagstagebuch auf und wickelt sie auf überraschende Weise weiter. Vor allem die Gotik zieht sich durch sein gesamtes Werk. Welch eine turbulente Lektüre: mal gibt er den Heiligen Sebastian, mal geht er einen faustischen Pakt mit dem Leibhaftigen ein, lässt ihn die Feder führen – und pflegt ihn schließlich zu Tode. / Dorothea von Törne, Die Welt 12.12.
Tagebuch, Abendwolken.
Von Håkan Sandell. Aus dem Schwedischen von Margitt Lehbert. Edition Rugerup, Hörby. 160 S., 19,90 Euro.
Vgl. Rezension von Frank Milautzcki, fixpoetry.com
(mit Leseprobe: Geburt!)
Dort außerdem über
Ich habe satt gelebt.
Von Paul Fleming. Insel, Frankfurt/M. 122 S., 12,80 Euro.
endpunkt.
Von John Updike. Rowohlt, Reinbek. 110 S., 19,90 Euro.
Letzte Gedichte
Von Michael Hamburger. Aus dem Englischen von Jan Wagner ed. al. [sic?!] Folio, Wien/Bozen. 176 S., 22,50 Euro.
Durch Übersetzungen persischer Dichter im 19. Jahrhundert – und nicht zuletzt auch durch Goethes Arbeit am «West-östlichen Diwan» – haben deutsche Dichter ihre Faszination für die südasiatische Liedform des Ghasels entdeckt. Sie diente persischen Mystikern seit dem 8. Jahrhundert zur Beschwörung göttlicher Liebe. Dabei gab schon der weise Goethe zu bedenken, dass «die zweizeilig gereimten Verse der Orientalen einen Parallelismus fordern, welcher aber, statt den Geist zu sammeln, selben zerstreut». Wenn nun die Münchner Dichterin und Schriftstellerin Ursula Haas in ihrem Band «Ich kröne dich mit Schnee» die Form des Ghasels wiederaufnimmt, dann spielt sie mit dem erotisch-geistigen Doppelgesicht der mystischen Anrufungen, indem in ihren filigranen Liebesgedichten das Metaphysische im Erotischen oder umgekehrt das Sinnliche in der kühlen Verskonstruktion anklingt. Dabei gelingt es ihr, der Repetition des immer gleichen Reims, die schnell monoton oder beliebig wirken könnte, verschiedene zeitliche oder logische Färbungen abzugewinnen, so etwa im Gedicht «Erinnerung», wo der wiederkehrende Ausdruck «Hand in Hand» ganz unterschiedliche Nuancen von Nähe und Zuneigung aufscheinen lässt.
/ NZZ 10.12.
Ursula Haas: Ich kröne dich mit Schnee. Gedichte und Ghasele. Verlag St.-Michaels-Bund, München 2009. 128 S., Fr. 23.30.
ODER: Warum sich die Hefte des „Ganz & GarNix“-Verlags besser verkaufen, seitdem nur noch das Kürzel „G&GN“ auf dem Cover steht…
„Die einen SCHAUEN Tagesschau, die andern MACHEN sie. Und die dritten schreiben Gedichte.“
(Sebastian Nutzlos, G&GN-Vorsitzender seit 1990)
G&GN-INSTITUT BERLIN NEW COLOGNE / Das Wort Politik ist plötzlich wieder modern in einer bestimmten Abteilung der Lyrik-„Szene“, aber wie bei allen Trends wird die Geschichte dahinter verschwiegen, nur die Oberfläche der Gegenwart zählt. Wer die G&GN-Terminchronik online studiert, das Projekt „History of Pop“ des Düsseldorfer Heine-Instituts verfolgte, oder auch nur die Logik der Slam-Inflation nachvollzieht, der riecht den angebratenen Neuen Betriebsbraten schon, bevor er wieder zu Asche zerfällt mitsamt einiger Jungfinger, die sich schon „politisch“ wähnen, wenn sie das Wort nur in den Mund nehmen… Die Freude über eine vermeintliche Repolitisierung der Lyrik erhält einen schalen Beigeschmack, wenn diese Verschiebung angesagter Thematiken mit den üblichen Scheuklappen einhergeht, um nur das zu promoten, was dem jeweiligen politistischen Poeten möglich ist. Bereits seit 1994 bemüht sich das G&GN-Institut zum Beispiel (nur um 1 Beispiel zu nennen, gesegnet sein alle Kollegen aus dem OFF, die nach dem „Verlust der goldenen 90er-Jahre“ ebenfalls radikal weitermachen) um eine politische Theorie des „echten“ (erfüllten) Liebesgedichtes als „Erweiterte Sachlichkeit“ (inzwischen gibt es über 60 hauseigene authentische E.S.-Beispiele), um diese feine Gattung vor dem Aussterben zu retten, aber bis heute traut sich kein einziger Germanist von Rang, diese Forschungsarbeit überhaupt zu würdigen, stattdessen erscheint eine neue Anthologie nach der anderen mit den abstrusesten Auswüchsen sogenannter Liebeslyrik, die in Sehnsucht und Abstinenz oder perversen Projektionen schwelgt. Immerhin deuten die Herausgeber in ihren akademisch bemühten Nachworten mittlerweile manchmal an, daß es die seltene Sorte „positiver“ (oder gemäß des toysianischen 1996er-Gedichtes „Paradies-Persiflage“: posiTIEFer) Liebeslyrik überhaupt gibt, allerdings gänzlich ohne die zivilisatorisch brisante Poetologie dahinter zu erwähnen. Dazu müßte man einen Ausflug in die Eso-Szene wagen und Oshos Buch „Kreativität“ lesen, unabhängig und frei davon, was man von ihm als Guru hält. Oder aber das Geleitwort auf der G&GN-Homepage www.GGN.de (bzgl Wechsel des Künstlertums aus der Überkompensation hin zur Überdokumentation) – um es auf den Punkt zu bringen: Der Literaturbetrieb ist FEIGE, SELBSTGENÜGSAM und DUMM, denn er macht sich fast immer abhängig von eigennützigen Preisträgern und Professorentiteln, selten der Mut zum Durchbruch in KONSTRUKTIVE SKANDALE!!! So, Katze aus dem Sack, was nun? NICHTS. REIN GARNICHTS. WIR MACHEN WEITER WIE B…ISHER UND SPIELEN MIT, FAST OHNE MIT DER WIMPER ZU ZUCKEN!!! Warum? Weil es ganz andere Szenerien gibt, in denen man noch offen & ehrlich mit seelischer Inbrunst diskutieren kann (als säße man im Cabaret Voltaire), ohne sich mit Platzpatronen einen Bestsellerplatz zu erhaschen, damit ein Leser die Dackelsohren spitzt… Ja, der geneigte Leser möge sich jetzt allemale fragen, ob er gemeint sein könnte. Der Leser? Aber wer liest eigentlich die Lyrikzeitung? NIEMAND im rein privaten Bekanntenkreis des G&GN-Instituts kennt dieses grandiose und NOTWENDIGE inner-UND-außerliterarische Organ – NIEMAND !!! Aber wer ist schon „niemand“: der normale Freund oder Nachbar aus irgendeinem anderen Beruf. Aha, L&Poe entpuppt sich damit als geheimes „Fachblatt“, obwohl es sich gar nicht NUR an Fachkreise richtet sondern an jeden Bürger, der Spaß an literarischen Weltnachrichten hat. Zu finden ist es leicht: diverse Stichwörter des sehnsüchtigen Surfers genügen, um es in Listen anzuklicken. Na bitte. Es gibt also POSITIVE Weltneuigkeiten, nähmlich (mit kleinem H) POETISCHE. Ja doch, poetische!!! Und zwar die ganze Bandbreite: von überüberüberbetriebsamer Fremdbestimmtheit bis subsubsubversiver Eigenbrödlerei – die gaaaaaanze Palette!!! Jou, super Sache. Mal lesen, was so los is in der Literaturwelt… ah, schon wieder so ne peinliche Meldung aus Neukölle – alaaaaaaaaf !!!!! Heeeeelauuuuuuuuuuuu !!!!! (die Düsseldorfer werden mitgegrüßt, wir sind ja nicht so) [an diesem Punkt schaut der G&GN-Vorsitzende Sebastian Nutzlos dem längst gefeuerten Pressesprecher Samuel Lépo über die Schulter, sein Zeigefinger rauscht mit matrixmäßigem Zeitlupeneffekt blitzschnell auf den Monitor zu, und bevor Lépo diesen Text BIS HIERHIN UND NICHT WEITER… ~ ~ ~ ~ ~ ~ … da: ein Loch im Monitor vom erleuchteten Nutzlosfinger mit neuromagnetischer Gedankenekstase paranormal hineingebrannt]. Guten Abend, hier ist das deutsche Fernsehen mit der Tages-LECK-MICH-DOCH-AM-ARSCH-DER-WELT-DIE-MACHEN-EH-WAS-SIE-WOLLEN-RUF-MICH-WENN-DER-KRIMI-ANFÄNGT-Schau. Ok, kein Problem, kein Problem, reg Dich ab. Wirf die falsche Pille ein und schlaf weiter. Wie war das gleich: SCHWITTERS SCHNARCHT SCHWEREN HERZENS UNTER DER ERDE WEITER. Und die wird eines Tages aufbrechen und ihre Szene-Zombies wieder ausspucken: Das Dao des Dadaisten ist unverdaulich. Nochmal? Weils so schön klingt: DAS DAO DES DADAISTEN IST UNVERDAULICH!!! (ACHTUNG! An die Studenten: Gratz zwingen, diesen Satz LAUT & DEUTLICH AUS DEM SEMINARFENSTER ZU BRÜLLEN UND ZWAR BIS DER HAUSMEISTER KOMMT ODER JEMAND, DER SICH ALS SOLCHER VERKLEIDET). Was gibts sonst noch zu sagen? Ach ja, heute abend findet Teil 1 vom www.SUBVIDEOFESTIVAL.de im „DasLABOR“ (Fuldastr.56) statt. Morgen Teil 2: mitwww.POETryToGo.de-Clips vom Herrn Spülzeux höchstpersönlich. Welche weiß der selber nicht, denn der ambitionierte Veranstalter hat dessen Youtube-Kanal ausgequetscht und will sowohl den Künstler als auch das Publikum mit einer 40-minütigen Nokiatrash-Kollektion überraschen. Aber egal, geht eh keiner hin. Ich sage: GEHT EH KEINER HIN! Kein Zuschauer, kein Journalist und kein Filmkollege außer jenen, deren Filme gezeigt werden. So wie überall: im Publikum sitzt die Bühne. DAS ist ein szene-übergreifender empirischer Richtwert: Was guckst Du? Du guckst Dir zu! So machen es die Kanzler, die Künstler und die Kritiker: alles Maden im eigenen Speck. Na prima. Und Silvester lassen wirs gemeinsam krachen wie noch nie! Jou, super Sache! Apropos Kanzler & Künstler, da hätten wir für Sie, meine Damen und Herren, glatt noch ne feine Sensation brandneuer Übersinnlichkeit zu bieten: unser einziger letzter fester Mitarbeiter seit der Institutsinsolvenz, Herr von Döh nämlich (ohhne H mit Doppel-h), hat schon wieder gereimt… sooo eiiin „Aaaaarschloch der Literatur“ aber auch!!! (jaja, diesen Titel gewann er letztens bei einer kleinen prosaischen Autorenlesung in Berlin, man möge selbst recherchieren bei Bedarf) – Sie gestatten? Hier das äußerstliterarische Teufelswerk (man möge es mit Rückkopplungshall durch ein sehr laut gestelltes Mikrofon FLÜSTERN!):
Tom de Toys, 10.12.09 (bei Rotwein, Adorno & Leo Ferré: „AMOUR ANARCHIE“)
59 B-FEHLSVERweiGERUNGEN
wenn kinder nach Auschwitz
das sprechen noch lernen
wenn kanzler nach Tschernobyl
das atom noch vergöttern
wenn kranke nach Buddha
noch jammern dürfen
und künstler nach Beuys
immer weiter malen dann
kann keiner verbieten daß
dichter in neuen gedichten denken
anstatt kategorischen kategorien
denn jeder beginnt die geschichte
am kosmischen nullpunkt
mit leben zu füllen
das gelebt werden will
© Trademark POEMIE, G&GN-QUELLE: www.DeToysS.de (Doppel-„S“ wie Sinn-/Seinsklasse), URL=
http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=482406116&blogId=521761001
Über unsere HEFTE (siehe Untertitel der Meldung) brauchen wir wohl nichts mehr zu sagen, vermutlich ahnt der geneigte Leser nach diesem respektlosen Artikel, wie die Verkaufslage* ausschaut. Aber wir beschweren uns nicht, wie gesagt, denn MITSPIELEN ist alles – und gewonnen hat heutzutage schon JEDER, der überhaupt noch SPIELT anstatt am Tresen abzustürZEN. Apropos „flüstern“: hier die legendäre Stimme eines LEBENDEN „Dichters der OFFenen Mitte“, der sich völlig uneigennützig bereit erklärte, in einem unkOmMerziellen Werbeclip mitzuwirken, pfui deiwel:
TRAILER FÜR 14.12.09 @ www.LYRIKMAIL.de #2111 „LEGENDE (HOMMAGE AN DIE HAUPTSTADT)“:
http://www.youtube.com/watch?v=IFZC-3-ce6E
*ANMERKUNG zur „Verkaufslage“…eines Kleinstverlages, hier eine nette Mini-Anekdote: Im Erscheinungsjahr der ersten originalen Anthologie „Lyrik von jetzt“ verkaufte sich das G&GN-DinA6-Heft „JA“ (= 10-teiliger „JA…HRhundert“-Zyklus von 1998) in einem bestimmten Berliner Buchladen innerhalb 1 Jahres ungefähr 20x (!!!) so oft wie die vielgepriesene Anthologie. Gesamtauflage des JA-Heftchens nach 6 Jahren: 600 Exemplare! (Nachdruck nun trotzdem eingestellt, weil Zyklus um 6 Teile erweitert wurde, daher Neuauflage mit allen 16 Teilen geplant). Das ist NICHT wenig für einen 1-Mann-Vertrieb (unser einziger -ehrenamtlicher- Kundenbetreuer: Jens Jeda), der KEINE EINZIGE Rezension einfährt (wurde die Feigheit bereits erwähnt? Schon vergessen, was oben steht)… Erst der legale Preissturz ermöglichte den Dumontschen Ladenhüter an Szene-Touristen zu entsorgen, auch im G&GN-Regal steht nun das billige Antipopwerk mit Sparpreisaufkleber, wodurch sein ästhetischer authentischer Wahrheitsgehalt natürlich poetisch potenziert wurde… (G&GN-Anmerkung, nicht Gratz!**)
**) schreibt Herr Döh und hat zweifellos recht. MG
Was für ein Dichter! Was für große, klare, wahre, herrliche Gedichte. John Updike (1932 – 2009), dem Lesepublikum vor allem als Romanautor bekannt, hat zeitlebens auch Lyrik geschrieben. Eine Sammlung von Gedichten, die in des Autors letzten Lebensjahren entstanden sind, enthält dieser Band mit dem programmatischen Titel „Endpunkt“.
Obwohl dem privaten wie dem politischen Geschehen keineswegs entrückt („Irak geht weiter“, schreibt er im Jahr 2006, „ohne Vorhang, ein schlechtes Theaterstück“), begegnen wir hier einem Lyriker in Abschiedsstimmung: „Ich richte mich ein, in dem Jahrzehnt, in dem, / wie ich höre, die meisten Menschen sterben“, heißt es einmal, und in dem Gedicht „Verfassung mit 76“: „Wie nicht an den Tod denken?“ und „Bleibt bei mir, Wörter, bleibt noch ein bisschen“. / David Axmann, Wiener Zeitung 12.12.
John Updike: Endpunkt und andere Gedichte. Deutsch von S. Höbel und H. Frielinghaus. Rowohlt, Reinbek 2009, 109 Seiten, 19,90 Euro.
Ein Zwischendurchgang zum Bäcker bringt mir (die Assoziationskette begann beim Wort „Plunder“) noch ein Gedicht, das ich hier einrücke, bevor ich mich doch noch an mein Gutachten setze.
Die Romantiker sind nicht romantisch, sage ich gern. Sie sind eigentlich die ersten modernen Menschen, die den Gegensatz zwischen Waldsehnsucht und neuer Zeit austrugen und aushielten.
Joseph von Eichendorff ist nicht zu Pferd durch die Wälder geritten – er hat sie nur preußisch verwaltet. Und fuhr mit einer Netzkarte der Eisenbahn durchs nicht mehr existierende Reich. Modern ist auch dieses Gedicht (ebenfalls unphilologisch „as is“):
Der Isegrimm
Aktenstöße nachts verschlingen
schwatzen nach der Welt Gebrauch
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.
Aber glauben, daß der Plunder
Eben nicht der Plunder wär,
Sondern ein hochwichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr.
Aber andre überwitzen,
Daß ich mit dem Federkiel
Könnt den morschen Weltbau stützen,
Schien mir immer Narrenspiel.
Und so, weil ich in dem Drehen
Da steh oft wie ein Pasquill,
Läßt die Welt mich eben stehen –
Mag sie’s halten, wie sie will!
„Jakob Wir schenken Dir einen iPod-touch“
heißt es in einer Spammail. Warum sie mich mit Jakob anreden, weiß ich jetzt nicht. Daß sie mich duzen, mißfällt mir. Leider habe ich grad keine Kneifzange zur Hand, und die Hosen sowieso seit ein paar Stunden schon an! Aber wenn Sie mir son Ding schenken wollen, legen Sies einfach vor der Tür ab. Aber nicht klingeln!
Ansonsten danke ich für die Erinnerung an ein Gedicht, das ich seit langem mag und hin und wieder benutze. Goethens Jugendfreund Lenz schrieb es, und es geht auf seine 3 Vornamen:
Ich bin ihr wahrer Jakob nicht
und auch ihr deutscher Michel nicht
Bin rein und hold nicht wie der Lenz
Ich: Jakob Michael Reinhold Lenz.
Seit ich das Gedicht kenne (auch jetzt auswendig zitiert, hier brauch ich keine Philologie), gehört es zu meiner Identität, da mein Name drinsteckt. Das fortzusschreiben, habe ich meinen Sohn Jakob genannt – so steckt er auch drin. Vielleicht klappts ja.
Meine Anthologie: Garstig.
Reich bin ich durch ich weiß nicht was,
man liest ein Buch und liegt im Gras.
Robert Walser
Leichtfüßig, peppig, spritzig kommen die satirisch grundierten, hier ironischen, dort sarkastischen, gelegentlich zynischen, mit Allusion, Echo und Versatzstück aus Dichtung und Volksmund durchwirkten, zwischen Sinn und Unsinn mäandernden, dem auf den Kopf gestellten Schein des Seins in rasant vorgetragenen Sequenzen auf die Schliche kommenden, bizarr wortschöpfenden, Alliteration, Annagramm und Reimprise einstreuenden, faszinierend verrückt assoziierenden, wortspielenden, zeilenspringenden Gedichte von Tom Schulz in Kanon vor dem Verschwinden daher. Hier dirigiert die surreale Lyrikschlagkraft, Oxymoron und Paradoxon tanzen den Pas de deux.
Ich / schrieb das schnell auf, bevor / der Moment in der verfluchten / Abgestorbenheit Kölns / wieder erlosch, heißt es in Rolf Dieter Brinkmanns Gedicht Einen jener klassischen. Ich tue es Brinkmann gern nach. Und wenn ich an diesen blätterfallsüchtigen, dunklen, kühlen, nebligen, regnerischen, stürmischen letzten Tagen des Jahres wie Erich Kästner gefragt werde: Und wo bleibt das Positive, Herr Breuer?, kann ich wie der von Asterix nach dem Passierschein A 38 gefragte römische Amtsvorsteher des Hauses, das Verrückte macht ganz lässig antworten: Hier ist es doch: ⇐⇑⇒⇓
wie verrückt: Regen /
bella umbrella. seit Tagen
übernächtigt. Wolken
aus Granit.
Thien Tran
Wiedermal so ein Jahr den Styx hinunter
Peter Rühmkorf
Bereinigt um Bücher, deren nur scheinbar poetische Wortansammlungen ich auf keiner Seite lesenswert fand, versammle ich in der die Lyrikstationen 2009 abschließenden zwölften Station alle mir in diesem Jahr in die Hände gefallenen und gelesenen Lyrikeditionen mit der Zahl 2009 im Impressum, die ich in diesem Essay – exemplarisch – vorstelle und zum Abschluß einer jeder Station ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücke, wie, beispielsweise, Kevin Perrymans Der nicht verjährte Traum – sein neunter Gedichtband und der erste, den ich von ihm lese (am 9. November 2009 – so wird dieser Tag auch in der heute stark vernebelten Abgeschiedenheit der Eifel zum Festtag):
Bring einen Stein.
Trage zu unserem Singen bei.
Bring deinen Stein.
Du wirst ihn in den Bergen
aufgehoben haben,
ihn mit dir mitgetragen.
Leg ihn zu den anderen.
Dies ist, bei lyrischem Lichte betrachtet, eine schmerzhaft künstliche Auswahl für einen im Kern als persönliche Lesereise angelegten Text, vernachlässigt die Liste doch die möglicherweise eindrucksvolleren Bücher und Zeitschriften früherer Jahrgänge, die ich mir in diesem Jahr zu Gemüte führte – beispielsweise am 11. November André Schinkels resche Lyrik in Löwenpanneau (Mitteldeutscher Verlag, Halle 2007): Das große Gedicht An der Saale versetzt mich schlagartig zurück in den Augenblick, als ich mit UNI/vers(;)-Herausgeber Guillermo Deisler und uräus-Handpresse-Verleger Hans-Ulrich Prautzsch an jenem Fluß stand und wir am gegenüberliegenden Ufer mehrere Biber bei der Arbeit beobachteten; am 17. November Kim Jong-Dils konfuzianisch angehauchte Gedichte in Nachtkerze (Edition Peperkorn, Thunum/Ostfriesland 2003); am 29. November Günter Herburgers forschen Gang Im Gebirge (Luchterhand, München 1998) – und ohnehin den gesamten Bereich der Prosa, den ich in Bücher, Menschen und Fiktionen 2009 (www.poetenladen.de/theo-breuer-buchpreis-2009.htm), gleichsam Zwillingstext von Lyrikstationen 2009, vorstelle.
Wenn ich überhaupt einen interessanten Aspekt am Zusammenhang von Literatur und Jahrgang sehe, dann den, womit ich mich innerhalb eines Jahres literarisch konkret befaßt habe. Was aber tun wir nicht alles, um der grassierenden Unübersichtlichkeit zu trotzen und auf diese Weise das eine oder andere Buch sichtbar zu machen. Wir müssen auch 2009 von mehreren tausend neu gedruckten Gedichtbüchern ausgehen, unter denen sich möglicherweise ein Buch versteckt, das ich großartig fände, wenn ich es denn je läse. Angesichts dieser ungeheuren Zahl ziehe ich mich gern auf den einen wie auch immer gefundenen, hoffentlich einzigartigen Gedichtband zurück, der mich zunächst eine Stunde, einen Tag und sodann – mehr oder weniger – lebenslang begleitet. Am 4. Dezember (im Lyrikkalender lese ich das Gedicht Übersprung von Christian Röse) ist es Heinrich Deterings Wrist, von dem ich mich an diesem kalten Tag sehr gern in Birken- und Brachvogelwälder und blühende Dschungel im / Schotter zwischen den Gleisen verschleppen lasse.
So wird mir Lyrik von Tag zu Tag mehr zu einer Faktoren wie Auflage, Avantgarde, Autor, Bestenliste, Buch, Chimäre, Dramatik, Epoche, Favorit, Genie, Hörbuch, Idee, Jungvogel, Koryphäe, Leichtgewicht, Mode, Newcomer, Original, Preis, Programm, Quengler, Richtung, Star, Talent, Titel, Urgestein, Verlag, Wasserträger, Zeitgeist »usw.« usw. verschlingenden und amalgamierenden universalen Gestalt aus Klang, Rhythmus und Wort, deren in einem fort schwingender Sound jeden noch so hartnäckigen Tinnitus locker verdrängt, als ziehe [es] mir das rauschen / des weltalls ins ohr. (Dieter P. Meier-Lenz, Im Wortgestrüpp)
BAUMBEIN
Blaurosa Wolken,
der Wind aus den Seen,
die ausgeleuchteten Wälder
aus zweibeinigen Bäumen,
doppelt schlagen sie aus.
Flecken im Schatten und in Tränen
die Sonne trägt der Berg,
hängt durch in den Mitten.
Swantje Lichtenstein
Das 120 Titel umfassende Füllhorn der Anthologien, Einzeltitel, Magazine, Portale und Schachteleditionen, deren Zustandekommen ich den unterschiedlichsten (glücklichen) Zufällen verdanke, vermittelt hoffentlich einen einigermaßen exemplarisch-repräsentativen Querschnitt des vielköpfigen, kakophonen Chors, der 2009 im dichtbevölkerten lyrisch-deutschsprachigen Ameisenstaat mit mehr als vierhundert Editionen, Redaktionen, Verlagen und Handpressen (von denen sechsundfünfzig hier auftauchen) den Sound bestimmt:
Gedichtbücher von jüngeren und älteren, bekannten und weniger bekannten Autorinnen und Autoren, Bücher aus großen und kleinen Verlagen, die Anthologien, Einzeltitel, Essaybände, Gesamtausgaben, Magazine und Übersetzungen als Hardcoverband mit Schutzumschlag, Broschüre bzw. Taschenbuch, bibliophiles Kleinod oder Kunstschachtel in winzigen, kleinen, mittleren und größeren Auflagen in der Hoffnung veröffentlichen, Leserinnen und Leser zu finden, die diese Bücher ihren Sammlungen einverleiben wollen.
Books on Demand werden nur auf Bestellung erstellt, sie sind nie vergriffen, aber auch in keiner Buchhandlung präsent. Wie wohl wirkt sich das auf die Auflage aus? Ich jedenfalls lasse mich immer wieder gern vom vielgestaltigen Programm der Lyrikedition 2000 anlocken und lese auch im Verlauf dieses Jahres wieder eine Reihe mich stark anregender Gedichtbücher aus dieser seit einiger Zeit von Heike Hauf betreuten Edition – so Ulrich Kochs Lang ist ein kurzes Wort (Der Mond war ein Leckstein auf der Pferdeweide), Swantje Lichtensteins Landen, Ludwig Steinherrs Kometenjagd sowie Nikola Richters do-re-mi-maschine, die vom ersten Gedicht an schwungvoll rotiert:
er kann jetzt nicht mit dir tanzen, sagt einer, und ich sage,
das ist überhaupt nicht mein problem, denn ich hole meinen
freund von der bushaltestelle ab, wir weinen zur begrüßung
und pinkeln zwischen autos in der nebenstraße. und wenn
einer sagt, das ist doch mal wieder kein gedicht, dann sag
ich nix, aber pass mal auf, denn hier ist das leben, hier
hab ich eben noch telefoniert, als einer die treppe herunter
rannte und mich mal kurz küssen wollte, ich schlug ihn
weg, weil eben noch ein anderer mich drückte und wieder
andere mir sagten, dass ich sie suchen solle. die welt ist
groß genug für alle, sagten manche eben noch und andere
wollten schwimmen gehen (das sind die ungehemmten dates).
ich habe einen neffen, der schon nudeln sagen kann,
und ich mit meinem neuen job kann nichtmal sagen, was ich will.
Die Hoffnung ist – Was sind das für Zeiten? – oft trügerisch angesichts der überwältigenden Konkurrenz von vielen hundert Verlagen und tausend und weit mehr Autoren mit jährlich vielen, vielen, vielen neuen Gedichtbüchern, ganz zu schweigen von der überwältigenden Präsenz der guten Seiten im Internet.
Wer, beispielsweise, regelmäßig Portale wie Fixpoetry, Forum der 13, Lyrikline, Lyrikwelt, Lyrikzeitung, Poetenladen, Reimfrei, Titel oder Matthias Kehles Lyrik-Blog anklickt und die dort angebotenen Buchbesprechungen, Essays, Features, Gedichte, Glossen und Porträts scrollend liest (und sich dazu die tägliche Lyrikmail schicken läßt), braucht keine Bücher, wenn Bücher ihm nicht das bedeuten, was sie mir bedeuten. Was dem einen das Buch in der Hand, ist dem anderen die Zeigefingerbeere an der Maus. Indem ich letzteres eben um der Erfahrung willen erstmals an einem Lyrik-eBook ausprobiere, spüre ich spontan, daß ein eBook kein Gedichtbuch ist, wie ich es meine, und schon mal gar kein gefühltes.
So ist es längst keine Ausnahme mehr, daß Lyrikbücher auch bekannterer Autoren zwar publiziert, aber kaum mehr von den Leserinnen und Lesern wachgeküßt werden, folglich nie ein lebendiges Dasein führen können. Dennoch glaube ich weiterhin an genügend leidenschaftliche Büchermenschen, die dafür sorgen, daß die Befürchtung eines Philip Roth (dessen Romanen ich seit Jahrzehnten hoffnungslos verfallen bin), die Menschheit wachse in eine buchlose Zukunft hinein, sich als übertrieben pessimistisch herausstellen wird.
Verleger und Autoren, die allerdings meinen, Leser liefen ihnen irgendwie schon zu, bezahlen diesen Irrglauben mit der Tatsache, daß immer wieder auch viel zu teuer angebotene Bücher in Kartons verpackt dahindämmern (hoffentlich wurden sie wenigstens auf Recycling-Papier gedruckt) oder bis auf wenige Exemplare gar nicht erst gedruckt werden, nachdem die Fördergelder kassiert sind. Aber auch das kann man schon wieder positiv sehn, wie Gerard Manley Hopkins, von dem zu Lebzeiten nicht ein Gedicht gedruckt wurde: Ein Dichter ist sich selbst sein Publikum.
Daß vor allem kleine/re Verlage und Zeitschriften kommen und gehen, ist eine bekannte Erfahrung. Andererseits gibt es erfreulich viele Gegenbeispiele für Haltbarkeit und Stabilität, man jammert nicht, sondern arbeitet einfach, Buch um Buch, weiter am originellen Programm. Ich benenne, pars pro toto, Hendrik Lierschs Berliner Corvinus Presse mit rund zweihundertfünfzig Büchern seit 1990 – zuletzt Heinrich Osts sehr klare, sehr nachdrückliche, sehr schöne Gedichte In Trümmern Spiegelglas (Das Holzpferd singt / zur Himmelsmahlzeit), Werner Buchers im schweizerischen Appenzell angesiedelten orte-Verlag mit mehreren Buchreihen – Im November 2009 erschienen Horst Bingels beherzte Gedichte Den Schnee besteuern – und der Zeitschrift orte, deren 160. Ausgabe 2009 erschien, sowie die seit Jahrzehnten die Welt der Lyrik bereichernden Kleinverlage Ulrich Keicher (Leonberg) und Peter Engstler (Ostheim an der Rhön), der mit Egon Günther, von dem 2009 hegt traum kerne erschien, einen Autor im Programm hat, dessen spannende Gedichte ich bislang nicht kannte.
Auch in den letzten Jahren sind wieder neue Verlage (mit Luxbooks als Senkrechtstarter) und Editionen begründet worden: Bei Fixpoetry und in der Silver Horse Edition erschienen 2009 insgesamt mehr als ein Dutzend schlicht-schön gestalteter Lyrikbändchen, die Edition Lyrik Kabinett macht mit vorzüglich edierter internationaler Lyrik von sich reden, und so kann ich mit Das Buch der Niederlage endlich ein vollständiges Gedichtbuch von Bei Dao lesen:
Zielort
Ungeraden Zahlen folgend
und Funken, die Aussprache üben
bist du auf Reisen, von Landkarten
blickst du hinab auf die Grablegung der Straßen
so tief gegraben
daß sie reichen an ein Gedicht in seinem Kern
Keine Satzzeichen können aufhalten
die Wehen der Reimgesetze
Du bist nahe an den Metaphern des Windes
gehst ergraut in die Ferne
Die dunkle Nacht öffnet ihren Oberkiefer
und entblößt ihre Stufen
Es ist in jedem einzelnen Fall schade, wenn der eine oder andere Verlag nicht weitermachen kann oder will, die Welt der Lyrik geht bei der kaum überschaubaren Verlagsvielfalt im deutschen Sprachraum allerdings keineswegs unter, wie 2009 hier und dort suggeriert, sondern bietet Verlagen, die bis dato viel zu wenig beachtet wurden, die Möglichkeit, stärker ins Rampenlicht zurücken – so man dies denn wünscht.
Mit einer unkommerziell ausgerichteten, auf viel Geduld basierenden und den täglichen Einsatz fordernden Mischkalkulation des Verkaufens, Verschenkens und Tauschens gelingt es bislang in der kommunikations-, korrespondenz- und korrabolationslustigen Edition YE, die ich 1993 hier im sehr dünn besiedelten, lyrikleserarmen Schattenreich des Hinterlands aus purer Lust am Collagieren, Edieren, Kleben, Lektorieren, Montieren, Stempeln und Zusammentragen gründete, um fortan die Kunstschachteledition YE, die Lyrikzeitschrift Faltblatt sowie die Lyrikreihe mit Anthologien, Einzeltiteln und Monographien herauszugeben, genügend Leserinnen und Leser, die Lust auf deutschsprachige Lyrik haben, auf der ganzen Welt zu finden, um Auflagen bis 500 und 1000 Exemplaren zu rechtfertigen.
Die Lyrik befindet sich in einem jämmerlichen Zustand, schreibt Thomas Kunst im Nachwort seines 2008 erschienenen Gedichtbands Estemaga, während Axel Kutsch im Vorwort des im Herbst 2009 publizierten, Gedichte von zweihundert Autorinnen und Autoren versammelnden Anthologie Versnetze_zwei betont: Wir leben in blühenden Lyrik-Landschaften.
So unmöglich mit mir
kann es nicht sein
schau
selten gewordene Vogelarten
sind zurückgekehrt
um zu nisten
in den Zeilen meiner Gedichte
Werner Lutz
Im Herbst 2008 gab es in der Lyrikzeitung einen Fortsetzungsessay von Theo Breuer, der viel Zuspruch und auch Widerspruch fand und nebenbei der Lyrikzeitung einen Sprung in der Benutzerstatistik bescherte. (Durch Drücken auf den kleinen Knopf in der jeweils ersten Meldung des Tages können Sie das verfolgen: dort einfach zurückblättern über „Pageviews einsehen“).
Jetzt freue ich mich über einen neuen Fortsetzungsessay des Autors, der sich in zahlreichen Veröffentlichungen als Gourmand und Gourmet ausgewiesen hat. In den nächsten Tagen bis 23.12. lesen Sie hier jeden Tag ein Kapitel dieses Rückblicks auf das Lyrikjahr 2009. Nach Abschluß wird der Essay komplett beim Poetenladen veröffentlicht.
Theo Breuer schreibt:
Ich will mit diesem Essay das Lyrikjahr 2009 kompakt, konstruktiv und kreativ darstellen. Abgesänge, die der guten Lyriksache nicht dienen, gab es genug in diesem Jahr. So kann sich jeder Autor, jeder Verleger, jeder Kritiker, jeder Leser wieder einmal klarmachen, wie lebendig die deutschsprachige Lyrikwelt in diesen Zeiten nach 2000 weiterhin ist und weshalb von den einzelnen Titeln oft ganz wenige bloß verkauft werden. Man sehe sich nur die Liste am Ende an: 120 Titel sind dort bibliographiert. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs – vielleicht aber auch das Sahnehäubchen.
In der nächsten Meldung also das erste Kapitel als Einleitung. Viel Anregung, wenns sein muß Aufregung, wenns geht Vergnügen wünscht L&Poe.
Herta Müller und Horst Samson gehörten beide von 1981 bis 1984 dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis Temeswar an, der mit sozialkritischer Literatur die Verhältnisse ändern wollte. Beide wurden sie aus diesem Grund vom rumänischen Geheimdienst Securitate als staatsfeindlich angesehen, verfolgt und bedroht. Beide verließen 1987 das Land Richtung Westdeutschland. Sie sind heute noch miteinander befreundet. Samson wollte das Land nicht verlassen. „Ich habe immer gesagt, ich bin der Letzte, der hier das Licht ausmacht. Aber dann kam die Angst, dass die einem das Licht ausblasen“, erzählt der 55-Jährige Vater eines Sohnes. 1986 nennt er sein „Horrorjahr“. Ein anonymer Anrufer sprach davon, ihm einen Nagel in den Kopf schlagen zu wollen. Der Sicherheitsdienst machte dem Schriftsteller und Journalisten schließlich klar: „Entweder bringen sie mich um oder ich emigriere“, sagt Samson. …
1984 löste sich der Literaturkreis selbst auf – aus Protest, weil die Lesung des westdeutschen Autors Günther Herburger verboten wurde, wie Samson erzählt. „Das war ein Paukenschlag.“ Denn: „Die Securitate wollte den Kreis haben als Propaganda für die Minderheitenpolitik Ceausescus, aber eben keinen kritischen.“ Mit dieser Aktion habe der Kreis die Propagandamaschinerie unterhöhlt, so Samson. Doch die Securitate trieb weiter Keile in die Freundschaft der Schriftsteller, spielte den einen gegen den anderen aus. „In meiner Akte steht, dass sie mich erfolgreich isoliert hätten und ihre Diversionsarbeit voll zum Zuge gekommen sei“, erzählt Samson.
Die Akte über ihn füllt 870 Seiten. Vor deren Inhalt hatte sich Samson gefürchtet, vergangenes Jahr wagte er den Blick hinein. Dass er als Staatsfeind angesehen wurde, überraschte ihn wenig, dass er aber unter anderem wegen seiner Beziehung zum Goethe-Institut als westdeutscher Spion galt, sehr. „Da habe ich an den Stasi-Ausspruch gedacht, dass Spione erschossen werden.“ Heiß sei ihm geworden, als ihm diese Dimension bewusst wurde. Samson durchblättert die Kopien der Akte, die Berichte eines „Voicu“. Beim Studieren der Akte habe Samson erkannt, dass unter diesem Decknamen ein Freund aus dem Literaturkreis, mit dem er noch in losem Kontakt stand, ihn beschattet hatte. „Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben.“ …
Auch wenn er sich mit seinen Gedichten eine Reihe von Preisen erschrieben hat, sein „Broterwerb“ war und ist der Journalismus. Samson schreibt etwa 15 bis 20 Gedichte im Jahr. / Tina Full-Euler, FR 10.12.
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