Der Verbleib der sterblichen Überreste des berühmtesten spanischen Dichters des 20. Jahrhunderts, Federico García Lorca, bleibt ein Mysterium. Bislang hieß es, sie lägen in einem Park der neun Kilometer von Granada entfernten Ortschaft Alfacar. Dem hat die andalusische Regionalregierung am Freitag wiedersprochen: Die archäologischen Grabungen der vergangenen Wochen hätten zweifelsfrei bestätigt, dass an diesem Ort niemals Tote beerdigt worden sind. „Dort ist nichts, und da war nichts“, sagte Andalusiens Justizministerin Begona Álvarez. Im Bericht heißt es, dass „kein noch so kleiner Knochen, kein Zahnstück“ gefunden worden sei. / SZ 19.12.
In einem Artikel für El País erinnerte der granadinische Dichter Luis García Montero daran, aus wie vielen unerträglichen Gerüchten, Diffamierungen und Fehlinformationen sich der Konflikt um die Gebeine Lorcas genährt hat – und vor allem, welch „armseligen Verdächtigungen“ dessen Hinterbliebene ausgesetzt waren, weil sie sich jahrelang gegen die Exhumierung gesperrt hatten. / JAVIER CÁCERES, SZ 21.12.
Im Alter von 46 Jahren starb in Norman, Oklahoma der Lyriker Jim Chastain. Er veröffentlichte zwei Gedichtbände und die Autobiographie „I Survived Cancer But Never Won the Tour de France”. Am Heiligabend hat der Krebs ihn doch eingeholt. 2001 wurde die Krankheit diagnostiziert, die Behandlung hatte keinen Erfolg und 2004 mußte der rechte Arm amputiert werden. Danach lebte er drei Jahre krebsfrei, bis die Krankheit 2007 wieder ausbrach, der er jetzt erlag.
/ News OK, The Oklahoman 25.12.
Der letzte Eintrag in seinem Blog vom 13.12. lautet:
I’m still alive, but my health has really been slipping in the last two months. Hope to get some posts out soon, but I rarely feel like writing.
Bald jedoch wurde Kerr zum leidenschaftlichen Entdecker und Förderer:
„Er hat beispielsweise sich mit Robert Musil hingesetzt, ist mit ihm jede Zeile des „Törleß“ durchgegangen, hat ihm einen Verlag gesucht, und dann eine sehr wichtige Musil-Kritik im „Tag“ geliefert, 1906. Er hat auf die Begabung von Else Lasker-Schüler hingewiesen, als es noch niemandem einfiel, und bis zum Schluss – noch 1945 entdeckte er Vercors, den Dichter der französischen Widerstandbewegung, „Das Schweigen der See“, also er hatte eine wahnsinnige Begabung, andere Begabungen zu finden, und war auch in der Hinsicht sehr großzügig jungen Dichtern gegenüber.“
Kerr „lebte in und mit der Literatur“, wie Günther Rühle im Nachwort dieses sorgfältig edierten Bandes schreibt. Bei der Auswahl der Texte wurde die Herausgeberin Deborah Vietor-Engländer selbst zur Entdeckerin:
„Ich wollte zeigen, dass es einen ganz unbekannten Kerr gibt. Einen Literaturkritiker, nicht – wie man immer denkt – einen Theaterkritiker, denn kaum jemand weiß, dass er Lyrik, Opernlibretti, Reisebücher und dergleichen geschrieben hat. Ich wollte zeigen, dass er ein großer Literaturkritiker war, der sehr viele Entdeckungen gemacht hat, und ein außerordentlich Zukunftsgerichteter Mensch war.“ /Jens Brüning, DLR
Alfred Kerr: „Sucher und Selige, Moralisten und Büßer.Literarische Ermittlungen. Band IV“, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2009, 519 Seiten
Wenn man versucht vorurteilslos und ohne Vorbehalte „White Christmas“ noch einmal anzuhören, dann fällt doch der eher nachdenkliche Grundton auf. Der Judaist Irving Saposnik hat unter dem Titel „I’m dreaming of a Jewish Christmas“ einen ganzen Aufsatz geschrieben über „Jüdische Weihnachten mit Irving und Bing“. Er denkt bei „White Christmas“ eher an einen Blues, der von einer „osteuropäischen Traurigkeit geprägt ist, von der Sehnsucht nach einer unwiederbringlich verlorenen Heimat“. An die „Stelle der christlichen Feststimmung tritt ein jüdisches Erinnern“. Und er fährt fort:
„White Christmas“ war ein Lied für alle Amerikaner – es erlaubte den Juden, sich dem Weihnachtsneid hinzugeben, und den Christen, sich mit einem jüdischen Gefühl der Verlorenheit zu identifizieren.
Die Klage über ein säkularisiertes Weihnachtsfest, das jeder feiern kann und darf, die alle Jahre wieder geführt wird, kann so neu nicht sein. Michael Blumenthal, der Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, erinnert sich an das Weihnachtsfest in seiner frühesten Jugend in den 20er-Jahren in einer nicht-religiösen jüdischen Familie, und nennt seine Erinnerungen „Wie ich Weihnukka Hitler zu verdanken habe“ (…)
Heilige Nacht
Geboren ward zu Bethlehem
ein Kindlein aus dem Stamme Sem.
seit’s in der Krippe lag,
so freun sich doch die Menschen sehr
bis auf den heut’gen tag.
Minister und Agrarier,
Bourgois und Proletarier –
es feiert jeder Arier
zu gleicher Zeit und überall
die Christgeburt im Rindviehstall.
(Das Volk allein, dem es geschah,
das feiert lieber Chanukah)
Besser als Erich Mühsam in seinem Gedicht über die „Heilige Nacht“ kann man die kuriose Konstellation an Weihnachten aus jüdischer Sicht kaum zusammenfassen: Christen feiern die Geburt eines „Kindleins aus dem Stamme Sem“, eines jüdischen Kindes als die Geburt des Messias, des Christus, wie er in der jüdischen Bibel, im christlichen Alten Testament vorhergesagt wird. Weil Juden diesem Bekenntnis nicht folgen, feiern sie Chanukka. / Stefan Förner, DLR
11 Gäste werden am Kaiserlichen Neujahrs-Lyrik-Lesung im Januar teilnehmen, teilte die Kaiserliche Haushaltsagentur am Freitag mit.
Thema der Tanka-Lesung am 14.1. ist „hikari“ (Licht). 23.346 Gedichte wurden eingereicht. 172 von ihnen kamen aus 20 verschiedenen fremden Ländern und 41 waren in Braille.
Der älteste Teilnehmer ist der 94jährige Nobuyuki Furukawa. Ein anderer, Kuniko Moriwaki, 69, ist blind. Der Dichter Chuichi Mukawa, 90, nimmt als Ehrengast des Kaisers teil. / Mainichi Daily News 25.12.
Der Poet ist nach Goethe der meistgelesene deutschsprachige Dichter weltweit. Aber es gibt auch Leser, die von ihm weniger begeistert sind und seine Lyrik als zu weltentrückt, fast schon kitschig und eine Spur zu esoterisch empfinden. So nannte ihn Thomas Mann einen „österreichischen Snob, der seinen Adelstick von Mama geerbt hätte.“ Zur „lieben Mama“ hatte Rilke zeitlebens auch ein besonderes Verhältnis.
Mutter Sophia, genannt Phia, war eine moderne Frau aus vermögendem Hause: eine tollkühne Reiterin, eine exzellente Fechterin, begabt im Klavierspiel und für Sprachen. Sie war der Liebling ihres Vaters, der eine chemische Fabrik in Prag besaß und viele Ehrenämter dort bekleidete. Bis zu seinem Tode lebte sie in einer Welt, in der ihr Geld und Stellung in der höheren Gesellschaft ganz selbstverständlich gegeben waren. Sie war es, die den Sohn Rainer Maria Rilke förderte und in ihm schon früh den kommenden Dichter sah, nie den Offizier, wie der Ehemann es wünschte. Phia Rilke, die liebe Mama, erhielt zwischen 1900 und 1925 Weihnachtsbriefe von ihrem Sohn. In diesen Jahren hat Rilke nie den Weihnachtsabend mit seiner Mutter verbracht – und deshalb immer Briefe geschrieben, die sie zur „geheiligten Stunde“ um sechs Uhr abends öffnen sollte. So ähnlich die Briefe über weite Strecken klingen – zumindest die vor dem Ersten Weltkrieg – identisch sind sie zu keiner Zeit. / MDR
Essay | MDR FIGARO | 26.12.2009 | 18:30 Uhr
Obwohl Rilke zu Lebzeiten eine Randfigur war [? MG], wird sein lyrischer Eigensinn in unserer postromantischen Zeit geschätzt; eine kleine Gruppe von Kennern lobte ihn damals, während er heute geliebt wird.* Sonette an Orpheus, Duineser Elegien, sein einziger Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge und vielleicht am stärksten Briefe an einen jungen Dichter sind Probiersteine. Einzelne Gedichte wurden berühmt: Archaischer Torso Apollo mit der Schlußzeile „Du mußt dein Leben ändern“; Der Panther, pulsierend von der Energie des eingesperrten Tiers. Rilke wurde sogar zu einer Art Talisman der Popkultur. Er inspirierte Wim Wenders für seinen Film Der Himmel über Berlin**, und vor kurzem ließ sich die Hitparaden-Disko-Queen Lady Gaga ein Rilkezitat auf den Oberarm tätowieren: „In the deepest hour of the night, confess to yourself that you would die if you were forbidden to write. And look deep into your heart where it spreads its roots, the answer, and ask yourself, must I write?“ Adam Zagajewski behauptet, daß Rilke vielleicht mehr in den Vereinigten Staaten als in Deutschland gelesen wird, was einiges über die Faszination der Amerikaner für existentielle Unbehaustheit, Selbsterfindung und Ziellosigkeit sagt. / Angels to Radios: On Rainer Maria Rilke. By Ange Mlinko. The Nation 14.12.
* Na gut, diesen Passus bezweifeln wir mal. Rilke wurde zu Lebzeiten viel gekauft, viel gelesen und gerühmt, später auch viel imitiert (und geriet erst später bei Teilen des Publikums in Verschiß). Allein von den Insel-Taschenbüchern wurden in den 75 Jahren von 1912-1987 verkauft: Cornet (Band 1 der Reihe, 1912! Wikipedia weiß: Am 23. Mai 1912 erschien Rilkes Werk als erster Band der Insel-Bücherei in einer Auflage von 10.000 Exemplaren, die sofort vergriffen war und den Erfolg der Reihe begründete.) 48 Auflagen, mehr als 1.125.000, davon zu Rilkes Lebzeiten 230.000. Marien-Leben: 15 Auflagen seit 1913, 164.000, davon zu Lebzeiten 20.000. Postum: Sonette an Orpheus 119.000. Gedichte I 270.000. Briefe an einen jungen Dichter 453.000. Briefe an eine junge Frau 280.000. Gedichte II 322.000. (Und 5 weitere Bände). Und das sind nur die Taschenbuchausgaben in seinem Verlag. Die Bücher wurden en masse gedruckt, verkauft, gelesen & geliebt! (Daß er den Nobelpreis nicht bekam, ist eine andere Frage. Aber Kafka oder Joyce ging es auch so.)
**) Merkwürdigerweise englisch unter dem Titel „Wings of desire“ (das Plakat zeigt martialisch-preußische Engels- und Adlerflügel, aber desire? Filmverleihergeschmack)
*** Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben?
Hier mehrere englische Versionen von Rilkes Grabspruch:
Rose, O pure contradiction, delight
in being no one’s sleep under so many
eyelids.
(Edward Snow)
Rose, oh pure contradiction, joy
of being No-one’s sleep, under so
many lids.
(translation by Stephen Mitchell)
„Rose, o pure contradiction,
desire to be no one’s sleep
beneath so many lids.“
rose, PURE CONTRADICTION, delight, to be no-ones sleep under so many lids.
Rose, oh reiner Widerspruch, Lust
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.
Hier ein Foto des Grabsteins
Die Buchhandlung „Shakespeare and Company“ liegt an der Rive Gauche, dort, wo sich an diesen Abenden der Geruch des ölschwarzen Wassers mit der heraufziehenden Winternacht, dem Stimmengewirr der Bistros und der Straßenmusik zu einem dichten Großstadtgemälde mischt. Metroausgänge spucken Touristen und Studenten in die Gassen des Quartier Saint Michel, die Türme von Notre Dame stützen tiefhängende Regenwolken.
„Ich lese gerade D. H. Lawrences Lady Chatterly’s Lover“, sagt die amerikanische Literaturstudentin Alex, die erst vor fünf Tagen aus New York gekommen ist, „mein Vorbild ist Virginia Woolf.“ Ein dichter Pony fällt ihr ins Gesicht, ihre Stimme ist warm und dunkel. Das US-Magazin The Nation hat einige ihrer Texte gedruckt. Jetzt will sie nach Paris ziehen, vielleicht für lange. Eine Freundin hat ihr von diesem besonderen Buchladen erzählt, nun ist sie Gast, schläft nachts zwischen den Regalen, hilft tags beim Verkauf. / Johanna Schmeller, Freitag 21.12.
Shakespeare and Co., 37 Rue de la Bûcherie, Paris Ve, Öffnungszeiten: 10-23 Uhr
The Shakespeare and Company Literary Festival: Storytelling, Politics and The Imagination, 18-20 Juni 2010
Ernest Hemingway, Paris – Ein Fest fürs Leben, Rowohlt, München, 2004 (5. Aufl.), 192 S., 7,95 Euro
Sylvia Beach, Shakespeare und Company – ein Buchladen in Paris, Suhrkamp, Frankfurt a. Main, 2005 (8. Auflage), 247 S., 9 Euro
*) in der Rubrik Books von The Nation findet man 3 Gedichte aus der Dezember- und Januarausgabe, von Andrzej Sosnowski (Polen), Tchicaya u Tam’si (Kongo) und Marina Zwetajewa (Rußland).
from Bob & Margery’s Poetry Blog
It’s Christmas Eve, and of course we in the Western world are hearing the lines of the classic poem “A Visit from St. Nicholas” echoing in our minds. In the U.S., First Lady Bess Truman began a traditional annual reading of that poem that continues today—the White House blog has just posted a video of this year’s reading by Michelle Obama at the Children’s National Medical Center, “The First Lady Reads ‘The Night Before Christmas’.” And the poem has worked its way so deeply into the general consciousness of Christmas time that it serves as the most inviting of targets for parody—most recently by Illinois Senator Roland Burris, commenting on the health care reform debate in the U.S. Senate:
from The New York Times “Prescriptions” blog:
“Acrimony, and Poetry, in the Senate,” by David M. Herszenhorn
“It was the night before Christmas and all through the Senate, the right held up our health care bill, no matter what was in it….”
More on “A Visit from St. Nicholas”
Who really wrote the classic Christmas recital poem?
Parodies of “The Night Before Christmas” collected at About.com’s Urban Legends site
Milena Oda, geboren 1975, lebt in Berlin und schreibt Prosa, Theaterstücke, Lyrik und Essays. 2002 wurde sie für den Literaturwettbewerb Open Mike in Berlin und 2007 für den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt nominiert. 2007 erschien im Verlag BUCHENpresse das Kunstbuch »Piquadrat«. 2009 wurde in Alexandria/Ägypten ihr Theaterstück »Mehr als Meer« zweisprachig in Deutsch und Arabisch herausgegeben. www.milenaoda.com
In der Zeitung junge Welt am 24.12. ihr Beitrag: Die stillste Nacht
Das Jahr 1816 nannten sie das Jahr ohne Sommer. Ungewöhnlich kalt ist es. Selbst im Juni noch schneit es hinunter bis ins Flachland. Am schlimmsten betroffen davon ist Mitteleuropa. Ernten fallen aus. Millionen leiden an Hunger. Zehntausende sterben. Und das in einer Zeit, in der halb Europa noch unter den Folgen der Kriege ächzt, mit denen Napoleon den Kontinent bis ins Vorjahr überzogen hatte. Eine Zeit für Sehnsucht nach Besserem.
In der Kärglichkeit des Dorfes Mariapfarr, südlich von Salzburg, schreibt im Dezember desselben Jahres der Hilfspriester Joseph Mohr, 23 Jahre alt, unehelicher Sohn eines Soldaten und einer Strickerin, getrieben von jener Sehnsucht, ein Gedicht.
Er nennt es Stille Nacht, heilige Nacht.
/ Marco Lauer, FR 24.12.
So radikal die Rhetorik der Manifeste, so harmlos wirkt allerdings bisweilen die Umsetzung – Luigi Russolos «Geräuschtöner» beispielsweise (wie sein Begriff «Intonarumori» übersetzt wird), die die klanglichen Möglichkeiten der Musik erweitern sollten, sind als Kuriosum in die Musikgeschichte eingegangen, ohne eine weitere Wirkung zu entfalten. Auch in der Literatur wirkt der Angriff auf die Konventionen der Sprache – Marinettis «parole in libertà» oder Fortunato Deperos Konzept einer «onomalingua» – heute als harmlose Spielerei. Doch gerade dieser Zug verleiht der Ausstellung auch einigen Charme: Die Fotografien, in denen sich Fortunato Depero mit rollenden Augen in Szene setzt, oder sein knallbuntes Bühnenbild «Magische Flora» erinnern daran, dass das Allzumännliche jederzeit ins Kindliche umschlagen kann. / Sieglinde Geisel, NZZ 24.12.
Sprachen des Futurismus. Gropius-Bau, Berlin. Bis zum 11. Januar 2010. Katalog Fr. 56.50.
Goethe war klar, dass Schiller ein ganz anderer Typus war, einer, der sehr stark vom Intellekt, von dem Bewusstseinskonzept und von der Reflexion her kommt. Er war ein im hohen Masse absichtsvoller Poet; das wusste Goethe. Eigentlich schätzte er so etwas nicht. Aber im Kontext der Schillerschen Person bekam diese Art für Goethe eine ganz neue Würde, und es wurde ein Faszinosum, so sehr, dass Goethe, was er sonst wahrscheinlich nie getan hätte, auf einmal Fichte liest und auch im Kant herumliest und sich überhaupt sagt, dass es wahrscheinlich auch sehr schön ist, wenn man das eigene Schaffen durch Reflexion noch vermehrt begleitet.
Einerseits bewunderte Schiller diesen Typus, wie ihn Goethe verkörperte, aber auf der anderen Seite war ihm das viel zu sehr unkontrolliertes, ungefiltertes Gefühlsleben. Aber in Goethe bemerkte er die Genialität, die diese Art des geistigen Temperamentes hatte. So dass man sagen kann: Sie erlebten ihre Gegensätze, da sie sie aber im personalen Kontext des jeweils anderen erlebten, waren sie nicht davon abgestossen, sondern konnten etwas damit machen. So wurden die Gegensätze zum produktiven Stachel. So konnte Goethe an das Bewusstseins-Genie Schiller schreiben: «Fahren Sie fort, mich mit meinem Werk bekanntzumachen.» / Rüdiger Safranski im Gespräch mit der NZZ, 12.12.
Manchmal beginnt der Tag der Dichterin «schlurfend». Die Worte liegen zäh im Mund, und es regt sich die Angst, nie mehr etwas schreiben zu wollen. Dann aber kann schon ein Lächeln im Café genügen – und alles brennt lichterloh. Die «wallende Seele (Brust)» und das «zirpende (zuckende) Auge» schiessen zusammen. Die Luft scheint zu brausen, während das «Schwärmen äuszerster Phantasie» die Sprache des Gedichts hervorbringt, die Tag- und Nachtbilder der Schreibenden.
Wenn Friederike Mayröcker am Schreibtisch sitzt, wollen sogar die Schneefunken im Fenster blühen. Mit leichter Hand formt sie ihren Rhythmus, bis die Buchstaben den Kopf der Dichterin umschwirren. Es ist ein Schreiben, das auf die metamorphotische Kraft der Poesie vertraut, ein Schreiben, dem alles zum Stoff werden kann. Und dieses Schreiben fand von Anfang an Gehör, einerlei, ob bei den Dichtern der Wiener Gruppe oder, später, bei Autoren wie Thomas Kling. Mit ihren weit über siebzig Prosastücken und Gedichten, Hörspielen und Kinderbüchern ist Friederike Mayröcker trotzdem ein Solitär in der literarischen Landschaft geblieben. Sie verdankt der Romantik viel und den eigenen sprachexperimentellen Versuchen, dem Surrealismus und, ein wenig, dem Dadaismus – zu einem festen Bild aber wollte sich ihr Schreiben nie fügen lassen. Ihre «äuszerste Phantasie» speist sich aus einem ganz und gar eigenen Sprach- und Weltbewusstsein, das von der Euphorie des Schreibens ebenso weiss wie vom «gerissenen Faden der / modernen Narration».
Die neuen Gedichte sind noch rhythmischer in ihrem Hang zur langen Zeile und zu Wiederholungen, fast litaneihaft muten manche der Verse an. Sie zeigen die «verborgene Sprache» des Gedichts und Friederike Mayröckers melancholisch durchsträhnten Ton. …
Aus Hölderlins berühmtem Bild «Im Winde / Klirren die Fahnen» etwa wird bei Mayröcker eine «klirrende Sonne», die durch das «Gewölb der Wipfel» stäubt. Bisweilen variiert sie auch ganze Gedichte und knüpft die einzelnen Verse über Zitate Hölderlins zusammen. An einer Stelle umreisst sie ihre Schreibart selbst: «1 Looping / ohne der Worte Sinn zu kennen».
… kleine Wunder sind Friederike Mayröckers Gedichte allesamt. / Nico Bleutge, NZZ 24.12.
Friederike Mayröcker: dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif. Gedichte 2004–2009. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2009. 356 S., Fr. 39.50.
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