Könixkran Cselahn

Eine „Renaissance der Deutschschweizer Lyrik“ beobachtet Reto Sorg in der NZZ vom 26.5. 2001 in der Gestalt von Christian Uetz , Raphael Urweider und Armin Senser:

1963 im thurgauischen Egnach geboren, ist Christian Uetz Dichter mit Leib und Seele. Wie die alten Rhapsoden kennt der studierte Altphilologe seine Texte par cœur . Wenn er vorträgt, hört und sieht man ihn, doch kein Papier. Die Emphase, die Uetz ins Werk setzt, kommt von Hölderlin und Celan her. Der sprachspielerische Furor erinnert an die Österreicher, an Jandl , an Artmann: «Hölder; schönsterrre Schwahn des Abelnlahn; / Könixkran Cselahn».

Uetz‘ sprachbesessene Aufstände, Urweiders luzide Erzählbilder und Sensers schillernde Lyrik- Ideen markieren avancierte Positionen zeitgenössischer Lyrik. Sie zeigen, was zurzeit im Gedicht möglich ist – und das ist nicht wenig. So bildet ihre Lektüre auch die besten Voraussetzungen zu erkunden, was im Gedicht noch möglich wäre. Die Zukunft gehört den Belesenen.

Das Gedicht hat heute wieder eine Chance. Vielleicht, weil man von ihm lange Zeit nichts mehr gefordert hatte. Jörg Drews spricht gar von der «neuen Unersetzlichkeit der Lyrik ». Tatsächlich leistet weder die erzählende noch die diskursive Prosa, was das Gedicht vermag: Zu affizieren, den Moment zu treffen und einzufangen und zu lösen, was untrennbar scheint: von den Wörtern die Bedeutungen.

Manfred Peter Hein 70

Zum 70. Geburtstag des Dichters Manfred Peter Hein bringt die FAZ einen Artikel von Wulf Segebrecht. Über das Gedicht „Himmelsbleiche“ (aus dem Band „Hier ist gegangen wer“, soeben bei Ammann erschienen) heißt es da: Ein illusions-, aber doch nicht trostloses Resümee zu Beginn des neuen Jahrtausends. Manfred Peter Hein bezieht sich dabei („der Eisheiligen Kind / Mai einunddreißig“) auf seinen eigenen Geburtstag: Heute vor siebzig Jahren wurde er geboren. Höchste Zeit, ihm zu sagen: Wir zählen auf ihn.

Auch die Neue Zürcher gratuliert: „Einmal hat dieser Dichter, der dem unseligen «Ostlandtraum» eine so produktive Wendung gegeben hat, indem er sich den poetischen Osten und Norden angeeignet und den deutschsprachigen Lesern zum Geschenk gemacht hat, einmal hat Manfred Peter Hein Ostpreussen besucht. Das Gedicht «Memorial» erzählt davon. «Liebe totgebettet lang schon vor Abend / Heimat kein Land mehr ringsverstreute Glieder / Disiectae Membra Patriae Heimwehland», heisst es darin. Von den Orten der Kindheit sind nur Fetzen geblieben, See, Strom, Bruch, Haff, Meer; ihre Beschwörung im Wort ruft keine Erinnerung hervor, nur die unabweisbare Erkenntnis: Das alles ist verloren, die Vergangenheit mit der Gegenwart. Ein anderes Gedicht, ein «Psalm», wird von zwei Imperativen unterbrochen. Der erste lautet «Sprich», der zweite «Schweig». Die Kunst Manfred Peter Heins liegt darin, beiden Anordnungen Folge zu leisten: Seine Texte sprechen schweigend, und sie schweigen in seiner Sprache.“  / Martin Ebel, NZZ 25.5.01

Manfred Peter Hein: Hier ist gegangen wer. Gedichte 1993-2000. Mit einem Nachwort von Andreas F. Kelletat. Ammann-Verlag, Zürich 2001. 112 S., Fr. 32.-. 25. Mai 2001

Pfingstwunder

Bei der FAZ scheint die Lyrik ausgebrochen. Nach Dylan auch noch dies (und auch im Netz)! Beginnt und endet (hier nebst einigen Splittern aus der Mitte dokumentiert) selber poetisch:

Worte tanzen nackt: Pfingstwunder beim Bremer Lyrikfestival

Es sei gut zu wissen, so später der Bremer Autor Michael Augustin in einem pointensicheren Gedicht, „daß alle zwölf Sekunden / irgendwo auf der Welt / ein Gedicht geschrieben / aber nur alle einhundertdreißig Minuten / eines gelesen wird“. (…)
… der Koreaner Ko Un: „Zuletzt, verstummend, stirbt der Dichter, / um wiedergeboren zu werden als Gedicht. / Ist er für immer am Nachthimmel ein verläßlicher Stern.“ Ko Un, vom früheren südkoreanischen Regime gefangengenommen und gefoltert, heute Vorsitzender des südkoreanischen Schriftstellerverbandes, bot schon durch die furiose Art seines Vortragens einen Höhepunkt des Festivals. (…)
Der neunundsechzigjährige Autor Adrian Mitchell berät poetologisch Paul McCartney , tönte und bewegte sich stellenweise wie ein Blues-Sänger und sprach: „Lauter nackte Wörter und Leute tanzen zusammen. / Das gibt bestimmt Ärger. / Da kommt schon die Poesie-Polizei! / Einfach weitertanzen.“ Daß er schon 1965 in der Royal Albert Hall siebentausend Zuhörer begeisterte, konnte der Hörer sich auch im Bremer Schauspielhaus ausmalen.
Es handelte sich in Bremen um einen kairos des deutschen Literaturbetriebes. Und schließlich fällt auch der Rezensent erschöpft aus seinen prosaischen Schuhen und resümiert: Und mächtiger strömet die Weser / umgarnen sie Dichter und Leser.

/MARTIN THOEMMES, Frankfurter Allgemeine Zeitung , 23.05.2001

Dylans Geburtstag

„Aus Anlaß von Bob Dylans Geburtstag haben wir vier deutschsprachige Autoren aus allen Generationen, die Dylan erreicht und geprägt hat, gebeten, sich auf das schwierige Geschäft dennoch einzulassen und einige von seinen berühmtesten Liedern ins Deutsche zu übertragen – vom neunzehnjährigen Benjamin Lebert bis zum zweiundsiebzig Jahre alten Hans Magnus Enzensberger .“ (schreibt die FAZ – die anderen sind Raoul Schrott und Wolf Wondratschek.) FAZ ist heute spendabel und veröffentlicht auf der  Homepage drei davon – mit den Originalen. Highway 61 revisited heißt bei Enzensberger: Bei Memphis an der Autobahn / FAZ 23.5.01 – In einer vollständigeren Fassung – nun mit Dichter Lebert – steht der Artikel auch in einem umfangreichen FAZ- Dossier .

Dylan auch bei allen anderen Zeitungen heute: Die Zeit (Thomas Groß) / Süddeutsche (Karl Bruckmaier – wäre gern Dylans Frisör) / noch mal Süddeutsche (Lutz Hagestedt: Seit ein Gedicht wir sind und hören voneinander. Bald sind wir aber Gesang: Bob Dylan als Lyriker und Held der Literaturgeschichte) / NZZ (Manfred Papst) / taz (5 S., taz-Dossier) – Vielleicht kommt ja morgen, am eigentlichen Festtag, noch mehr? –

Hier noch die informative Zugabe der NZZ: Neuerscheinungen von und zu Bob Dylan: Live 1961-2000 (Sony, Japan-Import). Clinton Heylin: Behind The Shades, als Take Two (biographische Gesamtdarstellung, Harper Collins). Günter Amendt: Dylan: Back To The Sixties (gesammelte Rezensionen, Konkret-Literatur-Verlag). Christian Williams: Bob Dylan – in eigenen Worten (Palmyra). Willi Winkler: Bob Dylan. Ein Leben (Alexander-Fest-Verlag). Internet: www.expectingrain.com (mit täglich aktualisierten Setlists und Konzertbesprechungen), www.bobdylan.com .

Anführer des Mainstreams

Robert Gernhardt spricht mit der „Weltwoche“ über die Lage der Lyrik. Statt alte oder neue Ordnungssysteme zu nutzen, produziere der „Mainstream“ ein „aufgeladenes Rauschen“. Für Anführer solchen Mainstreams erklärt er Thomas Kling sowie die diesjährige Büchnerpreisträgerin:

„Für einen komischen Autor ist es nahe liegend, die bewährten Techniken zu benutzen. Zudem: Keiner von ihnen käme mit diesem aufgeladenen Rauschen durch. Er will verstanden werden, und darauf kommt es beim Mainstream heutiger Lyrik überhaupt nicht an. Ich habe von der diesjährigen Büchnerpreisträgerin Friederike Mayröcker noch nie eine Zeile gelesen, die mich berührt, belehrt oder belustigt hätte. Aber ich kenne viele kluge Geister, die sich in   diese Texte rein- und sogar wieder rauslesen können.“ / „Weltwoche“ Nr. 21/01, 23.5.2001

Naked words, dancing together

Am Anfang des zweiten Bremer Festivals „Poetry on the Road“ stand das definierende Wort: „Ein Gedicht ist eine Summe der Menschen und eine Kombination aus Wörtern“, hieß es in dem „Poema“, mit dem der mexikanische Autor und derzeitige Präsident der Schriftstellervereinigung PEN-International Homero Aridjis das Festival eröffnete: „Mit den Wörtern ergreifen wir die Geschichte. Mit dem Gedicht fassen wir das Leben.“

Diese Bestimmung sollte nicht die einzige bleiben. „What is poetry?“ fragte auch der britische Lyriker Adrian Mitchell in einem Gedicht. Seine dionysische Antwort: „Naked words, dancing together“, nackte Wörter, die miteinander tanzen. / Thorsten Jantschek, Die Welt 21.5.01

Biermann, Dylan, Hölderlin

Ich habe dem Bob Dylan dieses und jenes und auch Hölderlins

(Wolf Biermann über Bob Dylan und wie man seine Songs übersetzt)

Außerdem gibt’s ein langes Gedicht von Wolf Biermann, hier eine kurze Leseprobe:

Hier liefer ich also mein Statement, Sir:
Ich heiß Robert Zimmerman, alias Dylan
Kaue mit falschem Gebiß, schlucke Pillen
Die Lieder sonder ich ab wie Schleim
Wenn es mich packt, laufe ich nackt
Hobby: Ich horte Propellerleim
„Nu mach schon, Bobby, unsre Leser wolln schließlich
über `nen Star, der grade steigt
völlige Klarheit …“

/ Die Welt 19.5.01

Pro Avantgarde

Thomas Kling macht sich stark für die poetische Avantgarde

Er verabscheut die sichere Distanz nicht weniger als das gesponserte Experiment. Modische Posen für den risikolosen Erfolg sind ihm ebenso verhasst wie verklemmte Volksbildner. Wenn Thomas Kling vom allseits beliebten „Abqualifizieren der ästhetischen Avantgarden“ spricht, erfasst ihn, der von sich behauptet, gar kein „Avantgarde-Fetischist“ zu sein, heiliger Zorn. Denn die einst von der Gruppe 47 gesetzten literarischen Maßstäbe geisterten, so Kling in seinem Essayband „Botenstoffe“, immer noch durch Kritikerköpfe und seien dafür verantwortlich, dass die deutschsprachige Lyrik mindestens 15 Jahre auf der Stelle getreten sei.

Um dem von ihm konstatierten „Avantgarde-Bashing“ entgegenzutreten, entwickelt Kling auf mehr als 200 Seiten ein polyphones, sprach- und poesiegeschichtliches Netzwerk. Provokant und selbstbewusst schlägt er den Bogen vom Barock-Gedicht des 17. Jahrhunderts bis zur spoken poetry dieser Tage. Dabei spart er nicht mit Lob und Tadel. In teils kritisch-essayistischen, teils assoziativ-polemischen Betrachtungen und Notaten legt er seine poetischen Wurzeln frei, offenbart Affinitäten und Parallelen zu Vorbildern und Kollegen und demontiert Autoren bis zur Kenntlichkeit. / Thomas Kraft, Potsdamer Neueste Nachrichten 19.5.01

Genie und Wahnsinn

The connection between Dickinson’s moods and her poems has long been a subject of interest but has never before been quantified. In the new research, John F. McDermott, professor emeritus of psychiatry at the University of Hawaii School of Medicine in Honolulu, examined whether there was a seasonal pattern to when Dickinson (1830-1886) wrote her poems.

The analysis suggest that Dickinson’s „creative genius was ignited“ in 1862, in the middle of an eight-year period when she wrote most of her work, McDermott said. Generally, during this period, Dickinson was much more prolific during the spring and summer and much less productive in the winter, he found.

„One can speculate she had winter blues or depression, but at the same time, in the spring and summer, she had a flash of creative energy,“ McDermott said in a telephone interview. „There was an overriding of that winter lapse. She wrote all day long — she wrote a poem a day. If she saw the chestnut tree in bloom, she would say the sky was in bloom. She had more intensity and enthusiasm about life. She had a change in mood, a cognitive change.“ / Washington Post 14.5.01

Erich Fried

Er war einer der großen deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Eine Gedenklesung findet am 8.5.statt.

Wien (APA) – … mit seinen Liebesgedichten, deren Auflagen für Lyrik seltene Bestsellerhöhen erreichten, erzielte er nachhaltige Wirkung. Der österreichisch-britische Doppelstaatsbürger wurde in Wien geboren und hatte ab 1938 bis zu seinem Tod 1988 seinen ständigen Wohnsitz in London. Am kommenden Sonntag (6. Mai) jährt sich sein Geburtstag zum achtzigsten Mal.

Aus diesem Anlass findet am 8.Mai (20 Uhr) im Wiener Literaturhaus eine prominent besetzte Gedenklesung statt, zu der die AutorInnen Elfriede Gerstl, Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Andreas Okopenko, Robert Schindel und Rolf Schwendter erwartet werden. Am Berliner Ensemble wird bereits am 1. Mai Erich Frieds gedacht: Sein früherer Verleger Klaus Wagenbach gestaltet einen Abend mit dem Titel „Erich Fried erzählt Angela Merkel wie es wirklich war“. / Tirol Online 29.4.01

Zum Thema auch Die Welt (3.5.01).

2001 April

Hiob in Wien. Gedichte und Fragmente aus dem Nachlass Ernst Jandls

Ernst Jandl war der Überzeugung, dass die Schöpfung misslungen sei, ganz sicher aber sein eigenes Leben. Sein in den letzten drei Jahrzehnten stetig gewachsener Ruhm, die Anerkennung als einer der großen Lyriker der deutschen Sprache der Gegenwart bedeuteten ihm zwar viel, doch manchmal hatte man das Gefühl, dass ihn das ganz tief innen gar nicht erreichte, und in den Phasen tiefster Depression, die ja gar nicht so selten waren in den letzten Jahren, scheint bisweilen auch noch jener Rest an Zuversicht verschwunden gewesen zu sein, der für die künstlerische Produktion wohl unabdingbar ist. Dann verfluchte er sich noch mehr als sonst: Noch nicht einmal seinen letzten und einzigen Daseinszweck konnte er noch erfüllen. / JÖRG DREWS, Süddeutsche Zeitung 21.4.01

ERNST JANDL: Letzte Gedichte. Herausgegeben von Klaus Siblewski. Luchterhand Literaturverlag, München 2001. Sammlung Luchterhand 2001, 124Seiten, 18,50Mark.

FRIEDERIKE MAYRÖCKER: Requiem für Ernst Jandl. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2001. 46 Seiten, 24 Mark.

Briefe eines Schiffbrüchigen.

Theobul Kosegarten: der Mann, der Caspar David Friedrich auf Rügens Kreidefelsen aufmerksam machte – eine Entdeckung

Das Schreiben muss ihm rasch von der Hand gegangen sein. Romane und Gedichte entstehen in erschreckend großer Zahl.

Fünfzehn idyllische Jahre bleiben Kosegarten in dem Pfarramt auf Rügen. Dann zieht der Krieg übers Land, von 1806 an. Napoleons Truppen räumen mit dem alten Europa auf. Der Roman- und Hymnendichter, wendig aus Not, wittert eine neue Chance. Kaum sind die Schweden besiegt, wechselt er auf die Seite der Franzosen, der neuen Herren des Landes, und wird von ihnen alsbald auf den Greifswalder Lehrstuhl für Geschichte und griechische Literatur gehoben. Als Dank hält Kosegarten Napoleon eine schöne Geburtstagsrede. / Michael Zeller, Süddeutsche Zeitung 21.4.01

Die Schneeglöckchen läuten hören.

Eine repräsentative Auswahl aus dem Gesamtwerk des norwegischen Dichters Sigbjørn Obstfelder

„Da ist ein Mann, der die Schneeglöckchen hat läuten hören“, schreibt Rainer Maria Rilke 1904. Gemeint ist der norwegische Schriftsteller Sigbjørn Obstfelder (1866?1900): Rilkes Verleger Axel Juncker war im Besitz der deutschsprachigen Rechte an einer Auswahl mit nachgelassenen Arbeiten Obstfelders, von der 1905 unter dem Titel Pilgerfahrten ein erster Band herauskam (der angekündigte zweite ist nicht erschienen). Auf der Grundlage dieser Texte hatte Rilke über ihn in der Wiener Zeitung Die Zeit einen Aufsatz veröffentlicht. / Süddeutsche 21.4.01

In der Frankfurter Anthologie

vom 21.4. stellt Michael Krüger das Gedicht „Der Mond kniet auf“ von Christine Lavant vor. – Michael Krüger auch in der Rubrik „Das neue Gedicht“ der Welt von heute – als Autor.

 

Welt der Wortkunst.

Das 2. Al-Mutanabbi-Festival der Poesie in Zürich (20.-22.4.)

Irgendwo am Letzigraben 49 muss Aladins Wunderlampe versteckt sein: Aussenstehenden jedenfalls dürfte dies als ein geringeres Wunder erscheinen denn die Tatsache, dass es dem Leiter des dort beheimateten Schweizerisch-Arabischen Kulturzentrums, dem Schriftsteller und Journalisten Ali al-Shalah, zum zweiten Mal gelungen ist, aus eigener Initiative ein dreitägiges Lyrikfestival mit internationaler Beteiligung zu organisieren. Mit zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem Nahen Osten und dem Maghreb ist am Festival al-Mutanabbi – stimmigerweise, da es nach einem grossen arabischen Dichter des 10. Jahrhunderts benannt ist – die orientalische Dichtung stärker vertreten als die europäische; als besonders bedeutende Gäste werden István Eörsi aus Ungarn und der syrische Dichter Adonis erwartet, der seit längerer Zeit als Kandidat für den Literaturnobelpreis gilt. / NZZ 20.4.01

Der Genfer Pianist Jacques Demierre

hat sich der Gedichte von Eugène Guillevic angenommen.

gmn. «Pas la peine / De pavoiser. / Le soleil / Va se lever.» So lautet eines der meist knappen, lakonischen, Aphorismen nahe kommenden Gedichte des 1907 im bretonischen Carnac geborenen Lyrikers Eugène Guillevic, die den Genfer Pianisten Jacques Demierre zu seinem neuen Soloalbum «Avec» (Plainisphare) inspiriert haben. Dabei handelt es sich nicht um eine eigentliche Vertonung des geschriebenen Wortes, sondern eher um spontane Variationen darüber. Entstanden sind diese spröde anmutenden Klangskizzen im Mai 1997. Nach der musikalischen Umsetzung der Worte durch Demierre erhielten die Zuhörer die entsprechenden Texte zugesteckt, so dass sie einen unmittelbaren Einblick in den laufenden Transformationsprozess gewinnen konnten. Diese Möglichkeit bietet sich nun auch durch die CD, in deren Booklet die Verse von Guillevic abgedruckt sind. Eine etwas andere Art, in das Werk eines hierzulande nicht sehr bekannten Poeten einzutauchen. / Der Bund 20.4.01

Wusste Paul Celan ganz genau,

was er schrieb, als er seiner Frau am 23. Oktober 1962, wie immer in der großbürgerlich-französischen Sie-Form, das grandiose Pauschalkompliment machte: „Sie sind, und das wissen Sie genau, die Frau eines Poète maudit… Danke, Gisèle de Lestrange, dass Sie dies alles auf sich nehmen“?

PAUL CELAN – GISELE CELAN-LESTRANGE: Briefwechsel. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé, hrsg. und kommentiert von Bertrand Badiou, in Verbindung mit Eric Celan. Suhrkamp Verlag, Frankfurt /M 2001. Zwei Bände, zusammen 1207 Seiten, 168 Mark.

A L’IMAGE DU TEMPS – Nach dem Bilde der Zeit. Gisèle Celan-Lestrange und Paul Celan. Katalog zur Ausstellung im Tübinger Hölderlinturm (bei der Edition Isele), 165 Seiten, 38 Mark. / KURT OESTERLE, Süddeutsche 20.4.01 / Auch besprochen in der FAZ, 21.4.01

 

FAZ vom 19.4. bespricht

u.a.: Roos, Martin: „Stefan Georges Rhetorik der Selbstinszenierung.“ Grupello Verlag, Düsseldorf 2000, ISBN 3933749395 Broschiert, 226 Seiten, 48,00 DM –

Die Zeit vom 19.4.01 zum Thema

Hund: 1. das Gedicht „Hund und Mann“ des Japaners Kazuko Shiraishi, 2. das Kinderbuch „ottos mops“ vo Ernst Jandl und Norman Junge

Friederike Mayröckers «Requiem»

ist ein «Andenken» an die Orte einer Beziehung und der Geographie. Grado oder Meran, der Attersee. Momentaufnahmen des Erlebten, «es geht wie ein Film ununterbrochen durch meinen Kopf». Und immer wieder liess man sich in gemeinsamen Sommerferien photographieren. Friederike Mayröcker und Ernst Jandl auf Holzbalkonen und in ungemähten Wiesen, zufrieden mit dem schlichten Anspruch des Landlebens. Immer für Wochen ziehen beide im Sommer aufs Land. «Ernst Jandl hat auf diesen Urlauben immer geschrieben, ich nie.» In Puchberg am niederösterreichischen Schneeberg entstehen die rustikalen «Stanzen», Gedichte von brachialer Vitalität.

Friederike Mayröcker: Requiem für Ernst Jandl. Suhrkamp- Verlag, Frankfurt an Main 2001. 48 S., Fr. 22.-. / Paul Jandl, NZZ 18.4.01 – In der taz vom gleichen Tag bespricht Elke Schmitter ebenfalls das Requiem-Buch , außerdem u.a. Ted Hughes: „Wie Dichtung entsteht“.

Gott dem Ohnmächtigen

ist Jandls vermutlich allerletztes Gedicht («rot sei gott») gewidmet – auch dies ein verkapptes Selbstbildnis aus Fluchtiraden und Horrormetaphern, «ein sich in sich speiendes sei gott / . . . / ein im eigenen hirn steckengebliebenes / zeugungsglied». / Felix Philipp Ingold, NZZ 18.4.01

Die hintersinnigen Sprachspiele

kommen in dem Band mit nachgelassenen Gedichten von Ernst Jandl erst später. Auf den ersten Seiten begegnet dem Leser ein Autor, der um seinen nahen Tod weiß und seine Verzweiflung nicht verbirgt. „ich beginne den mißglückten tag“, schreibt er und setzt fort: „mit der bitte um geistige umnachtung./ suche unsterbliche seele;/zahle höchstpreis“. Im Juni letzten Jahres war der beliebte österreichische Lyriker und Sprachexperimentierer gestorben. In der Sammlung Luchterhand wird jetzt ein Band mit seinen letzten Gedichten vorgelegt.

Ernst Jandl, Letzte Gedichte, Luchterhand Literaturverlag (Sammlung Luchterhand), München,123 Seiten, 18,50 Mark. / dpa. Hamburger Abendblatt 18.4.01

»Einer der größten Lyriker «

4bändige Brecht-Ausgabe in der Pleiade-Bibliothek

Zu diesen Außenseitern zählte der Theatermann Terzieff, der auch heute noch begeisternd Brechts Werke aufführt, vor allem auch seine Gedichte auf die Bühne bringt. Mit der Revue »Bertolt Brecht, der Dichter« ist er derzeit in Frankreich auf Tournee. »Brecht ist einer der größten Lyriker des Jahrhunderts. Seine Gedichte handeln von der Innerlichkeit des Menschen, die in seinem Theater nicht existiert«, meint Terzieff, »er hatte das Sichtbare und Unsichtbare im Blick, und zu ihrer Umsetzung in Poesie musste er eine neue Sprache erarbeiten. Er ist im Umgang mit den klassischen Versmaßen ebenso geschickt wie mit den freien Versen«.

Den »großen Poeten der Verfremdung« nennt die französische Presse den deutschen Dichter und begrüßt seine Aufnahme in den Kreis der französischen Klassiker einstimmig. »Endlich ist Brecht in das Pantheon der großen Erzieher des neuen Europas eingetreten«, hieß es dazu etwa. dpa, Reutlinger General-Anzeiger 18.4.01

Ein neuer Wiener Verlag

bringt Dichtung aus ganz Mitteleuropa auf den Markt: Franz Hammer-bachers „Edition Korrespondenzen“.

Auf der Leipziger Buchmesse im März konnte Franz Hammerbacher seine neue „Edition Korrespondenzen“ der ganzen Branche vorstellen. Am Donnerstag, dem 19. April, präsentiert er sein erstes Programm in Wien – in der Buchhandlung Leporello (IX., Liechtensteinstraße 17, 19.30 Uhr). Die Altmeisterin Ilse Aichinger wird dort vorlesen. Eine noble Patin der so ambitionierten wie risikoreichen Neugründung! Im Herbst darf der 33jährige Neo-Verleger einen Titel von der Aichinger herausbringen. Auch der slowakischen Lyrikerin Mila Haugová, dem Österreicher Franz Weinzettl („Das Glück zwischendurch“ heißt sein Buch) sowie Christa Rothmeier, Übersetzerin von Gedichten des Tschechen Petr Borkovec, ist am Premierenabend zu begegnen. Franz Hammerbachers verlegerische Ziele sind schon aus seinen ersten sechs Titeln ablesbar: Poesie, Prosa wie auch Gedichte, in vielen Zungen, vorrangig aus den östlichen Nachbarländern, Übersetzungen mit dem Originaltext auf der jeweils linken Buchseite, die Bücher auf erstklassigem Papier gedruckt und fadengeheftet. Die deutsche Literatur ist vorerst durch den Bachmann-Preisträger Kurt Drawert vertreten. / Die Presse 17.4.01

John Ashbery remains

one of the best examples. His Charles Eliot Norton Lectures, Other Traditions, were published last year, and contains six sweetly playful pieces on five „minor“ poets and Raymond Roussel. Why is David Schubert more important to Ashbery than Eliot or Pound? What is a minor poet? How did William Carlos Williams and Ashbery end up writing exactly the same line? Will Ashbery explain what the hell he was really talking about in Flow Chart? I advise you to go find out. / The New Republic 17.4.01

2001 April

Misere der Moderne

Das Bemühen um deutliche Abgrenzung ist erkennbar, mit dem der Lyriker und Germanist Dirk von Petersdorff seinen Feldzug gegen die vermeintlichen Altlasten der literarischen Moderne unternimmt. Ihn nerven die „Metadiskurse der Bartträger „, die Verlogenheit der machtbewussten „Priesterliteraten“ und jene ordnungsliebenden Staatskünstler, die die Kunst politisch funktionalisieren wollen. Petersdorff spricht in seinem Essayband „Verlorene Kämpfe“ vom „Zustand einer erschöpften Moderne“, die nur noch betrieblich intakt sei und Inhalte und Werte vermissen lasse. / Hannoversche Allgemeine 17.4.01 (Vielleicht ist er auch nur neidisch? fragt ein – machtloser – Bartträger).

Gabriele D’Annunzio -Ausstellung in Rom

Der Siebzehnjährige meldete, nachdem sein erster Gedichtband in zweiter Auflage erschienen war, seinen Tod – um aufzufallen. Und das blieb sein Programm: Der fleissige Dandy arbeitete, als Dramatiker wie als Patriot, als Weltmann wie als Einsiedler, als Sammler wie als Herzensbrecher, als Lyriker wie als Kämpfer zu Land, zu Wasser und in der Luft, an seiner Auffälligkeit; und aus Zeugnissen einer – wie man allerdings sagen muss – genialen Auffälligkeit besteht die ihm gewidmete Ausstellung. / NZZ 17.4.01

Wir lernten die Welt durch ein Gedicht kennen

„zuerst die grossen zeitgenössischen lateinamerikanischen Erzähler, dann Cervantes, dann García Lorca und mit ihm eine Zeit der Lyrik-Lektüre“… sagt der Zapatistenführer Subcomandante Marcosim Gespräch mit dem kolumbianischen Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez über Dichtung und Politik / Tages Anzeiger 17.4.01

Hannibal Lecter mailed him,

Jim Morrison quoted him, Daniel Boorstin made him into cover art. William Blake is everywhere… (sagt Arts & Letters Daily ) Mehr in der Village Voice .

Der 61-jährige

Lyriker Stephen Dunn erhielt den mit 7500 Dollar (rund 17.000 Mark) dotierten Pulitzer-Preis für seine Gedichtsammlung „Different Hours“.

 

LORD BYRON, the poet who scandalised England

with his hellraising exploits, was actually a psychopath, according to new research by a leading psychiatrist. / Telegraph 15.4.01

Von der Uno ausgezeichnet

und mit internationalem Erfolg – trotzdem droht der Internet-Plattform Lyrikline.org das Aus

Seit November 1999 läuft in der Literaturwerkstatt Berlin das Internet-Projekt Lyrikline.org. In einer audiovisuellen Bibliothek können online derzeit etwa 450 Gedichte von 45 Dichtern in 12 Sprachen abgerufen werden von H.C. Artmann bis Leo Tuor. Das Projekt, das für seine Internationalität von Uno und Unesco ausgezeichnet wurde, war mit einem Etat von 400 000 Mark gestartet und sollte jährlich mit 200 000 Mark gefördert werden. Doch Projektleiter Heiko Strunk hat seit drei Monaten kein Gehalt mehr bekommen. Das Weiterbestehen dieser einmaligen Internet-Plattform ist gefährdet. Mit Thomas Wohlfahrt, dem Leiter der Literaturwerkstatt Berlin, sprach Antje Schmelcher./ Die Welt 16.4.01

Grenzgänger der Kulturen

1977 konnte der vierzigjährige Dichter die Sowjetunion verlassen. Er emigrierte in die USA, wo er seit 1980 an der Yale University Slawistik lehrt.

Venclova ist ein Grenzgänger der Kulturen: Seine geistige Heimat liegt nicht nur in Litauen, sondern in gleichem Mass auch in Polen und Russland. Die Denotationen dieser Staatsnamen verflüchtigen sich in der komplizierten Geschichte dieser Region ohnehin – Litauen war lange polnisch oder russisch beherrscht und kannte vor 1991 nur in der Zwischenkriegszeit eine kurze Periode der Unabhängigkeit. Deshalb ersteht Osteuropa in Venclovas Lyrik als einheitlicher Kulturraum, der die politischen Grenzen überwindet. Das heisst jedoch nicht, dass sich die Literatur um die Politik foutieren könnte. Im Gegenteil: Gerade die geschichtlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben den osteuropäischen Dichtern in aller Deutlichkeit ihre ethische Verantwortung ins Gewissen gerufen.

Tomas Venclova: Vor der Tür das Ende der Welt. Gedichte. In der Übertragung von Rolf Fieguth. Interlinearübersetzung von Claudia Sinnig-Lucas. Mit einem Essay von Joseph Brodsky. Rospo-Verlag, Hamburg 2000 / NZZ 14.4.01 – In der FAZ vom 18.4. bespricht Ralph Dutli das Buch.

 

Es ist der Fluch Ostmitteleuropas,

dass das 20. Jahrhundert der lang währenden, nicht immer friedlichen, aber immerhin gelebten Kulturvielfalt ein blutiges Ende gesetzt hat. Zwei verheerende Weltkriege und ihre totalitären Ideologien haben aus den einst blühenden Städten bestenfalls ethnisch einheitliche Zentren mit sorgfältig restauriertem Architekturerbe, schlimmstenfalls aber gesichtslose Anhäufungen von Plattenbauten gemacht. Angesichts der postsowjetischen Tristesse stellt sich die Frage nach den verlorenen Traditionen in aller Dringlichkeit. Im Oktober 2000 trafen sich die Nobelpreisträger Günter Grass, Czeslaw Milosz und Wislawa Szymborska sowie der litauische Dichter Tomas Venclova in Vilnius, um den Kalamitäten der ostmitteleuropäischen Geschichte nachzuspüren.

Günter Grass, Czeslaw Milosz, Wislawa Szymborska, Tomas Venclova: Die Zukunft der Erinnerung. Herausgegeben von Martin Wälde. Steidl-Verlag, Göttingen 2001. 96 S., Fr. 26.20. / Neue Zürcher Zeitung, 14. April 2001

Über das „poetische Peterprinzip „

schreibt JOAN HOULIHAN in der Online-Zeitschrift Web del Sol aus Boston: The Argument for Silence: Defining the Poet Peter Principle. How Contemporary American Poets are Denaturing the Poem, Part III

(Ankündigung der Redaktion: Now legendary hard-hitter, Joan Houlihan, finds silence to be a suitable antidote. This new Boston Comment is going to create howls of relief and indignation. Stir ‚em up, Ms. Joan!)

Außerdem in Web del Sol (bzw. Diagram) : Das Gedicht Mandelstam in Limbo, über das sein Autor Andrew Davis sagt, es sei „obviously, a recasting of the beginning of Dante’s Inferno, with myself, or the „I“ in the poem, as Dante and Mandelstam as Virgil. Virgil was Dante’s supreme intercessor in matters of morality and inspiration; Mandelstam is mine.“ (und mehr!)

Probebohrung

Die besten Gedichte des Bandes scheuen die lärmenden Zentren – und sie meiden die gleißenden Jahreszeiten. Stattdessen suchen sie die Perioden mit raschen Lichtwechseln und klammen Temperaturen, wo Regen, Wind und Nebel als bewegte, verschleiernde Genossen die Zeiten beherrschen. Und so ahnt man beim Anblick eines Fisches, in einer Hütte vor herbstlicher Küste auf eine Zeitung gebettet, – „das licht entzieht sich leise, das papier / nimmt tropfenweise meere in sich auf“ -, in ein Zwischenreich geführt zu werden. Während eines Besuchs im kretischen Kloster Arkadi, bei Regenwetter, – „die geschundenen schädel der märtyrer in der vitrine / deren glas beschlägt vom atem der lebenden“ -, beginnt man Stimmen zu vernehmen, von denen eine sagt: Dieser junge Lyriker versteht es, die Sprache auf Kundschaft auszuschicken.

Jan Wagner: Probebohrung im Himmel. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2001, 80 S., 24 Mark. / Berliner Zeitung 14.4.01

Raphael Urweider reist

zu Lesungen, zwei- bis dreimal die Woche, in deutschsprachigen Ländern, kürzlich sogar in Ägypten. Außerdem arbeitet er an Projekten: Pop, Hip Hop, Theatermusik. Der hagere Dichter erzählt langsam, überlegt, mit leisem Witz, trägt Gedichte aus seinem Buch „Lichter in Menlo Park“ vor.

Zu seinen Versen, über Erfinder und über Kleinbauern, spielt er Klavier. Dass dabei einzelne Worte untergehen, nehme er in Kauf, sagt er, denn: „Was bleibt von einem Text? Doch nur eine Stimmung.“/ Darmstädter Echo 14.4.01

Ob Kurt Aebli

einen Roman schreibt, Kurzprosa oder Lyrik, er zielt immer auf dasselbe Zentrum hin, das er beharrlich umkreist, ertastet und attackiert. Er sucht darin das «spurlos Vorhandene», wie er es in seinem neuen Gedichtband «Die Uhr» nennt. Das, was ohne Anwesenheit existiert, was nicht mehr ist oder gar nie geworden ist. Es zu fassen bedeutet «Die Umrisse / einer ausbleibenden Reaktion / nachzeichnen», «Eine längst annullierte Sache / an Land ziehen» / Der Bund 14.4.01

2001 April

Der Dichter Tomas Tranströmer wird 70 Jahre alt

Tomas Tranströmer war nie und ist kein Großschriftsteller, er ist Poet. Tomas Tranströmer ist nicht geschäftstüchtig, sein gesamtes Werk, seine sämtlichen Gedichte haben Platz in einem Buch von mittlerem Umfang. Tranströmer ist im umsatzträchtigen Sinn gewiss nicht populär. Doch sein Ruhm als Poet reicht über die Grenzen nicht nur seines Heimatlandes Schweden, sondern Europas hinaus. Seine Gedichte sind in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt, und er stand mehrfach als aussichtsreicher Kandidat in engster Wahl für den Literatur-Nobelpreis.

1954 hat Tranströmer, damals 23 Jahre alt, seine ersten Gedichte veröffentlicht, und deren leise, doch zugreifende Modernität wurde in seinem Land sogleich erkannt, gerade weil sie sich jeder erhöhenden Selbstdarstellung verweigerten. Die Attitüde des Dichters als eines besonderen Menschen war und blieb dem am 15. April 1931 in Stockholm geborenen Psychologen, der lange in einer Anstalt für kriminelle Jugendliche tätig war, gänzlich fremd. / Heinrich Vormweg, Süddeutsche 14.4.01

Zum selben Thema schreibt auch die FAZ :

Langsam verlor sich danach der große Bilderschmuck der Sprache. Die späteren Gedichtsammlungen wie „Hemligheter på vägen“ (Geheimnisse auf dem Weg, 1958) und „Klangar och spår“ (Klänge und Spuren, 1966) sind schon viel nüchterner und stärker in Rhythmus und Ton. An die Stelle der Prachtmetapher rückt die persönliche Erfahrung, das einfache Bild, um das herum Tomas Tranströmer ganze Räume mit lakonischer Präzision entstehen läßt – große Geschichten aus einem kleinen Vers. „Das Gedicht, das völlig möglich ist. //Ich blickte hinauf, als die Zweige schwankten./Weiße Möwen aßen schwarze Kirschen.“ Wie diese Entwicklung zum Lakonischen im einzelnen verlief, läßt sich im schmalen Band der „Sämtlichen Gedichte“ nachlesen, die der Hanser Verlag 1997 veröffentlichte – in einem mäzenatischen Akt, denn von diesem Buch sind bis heute nicht einmal tausend Exemplare verkauft.

Der Schriftsteller Harald Gerlach

wandert Goethes Frühlingsreise von 1770 nach

Es gibt Wanderungen, deren Weg noch nach Jahrhunderten die einstige Bedeutung kenntlich macht. Goethes Frühlingsreise von 1770 ist ein solches bewegendes Beispiel. Erlebnis und Genuss überraschender Begegnungen kamen völlig neu in sein junges Leben. Und sie lösten die wohl gefährlichste Phase seines Lebens ab.

Es war der 4. April 1770, als Goethe zum Studium in Straßburg eintraf. Man könnte annehmen, dies sei bloß die logische Einlösung des bereits vor mehr als einem Jahr Angekündigten, dass er nun die Absicht habe, „nach Franckreich zu gehen, und zu sehen wie sich das französche Leben lebt, und um französch zu lernen!“. Hinter dem Plan steckte aber die schmerzvolle Erfahrung: „Mann mag auch noch so gesund und starck seyn, in dem verfluchten Leipzig, brennt man weg so geschwind wie eine schlechte Pechfackel.“ Krank an Körper und Seele, mit vertanem geistigen Gewinn und mit sinnlosem Verlust an viel Geld, ist der 19-Jährige aus Leipzig nach Frankfurt heimgekehrt. Zwei Jahre später wird Straßburg seine letzte Hoffnung auf Überwindung der Krisis. / Die Welt 14.4.01

Diverses

Die Welt druckt ein „Osterlied“ von Wolf Biermann. – Kathrin Schmidt schreibt über ein Gedicht von Christoph Meckel. – In der Frankfurter Anthologie stellt Sabine Doering ein Gedicht von Herrmann Burger vor. /FAZ 14.4.01

Literatur im Exil

Der mit 30 000 Mark dotierte Preis „Literatur im Exil“ der Stadt Heidelberg geht an den bosnischen Autor Stevan Tontic. Tontic erhält den Preis „für seine eindringliche und klarsichtige literarische Auseinandersetzung mit den Schrecken des Krieges sowie der Situation des Exils“, so die Begründung der Jury.

Stevan Tontic gilt als einer der bedeutendsten Lyriker des ehemaligen Jugoslawien. Er wurde am 30. Dezember 1946 in Sanski Most, Bosnien, geboren. Tontic studierte Philosophie und Soziologie und arbeitete als Verlagslektor in Sarajevo. Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, einen Roman sowie Essays und Übersetzungen deutscher Literatur. Bekannt wurde er vor allem durch seine Lyrikbände, von denen „Handschrift aus Sarajevo“ sowie einige Prosatexte ins Deutsche übersetzt wurden. Der 55-Jährige bekam Literaturpreise der Stadt Mostar (1985), der Stadt Sarajevo (1987), den Zmaj-Preis (Novi Sad, 1994) und den Horst-Bienek-Förderpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (München, 2000). Er ist Herausgeber umfangreicher Anthologien wie „Neuere Dichtung aus Bosnien und Herzegowina“ (Sarajevo 1990) mit Gedichten von bosnisch-muslimischen, kroatischen und serbischen Autoren und „Moderne serbische Dichtung“ (Sarajevo 1991). / Rhein-Neckar-Zeitung 12.4.01.

I’m furious.

I’ve tried to get hold of 35 of my books. They’re stuck in a warehouse and can’t be found.

It’s incredibly frustrating – five years‘ work and I feel the book hasn’t been given a chance. Distribution is one of the greatest problems poets face in finding an audience.

Bookshops don’t know how to sell poetry, national papers rarely review it, publishers don’t promote it and yet there are readers out there./ Tagebuch der Lyrikerin Jackie Wills (who is starting six months as a poet in residence), BBC News 10.4.01

Die Anthologie von Gabriele Sander

geht den augenscheinlichen und atmosphärischen Spielarten des Blau in der Lyrik nach: der blauen Blume, dem blauen Himmel, den blauen Augen, dem blauen Kleid und den blauen Schuhen, blauem Getier vom Flusspferd bis zum Schmetterling, dem Blau des Meeres, des Südens, der Sehnsucht – denn: „Das Universum trägt heute wieder: Blau.“ /Kölner Stadtanzeiger

Blaue Gedichte
Gabriele Sander
Taschenbuch
140 Seiten
Reclam, Ditzingen 2001
ISBN: 3-15-018097-X
Preis: DM 7,00 / EUR 3,58

Eine Ausstellung über den Dichter Yvan Goll

Das kurioseste und zugleich bezeichnendste Exponat liegt unscheinbar in einer Glasvitrine: In einem aufgeschlagenen Buch betrachten sich zwei Schädel gegenseitig. Es sind Röntgenaufnahmen des elsässischen Dichters Yvan Goll (1891-1950) und seiner Frau Claire, beigefügt einer Rara-Edition gemeinsam verfasster Liebesgedichte, die nun neben einer Vielzahl weiterer Sonderausgaben, Illustrationen und Fotografien im Rahmen der Ausstellung „Yvan Goll: der unbehauste Dichter – Ein Leben für die Kunst zwischen Paris und Berlin“ zu sehen ist. In ihrer morbiden Transparenz verweisen die Aufnahmen auf das zentrale Anliegen des Lyrikers, Dramatikers, Romanciers und Essayisten: den Menschen zu durchleuchten, seinen Kern auszumachen und ihn in seinem Innersten zu verändern, ihn zu einem neuen Menschen im Sinne des Expressionismus und des Kommunismus zu formen. / Ralf Hertel, Berliner Zeitung 12.4.01

Gedichte in der Tagespresse

Die taz druckt heute ein Lob der Faulheit von Pablo Neruda , die Süddeutsche ein Gedicht von Albert Ostermaier (zum 40. Jahrestag des Flugs von Juri Gagarin) / 12.4.01

 

Die „Zeit“ empfiehlt

Gedichte beinahe en masse (auf einem guten Drittel einer Seite): Benedikt Erenz über Norbert Hummelts „zeichen im schnee“; ferner Kurzbesprechungen von erotischen Gedichten, dem „Jahrbuch der Lyrik 2002“ und natürlich Robert Gernhardt (Ulrich Greiner), schließlich ein Gedicht als Probe: Elisabeth Borchers. / Nr. 16, 11.4.01

2001 April

Sprache / abgehetzt / mit dem müden Mund / auf dem endlosen Weg / zum Hause des Nachbarn.

Johannes Bobrowski, ein unbekannter Dichter aus Friedrichshagen, habe im Jahre 1962 mit dem Rücken zum Fenster gestanden und sieben Gedichte vorgelesen, erzählte Klaus Wagenbach. Die Gruppe 47, die im Jahr nach dem Mauerbau in dem Haus am Wannsee zusammentraf, wo das Literarische Colloquium residiert, sei derartig beeindruckt gewesen von dem Dichter aus Ost-Berlin, dass sie Bobrowski „spontan“ den Preis der Gruppe 47 zusprach, der quasi schon an Peter Weiss vergeben gewesen war. Der unabhängige Ton, der in der westdeutschen Mode der Zeit keine Entsprechung hatte, der Klopstock-Anklang habe die Gruppe 47 „entzückt“, Bobrowskis großes Thema, der „deutsche Osten“, wie man damals noch sagte, die Geschichte und die Verstrickungen der Deutschen im Baltikum, in Polen und Ostpreußen hätten die meisten Mitglieder der Gruppe 47 jedoch kaum interessiert, sagte Wagenbach am Sonntag im LCB auf der ersten Veranstaltung der neuen Johannes-Bobrowski-Gesellschaft. / Berliner Zeitung 10.4.01

Theodor-Kramer-Preis an Stella Rotenberg

Der erstmals ausgeschriebene Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil geht an die in Österreich geborene und in England lebende Lyrikerin Stella Rotenberg. Dies hat der als Jury fungierende Vorstand der Theodor-Kramer-Gesellschaft einstimmig beschlossen. Der Preis ist ein Würdigungspreis, der nicht aufgrund von Einreichungen vergeben wird und mit mindestens 50.000 Schilling dotiert. Die Autorin wird bei der Verleihung am 23. April in Wien aus ihrem Werk lesen, die Laudatio werden Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser halten. / Der Standard 11.4.01

Michael Hofmann

wurde 1957 in Freiburg geboren und lebt seit seinem vierten Lebensjahr in England. Seine Gedichte schreibt er in Englisch; er hat sich als literarischer Übersetzer ins Englische einen Namen gemacht. Der Vater ist der bekannte, 1993 verstorbene deutsche Schriftsteller Gert Hofmann. Vor dessen aufgebahrter Leiche steht ein Messingschild mit seinem Namen: «Dr. Gert Hofmann.» Auch daran erinnern sich Michael Hofmanns Gedichte. «It was a fugitive childhood» heisst es in einer Strophe des Titelgedichtes. «Eine Flüchtlingskindheit» übersetzt Marcel Beyer . Die Fortsetzung gibt seiner Version Recht: Der Vater jagt den Vierjährigen um den Tisch, fällt hin, bricht sich den Arm, «den er wider mich hatte erheben wollen». Wieder keine Berührung. Fein macht die «Feineinstellungen» auch die in solchen Szenen spürbare, leise Ironie Michael Hofmanns. / NZZ 11.4.01

The new Republic recommends

André Breton opens What is Surrealism with a „remark“ made by Isidore Ducasse, also known as the Comte de Lautréamont : „At the hour in which I write, new tremors are running through the intellectual atmosphere; it is only a matter of having the courage to face them.“ The Surrealists took Lautréamont’s poems and his Chants de Maldoror and, working backwards, made him into a sort of crooked grandfather for their movement… / TNR 10.4.2001 (Newsletter )

Seamus Heaney’s new book

of poems is the consciously late work of a master poet meditating on the origins and inevitable ending of his life and art. Like most of Heaney’s books, it is a compendium of poetic genres: eclogue, elegy, epigram, joke, yarn, meditation, ecstatic lyric, after-dinner speech and more — all subtly tuned to diverse vocal registers in an array of verse forms fitted to various occasions, showing again Heaney’s will (and ability) to speak of many kinds of experience to many kinds of reader.

Electric Light
By SEAMUS HEANEY – Farrar, Straus and Giroux

Mit Leseprobe, Heaney-Special (mit den Besprechungen seiner früheren Bücher seit 1967 und Artikeln von und über Heaney) und Audio: Seamus Heaney Reads ‚Keeping Going,‘ ‚The Strand‘ and Others (September 18, 1996)/ New York Times 8.4.01 (kostenlos, aber Anmeldung erforderlich)

Lupins

They stood. And stood for something. Just by standing.
In waiting. Unavailable. But there
For sure. Sure and unbending.
Rose-fingered dawn’s and navy midnight’s flower.
Seed packets to begin with, pink and azure,
Sifting lightness and small jittery promise:
Lupin spires, erotics of the future,
Lip-brush of the blue and earth’s deep purchase.
O pastel turrets, pods and tapering stalks
That stood their ground for all our summer wending
And even when they blanched would never balk.
And none of this surpassed our understanding.

Featured Author: Allen Ginsberg

„Spontaneous Mind: Selected Interviews, 1958-1996,“ by Allen Ginsberg. Edited by David Carter.

Allen Ginsberg died in 1997, but his „uniquely frank and vivid voice seems to sound again in its deftly edited pages“ of interviews conducted over 40 years, writes William Deresiewicz, who teaches English at Yale University. „Yet if anyone knew the difference between printed text and living speech, it was the poet who made immediacy the foundation of his art. Ginsberg talking is like Charlie Parker taking his saxophone out for a spin at the far reaches of harmony and rhythm; reading him is the mental equivalent of being driven at top speed down a winding mountain road.“

Deresiewicz concludes that „the stereotype of Ginsberg as a semiliterate primitive leaves one unprepared for his erudition and intellectual brilliance.“

Featured Author: Allen Ginsberg This retrospective includes reviews of Ginsberg’s books of poetry, journals and essays, articles about Ginsberg, a slide show and a tape of a live reading by Ginsberg from 1977. / New York Time s 8.4.01

Wounded by Un-Shrapnel. JAMES FENTON on Philip Larkin

It is often casually said of Larkin’s poetry that it expresses common experience, that it has its origin in the commonplace, or even—I have seen this in newspapers—that the famous catchphrases that have been drawn from it („What will survive of us is love,” „Books are a load of crap,” „Life is first boredom, then fear,” „They fuck you up, your mum and dad”) express a common point of view. But what strikes us most about Larkin is not the commonness but the singularity of the point of view. / New York Review of Books April 12, 2001

«O my America! My new-found Land!» Eros und Sprache im England der Renaissance

So vergleicht etwa Michael Drayton am Ende des 16. Jahrhunderts – ganz nach der petrarkistischen Mode der Zeit – in seinem Sonett «Idea No. 50» einen Liebenden mit einem zum Tode verurteilten Verbrecher. Der Mann erscheint dabei als Opfer; die Frau dagegen als einer von mehreren – männlichen! – Chirurgen, die den Verbrecher bei lebendigem Leib sezieren, weil es ihnen um die Entdeckung der Grenze zwischen dem lebenden und dem toten Körper zu tun ist. Das Gedicht beschreibt aber auch – in für elisabethanische Leser ziemlich unverstellter Form – den sexuellen Akt: die Wörter «cure» (sexuell erregen) und «kill» (zum Orgasmus bringen) hatten unzweideutige Konnotationen. Aber die Bilderfolge geht in ihrer auf die wirkliche Welt bezogenen Konkretheit noch sehr viel weiter, indem sie Sexualität in einen Kontext stellt, der von der Entdeckung, Eroberung und Kolonisierung fremder Länder, von Rechtsprechung, Strafvollzug,von den chirurgischen Eingriffen bei der Leichensektion und schliesslich von der tabuisierten absoluten Macht der Königin erzählt:

As in some Countries, farre remote from hence, The wretched Creature destined to die, Having the Judgement due to his Offence, By Surgeons beg’d, their Art on him to trie, Which on the Living worke without remorse, First make incision on each mast’ring Veine, Then stanch the bleeding, then trans-pierce the Coarse, And with the Balmes recure the Wounds againe; Then Poyson, and with Physike him restore Not that they feare the hope-lesse Man to kill, But their Experience to increase the more: Ev’n so my Mistres workes upon my ill, By curing me and killing me each Hour, Onely to shew her Beautie’s Sov’raigne Pow’r.

(So wie in gewissen Ländern, weit weg von hier, / ein armes Geschöpf, welches durch ein seinem Verbrechen gemässes Urteil zum Tode bestimmt ist, /von den Chirurgen einverlangt wird, damit sie an ihm ihre Kunst probieren, / indem sie ohne Mitleid an dem lebenden Körper zu arbeiten beginnen: / Zuerst schneiden sie jede einzelne der Hauptvenen auf, / dann stillen sie die Blutung, dann durchstechen sie den Körper, / und dann schliessen sie die Wunden mit Balsam wieder zu, / dann wenden sie Gift an, und mit Medikamenten machen sie dessen Wirkung wieder rückgängig, / denn sie wollen den hoffnungslosen Mann nicht töten, / sondern bloss ihre Erfahrung vermehren, / genau so verfährt meine Freundin mit meiner Krankheit, / sie heilt und tötet mich von Stund zu Stund, / bloss um mir die souveräne Macht ihrer Schönheit zu zeigen.)

In dem Sonett von Drayton spielt der Körper die zentrale Rolle. Er ist zwar auch der Ort der Sexualität, aber er hat im Laufe des Jahrhunderts neue Bedeutungen angenommen: Er gehört nicht mehr dem Individuum allein, sondern er ist vielmehr ein Mikrokosmos, in dem sich der Makrokosmos des Universums, der Welt und des Staatsabbildet. Der Staat selbst ist ein Körper, der Körper der Königin ist das Abbild des Staatskörpers. Der kranke Körper – und die Liebe gilt als Krankheit («work upon my ill») – bedeutet Rebellion gegen den Staat. / Christian A. Gertsch, NZZ 7.4.01

Außerdem bespricht die NZZ: Gödden, Walter / Kiefer, Reinhard : „Utopische Dichter“. Der Schmallenberger Dichterstreit 1956, Ernst Meister und die Folgen. Analysen und Dokumente Ardey Verlag, Münster, 2000, Broschiert, 155 Seiten, 19.80 DM

THE father of Keshan Gunawardena ,

the Eton schoolboy who died last week in a suspected suicide pact with his chronically ill mother, has described how he found his son’s last poem by the bodies… (schreibt die Sunday Times vom 8.4.01). Incl. Final poem of suicide pact son: Bovine Philosophy

2001 April

Das neue Jandl-Projekt,

für das Puschnig den grössten Teil der Musik geschrieben und auch gewisse Texte ausgewählt hat, soll kein typisches «Jazz und Lyrik»-Vorhaben werden. An die Aneinanderreihung von Wort und Musik glaubt Puschnig weniger. «Im Vordergrund wird das Wort stehen, wobei wir auch weniger bekannte, relativ kurze Texte des Autors ausgesucht haben», erklärt Puschnig. / NZZ 7.4.01

In der Frankfurter Anthologie

stellt Georg Wöhrle ein Gedicht von Frank Wedekind vor: „Xanthippe“. „Die böse Frau Xanthippe heißt,/Die ihren Mann am Halstuch reißt. / Sie goß das volle Nachtgefäß/ Hinunter über Sokrates…“ / FAZ 7.4.01

Ebenfalls in Bilder und Zeiten schreibt Harald Hartung über Michael Hamburgers Holocaust-Gedichte.

Das neue Gedicht der “ Welt „: Kathrin Schmidt über Johannes Kühn

Ellen Hinsey,

geboren in Massachusetts, begann früh zu schreiben. Ihr Stil ist geprägt von intensiver Lektüre osteuropäischer Autoren wie etwa der schwermütigen russischen Dichterin Marina Zwetajewa. Er trägt aber auch eine spezifisch amerikanische Lakonik in sich. Die so konzentriert auf Fragen reagierende Künstlerin gehört mit Sicherheit nicht zu den Zertrümmerern alter Formen. Ihre Lyrik bewegt sich, ohne konventionell zu sein, innerhalb der Tradition. Der Leser muss sich auf die Sprache einlassen, muss die Schächte und Hallräume der streng gebauten Verse lesend abklopfen. „Fast fünf Jahre arbeite ich an einem Band“, erzählt Ellen Hinsey in der zum See hin ausgerichteten Bibliothek der American Academy. „Und ein Gedicht benötigt mitunter auch Jahre.“ / Die Welt 5.4.01

Rilke in der Schweiz

FAZ bespricht: Schank, Stefan: “ Rainer Maria Rilke in der Schweiz.“ . . . gleich ferne von bekannt und unbekannt

Eulen Verlag, Freiburg 2000, ISBN 3891024568, Gebunden, 70 Seiten, 39,80 DM / 5.4.01

 

Die Zeit: Kurzke, Hermann: “ Novalis.“

C. H. Beck Verlag, München 2001, ISBN 3406459684, Taschenbuch, 112 Seiten, 17,90 DM

Auf der aktuellen SWR-Bestenliste

zu finden: der französische Lyriker Philippe Jacottet mit „Antworten am Wegesrand“ (Hanser) (6.) und Friederike Mayröcker s „Requiem für Ernst Jandl“ (Suhrkamp) (8.)

 

Ralf Rothmann (46),

Lyriker und Romancier, erhält den diesjährigen Hermann-Lenz-Preis. Die vom Münchner Verleger Hubert Burda gestiftete Auszeichnung ist mit 20 000 Mark dotiert. Die Lenz-Stiftung wurde 1994 von Hermann Lenz und seiner Frau gegründet. Der in Berlin lebende Ralf Rothmann wurde am 10. Mai 1953 geboren. Sein lyrisches und erzählerisches Werk wurde bereits mit mehreren Ehrungen ausgezeichnet, darunter dem Märkischen Kulturpreis 1986 und dem Literaturpreis des Landes Nordrhein-Westfalen 1996. / Main-Echo Aschaffenburg 5.4.01

10. Todestag

des Dichters Ernst Schönwiese. Poesie als Urerfahrung

Vor zehn Jahren, am 4. April 1991, starb in Wien der Dichter Ernst Schönwiese. Er hat in den Dreißigerjahren, besonders aber nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Entwicklung der Österreichischen Literatur entscheidend mitgeprägt. Ein freudiger Entdecker, hat er als einer der ersten auf Canetti hingewiesen, auf Broch und Musil, die er 1935 in seiner berühmt gewordenen Anthologie „Patmos“ auch als Lyriker vorstellte. Er regte Broch zu einer Erzählung an, die später zur Keimzelle des großen Romans „Der Tod des Vergil“ wurde. Nach Hitlers Machtergreifung in Deutschland gründete er die Zeitschrift „das silberboot“, um den freien Geistern, die der Nationalsozialismus zum Verstummen bringen wollte, ein Forum zu bieten. Nach seiner Rückkehr aus der Emigration ließ Schönwiese diese Zeitschrift wieder aufleben. Wir begegnen in ihr unter anderen Hermann Hesse, Broch, Musil, Felix Braun, Faulkner, André, Gide, Franz Werfel, Erika Mitterer. In den jüngsten Jahren trat Schönwiese besonders für Ingeborg Bachmann, Juliane Windhager, Jeannie Ebner, Friedrich Bergammer und Ernst David ein. Vorurteilsfrei nahm er schon vor Jahrzehnten H. C. Artmann und Thomas Bernhard in seine Anthologien auf. …

Vor allem aber war er ein großer europäischer Lyriker, vergleichbar mit Rilke, Octavio Paz, Hofmannsthal, Jimenez und René Char. Das Dichterische war ihm „ident mit der Urerfahrung des Menschen“. In der Poesie, so bekannte er, „ist in allen Religionen gemeinsame Erlebnis inkarniert“. Ein Meister des „Geheimnisvollen Ballspiels“, wusste Schönwiese zutiefst, dass wir mitten im Willen stehen, wenn wir nicht mehr wollen. Sein Gedicht, zwischen Sichtbaren und Unsichtbaren schwebend, ist nur dem Gefühl fassbar und lebendig, und doch erscheint in ihm „das Eine, das überall ist und nirgend“. Schönwieses Lyrik – in 13 Büchern gesammelt – ist vom „Siebenfarbigen Bogen“ bis zu „Baum und Träne“ vom Agens lebendiger Erfahrung erfüllt. In seinen Frühen Gedichten erweist er sich als ein Architekt der Strophen. Neben hymnischen Oden stehen gereimte Gedichte. Alle aber, ob sie nun von der Betrachtung ausgehen oder die tiefsten Augenblicke beseligender Liebe verewigen, künden vom Bleibenden und verklärender Schönheit. Das Herz wird als das eigentlich zeugende Organ des Lebens erkannt. / Paul Wimmer, Wiener Zeitung 4.4.01

Wie erging es Ihnen,

als Sie erstmals die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger lasen?

Aue: Ich bin von Haus aus kein Lyrik-Fan, aber als ich das gelesen habe, war ich aus den Latschen. Mich hat verblüfft, dass sie erst 18 Jahre alt war. Sie schreibt nicht frühreif, aber hellsichtig und sehr abgeklärt, ganz so, als hätte sie ein Gespür für die Kürze ihres Lebens. In den Gedichten geht es sehr stark um unerwiderte Liebe. Mich beeindruckt, dass sie das Elend im Arbeitslager nie wirklich thematisiert, sondern immer auf einer Metaebene mitschwingen lässt. Man spürt Abschied, Trauer und Todessehnsucht, aber zu dieser Innenwelt sind die Gedichte eine Art Gegenwelt, um das psychische Überleben zu sichern. / Der Nürnberger Dokumentarfilmautor Michael Aue über das Videokonzept zur neuen Czurda-Produktion, Fürther Nachrichten 5.4.01

Slowenische Lyrik

Das Poesiefestival wird heuer an fünf Wochenenden stattfinden, wobei jeweils eine andere Sprache und poetische Landschaft vorgestellt werden. Das Interesse ist auf Eigenheiten und Gemeinsamkeiten, auf Widersprüchliches und Mehrsprachiges, auf Übersetzungsarbeit gerichtet. Den Auftakt bildet am Freitag in der Secession Lana (um 20 Uhr) slowenische Lyrik, mit zweisprachigen Lesungen: Marusa Krese aus Berlin, Maja Vidmar, Urosv Zupan und Alesv Svteger aus Ljubljana/Laibach und Fabjan Hafner aus dem österreichischen Feistritz. Am Samstag ist auf Schloss Fahlburg in Prissian (18 Uhr) Gespräch mit Fabjan Hafner (Übersetzer), Franz Hammerbacher (Edition Korrespondenzen, Wien) und den Autoren; um 20 Uhr Performance für Stimme und Akkordeon von Dane Zajc und Janez Svkof aus Ljubljana/Laibach. Zum „Welttag des Buches“ am 23. April ist im Raiffeisenhaus Lana Lesung und Diskussion mit Gerhard Falkner. Anlass bildet die Uraufführung von dessen Stück „Alte Helden“ im Neuen Stadttheater Bozen mit den Vereinigten Bühnen Bozen. Vorgesehen sind noch Tage zur polnischen, russischen und tschechischen Dichtung. / Dolomiten Online 5.4.01

‚He’s beyond music, beyond lyrics‘

For me Bob Dylan was more important, way back then, than the Beatles or the Stones or anyone else. And though there are many great songwriters these days – Paul Simon, Tom Waits – I still think nobody comes close. / Salman Rushdie und andere schreiben über Bob Dylan / The Observer Sunday March 25, 2001

Unterschiedliche Meinungen

der Kritiker von SZ, FR und nun FAZ über das neue Buch von Amanda Aizpuriete kann man bei Perlentaucher nachlesen.

Aizpuriete, Amanda: „Babylonischer Kiez.“ Gedichte. Aus dem Lettischen von Manfred Peter Hein
Rowohlt Verlag, Reinbek 2000, ISBN 3498000586, Gebunden, 72 Seiten, 38,00 DM

Slobos Bekenntnis

Ein Lyriker rechnet ab Jetzt weiß Milosevic, woran er glauben kann / Von Charles Simic

Ich dachte, die Serben würden Milosevic nie loswerden. Wenn es noch irgend etwas gibt, was Kontinuität und Dauer zu garantieren scheint, dann sind es Diktatoren. Irgendwann haben sie uns alle davon überzeugt, daß sie auf ewig bei uns bleiben würden. Und ist es nicht genau das, was sich ihre Anhänger, die zu Tausenden auf Massenkundgebungen brüllen, von ganzem Herzen wünschen? Selbst noch in jener Nacht, in der Milosevic endlich festgenommen wurde, versicherten die vor seiner Residenz versammelten Anhänger den Reportern, Millionen von Menschen, die den Diktator immer noch liebten, befänden sich im Anmarsch auf Belgrad und der Chef werde die Dinge in Kürze wieder selbst in die Hand nehmen.

(Der Lyriker Charles Simic wurde 1938 in Belgrad geboren und lebt in New Hampshire. Zuletzt erschien sein Gedichtband „Grübelei im Rinnstein“.) / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2001, Nr. 80 / Seite 49

Die zwei Welten des slowenischen Dichters Florjan Lipus

Florjan Lipus, 1937 in Lobnig geboren, gehört zu den herausragenden slowenischen Gegenwartsschriftstellern. 1972 wurde der Roman seiner Jugend, «Der Zögling Tja», von Peter Handke für den deutschsprachigen Raum entdeckt. Mittlerweile hat es Lipus akzeptiert, als Kärntner Slowene Teil einer verschwindenden Kultur zu sein. …

Florjan Lipus, geboren 1937 und aufgewachsen in einem engen Tal der Karawanken (einem «Graben», wie die Einheimischensagen), ist Kärntner, Kärntner Slowene – Angehöriger jenes slawischen Volkes, das die Region einst erschloss und beherrschte. Längst sind die (noch 15 000) Slowenen in Österreich eine Minderheit im eigenen Land. Lange wurden sie mit scheelen Blicken betrachtet und waren in Schüben den Demütigungen und Repressalien der Mehrheit ausgeliefert. / Uwe Stolzmann, NZZ 4. April 2001

Bruder der Nacht

Vor 200 Jahren starb Novalis. Goethe mochte seine „flirrende Lust“ nicht, aber das Werk ist noch immer eine Herausforderung

Zum Motiv des einsamen Greises gehört auch das des „umgezogenen Himmels“. In einem Gedicht schreibt Novalis: „Der Himmel war umgezogen,/ Es war so trüb und schwül,/ Heiß kam der Wind gefolgen/ Und trieb ein seltsam Spiel.“ In diesem knappen Vers, wieder ein aus der Fassung gesprungenes Idyll, hält Novalis die ernüchternde Einsicht fest, dass er nicht länger von der gutmütigen Vorstellung ausgehen kann, sein Leben sei in einer höheren Ordnung verankert. Er sieht sich einem „heißen Wind“ ausgesetzt, weiß nicht, wo er Schutz vor dieser Klimaverschärfung finden kann, und diese Verschlechterung seiner Lage verschärft seine Erwartungen an die Literatur. Sie ersetzt ihm die Bibel, sie soll dem Autor und seinen Lesern dabei helfen, eine genauere Vorstellung ihrer Lebenssituation zu entwickeln. Die Literatur wird zur einzigen Orientierungshilfe. Das ist für den Autor einerseits zwar schmeichelhaft, andererseits verpflichtet es ihn, mit größtem Ernst an seinen Versen zu arbeiten. …

Dass Novalis zu einer derart radikalen Auffassung von Literatur gelangte, hängt mit seinem Geburtsdatum zusammen und den Chancen, die sich daraus für ihn ergaben. Er kam im Mai 1772 in der Nähe von Mansfeld (Thüringen) zur Welt, und er konnte, als er zu schreiben anfing, auf die Errungenschaften von Autoren wie Goethe … aufbauen. / Klaus Siblewski, FR 24.3.01