Lyrisches Celluloid

In der FR bespricht Jan Wagner Albert Ostermaiers neue Gedichte unter der Überschrift

Lyrisches Celluloid

Gestern noch in der Zeitung, heute schon im Gedicht. Hier wie anderswo bleibt Ostermaier ganz nah an dem, was die Gemüter bewegt; in seinen besten Gedichten allerdings bewegt er sie ohne Rückgriff auf Tagespolitisches, nur kraft seiner gelassenen Verskunst. Eines dieser Gedichte trägt den Titel „mississippi“ und leitet den Band ein: „ein gedicht steigt auf wie die / luftblasen aus dem mund eines / ertrinkenden“, heißt es darin. Ostermaiers Gedichte lassen ebenso oft und weniger dramatisch an die Kaugummiblasen aus dem Mund eines Flaneurs denken – und gerade das macht sie überaus sympathisch. / FR 16.2.02

Albert Ostermaier: Autokino. Gedichte, mit CD. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001, 120 Seiten, 20,80 .

Afghanistan ohne Dogma

Die Gazette sprach mit dem afghanischen Schriftsteller Atiq Rahimi :

Unserer kulturellen Vergangenheit bis zum 17., 18. Jahrhundert. Ich liebe diese Literatur, ich verschlinge diese Bücher und bin stark beeinflusst davon. Es gab eine Offenheit, eine Insolenz allem gegenüber, die damaligen Autoren wagten es, von Gott anders zu sprechen, sie interpretierten den Koran und wandten ihn nicht wie eine starre Doktrin an. Der Islam bis zum 17., 18. Jahrhundert beruhte auf buddhistischer und zoroastrischer Basis, er gründete nicht auf der Angst vor Gott, sondern auf der Liebe zu Gott. Es war eine Philosphie, die sich fast schon zu einer humanistischen Philosophie des Menschen hin wandelte, eine vom Sufismus geprägte mystische Philosophie, die gegen die muslimischen Dogmen ankämpfte. Und dann gab es diese wunderbare Dichtung, die von der Frau und vom Wein, sprach; die Liebe des Menschen zu Gott wurde stets mit der Trunkenheit durch den Wein verglichen, ohne die spätere Sakralisierung. Fardusi, Khayyam, Rumi und Nezami , das sind meine Autoren. / Feb 2002

Atiq Rahimi, Erde und Asche, Aus dem Persischen von Susanne Baghestani, Claassen-Verlag (www.claassen-verlag.de), München 2002, 112 Seiten, 13 Euro

Much of Christensen’s linguistic virtuosity

puts one in mind of the phenomenon known as reduplication, a morphological process in certain languages (such as Turkish, Indonesian, Somali, Greek, Nez Percé—but excluding English and Danish) which copies all or part of the base to which it applies, in order to mark a grammatical or semantic contrast. Whether full or partial, reduplication can serve to intensify an adjective, place a verb into the future or the past, pluralize a noun or scatter its distribution, render an action continuous, or simply imply repetition. Moreover, Christensen makes skillful use of compound noun constructions in a way that is not only pleasurable, perhaps onomatopoeic, but also hints at the strange marriages of earth and air, water and fire, that define the world by seeming to defy it: „knotgrass“ and „sweetgrass,“ „icelocked“ and „iceplant,“ „fireweed and mugwort,“ „brickworks,“ „stoneskies,“ „groundwater,“ „greylight,“ „morningpale“ and „summerwarm.“ Occasionally Christensen veers from verbal and visual acuity and lapses into preciosity or précis: „I write like winter,“ she states at the end of 13, „write like snow / and ice and cold / darkness death / write.“ But overall, her play with letters and numbers—units that assume signification only within a structured economy, by existing within a system—is seductive, how she uses them to reveal how „a drop of water falls // on a leaf on a branch on a tree / on an earth.“ In her authentic relationship to „earth as it is in heaven,“ Christensen can even imagine „a / door with no house standing wide open still“—and somehow she ushers us inside. / Andrew Zawacki, The Boston Review Feb/Mar 2002.

Hugo-Hype

Hugo-Hype in Frankreich (schreibt Perlentaucher), dies The Economist (14.2.02):

VICTOR HUGO was born in 1802, and his bicentenary promises to be the biggest celebration of any writer in years. The French ministries of education and culture have set up enormous Hugo websites, listing enough Hugo-related events, from Madagascar to China, to last another 200 years.

Avantgardist des Fin de Siècle

Unter der Überschrift Ein Avantgardist des Fin de Siècle schreibt der Gießener Anzeiger über Richard Dehmel. / 14.2.02

Der Jäger

Die Berliner Zeitung schreibt über den DDR-Kulturpolitiker Alexander Abusch, der in den 50er Jahren auch seinen Freund Johannes R. Becher heimlich attackierte:

Lilly Becher [Bechers Witwe] … verwahrte in einem Tresor Gedichte aus den Jahren 1956/57, die Bechers tiefe Resignation in Gleichnissen ausdrücken. Sie versah sie mit handschriftlichen Anmerkungen. Eines heißt „Der Jäger“:

Ich bin ein Wild, der Jäger hats erlegt, / Und um mich her versammelt sich die Meute. / Gewisse Leute: „Seht, welch eine Beute!“ / So kläffen sie. Der Jäger schweigt erregt.

Denn er, der Jäger, war er nicht einst Wild / Und fiel gehetzt der Meute auch zur Beute? / Nun sieht er in dem Wild sein Gegenbild / Und schweigt beredt zu dem Gekläff der Leute.

Unter die Überschrift setzte Lilly Becher ein erklärendes A. A.
Berliner Zeitung 14.2.02

Sprachspeicher

Am Anfang war der Zauberspruch: „Eiris sazun idisi,…..sazun hera duoder,/ suma hapt heptidun, …..suma heri lezidun,/ suma clubodun….. umbi cuoniowidi:/ insprinc haptbandun, …..invar vigandun.“ …: „Einst sassen frauen …..sassen frauen hier und dort. / Einige hefteten stricke…..einige hinderten’s heer, / einige fingerten …..an fesseln: / entspringt den haftbanden! …..entkomm den feinden!“
Ob der aus dem Frühmittelalter stammende Zauber bei Thomas Kling gewirkt hat, muss offen bleiben, aber zumindest hat er ihn übersetzt und in seinen „Sprachspeicher“ aufgenommen, der die Ergebnisse seiner Reise durch Vergangenheit und Gegenwart der deutschen Lyrik zusammenfasst. In dem 360 Seiten starken Buch geht es dem auf Hombroich lebenden Lyriker nicht um die eigenen Gedichte, sondern darum, „zu zeigen, was die deutsche Sprache dichterisch zu bieten hat“. / Neuß-Grevenbroicher Zeitung 14.2.02

Drei-Worte-Gedicht

Nach der 1999 von ihrem Hausverlag spendierten bibliophilen Werkausgabe gibt es nun von Sarah Kirsch neue Kurzgedichte, noch kürzere als die 1996 in dem Band «Bodenlos» erschienenen, keines länger als zehn Zeilen. Es sind staunenswerte Epiphanien und kleine lyrische Wunder an sprachlicher Präzision, so wie dieses Drei-Worte- Gedicht: «Kiebitze segelnde / Trauerrandbriefe.» «Schwanenliebe» ist ein lyrischer Zyklus von bemerkenswert prosaischem Seitenumfang, ein Kalenderbuch. So etwas kann nur schreiben, wer das Einssein mit der Natur immer wieder als ein Beisichsein erfahren hat, tägliche einsame Übungen in gedanklicher Askese und meditativer Konzentration vorausgesetzt. / Beatrix Langner, NZZ 14.2.02

Sarah Kirsch: Schwanenliebe. Zeilen und Wunder. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, München 2001. 258S., Fr. 35.20.

Surrealist Love Poems

Not surprisingly, Paul Eluard’s 10 poems are among the strongest, especially “I love you,“ “The earth is blue like an orange,“ and “The lover,“ with its endearing first line, “She is standing on my eyelids.“ The poems of the dadaist Philippe Soupault, the Mexican author Octavio Paz, Benjamin Peret, and his beloved, the painter Remedios Varo, are also memorable. Varo’s poem is funny and wicked, though it doesn’t give off a small fraction of the heat generated by Joyce Mansour’s poems.
Finally, as someone who’s often a bit suspicious of translations, I think it’s unfortunate that the poems aren’t presented in their original language in addition to English (most of them were presumably written in French). When Rene Char alludes to “unquenchable pane“ in “The nuptial countenance,“ is that a play on words? A surreal image? A typo? Without more investigation, we’re left guessing at the answer to that question and others.
This story ran on page D5 of the Boston Globe on 2/14/2002.

Manhattan Mundraum II

Vier Monate nach den Ereignissen, da die publizistische Hysterie längst wieder abgeflaut ist, veröffentlicht nun die österreichische Literaturzeitschrift „manuskripte“ (Nr. 154) in ihrer aktuellen Ausgabe ein Gedicht des Lyrikers Thomas Kling, das unmittelbar unter dem Eindruck der terroristischen Attentate entstanden ist, gleichwohl für die ästhetische Verarbeitung des Schocks eine gültige Form gefunden hat. Das Gedicht vermeidet den Fehler der meisten Texte, die mit großem Meinungsgefuchtel und Betroffenheitsbekundungen den „Schock“ vermeldeten, dass „nichts mehr so sei wie zuvor“. „Manhattan Mundraum zwei“ darf dagegen als erstes Gedicht zum 11. September gelten, das über die Bekundung unsagbaren Entsetzens hinausgelangt. Das Gedicht schreibt das phänomenale Großstadtpoem „Manhattan Mundraum“ fort, das Klings preisgekrönten Gedichtband „morsch“ (1996) eröffnete. Anstatt sich in larmoyanten Spekulationen zu ergehen, sucht Kling die Nähe zu den Verfahrensweisen des Dichters Paul Celan. Er arbeitet mit Techniken der extremen Engführung, verkürzt den Stoff auf wenige Schlüsselchiffren, die in ihrer Rätselstruktur unterschiedliche Deutungen zulassen. Die Ereignisse des 11. September werden im Text selbst nicht explizit; sie sind zurückgenommen in suggestive Chiffren: das „loopende auge“, der „algorithmen-wind“, die „lichtsure“, das „totnmehl“. Mitunter glaubt man Anspielungen auf Augenzeugenberichte zur Katastrophe zu vernehmen, nebst einem deutlichen Hinweis auf Celans „Todesfuge“, etwa im Begriff der „Luftsiedler“, denen bei Celan „ein Grab in der Luft“ geschaufelt wurde. / Michael Braun, Rheinpfalz Online 12.2.02

Lyrik-Performance zu Paul Celan

Auf der Bühne im Central-Theater sind an einem mannshohen Gestänge Gongs und Klanghölzer aufgehängt, große Pauken und Saiteninstrumente, die Monochorde, haben Besitz vom Raum ergriffen. Ganz vorn steht winzig ein halb volles Glas mit Wasser, so spröde und leise wie die Lyrik Paul Celans sonst erscheint. Die Performance „Zwischen immer und nie“ der Stuttgarter Manuela Ruh und Arno Schostok versucht eine Symbiose von Musik und gesprochener moderner Lyrik. /Petra Weber-Obrock, Eßlinger Zeitung 12.2.02

Kaschmir

Über den Konflikt zwischen Hindus und Moslems in und um Kaschmir berichtet Ilja Trojanow:

Die gegenwärtige Dominanz einer antagonistischen Einstellung deutet zum einen auf tiefsitzende Verunsicherung, zum anderen auf einen bitteren Kampf um Pfründen. In solchen Zeiten geraten die wunderschönen Zeilen des Dichters Amir Khusrau aus dem 12.Jahrhundert allzu schnell in Vergessenheit: Manto shudam to man shudir – Ich bin du und du bist ich. / NZZ 11.2.02

Nazım Hikmet

Warum es die Türkei nicht schafft, Frieden zu schließen mit ihrem berühmten Dichtersohn Nazim Hikmet – selbst zu dessen 100. Geburtstag nicht –
schreibt Christiane Schlötzer in der Süddeutschen , 11.2.02

Olympische Gedichte

Olympische Gedichte von Pindar und Bacchylides stellt die RubrikPoet’s Choice: By Edward Hirsch in der Washington Post vor, Sunday, February 10, 2002; Page BW12

Matthias Koeppel

«Hott’z Mülleinnnijomm pegunnen, mörrckstde auchch nüxx mööhr darvunnen.» So dichtet Matthias Koeppel; andere anders in:

Axel Kutsch und Anton G.Leitner (Hrsg.): Unterwegs ins Offene. Erste Gedichte aus einem neuen Jahrtausend. Verlag Landpresse, Weilerswist 2000. 118S., Fr. 35.-.

Neue Zürcher Zeitung , 9.Februar 2002