Auf einem berühmten Foto sieht man ihn, langhaarig, langbärtig und ergraut, auf einem fellüberzogenen Sessel sitzen – wie ein früher Hippie. Sein großer Gedichtband, an dem er zeit seines Lebens schrieb, ihn ständig umgestaltete und erweiterte, heißt „Leaves of Grass“.
Im Deutschen wurde das lange, von der ersten Übersetzung des deutschen Freiheitsdichters Ferdinand Freiligrath 1868 angefangen, mit „Grashalme“ übersetzt. In der neuen Übersetzung von Jürgen Brocan, der als Erster das vollständige Buch, in der letzten autorisierten Ausgabe von 1891 – 92, ins Deutsche gebracht hat, heißt der Titel „Grasblätter“ – und hier zeigt sich schon die Besonderheit dieses Lyrikers und seines deutschen Übersetzers ganz prägnant: Es geht nicht nur um die Natur, sondern auch um die menschlichen Fähigkeiten und die menschliche Bearbeitung der Natur. Whitmans Titel bezieht sich auch auf die Druckersprache: „leaves“ meint hier „Papier“, „grass“ eine experimentell gesetzte Seite.
Whitman ist programmatisch ein demokratischer Dichter, er ist in vielerlei Hinsicht der erste Poet der modernen Demokratie, der Massendemokratie. Zeilen wie die folgenden wirkten auch in den USA in der Mitte des 19. Jahrhunderts provozierend, im alten Europa aber geradezu elektrisierend: „Das Selbst sing ich, die schlichte Einzelperson. / Doch spreche das Wort demokratisch, das Wort en-masse.“
Es ist eine Feier des Alltäglichen, eine Feier aller Erscheinungen des menschlichen Lebens, ohne hierarchische oder soziale Unterschiede. Es geht um Jahreszeiten und das Wetter genauso wie um die Industrialisierung, die Mechanik und die neuen Werkzeuge und Instrumente. In Whitmans freien Rhythmen tauchen plötzlich auch Wörter wie „Wissenschaft“ oder „Evolution“ auf – er besingt alles. Es ist fast so, als ob die Sprache der Lyrik, der in der europäischen Tradition eine pathetische, hoch aufgeladene, künstlerische Ausdrucksweise zu eigen war, die sich von der Sprache des Alltags immer weiter entfernte, hier neu erfunden werden würde. / Helmut Böttiger, DLR 16.12.
Walt Whitman: Grasblätter.
Erstmals aus dem amerikanischen Englisch vollständig übertragen und herausgegeben von Jürgen Brocan.
Hanser Verlag, München 2009, 877 Seiten, 39,90 Euro
In der FAZ vom 16.12. schreibt der – ebenfalls aus Rumänien stammende – Schriftsteller Richard Wagner über die „IM-Affäre Werner Söllner“:
Bei einer weiteren Begegnung überreicht Walter als Mitbringsel die rumänische Fassung eines Langgedichts von Johann Lippet „Der gewesene Selbstmordgang der Familie“. Der Kommentar des IM: Vor allem der Schluss des Gedichts sei extrem tendenziös. Die Verquickung des Festes mit einer korrupten Realität führe unmittelbar zum Schlusssatz, zur Botschaft, die eine Aufforderung zur Ausreise darstelle. Das Gedicht sei unveröffentlicht. Den Kasus erwähnt auch Johann Lippet in seinem vor kurzem erschienenen Buch: „Das Leben einer Akte. Chronologie einer Bespitzelung“.
Die „Walter“-Berichte leiten einen beschleunigten Prozess der Repressalien gegen die Aktionsgruppe Banat ein, mit dem erklärten Ziel ihrer Zerschlagung. Während der Untersuchungshaft im Oktober 1975 werden wir immer wieder auch mit den Walter-Erkenntnissen über unsere Gedichte konfrontiert. Werner Söllner versichert heute, er habe niemand wissentlich in größerem Umfang geschadet. Aber wie soll man das Faktum deuten, dass er zumindest in der Abschrift des Offiziers anbietet, nach Temeswar zu weiteren Recherchen über uns zu reisen, falls man ihm die Reisekosten erstatte?
Söllner besuchte uns damals tatsächlich in Temeswar. Ob auch „Walter“ dabei war? Söllner bestreitet es. Er sei mit der Studententheatergruppe da gewesen. Welche Rolle er gespielt habe? Und in welchem Stück? Er wisse es nicht mehr.
In einem Gedicht von Werner Söllner, das im August 1989 in dieser Zeitung stand, heißt es: „Wie es war und warum, / wen geht es was an? / Aufrecht oder krumm: / man geht, wie man kann. // Wovor dir graut: / was vergessen ist. / Ist die gerettete Haut auch eine List?“
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
It’s running and re-running non-stop
Ein Tag unter vielen
An kommunalen Bauten
blühen die Geranien,
und jemand, der mich haßt,
zieht seinen Hut und grüßt –
Um sieben
schlägt es sieben, weiter nichts.
Es wird die Nacht
mich an die Lampe zwingen.
Rainer Brambach
Autoren, zu deren Büchern ich regelmäßig greife, die ich wieder und wieder lese, deren Werk – Lyrik und Prosa (Jürgen Beckers Journalsätze lese ich wie Gedichte: Etwas entdecken, auch wenn man weiß, es ist schon entdeckt) – mich auf den Wanderungen durch die Mark Letterland stets begleitet und von denen ich 2009 diese Gedichtbücher (zum ersten oder wiederholten Male) las:
Jürgen Becker · Das Gedicht von der wiedervereinigten Landschaft (1988), Im Radio das Meer (2009)
Hans Bender · Der junge Soldat (2006), Ritus der Wiederkehr (2006), Wie es kommen wird (2009)
Gottfried Benn · Gedichte in der Fassung der Erstdrucke (2006)
Richard Berengarten · The Blue Butterfly (2006)
Horst Bingel · Den Schnee besteuern (2009)
Paulus Böhmer · Kaddish X–XXI (2007)
Rainer Brambach · Tagwerk (1959)
Bertolt Brecht · Liebesgedichte (2009)
Rolf Dieter Brinkmann · Westwärts 1 & 2 (2005)
Werner Bucher · Den Fröschen zuhören, den toten Vätern (2005), Du mit deinem leisen Lächeln (2007)
2009 – It’s running and re-running non-stop – kommt ein Autor hinzu, von dessen lebendigen Gedichten ich noch nichts vernommen hatte, obwohl sie, wie ich nun weiß, zur originellsten zeitgenössischen Lyrik Irlands zählen. Der Sound dieser Gedichte erobert Kopf und Herz im Sturm:
Paddy Bushe · To Ring in Silence. New and Selected Poems (2008)
Vergnügungen –
Die Kirschen sind reif
Vergnügungen
Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein
Bertolt Brecht
Mitte Juli grub ich, während die Autos wie von Sinnen vorüberbrausten, auf einer direkt an der B 258 gelegenen wilden Wiese lila blühenden Storchschnabel aus, um ihn im stillen Garten wieder einzupflanzen. Am nächsten Tag ging ich erneut die 700 oder 800 Meter dorthin, diesmal war der Schlangenknöterich an der Reihe, den ich hinterm Sistiger Kreisverkehr im Hang am Straßenrand entdeckte. Ende Juli grub ich im Wald das Gänsefingerkraut mit allen den Würzlein aus und pflanzt es wieder am stillen Ort unterm Kirschlorbeer. Der weiße Wiesenkerbel blühte wie von Sinnen hier und da und dort, welch herrliche Ergänzung zu den vielen, vielen Farben, die aus all den Beeten und Ecken strahlen. An einem jener sehr heißen Tage, in denen ich wie von Sinnen Feldsteine von den Äckern in den Garten schleppe, notiere ich im Tagebuch: Das heutige Gedicht im Lyrikkalender ist fürchterlich.
Dies ist allerdings die Ausnahme. An der Mehrzahl der Tage erlebe ich die Gedichte in Der deutsche Lyrikkalender. Jeder Tag ein Gedicht, von dem Hans Bender sagt: Man kann ihn wie eine Pflanze oder Blume ins Zimmer oder Büro stellen. Gedichte jedoch schweigen uns nicht an. Sie fordern uns auf, mit ihnen zu sprechen – über die Literatur und das Leben, glücklicherweise ganz anders.
Lieben Sie Gedichte? fragt der Verlag auf der Rückseite des Kalenders und antwortet umgehend selbst: Wir auch! – stillschweigend voraussetzend, daß Sie naturgemäß Gedichte schätzen und lieben. Denn welcher Mensch liebt nicht die Sprache der Lyrik, die ihn doch lebenslang in allen lustigen und allen unheilvollen Lebenslagen begleitet, die ihn ständig umgarnt und umgibt: die Sprache der Lieder und Songs, die Sprache der Vögel und Vierbeiner, die Alltagssprache der Stuben und Straßen, die Sprache der Küchengeräte und Autos, die Sprache der Sterne und Wolken, die eigene, die fremde Sprache des Scherzes, des Schmerzes (nicht zu vergessen die vielen Fachsprachen) – alle voll von schier unendlichen Alliterationen und phantastischen Metaphern, angereichert mit gekreuzten und gepaarten Reimen, lautmalenden, knirschenden Wörtern.
Mitten im Leben
denke ich an die Toten,
die ungezählten und die mit Namen.
Dann klopft der Alltag an,
und übern Zaun
ruft der Garten: Die Kirschen sind reif!
Günter Grass
Der deutsche Lyrikkalender 2010 am 26. Juni
Und so richtet sich die suggestive Frage Lieben Sie Gedichte? keineswegs bloß an den Insider, sondern im umfassenden Sinne an jedermann.
Shafiq Naz, Herausgeber und Verleger von Alhambra Publishing, entwirft den deutschen Lyrikkalender mit dem Motto Jeder Tag ein Gedicht für alle Menschen an allen Tagen. Folgerichtig ist die 2005 erstmals erschienene Anthologie konzipiert als Tischkalender mit Ringbindung und einer exemplarischen Mischung von 365 artistischen, bukolischen, chiffrierten, dadaistischen, eleganten, freimetrischen, gereimten, humorvollen, idiosynkratischen, jovialen, kanonisierten, lustigen, melancholischen, natürlichen, onomatopoetischen, pathetischen, quirligen, rauhen, sanften, schrägen, tobenden, unveröffentlichten, verspielten, wortreichen, zackigen Gedichten von 300 berühmten, bekannten, weniger bekannten, (längst) verstorbenen, mitten im Leben stehenden, blutjungen Autorinnen und Autoren aus dem gesamten deutschen Sprachraum von den Anfängen im Mittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart im 21. Jahrhundert – und das auf insgesamt 408 Seiten (plus Anhang).
Gedichte vermitteln, dafür sorgt deren ureigengestalterische Sprache, grundsätzlich gute Botschaften – auch wenn diese naturgemäß nicht bloß erfreulicher Art sein können. Vergessen wir also Fernseh- und Zeitungs-Nachrichten (TV news, the world’s small talk lese ich in einem Gedicht von Paddy Bushe) – wenigstens für ein paar Minuten am Abend und lesen stattdessen um 19 oder 20 Uhr das Gedicht im deutschen Lyrikkalender. Der Kalender bietet Tag für Tag eine neue Nachricht – mal nett, mal naßforsch, mal niedlich, mal nobel. Nachweislich und schwarz auf weiß.
2009 ist ein weiteres ertragreiches Jahr für die Lyrik nach 2000. Zum Glück wird die horizontale und vertikale Bandbreite deutschsprachiger Gedichte auch in diesem Jahr von fleißigen und kenntnisreichen Fachleuten dokumentiert und kommentiert. Für diese außerordentlich geglückten, offen ausgeschriebenen oder geschlossenen Gesellschaften gewidmeten Anthologien (eigene Erwartungen sind bei der Bewertung geglückt weit weniger wesentlich als die offenkundigen, in Vor- und Nachwort dargestellten Absichten der Herausgeber – siehe hierzu auch meine Ausführungen anläßlich der Vorstellung von Versnetze_zwei im Poetenladen), die ich brauche, um einen passablen Überblick zu behalten, ermöglichen mir rasante Rallyes in alle Richtungen Zeit und Raum:
Ein Abend für Friederike – sie ist, wie Elisabeth von Samsonow in ihrer Laudatio sagt, ein 85-jähriges zeitloses Mädchen, das von der Zukunft in die Gegenwart springt. Wenige Tage vor ihrem 85. Geburtstag, den sie genau genommen am 20. Dezember feiert, wurde Friederike Mayröcker ein Abend im Akademietheater gewidmet.
Mayröcker selbst, die als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Lyrikerinnen Österreichs gilt, las ganz behutsam und sanft einige Gedichte aus ihrem neuen Buch „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif“ vor. Sehen, Fühlen und Denken verschmelzen in ihrer Poetik seit jeher zu einem intensiven Gebilde aus Assoziationen und Gefühlscollagen. Sie saugt alles um sich herum auf, verwandelt Alltagsbilder in ihre ganz eigene Sprache. Mayröckers Liebe zur Sprache und ihre fast manische Schreibbesessenheit wird auch im dokumentarisch angehauchten Filmporträt „Das Schreiben und das Schweigen“ von Carmen Tartarotti deutlich, der auf der Viennale 2008 Premiere hatte und im Frühjahr 2010 im Stadtkino Wien gezeigt wird. Über fünf Jahre hinweg hat die Filmemacherin zusammen mit dem Schweizer Kameramann Pio Corradi die Dichterin in ihrer Wohnung besucht und auf Lesereisen begleitet. …
Nach den ersten Bildern wird klar: Der Ursprung aller Lyrik liegt im Chaos. Ihre Wohnung in Wien-Margareten quillt über. Körbe voller Zettel und Gedankensplitter, das sind von Wäscheklammern zusammengehaltene Kreativblitze, bedecken Tische, Regale und Stühle. Dazwischen bewahrt sie behutsam ihre „Babies“ unter Tüchern auf – Mayröcker kann nur auf „Hermes Baby“-Schreibmaschinen arbeiten. / Helene Kurz, Wiener Zeitung 17.12.
Zwischen Jänner und September 2008 entstanden 40 Gedichte, in denen Friederike Mayröcker dem hymnischen Ton und den freien Rhythmen Friedrich Hölderlins folgt – erschienen unter dem Titel „Scardanelli“ im Suhrkamp Verlag. Nikolaus Scholz präsentiert die heuer publizierten Gedichte im Rahmen der Ö1-Reihe „Nachtbilder – Poesie und Musik“ am 19. Dezember um 0.08 Uhr. Und auch das Fernsehen würdigt die Lyrikerin: Die ORF-TV-Kulturredakteurin Katja Gasser widmet der Dichterin das Porträt „Rasen und Rotieren im Kopf“, das an Mayröckers Geburtstag (20. Dezember) um 9.55 Uhr in ORF 2 und bereits am Vorabend auf 3sat (19.20 Uhr) zu sehen ist. / Wiener Zeitung 17.12.
Friederike Mayröcker
Anlässlich ihres 85. Geburtstag[es!]:
„Tonspuren“: „Fritzi und ihre Fans“ (18. Dezember, 22.15 Uhr in Ö1)
„Ö1 extra“: „Sprachgeschenke“ (20. Dezember, 21.15 Uhr, Ö1)
„Nachtbilder – Poesie und Musik“ (19. Dezember, 0.08 Uhr, Ö1)
„Rasen und Rotieren im Kopf“ (20. Dezember, 10.05 Uhr, ORF 2)
In den NPQ (New Perspectives Quarterly) ein interessantes Gespräch mit Isaiah Berlin, der Parallelen zwischen dem „backlash“ in der deutschen Geschichte nach Demütigungen durch Frankreich zwischen 1670 und 1919 und nationalistischen Bewegungen nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zieht. Einleitung und Ausschnitt:
Sir Isaiah Berlin, who died in 1997, was a fellow at All Souls College, Oxford. One of the West’s foremost political philosophers, he authored several seminal works, including Karl Marx, The Age of Enlightenment, Four Essays on Liberty, Vico and Herder and The Crooked Timber of Humanity: Chapters in the History of Ideas.
We sat down for several rambling hours of conversation at a cafe in the small harbor in Portofino, Italy, at the end of the summer in 1991.
Gardels | And yet, Herder’s Volksgeist became the Third Reich. And today, the Serbian Volksgeist is at war with the Croation Volksgeist, and the Bosnian Muslim way of life. The Armenians and the Azeris have long been at it, and, among the Georgians and Russians—and even the Ukrainians and the Russians—passions are stirring.
What transforms the aspiration of cultural self-determination into nationalist aggression?
Berlin | I have written elsewhere that a wounded Volksgeist, so to speak, is like a bent twig, forced down so severely that when released, it lashes back with fury. Nationalism, at least in the West, is created by wounds inflicted by stress. As for Eastern Europe and the former Soviet empire, they seem today to be one vast, open wound. After years of oppression and humiliation, there is liable to occur a violent counterreaction, an outburst of national pride, often aggressive self-assertion, by liberated nations and their leaders.
Although I am not allowed to say this to German historians, I believe that Louis XIV was principally responsible for the beginnings of German nationalism in the 17th century. While the rest of Europe- Italy, England, Spain, the Low Countries, above all France—experienced a magnificent renaissance in art and thought, and political and military power, Germany, after the age of Durer, Frundwald, Reuchlin, became (with the exception of architecture) a relative backwater. The Germans tended to be looked down upon by the French as provincials, as simple, slightly comical, beer-drinking yokels, literate but ungifted.
At first, there was naturally much imitation of the French, but later, as always, there was a reaction. The pietists asked, “Why not be ourselves? Why imitate foreigners? Let the French have their royal courts, their salons, worldly abbés, soldiers, poets, painters, their empty glory. It’s all dross. Nothing matters save a man’s relation to his own soul, to God, to true values, which are of the spirit, the inner life, Christian truth.”
Er war einer der größten Rock-Sänger aller Zeiten. BON SCOTT brachte den Hardrock-Motor von AC/DC erst so richtig auf Touren. Zu seinem 30. Todestag wollen wir ihm, der mit seiner genial schmutzigen Rock’n’Roll-Lyrik Berge versetzen konnte, Tribut zollen…
SLAM #47 alternative music magazine – HEUTE am Kiosk!
Er war ein Revolutionär, kein Umstürzler. Claudio Monteverdis „neue“ Musik und die Tradition stehen in seiner Marienvesper einträchtig nebeneinander. Das 1610 veröffentlichte, erste konzertante Großwerk am Beginn des Barockzeitalters verbindet Geistliches mit Weltlichem. Die Vesper wächst zu einem Kunstwerk heran, das sowohl in der Kirche als auch in „Fürstengemächern“ seinen Platz haben sollte.
Die Konkordien-Kantorei Mannheim und ihre Leiterin Heike Kiefner-Jesatko geben in jedem Augenblick ihrer wunderbaren Aufführung zu verstehen, dass diese Partitur aus der Feder eines Dramatikers stammt, in dessen Stilmischungen immer Liedhaftes, Opernhaftes aufscheint, in dessen Lyrik so viel Sinnlichkeit zutage tritt. Sie mag zwar in den bezaubernden Soli „Nigra sum“ (Schwarz bin ich) und „Pulchra es“ (Schön bist du) ihre Höhepunkte erreichen. Aber diese betörende Feier weiblicher Herrlichkeit pflanzt sich bis in die traditionellen Vertonungen fort, unterwandert sie gewissermaßen. / Monika Lanzendörfer, Mannheimer Morgen
Genau wie im Odysseum geht es auch beim Rap Battle um interaktives Lernen und erleben. „Jugendliche, die bislang mit Lyrik nichts am Hut hatten, fangen beim Rappen auf einmal an, Lyrik zu produzieren und Gedichte zu schreiben – auch wenn sie das nicht so bezeichnen würden“, so der bekannte Rapper Afrob, Schirmherr des Wettbewerbs.
Die Ergebnisse aller Teilnehmer sind hier zu sehen. / Köln-Journal.de
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
Volta Schlenderei
King sun, rosy cheeked, day’s sovereign coin
Afrikaans, Albanian, Arabic, Arumanian (Vlach), Azeri, Azerbaijani Turkic, Pasque, Bengali, Breton, Bulgarian, Catalan, Chinese, Croatian, Czech, Danish, Dutch, Ebira, English, Estonian, Faroese, Finnish, French, Galician, Georgian, German, Greek, Hausa, Hebrew, Hungarian, Ibibio (Efik), Icelandic, Igbo, Irish Gaelic, Italian, Japanese, Kurdish, Kyrgyz, Latvian, Lithuanian, Lumasaba, Macedonian, Malay, Maltese, Mongolian, Nepali, Nigerian Pidgin English, North Eastern English, Norwegian, Nupe, Persian, Polish, Portuguese, Punjabi, Romanian, Runyankole, Russian, Scots, Scottish Gaelic, Sepedi, Serbian, Shetlandic, Sindhi, Slovak, Slovenian, South Allemanic Dornbernerisch (Vorarlberg), Spanish, Swedish, Triestino, Turkish, Turkmen, Ukrainian, Urdu, Uzbek, Welsh, Yiddish, Yoruba
75 languages including the English, schreibt Richard Berengarten, der kürzlich den ursprünglichen Namen seines Vaters annahm, der im frühen 20. Jahrhundert aus Polen nach England auswanderte und den Namen Berengarten in Burns umwandelte.
In Zusammenarbeit mit Peter Robertson, dem Editor des Literaturportals The International Literary Quarterly, sammelte Berengarten die zahlreichen Übertragungen des Gedichts Volta (ursprünglich 1983 in seinem international erfolgreichsten, Land, Leben und Leute in Griechenland in Verse verwandelnden Gedichtbuch Black Light veröffentlicht; meine deutsche Übertragung erschien 1996 im Bunte Raben Verlag unter dem Titel Schwarzes Licht), die im November 2009 einschließlich des exzellenten Essays Border/Lines von Richard Berengarten (This anthology of poems is a celebration of multilingualism and diversity) in der 9. Ausgabe von Interlitq.org nachzulesen sind. Kaum zu fassen ist die Vielfalt der an den verschiedensten Orten der Welt entstandenen Versionen, auf die ich in diesem weltweit und historisch wohl einmaligen Projekt treffe.
… jetzt, wo die Dämmerung hereinbricht …
König Helios, rosawangiger, hellichter Sterntaler,
du kommst mir ganz nah, Haut wird zu Horn,
Wirbelsäule zum Sehnerv, ich zittre am ganzen Leib,
geblendet von dem Goldstrom, den du über dieses
Meer und diese Stadt vergießt und der mir das Augenlicht raubt.
Hier waren einmal – und ich weiß, sie sind hier immer noch –
Häuserzeilen und Straßen, die zu einer anderen Stadt gehören,
nicht dieser, die du vollkommen verwandelt hast.
Wir gehn das Hafenbecken entlang, die nächtlichen
Fischerboote warten darauf, hinauszufahren,
Motoren tuckern, Parafinlampen flackern,
die ganze Stadt ist auf den Beinen,
Verliebte Arm in Arm, alberne Bengel,
Mütter, Väter, eisschleckende Kinder,
und alte Männer schaun dem Treiben von Kaffeehaustischen zu,
während die dunkel werdenden Hügel wie zahme Tiere näher rücken.
Süßes über Berg und Bucht versprühtes Abendrot,
wie zufällig streift mich dein Arm,
wie die Berührung der jungen Frau, die neben mir geht,
breithüftig, kurzschrittig, mit wiegendem Gang,
pechschwarzem, zurückgekämmtem Haar, zartem Hals, leichter Schulter,
Sommerteint und lachenden olivbraunen Augen.
Ich trinke dich, schimmerndes Licht, wie Wein, wie Musik,
wie ihre Vorfahren dich jahrtausendelang getrunken haben.
Poröse Stadt, sie heißt Elefthería,
deine Narben sind graue Lichttüpfchen in ihren Augen,
und sie hat um diese Stunde, wenn Lichtreflexe
zärtlich in ihrem Gesicht spielen, wie Sprache oder Gesang,
das althergebrachte Recht, diesen Kai entlang zu schlendern,
als Spielball und Hüter deines Glanzes,
den sie im Brunnen ihrer tiefgründigen Pupillen sammelt,
und ihr Lieblingsvorrecht: dich zu beschreiten wie eine Tänzerin.
Liebster Abend, uraltes Licht,
schönstimmiger Solist, lieblich wie diese Frau,
wie kann ich nicht die Anmut bewundern,
in die du diese Stadt und ihre Menschen tauchst, Gußform,
die alles, was sie berührt, zum Bild macht, die ganze Welt.
Ich bin dein Sklave geworden, vielleicht gar dein Bürger,
und ich lechze danach, dich ganz zu trinken,
jede Pore mit deinem Glanz zu füllen – ihrer Freiheit.
A Notebook.
By Ange Mlinko
Poetry Media Service
“In the light of the moon, a little egg lay on a leaf.” The Very Hungry Caterpillar is a great favorite at the moment; my two-year-old son, Gray, seems to have it memorized. He gets very concerned when he reaches the end of the long list of foods the caterpillar has eaten, for there he is, the little creature, sad-faced in the illustration. “That night he had a stomachache!” “Oh no!” Gray exclaims, bending over very close, wearing a pained look. “He’s sad! The caterpillar is sad!”
“Since that first morning when I crawled / into the world, a naked grubby thing, / and found the world unkind.” A few months ago, I happened on Stanley Kunitz’s “Hornworm: Autumn Lamentation.” By coincidence, I had seen my first hornworm around the same time—it was my first foray into growing tomatoes—and the thing, thick as a man’s finger and green as goo, almost turned me to stone then and there. It was covered with white—what looked like eggs. I looked it up on the Internet and learned that they were parasitic wasp pupae eating their host alive. The caterpillar was en route to being a splendid sphinx moth when its future was usurped by the hymenoptera, but I wasn’t supposed to pity it; gardeners hate these tomatovores. Gardeners rejoice at the wasps. The distinction of Kunitz’s poem, of course, lies in its taking the hornworm’s side, telling the story of creation’s injustice in the hornworm’s own voice.
You can’t judge a work’s value by whether it moves you to tears. When Gray bursts into tears at renditions of Brahms’s Lullaby and tells me, “The song is so sad,” I know that weak vehicles can stand for a tenor so vague and tremulous it is unknowable. My tears spring unbidden at the third verse of Schiller’s “Ode to Joy” as well, the vision of a holistic, animate, feeling world: “All thy works with joy surround thee.” I realize that the very word “creation” moves me deeply. It touches the feeling I’ve always had that making things was what I was for (the root of poetry is simply making), and the vision of the world as made, and continually being made, and endowed with consciousness of its making—all this was an early glimpse into the power that unifies the subterranean ground between making poems and making new human beings.
The flip side is a sort of naked terror I never felt before I had sons to feel terrified for. There’s something marvelously true to experience in Laura Kasischke’s work—I’m thinking of her book Lilies Without —which locates this terror beneath the surface of suburban motherhood: poems such as “May,” where a cherry tree planted outside a school in memory of a dead kindergartener “shrieked into blossom.” In “New Dress (3),” a suburban mother and a mall security guard eerily end up in the same nightmare, “screaming” during a friendly exchange over a trapped pigeon. While gothic suburbia was captured—practically trademarked!—by David Lynch a couple of decades ago, Kasischke gives it a fuller treatment from the point of view of the mother who stands between her child’s innocence and death, negotiating the narrow space between them. It is a tonic to the notorious visions of suburbia as wasteland or graveyard of sexuality, as in the famous Larkin poem “Afternoons,” where “Young mothers assemble / At swing and sandpit” and
Their beauty has thickened.
Something is pushing them
To the side of their own lives.
While suburbia is—to put it mildly—unlibidinal, there’s something trite at this point in Larkin’s poem, something that feels too much like a man playing to others’ prejudices. There’s an appearance of sympathy toward the women, but the melancholia is misplaced. Women with young children still have a lifetime ahead of them.
Ange Mlinko is the author of two books, Matinees (Zoland Books, 1999) and Starred Wire (Coffee House Press, 2005). The latter was a National Poetry Series winner in 2004 and a finalist for the James Laughlin Award. Excerpted from “As if Nature Talked Back to Me,” originally published in the September 2009 issue of Poetry magazine and available at http://www.poetryfoundation.org. Distributed by the Poetry Foundation.
© 2009 by Ange Mlinko. All rights reserved.
Dansk-tysk forfattertræf III
Gastgeber: Martin Glaz Serup
Donnerstag, 17. Dezember 2009
20:00 – 23:00
Ort: De nordiske ambassaders fælleshus (kantinen), Rauchstr. 1
Lesung mit / Oplæsning ved Adrian Kasnitz, Sünje Lewejohann, Lene Rikke Bresson og Martin Glaz Serup
Information: http://www.nordischebotschaften.org
Tilmeldinger: info@berlinaut.dk
http://www.berlinaut.um.dk/da/menu/Nyheder/DansktyskForfattertraef3Runde.htm
Mit Dagmar Nick zeichnet die Bayerische Akademie der Schönen Künste eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des Zeitraums nach 1945 aus. Der mit 10 000 Euro dotierte Horst-Bienek-Preis für Lyrik würdigt das umfangreiche Gesamtwerk der Dichterin. Am Dienstag (15. Dezember, 19.00 Uhr) wird Nick die Auszeichnung in der Münchner Residenz verliehen. Gleichzeitig erhält die Gründerin des «Lyrik Kabinetts», Deutschlands größter Lyrikbibliothek, Ursula Haeusgen, den Förderpreis für kulturelle Vermittlung. …
«Flucht» hieß auch Nicks erstes Gedicht, das Erich Kästner als Feuilletonchef der Münchner «Neuen Zeitung» kurz nach Kriegsende veröffentlichte. Dieser Text machte ihr Schaffen deutschlandweit bekannt. Seither verfasste sie über zehn Gedichtbände und zahlreiche Hörspiele. Ihre Gedichte und Prosawerke erschienen in mehr als 200 Anthologien. 2008 veröffentlichte sie ihren jüngsten Gedichtband «Schattengespräche». Die Vielschreiberin möchte ihr Schaffen nicht planen: «Ein Gedicht ist wie ein Unfall, das passiert einem einfach so. Und irgendwann hat man so viele, dass man ein Buch daraus macht.»
Über 40 000 Bände stehen in den Regalen des «Lyrik Kabinetts». Dies macht die Münchner Lyrikbibliothek nach der Londoner «Poetry Library» zur zweitgrößten Europas. Ursula Haeusgen wird von der Akademie als Gründerin und Leiterin der Stiftung ausgezeichnet. 1989 hatte die gelernte Kauffrau ihre Münchner Buchhandlung für Poesie aufgelöst, deren Bestände den Grundstock für das «Lyrik Kabinett» bildeten. / ad-hoc-news
Die Gedichte aus aller Welt sollten für jedermann zugänglich sein – und sind dies bis heute. Übergangsweise waren die teilweise wertvollen Bestände in einem Seminarraum und auf dem Dachboden der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) untergebracht. Haeusgen ließ dann auf eigene Kosten ein ehemaliges Atelierhaus hinter dem LMU-Hauptgebäude renovieren, und seit März 2005 hat die Stadt ein Haus, das nur der Dichtkunst gewidmet ist.
Am Montag starb der tunesische Wissenschaftler und Schriftsteller Jaafar Majed im Alter von 69 Jahren. Das Ministerium für Kultur nannte den Verstorbenen in einem Nachruf einen der großen Dichter Tunesiens seit der Unabhängigkeit. Außer zahlreichen Gedichtbänden veröffentlichte er wissenschaftliche Arbeiten auf vielen Gebieten und gab die Zeitschrift « Rihab El Maarifa » heraus. / info Tunisie
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
Strike, churl; hurl, cheerless wind, then; haltering hail
May’s beauty massacre and wisped wild cloud grow
Out on the giant air; tell Summer No,
Bid joy back, have at the harvest, keep Hope pale.
Gerard Manley Hopkins
Mit achtzehn Gedichten ist Gerard Manley Hopkins (1844–1889) in The Oxford Anthology of Great English Poetry, die seit Jahren Teil meiner Sammlung ist, vertreten, was allein schon zeigt, mit welcher lyrischen Größe wir es hier zu tun haben. (Zum Vergleich: Von Seamus Heaney finde ich vier, von Ted Hughes sechs Gedichte.) Dennoch nehme ich die Gedichte von Hopkins in ihrer lebendigen Originalität erst vollends wahr, als ich – just in derselben Woche, als ich Friederike Mayröckers dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif lese – Geliebtes Kind der Sprache aufschlage und mir wie der Blitz mit dem ersten, sich über zwölf Seiten hinziehenden Gedicht The Wreck of the Deutschland ein Licht aufgeht, dessen Leuchten von einer selten erlebten, in alle fühl- und wahrnehmbaren Bereiche von Kopf und Körper vordringenden Durchschlagskraft ist, daß Hören und Sehen, nein, nicht vergeht, sondern in atemberaubender Art und Weise vermehrt, verschärft, verstärkt wird, wenn Sie verstehn, was ich meine.
Friederike Mayröcker weist verschiedentlich darauf hin, daß sie Wörter kursiv setzt, damit diese beim Lesen und Vortrag in besonderer Weise hervorgehoben werden: Das Kursivgedruckte simuliere ich auf meiner Schreibmaschine, indem ich die Worte unterstreiche. Das heißt dann, dass es ganz wichtig ist und anders ausgesprochen werden muss. Wenn ich Großbuchstaben verwende, dann muß es laut gesagt, ja fast geschrieen werden.
Die ungewöhnlich wirkende Setzung von Akzenten bei Hopkins verfolgt eine ähnliche Absicht und zeigt, für sich betrachtet bereits, was für eine innovative Explosionskraft in diesem dem Wortakzent, der Silbenbetonung und der Satzmelodie, diesen Grundpfeilern der Prosodie, so viel Gewicht einräumenden Gedicht steckt. Bild, Erlebnis, Gedanke, Idee, Vorstellung: Alles wird direkt durch (neologistisches) Wort und (idiosynkratische) Kollokation und (kongenialen) Rhythmus vermittelt – alles.
The Wreck of the Deutschland ist, wie mehr oder weniger jedes der folgenden Gedichte, ein einziger allegorischer, alliterativer, antithetischer, assonanter, bilddurchtränkter, binnen-/ketten-/endreimender, latent erotischer, hyperbolischer, lautmalender, paronomistischer, worthäufender, religiös behauchter, Gott lobender, mit dem Lebensschicksal hadernder englischer Wortwirbel, in dem eine Wortwelle über die nächste und nächste und nächste hereinbricht, der mir nichts ermöglicht, als mich diesen suggestiven Kaskaden hinzugeben, mitreißen zu lassen im Strom der zwischen himmelhochjauchzend und zutodebetrübt changierenden Wörter, Wörter, Wörter, deren avantgardistische Bedeutsamkeit erst lange nach seinem Tod öffentlich gemacht wurde – zu Lebzeiten wurde kein Gedicht publiziert.
Ich empfinde bei diesem Tanz durch total musikalische, naht- und immer wieder punktlos ineinander verschlungene Verse mit zahllosen Allusionen, Assoziationen, Bedeutungsebenen und -wendungen, Echos, Chiffrierungen usw. eine bemerkenswerte Verwandtschaft zur poésie pure eines Stéphane Mallarmé, dessen Zeitgenosse Hopkins war (ohne von ihm zu ahnen). Auf frappante Weise wird mit diesem in der Edition Rugerup erschienenen 299seitigen Buch (das, zweisprachig, mit ausführlichen Anmerkungen zu den einzelnen Gedichten sowie in die Tiefe gehenden Aufsätzen der einfühlsamen Übersetzerin und exzellenten Fachfrau Dorothea Grünzweig – Hopkins ist unübersetzbar – ediert, eine grandiose verlegerische Leistung der in Südschweden lebenden Margitt Lehbert darstellt) auch der Bogen zur zeitgenössischen, ebenfalls extrem verdichteten, permanent pulsierenden Lyrik einer Friederike Mayröcker (die gelenkige Sprache das Englische) geschlagen.
Hier geht das Intermezzo der miteinander tanzenden Sprachen weiter:
Das Leben des Dichters stand für Jahre im Schatten von Repression und Diktatur. Unter Ministerpräsident Papagos war Ritsos zwischen 1948 und 1952 in sogenannten Umerziehungslagern interniert, desgleichen 1967/68 unter der Obristen-Herrschaft in Straflagern auf Jaros und Leros. Anschließend lebte er streng überwacht und unter Hausarrest auf Samos. Erst nach dem Sturz der Junta 1974 kam er endgültig frei: als Dichter ungebrochen und inzwischen eine internationale Berühmtheit. Endlich musste er seine Gedichte nicht mehr in Flaschen und Blechdosen aus dem Lager schmuggeln. Endlich konnte er sich frei bewegen und wieder reisen.
In diese Zeit zwischen Unterdrückung und Freiheit führen uns zwei neue Übertragungen aus dem großen Fundus von Ritsos’ Werk aus Anlass des hundertsten Geburtstags im Mai dieses Jahres: der Zyklus „Martyríes – Zeugenaussagen“ und die Gedichtreihe „Monovassía“. Die Übersetzer der Bände haben sich durch frühere Editionen griechischer Lyrik profiliert: Günter Dietz als Übersetzer von Odysseas Elytis und Klaus-Peter Wedekind mit den Bänden „Gedichte“ und „Die Umkehrbilder des Schweigens“ von Jannis Ritsos.
„Martyríes – Zeugenaussagen“ entstand zwischen 1957 und 1967, also in den Jahren vor dem Putsch der Obristen. Für den dreiteiligen Zyklus gibt uns der Dichter einen Schlüssel an die Hand. In einer Notiz von 1962 benennt er die Motive, die ihn zum Schreiben der zumeist kurzen Texte führten. Darunter die „Notwendigkeit blitzartiger Reaktionen auf gravierende, dringliche Probleme unserer Zeit“. Daher das Epigrammatische und Lakonische der Gedichte. Für diese Lakonie bringt Ritsos halb im Scherz seine Herkunft aus Monemvassía ins Spiel, das in Lakonien liegt. / Harald Hartung, FAZ
Jannis Ritsos: „Martyríes – Zeugenaussagen“. Elfenbein Verlag, Berlin 2009. 336 S., geb., 24,– €.
Jannis Ritsos: „Monovassía“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 108 S., geb., 11,80 €.
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