Am Freitag, dem 11. Dezember, liest Olga Martynova in Frankfurt/M. aus ihrem neuen Gedichtband In der Zugluft Europas.
Bezüge zu historischen und mythologischen Themen zeichnen die Lyrik Olga Martynovas aus. Sie besingt die Städte und Länder Europas und verknotet diese immer wieder mit kritischen Beobachtungen historischer Hinterlassenschaften: „So seltsam, in der Zugluft Europas zu stehn, / Die Spalten in diesem Raum dichtet niemand zu.“
Geprägt von einer Lebenssituation zwischen zwei Ländern und Sprachen wird die Fremdheit ihres Blickes und das damit verbundene „Befremdetsein“ zwischen den Zeilen offenbar: Bildkräftige und selbstreflexive Gebilde fügen sich zu einem eigenwilligen Gemenge aus faszinierten und faszinierenden Beobachtungen zusammen und lassen ihre Gedichte nicht selten märchenhaft erscheinen.
Olga Martynova, geboren 1962 in Dudinka (Sibirien), lebt seit 1991 in Frankfurt/Main. Ihre Gedichte verfasst Martynova auf Russisch, übersetzt diese aber teilweise selbst.
In der Zugluft Europas (Wunderhorn, 2009).
Literaturforum im Dritten
Freitag, 11. Dezember 2009, 20 Uhr
Eintritt: 6,-/3,-
I Am
I am: yet what I am none cares or knows,
My friends forsake me like a memory lost;
I am the self-consumer of my woes,
They rise and vanish in oblivious host,
Like shades in love and death’s oblivion lost;
And yet I am! and live with shadows tost
Into the nothingness of scorn and noise,
Into the living sea of waking dreams,
Where there is neither sense of life nor joys,
But the vast shipwreck of my life’s esteems;
And e’en the dearest–that I loved the best–
Are strange–nay, rather stranger than the rest.
I long for scenes where man has never trod;
A place where woman never smil’d or wept;
There to abide with my creator, God,
And sleep as I in childhood sweetly slept:
Untroubling and untroubled where I lie;
The grass below–above the vaulted sky.
John Clare schrieb dieses Gedicht in einer „Irrenanstalt“, einem Madhouse, in dem er 19 Jahre seines Lebens verbrachte.
Kaum glaublich aber wahr: In meiner langjährigen Lieblingsanthologie, Palgrave’s Golden Treasury (erschienen zuerst 1861, dann unzählige Male seit 1907 „with additional poems“, besonders häufig während des Krieges 1914-18, wo insgesamt 9 Auflagen erschienen, zwei- und dreimal pro Jahr) fehlt dieses Gedicht, das heute wohl sein bekanntestes ist. Ja der Autor fehlt ganz: obwohl seine Generationsgefährten Byron, Keats und Shelley ebenso drin sind wie die jüngeren Browning, Tennyson, FitzGerald (Rubaiyat!) und noch die viel jüngeren Hopkins, Housman, Swinburne, Whitman – dieser freilich nur mit dem schwachen „O Captain, my captain“ auf den Tod Lincolns – und noch Yeats und Sassoon. Aber es fehlt auch John Donne! Auch Blake! Der Geschmack änderte sich erst mählich. Erst in der erstmals 1924 erscheinenden Anthologie „Golden Treasury of Modern Lyrics“ ist Clare dabei – als ältester Autor mit Jahrgang 1793, genau 100 Jahre vor Wilfred Owen, dessen „Anthem for Doomed Youth“ drin steht. Aber nicht „I am“ ist darin, sondern – zunächst, sage ich – drei Gedichte auf Natur und Landleben. Die beklemmend genaue Selbsterkenntnis eines Irren paßte wohl noch nicht ganz ins Bild. Haltbare, präzise und atemberaubend schöne Zeilen und Gedichte! Ist es nicht an der Zeit, den „verrückten Bauerndichter“ auch für Deutschland zu entdecken? Die vierbändige Anthologie „Englische und amerikanische Dichtung“ (von Koppenfels/ Pfister) bringt 5 Gedichte von Clare, darunter auch dieses. Die Übersetzung Manfred Pfisters ist achtbar, überträgt aber den klassisch-knappen fünfhebigen in fünf- bis siebenhebigen Jambus, was die Präzision abtötet, buchstäblich ab der ersten Zeile:
Ich bin – doch was, weiß niemand, kümmert keinen.
[Die Schlußformel schon zerstört alles in dem durch Pause mittig unterbrochenen Siebensilbler! None cares or knows! Vier Trommelschläge, Schluß! Ebenso, wenn die vierte Zeile zum Alexandriner wird, „Sie heben sich und gehn, wohin Vergessen führt“ ist nicht „into oblivion’s host“, immer wird aus direktem indirektes, „poetisches“ Sagen. Dichter mit den mehrsilbigen lateinischstämmigen Wörtern sind eben leichter zu übersetzen als „Bauerndichter“ mit ihren Einsilblern!]
1860 schrieb ein Lyrikliebhaber einen Brief an den Leiter der Nervenklinik, um sich nach dem Befinden des Naturdichters John Clare zu erkundigen (der, ein echter Landarbeiter und Autodidakt, 1820 mit „Poems Descriptive of Rural Life and Scenery*“ in die Literatur trat, aber von den Berufsdichtern und -liebhabern bald vergessen wurde). Clare, damals 66, schrieb ihm:
March 8th 1860
Dear Sir
I am in a Madhouse & quite forget your Name or who you are you must excuse me for I have nothing to commu[n]icate or tell of & why I am shutup I dont know I have nothing to say so I conclude
yours respectfully
John Clare
(Hölderlin, in ähnlichem Status, war knapp 17 Jahre vorher gestorben)
Hier noch ein Abschiedsgedicht Clares:
Farewell
Farewell to the bushy clump close to the river
And the flags where the butter-bump hides in forever;
Farewell to the weedy nook, hemmed in by waters;
Farewell to the miller’s brook and his three bonny daughters;
Farewell to them all while in prison I lie–
In the prison a thrall sees naught but the sky.
Shut out are the green fields and birds in the bushes;
In the prison yard nothing builds, blackbirds or thrushes.
Farewell to the old mill and dash of waters,
To the miller and, dearer still, to his three bonny daughters.
In the nook, the larger burdock grows near the green willow;
In the flood, round the moor-cock dashes under the billow;
To the old mill farewell, to the lock, pens, and waters,
To the miller himsel‘, and his three bonny daughters.
In L&Poe:
2003 Okt # 3 000 Gedichte
2003 Dez # The poetry and madness of John Clare
2004 Jan # Genauigkeit, schockierende Klarheit (Weiter mit John Clare)
2004 Feb #40. Mad John Clare sings the Blues
2005 Mrz #96. Plazierungen
2005 Mrz #98. Über die Rehabilitierung des verrückten „Bauerndichters“
2006 Okt #74. Clares Leier
2007 Jun #44. Sex is a Nazi
2009 Jun #66. In Bienen
*) Das Buch kann man hier als pdf oder in anderen Formaten herunterladen oder online lesen. Es gibt zumindest für den englischsprachigen Bereich fast alles! Was bisher nur sehr betuchte Kunden von Antiquaren lesen konnten, die Erstausgaben der alten Dichter, kann im Moment jeder in seinem Wohnzimmer kostenlos lesen. Aber man muß zugreifen, bevor es Google gelingt, eine Bezahllösung durchzusetzen – die arbeiten ganz sicher daran!
Der bekannte indische Schriftsteller, Kritiker, Künstler und Filmemacher Dilip Chitre starb heute im Alter von 71 Jahren in Pune. Er war einer der führenden Dichter der Ära nach der Unabhängigkeit des Landes. Er schrieb Englisch und Marathi. Zusammen mit Arun Kolatkar war er ein Pionier der modernen indischen Dichtung in englischer Sprache. In den 60er Jahren war er einer der Akteure der „Bewegung der kleinen Zeitschriften“.
Seine wichtigste Übersetzungsleistung war ‘Sagt Tuka’, eine Übersetzung der Abhangas (Erbauungsgedichte) des im 17. Jahrhundert wirkenden Marathidichters Tukaram. / The Hindu 10.12.
In L&Poe:
2001 Jun # Etwas anders als das (große) deutsche Feuilleton
2006 Aug #94. «Der Banyanbaum»,
2007 Mrz #55. Alte und neue indische Dichtung
2007 Mai #98. Straßenkampf-Dichter
2007 Sep #10. Namdeo Dhasal – Dichter der Unterwelt
Der Rumäniendeutsche Werner Söllner, mit hohen Auszeichnungen geehrter Lyriker und derzeit Leiter des hessischen Literaturforums in Frankfurt, hat in München sein Schweigen gebrochen: Er war Spitzel des gefürchteten rumänischen Geheimdienstes Securitate.
Ähnlich wie die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hatte Werner Söllner in den 80er Jahren die rumänische Diktatur verlassen können. Während Herta Müller sich dem Geheimdienst Securitate verweigerte – in ihrer Nobelpreisrede berichtete sie davon – waren andere weniger standhaft. Während einer Tagung des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München hat sich Werner Söllner als Zuträger und Spitzel geoutet.
„Der erste Anwerbeversuch erfolgte 1971“, berichtet FAZ-online am 10.12.2009. „Söllner hatte im Jahr zuvor das Studium in Klausenburg aufgenommen, 1973 wurde er Redakteur der Studentenzeitschrift ‚Echinox‘, in der viele junge Regimegegner publizierten. Beim zweiten Versuch schickte die Securitate zwei Offiziere, die Söllner Pläne zur Flucht in den Westen unterstellten und mit Exmatrikulation drohten.“
Zunächst habe er Geheimdienstoffizieren seine eigenen Texte und Gedichte erläutern müssen, erklärte Söllner. Aber dann wollte die gefürchtete „Securitate“ mehr: Söllner musste als Informant „Walter“ Gedichte und Prosatexte anderer Schriftsteller deuten und die darin enthaltenen Anspielungen erklären.
„Ich bin jemand, der sich nicht ausreichend zur Wehr setzen konnte. Das kann ich mir bis heute nicht nachsehen“, sagte Söller. Er habe sich nach langer Überlegung zu einer öffentlichen Erklärung entschlossen, nachdem ihn der Autor Richard Wagner vor einem Jahr angesprochen hatte. Wagner, der frühere Ehemann Herta Müllers, hatte Informationen seiner inzwischen veröffentlichten Securitate-Akte mit Söllner in Verbindung gebracht. Söller weist allerdings den Vorwurf, er habe Herta Müller bespitzelt, zurück. Dies hatte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtet. / HR 10.12.
[Schön, schön skurril: ein Geheimdienst läßt sich Literatur erklären!]
Im Sommer tauchte der Informant Walter zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf. In den siebziger Jahren hatte er Freunde und Kollegen in Rumänien bespitzelt, nicht freiwillig, aber auch nicht ohne Eifer. Wohl niemand hatte ihn je verdächtigt, nicht in Klausenburg und Temeswar, und auch später nicht, als fast alle deutschen Schriftsteller Rumäniens im Westen lebten. Aber dann erhielt Herta Müller im letzten Frühjahr endlich ihre Akte, drei Bände mit 914 Seiten, und nach der Lektüre sah sie nicht nur Teile ihrer Vergangenheit, sondern auch ihre neue Heimat mit anderen Augen: Deutschland, so schrieb sie im Juli in der „Zeit“, sei „ein gemütliches Reservat für Securitate-Spitzel“, die man nun, nach der zehn Jahre lang verweigerten Akteneinsicht, auch identifizieren könne. Dann folgten Decknamen: „Sorin, Voicu, Gruia, Marin, Walter, Matei.“ Spätestens in diesem Moment musste IM Walter wissen, dass seine Freunde ihn durchschaut hatten. / Hubert Spiegel, Faz.net 10.12.
Gibt es eine Zuflucht in der Literatur? Kann Literatur die Angst bewältigen helfen?
Ich kann nur für mich sprechen. Ich hatte immer meine Gedichte, die ich mir aufsagen konnte. Sogar beim Verhör. Es ist wie das Singen im Lager. Das wird nicht schal. Man kann sich auf gegebene Formen verlassen, sich anlehnen. Es ist eine Art, ich habe das öfter gedacht, es ist eine Art zu beten, für Leute, die nicht an Gott glauben. Und es ist eine schönere Art als das Beten. Es verlangt mehr Individualität als das Beten. Es ist nicht so mechanisch. Bis heute schreibe ich mir Sätze aus Büchern heraus, die mir Halt geben. Die Angst ist eine gute Ästhetikkennerin. Die Angst kann man nur mit literarisch starken Texten bändigen. Flache oder klischeehafte Texte können das nicht leisten.
Im Westen ist er durch seine luziden Essays und lebensprallen Romane bekannt geworden, doch in seiner ukrainischen Heimat gilt Juri Andruchowytsch in erster Linie als Lyriker: Verfasser von fünf Gedichtbänden und Mitbegründer der literarischen Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu, die dem poetischen Wort wirkungsstark, nicht selten mit musikalischer Begleitung, zum Auftritt verhilft.
Einen Eindruck von Andruchowytschs songhaften Versen vermittelt der deutsche Auswahlband «Werwolf Sutra», der Gedichte aus den Bänden «Exotische Vögel und Pflanzen» (1985 bis 1990) und «Lieder für den toten Hahn» (1999 bis 2004) vereinigt. In gereimten Strophen oder in rhythmisiertem Parlando-Ton erzählen sie von Liebe und Reisen, vom Studentenleben und von seinen Exzessen, vom Alltag und von der Stadt Lemberg, von ferner Geschichte und Momenten schmerzlicher Gegenwart – sinnlich, sentimental, sarkastisch, melancholisch. / Ilma Rakusa, NZZ 8.12.
Juri Andruchowytsch: Werwolf Sutra. Gedichte. Deutsch von Stefaniya Ptashnyk, unter Mitwirkung von Isolde Baumgärtner, Michael Donhauser, Anna Halja Horbatsch, Olaf Kühl, Joachim Sartorius, Sabine Stöhr, Hans Thill, Anja Utler. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2009. 89 S., Fr. 30.90.
Und auch Christof Kurzmann hat nun von elektronischen Ansätzen zur melodischen Linie und zur Songform zurückgefunden.
Im Rahmen seines Projekts „El Infierno Musical“, das der Wiener Multiinstrumentalist im Konzerthaus im Rahmen der Im-Loth-Reihe präsentierte, sind es Gedichte der jung verstorbenen argentinischen Dichterin Alejandra Pizarnik, die in fragilem Sprechgesang deklamiert werden. / Andreas Felber, DER STANDARD 10.12.
Als Richard Wagner und William Totok im Juni 1987 am „Kirchentag von unten“ in der evangelischen Kirche „Zum Vaterhaus“ am Baumschulenweg in Ost-Berlin teilnahmen, verlas der dortige Pfarrer unter Verwendung eines fingierten Telegramms vorab eine Absage, so dass ihre Lesung von weniger Zuhörern besucht war.
Im Publikum aber befanden sich mindestens zwei Spitzel: der DDR-Schriftsteller Rainer Schedlinski, vom MfS als IM „Gerhard“ geführt, und ein Dresdner Journalist, der IM „Hans Reimann“. Zuträger „Gerhard“ meldete danach, dass die beiden Gäste aufgrund ihrer „gebrochenen Aussprache“ und der Akustik in der Kirche nur schwer zu verstehen gewesen seien.
Spitzel „Hans Reimann“ hob dagegen auf die Gefahr ab, dass „diesen Rumänen“ die Möglichkeit gegeben werde, „sich in der Öffentlichkeit in der DDR zu artikulieren“. Dies passe in die „Politik des Gegners gegenüber Rumänien“. Es werde versucht darzustellen, so merkte er weiter an, „wie unmenschlich Sozialismus sein kann und dass der Sozialismus manchmal menschenfeindlicher sein kann als Faschismus“. Damit wurde er dem Anliegen von Wagner und Totok gewiss nicht gerecht, doch das MfS war alarmiert. / Georg Herbstritt über die Bespitzelung aus Rumänien ausgewanderter Schriftsteller durch die DDR-Stasi, Die Welt 10.12.
Der mormonische Senator Orrin Hatch, bekannt als Verfasser christlicher Hymnen und patriotischer Liedchen, hat ein Lied für das jüdische Lichterfest Hanukkah geschrieben, „Eight Days of Hanukkah“, berichtet Slate. Es geht noch weiter: gesungen wird es von einer syrischstämmigen Sängerin. Hier die Originalveröffentlichung (Video + Bericht) im Magazin Tablet. (Dort erzählt der Anstifter Jeffrey Goldberg, warum es so wenig gute Hanukkahlieder gibt: weil die Juden damit beschäftigt sind, Weihnachtslieder zu schreiben).
Spätestens zu Ende der 1940er-Jahre verabschiedet sich Arno Schmidt von der Lyrik als literarischer Kunstform. Den Erzähler des Romans „Aus dem Leben eines Fauns“ lässt er dekretieren: „So: Epos, Lyrik, Ballade: das ist nichts für mich“. Diese Aussage gilt zu diesem Zeitpunkt auch für Schmidt selbst. Dennoch hat er über einen beträchtlichen Fundus an englischsprachigen Gedichten und Liedern verfügt, und Spuren dieser Texte finden sich in allem, was Schmidt bis zu seinem Tod 1979 geschrieben hat.
Vieles von dem, was in diesen Fundus eingegangen ist, hat Schmidt sich schon in seiner frühen Lebens- und Lesezeit (bis etwa 1950) angeeignet; eine Anthologie dieser Gedichte und Lieder erschien vor fünf Jahren unter dem Titel „Music at Night“. Der nun vorgelegte Band „Ships in the Night“ schließt daran an und präsentiert vor allem solche lyrischen Texte, die Schmidt in späteren Jahren kennengelernt und wiederum in sein eigenes Werk eingearbeitet hat.
Einige der Autoren, die Schmidt in den 1950er und 1960er-Jahren ihrer Prosa wegen rezipiert, haben auch Gedichte geschrieben (etwa die Geschwister Brontë, Lewis Carroll und auch Edward Bulwer Lytton), und natürlich hat Schmidt mit dem Gesamtwerk solcher Autoren auch die lyrischen Teile zur Kenntnis genommen. Bei der Arbeit an „Zettel’s Traum“ dann kann er bei den Analysen der Werke von Edgar Allan Poe dessen Gedichte keineswegs auslassen; überhaupt sind unter den von Schmidt so genannten „Dichterpriestern“ überdurchschnittlich viele Lyriker, und so kehrt er in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre lesend und analysierend zur Lyrik zurück – nicht weil er plötzlich wieder ein Herz für Gedichte entdeckt hätte, sondern weil Gedichte und ihre typischen Autoren für seine psychoanalytisch unterfütterten neuen Analysemethoden sich als besonders fruchtbar erweisen. / literaturkritik.de
Friedhelm Rathjen (Hg.): Ships in the night. Arno Schmidt’s Second Garden of Verses.
Edition ReJOYCE, Scheeßel 2009.
172 , 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783000293696
Wilhelm Fink schreibt die interessantesten Mails. Assoziativ, sprunghaft, spannend. Die sollte er mal veröffentlichen. (Tom, das Folgende enthält auch eine Mitteilung für dich. Von wegen privatistisch!). Hier aus dem neusten:
Lebensziel und Werkziel mußten zwangsläufig mit der Familie, mit der gebildeten Welt, mit dem Kunstbetrieb kollidieren. – . Für den Außenseiter gibt es zu Lebzeiten keine Gnade: Vincent van Gogh, Franz Schubert und wie sie alle heißen. Von Leuten wie J.M.R. Lenz (er schrieb von Goethe und sich den Text „Über unsere Ehe„) und von N.N. kann man sagen: Sein Leben lang versuchte er, den Ur-Spannungszustand zu heilen, der ihn von den Menschen trennt. Aber es gelingt nicht. Die Menschen nehmen sein „Nettsein“ gerne auf, fühlen sich als angestrahlte Hauptperson und verlieren dabei ihn, den Strahler, aus den Augen.
Michael, es gibt einen Unbekannten, Goethe. Seine Direktheit wirft mich geradezu um. „Das Höchste wäre, zu begreifen, dass alles Faktische schon Theorie ist. Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre.“ Die höchste Kultur, die ein Mensch sich geben kann ist die Einsicht, dass die Menschen nichts von einem wissen. Hierzu ein andermal Näheres. Was dir und mir der Computer leistet, hatten Wolfgang und sein Vater im Hause. Eine perfekte Schreibkraft. Ein Bruder des Vaters war verblödet gestorben. Da versprach er der Clauer-Mutter für den Sohn als Vormund zu sorgen. Clauer ein promovierter Jurist, Wolfgang nur Lizentiat, war schizophren und lebte 25 Jahre im Hause am Hirschgraben. Zeitweise, wenn Clauer Krankheitsschübe hatte und tobte, hielt ein Grenadier vor seinem Zimmer Wache.
… Goethes Vater selbst war gemeint, er hatte selbst einen Bruder, der blödsinnig gestorben ist. Cornelia, Wolfgangs Schwester, wollte ihr erstes Kind nach der Niederkunft fortgeben, „weil es dann mehr Freude habe“.
– – im Mansarden-Stock, nach der Straße hin, lag Johann Wolfgangs Zimmer. 30 Jahre lang wohnte dort auch noch der seit Ende seines Studiums geistig umnachtete Dr. Johann David Balthasar Clauer, für den Johann Kaspar für ein tägliches Kostgeld von einem Taler die Vormundschaft übernommen hatte.
Clauer hatte eigenes Geld, er aß Luxusspeisen aus silbernen Schüsseln, wurde bedient. Sein Zimmer war, sein Wunsch, überheizt, völlig verwahrlost, beschmutzt. Das war seine Nische.
Über Clauer ausführlicher –
Elisabeth Mentzel im Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1914/15 über den
Schizophrenen Clauer im Goethe-Haus.
Am 20. Dezember feiert die Grande Dame der österreichischen Lyrik, Friederike Mayröcker, ihren 85. Geburtstag. Gewürdigt wird die Schriftstellerin bereits im Vorfeld mit Filmen, in Radiosendungen und mit „Sprachgeschenken“.
Eigentlich würde sie sich anlässlich ihres Ehrentags lieber verstecken, hat die Autorin gestanden, denn „85 ist kein schöner Geburtstag“.
Vielleicht ändert sich ihre Einstellung, wenn sie am Freitag von Freunden, Wegbegleitern und Kollegen im Großen Sendesaal des RadioKulturhauses „Sprachgeschenke für Friederike Mayröcker“ entgegennehmen wird.
So lautet der Titel der von Irene Suchy moderierten und von der neu gegründeten Friederike Mayröcker Gesellschaft organisierten Veranstaltung, zu der u. a. Bodo Hell, Peter Weibel, Sonja Harter, Elisabeth von Samsonow und Andreas Okopenko erwartet werden. Den musikalischen Teil gestaltet der Pianist Peter Ponger. / ORF
Natürlich: Am gefälligsten sind Fritz Widmers Gedichte, wenn er sie singt. Den «Wintersamschtig» auf dem Berner Märit, das «Sonett vo de Müntschi» mit der wunderbaren Quintessenz, dass «es Müntschi e Bsuech vo eir Seel biren andre isch», die «Schärischlyferballade» über den verträumten Vaganten, den Widmer aus Skandinavien auf den Weg «über Langete gäge Buchsi» verpflanzt hat. Dann nimmt man mit Freuden wahr, was für ein begabter und liebenswerter Liedermacher dieser Berner Troubadour und Freund von Mani Matter doch ist. …
So nahe einem Widmers eigene, die ihm vertraute Welt und persönliche Lebenserfahrung spiegelnden Gedichte gehen: Seine Virtuosität in der Verwendung des Berner Dialekts zeigt sich am anschaulichsten in den Übersetzungen aus anderen Sprachen und aus dem Hochdeutschen, von denen der Band eine ganze Reihe enthält. Wenn er Lars Gustafssons Elegie über verlorene Gegenstände auf den Bauernhof seiner Eltern verlegt, wenn er aus Shakespeares 71. Sonett eine erschütternde berndeutsche Totenelegie macht, oder wenn er «Fin ch’han dal vino», die Arie des Don Giovanni aus Mozarts gleichnamiger Oper, in ein wunderbar pfiffiges Berndeutsch überträgt:
«Feschte u lache,
suufe u singe,
heiss wärde d Gringe
vo all däm Wy.
Nume nid lugg la,
Meitli hät’s gnue da,
nume nid zaagge,
göht se ga fa.»
Friz Widmer: Wo geit das hi, wo me vergisst? Mundarttexte. Cosmos Verlag, Muri bei Bern 2009. 128 Seiten. Fr. 29.–.
/ Der Bund 8.12.
How to make a cocktail beautiful, humanizing, and good.
By Rosie Schaap
Poetry Media Service
So strong is W.H. Auden’s association with the martini that his home city of York, England, marked the 2007 centenary of his birth with tributes not only in words but also in booze.
It’s tricky to confirm exactly what Auden’s martini preferences were. We know that the martini was sufficiently present in Auden’s consciousness to inspire him to write, in taut haiku, this passage of his poem “Symmetries and Asymmetries”:
Could any tiger
Drink martinis, smoke cigars,
And last as we do?
Never mind war, disease, poverty, or the passion that could reduce Auden himself to despair. Here, the measures of our toughness and endurance as a species are the cigar and the martini.
Wystan Hugh Auden took the martini seriously. Richard Wilbur, in a 1993 interview conducted by Lorraine Pearsall, recounts one of his few conversations with the elder poet. “Auden had ordered a martini and I had ordered a martini, and we talked about martinis, and we discussed the fact that if you are devoted to martinis, it’s very hard to get a good one away from home,” Wilbur recalled. “I think that was the essence of our deep conversation, but it was heartfelt.”
I can envision Wilbur and Auden commiserating over the matter, though I puzzle over Wilbur’s sarcasm. Why should such a discussion not have been deep and heartfelt? It’s true that even in the most venerable venues, it’s not easy to get a good martini.
But what sort of martini did Auden prepare at home? If Tarquin Winot, the epicurean protagonist of John Lanchester’s novel The Debt to Pleasure, is to be believed, he made them like so: “I borrowed W.H. Auden’s technique of mixing the vermouth and gin at lunchtime (though the great poet himself used vodka) and leaving the mixture in the freezer to attain that wonderful jellified texture of alcohol chilled to below the point at which water freezes. The absence of ice means that the Auden martini is not diluted in any way, and thus truly earns the drink its sobriquet ‘the silver bullet.’”
It’s charming—sort of—to imagine W.H. Auden, with his lined, noble countenance, inventing the progenitor of the Jell-O shot, but Winot, a perverse and unreliable narrator, is not to be believed, and it seems questionable that an Englishman of Auden’s generation would abide, much less favor, a martini made with vodka instead of gin.
Maybe what I’m trying to say is: I don’t want to believe it. I don’t want to lump Auden in with the cocktail consumers I’ve seen belly up to bars at innumerable happy hours, lean their elbows on the polished wood or marble or zinc, and, with an air of sophisticated authority, order an extra-dry vodka martini with extra olives. I want to pry away their drinks and replace them with real martinis—made with gin and considerably more than a rumor of vermouth, and garnished, if garnished they must be, with clean, curly twists of lemon peel. It’s much the way I feel when, riding the subway some evenings, I catch sight of someone reading Atlas Shrugged, and want to tear the book from his or her hands and replace it with Paradise Lost or The Prelude. Life is too short for Ayn Rand, when one’s time could be spent with Milton or Wordsworth—that is, with something beautiful and humanizing and good. And life is too short for a 10-ounce glass of chilled vodka masquerading as a cocktail, too short to forgo the pleasure of the real martini, a drink that at its best, too, is beautiful, and humanizing, and very, very good.
The notion of Auden’s preferred martini being made with vodka and nearly frozen may have come from an essay by one of his brothers. But John Auden, distinguished geologist and explorer, is ambiguous with respect to his brother Wystan’s martinis. “Although strictly disciplined in regard to work every morning, and with only a beer or a plain martini at lunch, the evenings brought stiff vodkas and martinis from the freezer, which we would drink measure for measure.” By “plain martini” does John mean one made with gin? Were the martinis Wystan withdrew from the freezer along with the “stiff vodkas” based on the same spirit? I was recently told a story about a young magazine writer and editor in New York in the 1950s, who was invited to a party chez Auden. He got so “sick-drunk on Auden’s martinis,” it was said, “that he swore off gin from then until the day he died.” Anecdotal, sure, but it suggests that Auden could go both ways with the martini, sometimes deploying gin, sometimes vodka.
I asked Michael Andre, poet and publisher of the little magazine Unmuzzled Ox, who interviewed Auden as the great Modernist was packing to leave New York City for the final time, if he knew of an “Auden martini” made with vodka and popped in the freezer. Andre had never heard of it, but helpfully added: “The Andre cocktail consists of Valium, Thorazine, Jack Daniels, and a Bud. Works every time.” I don’t doubt it. But I suspect that Andre had forgotten Auden’s aphoristic late poem “Contra Blake”:
The Road of Excess
leads, more often than not, to
The Slough of Despond
Rosie Schaap’s work has aired on This American Life, and her book Drinking with Men, a collection of true stories set in bars she’s known and loved, will be published next year by Riverhead. This article was originally published at http://www.poetryfoundation.org. Distributed by the Poetry Foundation.
© 2009 by Rosie Schaap. All rights reserved.
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