Mit großem Spaß liest man in „Der Pass des Vergessens“ (Matthias Biskupek) von einem DDR-Dichter, der sich mit „konkreter Lyrik“ durchs zensierende System schummelt und sogar die Genehmigung für eine Westreise bekommt, bei der er mit einem schottischen Kollegen den Pass tauscht. Nicht etwa, weil der DDR-Lyriker ausreisen wollte, sondern weil der Schotte unbedingt einen DDR-Pass besitzen wollte. / Anne Gallinat, Thüringische Landeszeitung 1.1.
Silvija Hinzmann, Ruth Borcherding-Witzke (Hg.): Immer Ärger mit den lieben Verwandten. Kurzkrimis aus Ost und West, Argument Verlag, 219 S., 12.90 Euro
Meine Anthologie 12: Ezra Pound, The Garret
The Garret
Come let us pity those who are better off than we are.
Come, my friend, and remember
that the rich have butlers and no friends,
And we have friends and no butlers.
Come let us pity the married and the unmarried.
Dawn enters with little feet
Like a gilded Pavlova,
And I am near my desire.
Nor has life in it aught better
Than this hour of clear coolness,
The hour of waking together.
Lustra. 1916
garrett. = Bodenkammer, Mansarde
who are better off = die besser dran sind
dawn = Morgendämmerung
aught.= (irgend) etwas
Dieses Gedicht in der Lieferung von DayTips.Com ´s Poem-a-Day vom 18.4.2000 kam mir gerade recht, um es in eine etwas rechthaberische, jedenfalls leicht gereizt klingende Diskussion in einer Mailliste „einzuspeisen“.
Die amerikanische Lyrikerin Rachel Wetzsteon hat sich in der Nacht vom 24. zum 25.12. in ihrem Haus in Manhattan das Leben genommen. Sie war 42 Jahre alt. Ihre Gedichte erschienen u.a. in in The New Yorker, The Paris Review, The New Republic und The Nation. Sie veröffentlichte drei Gedichtbände, , “The Other Stars” (Penguin, 1994); “Home and Away” (Penguin, 1998) und “Sakura Park” (Persea Books, 2006) sowie eine Studie über W.H. Auden, “Influential Ghosts” (Routledge, 2007). / MARGALIT FOX, New York Times 1.1.
Was Adonis in Versform zu Papier bringt, ist mehr als nur schöne Lyrik. Sie ist „ein zivilisiertes Kulturprojekt, um die arabische Geschichte neu zu schreiben und neu zu definieren“, erklärte der Intellektuelle. Durch seine Rückgriffe auf klassische arabische Dichter, die kritisch gegenüber der Religion waren, versucht er, diese Offenheit neu zu beleben.
Und so ist Adonis‘ Ziel einer „arabischen Moderne“ ein doppeltes: sowohl die poetisch-künstlerische Erneuerung der arabischen Sprache als auch die sozio-historische Modernisierung der arabischen Gesellschaft. Die kulturelle Verbindung zwischen Ost und West spielt dabei eine wesentliche Rolle. Sein Fazit lautet: „Wollt ihr den Osten kennen? Dann lernt den Westen kennen.“ Und weil Adonis sowohl in der abendländischen als auch orientalischen Literatur zu Hause ist, trifft der umgekehrte Fall ebenso zu. / Sabine Glaubitz, dpa, n-tv
Mehr zum 80. Geburtstag des Dichters: Die Welt 31.12. / ursache & wirkung /
Gewiss zeugen ihre Platitüden, ihre selbstgemachten Gemeinplätzchen zum Tee, ihre Liederkränzchen, zeugt ihr naiv-komisches Pathos von wesentlich höherer Gesinnung als literarischer Qualität, aber: Entwaffnend ehrlich war sie doch. Sogar zu wahrhaftig, als dass sie bewusst Kitsch erzeugt hätte.
Und eben dieses entscheidende Quäntchen hat die Kempner bis auf den heutigen Tag unseren heutigen populären Massen-Gefühls-Erzeugern voraus … / Ö1
Gedichte kann man nicht übersetzen. Wie soll man Emily Dickinson ins Deutsche bringen? „Wild nights. Wild nights.“ – „Wilde Nächte, wilde Nächte!“ Der Rhythmus! Der Klang! Wie die Poesie entschwindet, wenn aus vier klanghaften Silben 8 nach nichts klingende werden! – Kann man Keats übersetzen?
Bright star! would I were steadfast as thou art–
Not in lone splendour hung aloft the night
And watching, with eternal lids apart,
Like nature’s patient, sleepless Eremite,
The moving waters at their priestlike task
Of pure ablution round earth’s human shores,
Or gazing on the new soft fallen mask
Of snow upon the mountains and the moors–
No–yet still steadfast, still unchangeable,
Pillow’d upon my fair love’s ripening breast,
To feel for ever its soft fall and swell,
Awake for ever in a sweet unrest,
Still, still to hear her tender-taken breath,
And so live ever–or else swoon to death.
John Keats
1950 erschien bei Manesse ein handliches Büchlein, das Keats‘ Originaltexten eine Prosaübersetzung gegenüberstellt, praktisch nur als Übersetzungshilfe für die Originallektüre:
Heller Stern, wäre ich stät wie du! Nicht in einsamer Pracht, um hoch droben in der Nacht zu schweben und mit ewig offnen Lidern als der Natur geduldiger, schlafloser Einsiedler den flutenden Gewässern zuzuschauen bei ihrem priesterlichen Amt der Reinwaschung rund um der Erde menschenbewohnte Küsten, noch um auf die frische, sacht gefallene Schneemaske der Berge und Heiden zu blicken, nein – dennoch ewig stät, ewig unwandelbar, gebettet auf meiner holden Liebsten reifender Brust, ewig das sanfte Sich-Heben und -Senken zu spüren, ewig wach in süßer Ruhelosigkeit, ewig, ewig ihrem leisen Atemholen zu lauschen und ewig so zu leben oder in den Tod zu sinken.
Kann man dem Prosasatz folgen? Ohne Verse scheint die Spannung zu schwinden, die zum Verstehen nötig ist. Wenn man für Gedichte von Denken in Bildern sprechen kann (bei kurzen Gedichten und auch beim Eingang des oben zitierten Dickinsongedichts geradezu Denken in Silben!), dann gilt für das Sonett vielleicht: Denken in Zeilen + Denken in den je zweigeteilten Quartetten / Terzetten (= Denken in Argumenten). Keats folgt freilich dem Shakespeareschen Muster: 3 Quartette + Schlußreimpaar. Um das Sonett zu verstehen, muß man die Argumente der Strophen oder Versgruppen wahrnehmen – die hier durch den langen komplexen Satz extrem gespannt sind. Man muß die Versstruktur wahrnehmen, um zu verstehen: Wie die erste Zeile, bei Keats nur mit Gedankenstrich, nicht mit Ausrufezeichen von den übrigen 13 Zeilen getrennt, oder was dasselbe ist wie: mit ihnen verbunden, wie also die erste Zeile ein knappes Argument darstellt*, auf das die Verse 2 bis 8 antworten: steadfast, „stät“: aber nicht so, sagt dies erste Teilargument der Antwort. Hier folgt ein zweiter Gedankenstrich, drauf das Wörtchen „no“, das Argument bündig fassend, mit einem dritten Gedankenstrich, doppeltes Nein, erst in 7 fünfhebigen Jamben und dann noch einmal in dem kurzen Wort „no“. Der Gedankenstrich gliedert das Gedicht!
Der zweite Gedankenstrich nach der achten Zeile schneidet das Sonett fast nach dem italienischen Maß der Quartette / Terzette zu. Nur daß die Quartette durch die syntaktische Struktur überschrieben sind. Die „Terzette“ sind Terzette als syntaktische Einheit der letzten 6 Zeilen, während der Reim sie nach englischem Vorbild in 4+2 gliedert. Das Reimschema geht in durchgehend männlichen (einsilbigen) Reimen so: abab cdcd efef gg.
Die so mehrfach abgeteilten letzten sechs Verse bilden freilich keine wirkliche Antithese zu dem Doppelquartett – sie kommen zunächst nur als „dennoch“ daher, als beinahe trotziges Bekräftigen des Eingangsarguments „would I were steadfast“ – wär ich nur „stät“, stetig wie der helle Stern. Erst dann offenbart sich die Antithese: der Stern ist stetig und unwandelbar in seiner Unnahbarkeit, das Ich aber will zwar Stetigkeit, aber in Nähe. Hautnähe! Das Schlußsextett spricht von Erotik, ein Hauptthema des Sonetts, seit es erfunden wurde. Nur ist es keine Erotik der Unnahbarkeit, wie sie das Liebeskonzept der Trobadors und dann Dantes und Petrarcas Entwurf der Damen Beatrice und Laura und die petrarkistischen Konzepte der englischen metaphysical poets waren. Keats zeichnet keine abstrakten Antithesen, die nur die Unerfüllbarkeit der Liebe bezeugen. Seine Antithese zur strahlenden Unnahbarkeit des Sterns ist die wirkliche sinnliche Berührung der geliebten Person. Sein Sonett bleibt zwar bis zum Schluß im Konjunktiv, aber die Alternative ist greifbar. Real ist die sinnliche, erfüllbare und erfühlbare Gegenwart der Geliebten. Mirko Bonné übersetzt sie so:
Gebettet auf der Liebsten junger Brust,
Dem sanften Auf und Ab für immer nah,
Für immer wach in ruheloser Lust,
Stets, stets im Ohr den zarten Atemzug
So offenbart sich zum Schluß eine dritte, noch ganz andere Gliederung.
Die erste: Das ganze Sonett besteht aus einem einzigen Satz, der durch den Gedankenstrich dreigeteilt wird in a) Zeile 1, b) 2-8 und c) 9-14. Das entspricht dem italienischen Muster 8+6.
Die zweite: Das Reimschema gliedert nach englischem Muster 4-4-4-2
Die dritte: Der Konjunktiv bildet einen Rahmen aus den Versen 1-10 und 14, die das abstrakte Schema der Unwandelbarkeit und Pracht des hellen Sterns darstellen, das dem Ich nur im Konjunktiv erreichbar ist. Verse 11-13 entfalten dagegen im Innern eine reale erotische Szene. Nicht die deutlich ausgestellten zweifachen Gliederungssysteme des italienischen und des englischen Sonetts enthalten die Opposition des Sonetts. Die wirkliche Opposition besteht nicht zwischen abstraktem Konzept und realer Unerfüllbarkeit, sondern zwischen der sytemischen irrealen Abstraktion und dem wirklichen sinnlichen Leben. Sie geht quer durch die Grenzen beider Systeme, indem sie das dritte Quartett und das abschließende Reimpaar durchschneiden. In dieser sonettgemäß spannungsgeladenen, von der Konzeption her abstrakten Struktur verbirgt und zeigt der romantische Dichter eine wirkliche erfüllte Liebesszene.
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*) Der jambische Zehnsilbler ist seinerseits raffiniert zweigeteilt, indem die zwei ersten Wörter = Silben durch Ausrufezeichen vom Rest der Zeile getrennt & mit ihm verbunden sind. Die Struktur des Sonetts – ungleich lange Einheiten auf mehreren Ebenen (metrisch, klanglich, semantisch, syntaktisch) in Spannungsverhältnisse zu verwickeln – macht sich schon in der ersten Zeile geltend. Man versteht sozusagen schon, bevor man versteht. Wenn Bright star durch Heller Stern ersetzt wird, fallen zwei Spannungsmomente weg, Klang und Metrum. Beide wirken im Original zusammen, die musikalischen Vokale der einsilbigen Wörter lassen beide gleich stark klingen. Das ist keine Abweichung vom jambischen Maß, sondern schon eine Forderung der alten Griechen, wonach der erste Fuß gelegentlich umgedreht werden muß. In unseren akzentuierenden Sprachen führt das oft dazu, daß die beiden ersten Silben gleich schwer sind: Bright star. Diese Figur heißt Anáklasis, noch Brecht und Benn lernten sie in der Schule, und Keats wußte das auch. Die schwebende Betonung der beiden Wörter stellt sie als zwei Paukenschläge musikalisch und bildlich vor uns, erst dann geht es jambisch argumentierend weiter. Wieder ist es so, daß die Dinge schon in Auge und Ohr sind, bevor wir sie bemerken.
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Hier das Gedicht mit Anmerkungen des Herausgebers in der Ausgabe
The poetical works of John Keats, reprinted from the original editions, with notes by Francis T. Palgrave.
London: Macmillan, 1884.
Hier ein Faksimile des Gedichts in Keats‘ Handschrift,wie er es in sein Exemplar von ‚The Poetical Works of William Shakespeare‘ gegenüber dem Gedicht ‚A Lover’s Complaint‘ eintrug.
Zum Download:
The poetical works of John Keats
1841 – 73 pages
The poetical works of Coleridge, Shelley and Keats: complete in one volume
Samuel Taylor Coleridge, Percy Bysshe Shelley, John Keats – Literary Criticism – 1832 – 607 pages
The life and letters of John Keats
John Keats, Baron Richard Monckton Milnes Houghton – Biography & Autobiography – 1867 – 363 pages
Niemand hat Istanbul so wunderbar beschrieben wie der türkische Dichter Orhan Veli Kanik. Er wurde im Jahr 1914 in Istanbul geboren und starb dort schon sechsunddreißig Jahre später an den Folgen eines nächtlichen Sturzes in eine Baugrube. Sein Gedicht „Istanbulu dinliyorum“ – „Ich höre Istanbul“ – ist so oft zitiert, vertont und aufgesagt worden, dass die Istanbuler die Augen verdrehen, sobald man es erwähnt. Als echter Klassiker gilt aber „Monteur Sabri“:
Mit dem Monteur Sabri
Reden wir immer nachts
Und immer auf der Straße
Und immer betrunken.
Er sagt jedesmal:
„Ich komme zu spät nach Haus.“
Und jedesmal
Hat er zwei Kilo Brot unterm Arm.
/ FAZ 1.1.
Der schottische Lyriker Don Paterson erhält die Goldmedaille der Königin für Lyrik (Queen’s Gold Medal for Poetry), teilte der Buckingham-Palast mit. Geehrt wird er für den Gedichtband „Rain“, der bereits den Forward Prize for Poetry 2009 erhielt. Poet Laureate Carol Ann Duffy, die der Jury vorsaß, sagte, Patersons Werk sei „Lyrik des Muts und der Überzeugung“ („poetry of bravery and conviction“). Die Medaille wurde 1933 gestiftet und ehrt „Exzellenz“ in einem Gedichtband des vergangenen Jahres. Unter den Preisträgern waren Sir John Betjeman, Ted Hughes, WH Auden und Stevie Smith. / BBC News 31.12.
Zuletzt in L&Poe
2009 Okt 46. National Poetry Day
2009 Sep 84. 2009 Prizes for Contributors to Poetry Announced
Ernst Jünger war ein leidenschaftlicher Jäger und Sammler. In seine Manuskripte hat er vielfach Pflanzen und Insekten eingeklebt. Nun droht der Klebstoff die Papiere zu zerstören. Restauratoren im Deutschen Literaturarchiv Marbach suchen nach einer Lösung. / Gunnar von der Geest, NZZ 30.12.
«Hochstapler gab es immer, Menschen, die unter der Vorspiegelung, mehr zu sein, anderes zu sein, als sie tatsächlich waren, vom Schein lebten.» Mit diesem Satz eröffnet Albert Ehrenstein 1925 sein Vorwort zu Thomas Schrameks authentischer Hochstaplergeschichte «Freiherr von Egloffstein». Sie erschien in der Reihe «Aussenseiter der Gesellschaft – Die Verbrechen der Gegenwart», die Rudolf Leonhard am Ende der turbulenten Inflationsjahre im Verlag «Die Schmiede» startete. …
Eine Erdung in nachprüfbaren Kriterien wird mitunter auch im Literaturbetrieb zum Problem. Deshalb, so Albert Ehrenstein, seien «unter den Dichtern . . . mehr Hochstapler als sonstwo», denen nur «die korrupte Literaturpolizei dieses Adelsprädikat verleiht».
/ Evelyne Polt-Heinzl, NZZ 31.12.
(Das wäre doch mal ein Coup, wenn jemand das Thema Hochstapler „unter den Dichtern“ incl. Literaturpolizei behandelte. Aber das tut die Autorin – vielleicht wohlweislich – nicht. Sie behandelt Hochstapler in den 20er Jahren und der New Economy und Hochstaplerbücher im Sinne von Büchern über solche. Eigentlich schade. Wahrscheinlich aber bekämen wir dann sowieso bloß eine Debatte, in der X den A einen Hochstapler nennte und A den X, Y die B, B den Z, Z den G und munter weiter. All das gibt es zwar, aber meist nur im privaten Gespräch. Da aber doch reichlich, oder? Ansonsten muß nur George Forestier herhalten, und die Literaturpolizei übt ihr Amt hauptsächlich durch Verschweigen der Konkurrenten aus. Und natürlich im Loben der Hochstapler…)
Das Grab von Cao Cao, einem bekannten Kriegsherrn und Politiker aus dem dritten Jahrhundert, wurde in der Stadt Anyang in der zentralchinesischen Provinz Henan ausgegraben, sagten Archäologen am Sonntag.
Cao Cao (155-220 n. Chr.), der den stärksten und wohlhabendsten Staat zur Zeit der Drei Königreiche (208-280 n. Chr.) errichtet hatte, ist für seine hervorragenden militärischen und politischen Fähigkeiten bekannt. Ebenfalls wird er für seine Gedichte gewürdigt, die seine starke Persönlichkeit reflektieren. Einige von ihnen sind noch heute in den Lehrbüchern der Mittelschule enthalten. / china.org.cn 29.12.
Ein Gedicht über die Sterblichkeit der Schildkröte, die Erinnerung an blutige Schlachten, Berichte über Intrigen am Hof des letzten Han-Kaisers, Gesetze zur Agrarpolitik und über Wehrbauern-Siedlungen, die Gründung eines Reichs. Cao Cao hat viele Spuren gelegt, nicht zuletzt im populären Theater, im 700 Jahre alten Volksroman „Die Geschichte der Drei Reiche“, im Film und im Fernsehen. Das hat ihm vor vier Jahren eine 84 Folgen lange Serie gewidmet. / Karl Grobe, FR 30.12.
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Cao Cao (Tsau Tsau) war eine schillernde Gestalt. Erst Bandenführer, dann Kriegsherr, versuchte er die verfallende Han-Dynastie zu retten. Als Herrscher, zuletzt nur noch von Nordchina, förderte er die Kunst und war selber ein bedeutender Dichter. Sein Sohn Tsau Pi begründete die Wei-Dynastie der Drei Königreiche und ernannte seinen Vater postum zum Kaiser Wu von We (Wei). Tsau Tsau schrieb diesen „Grabgesang für das Haus Han“:
Zwanzig Herrscher nun haben vom Hause der Han regiert.
Und niemals noch warn seine Vertrauten so schlecht!
Geleckte Affen in Kappe und Gürtel,
Klein ihr Gehirn, gigantisch ihr Prahlen!
Zauderer sie, ohne Mut zu entscheidender Tat,
Bis wie ein Wild auf der Jagd ward gefangen ihr Kaiser.
Ein weißer Regenbogen hatte die Sonne durchbohrt,
Auch schon vorher empfingen sie warnende Zeichen.
Ein Räuber griff nach den Zügeln des Reiches,
Erschlug seinen Fürsten, zerstörte die Hauptstadt.
Frevelnd stürzt er den Thronsitz des Kaisers,
Und der Tempel der Ahnen ging in Flammen zugrund.
Verbannt und vertrieben, – aus der Hauptstadt nach Westen,
Weinen und Schreie, – so zog die Kolonne dahin.
In Ehrfurcht schau ich die Wälle der toten Stadt,
Aus wehem Herzen erheb ich die Klage.
Deutsch von Peter Olbricht, aus: Lyrik des Ostens: China. dtv 1962. (Hanser 1958) S. 45f.
Meine Anthologie: Garstig
„Nathan Who?“, fragen die Kritiker, als Nathan Niedlich bei der Verleihung des renommierten Italo-Svevo-Preises die Bühne betritt. „Nie gehört“, sagen kopfschüttelnd auch die geladenen Lektoren und warten auf die literarische Prominenz des Abends. Niedlich, Autor von acht Romanen, Bachmann-Preisträger und Villa-Massimo-Stipendiat, ist solche Demütigungen gewohnt. Seit Jahren schreibt er nur noch für die Schublade, die Absagen der Verlage füllen mehrere Ordner. Aber er ist nicht der Einzige, den unvorhersehbare Strömungswechsel im Literaturbetrieb an den Rand der Bedeutungslosigkeit getrieben haben. Für Nathan Niedlich, kurz N. N., ließen sich viele Namen einsetzen, vor allem aber der von Wolfgang Hegewald, dem Autor des Romans, dem die genannte Episode entstammt.
Wolfgang Who? Der 1952 in Dresden geborene Hegewald veröffentlichte in den achtziger Jahren nach seiner Ausreise aus der DDR einige hochgelobte Romane in renommierten Verlagen, erhielt den Bachmann-Preis und das begehrte Rom-Stipendium. Und doch blieben seine Bücher das, was Hegewald heute selbstironisch „Rezensionserfolge“ nennt. Nach zwölf Jahren der verlegerischen Obdachlosigkeit hat er nun bei Matthes & Seitz ein neues Zuhause gefunden und schießt mit „Fegefeuernachmittag“ einen mit Ironie und Sprachwitz gespickten Pfeil in den literarischen Betrieb ab. …
Es ist ein gelungenes Versteckspiel mit einigen illustren Figuren der deutschen literarischen Szene, das zu entschlüsseln auch für Außenstehende eine Freude ist. Köstlich, wie etwa aus Sigrid Löffler Edda Gabler wird, die weichhändige Großkritikerin, deren Gedankengänge zuweilen nur in den ruckhaften Bewegungen ihres germanisch-blonden Haarhelms nachzuvollziehen sind. Großartig auch, wie pointiert Hegewald immer wieder die Absurditäten des Betriebs aufspießt. Etwa in der Szene, in der ein „renommierter Novellist“ während eines deutsch-deutschen Dichtertreffens auf einer Ostsee-Fähre mit sofortiger Abreise droht, weil ebenso eine gewisse Ellen Butt-Prömse an Bord ist, die einst mit „Pferde-Lyrik“ in Deutschland weltberühmt geworden sei und neuerdings florale Metaphern bevorzuge. Hegewalds Alter Ego N. N. entgegnet, es mache sich doch nur lächerlich, wer auf offener See mit vorzeitiger Abreise drohe, was wiederum ein bezeichnendes Licht auf den Realitätssinn des vielgerühmten Erzählers werfe. / Sarah Elsing, FAZ 30.12.
Zum ökumenischen Kirchentag in München 2010 plant der Lyriker und Verleger Anton G. Leitner die Aktion „Ein Tag, ein Gedicht“. Ab dem 1. Januar soll im Internet jeden Tag ein Gedicht veröffentlicht werden. Bis zum Abschluss des Kirchentages Mitte Mai soll so eine Sammlung mit über hundert lyrischen Texten entstehen. An der Aktion beteiligen sich Autoren aus Deutschland, Österreich, Polen und der Schweiz. Der zweite Ökumenische Kirchentag in München wird am 12. Mai eröffnet. Die Adresse lautet www.oekt.de. / kuvi.de
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