70. Samsons Horrorjahr

Herta Müller und Horst Samson gehörten beide von 1981 bis 1984 dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis Temeswar an, der mit sozialkritischer Literatur die Verhältnisse ändern wollte. Beide wurden sie aus diesem Grund vom rumänischen Geheimdienst Securitate als staatsfeindlich angesehen, verfolgt und bedroht. Beide verließen 1987 das Land Richtung Westdeutschland. Sie sind heute noch miteinander befreundet. Samson wollte das Land nicht verlassen. „Ich habe immer gesagt, ich bin der Letzte, der hier das Licht ausmacht. Aber dann kam die Angst, dass die einem das Licht ausblasen“, erzählt der 55-Jährige Vater eines Sohnes. 1986 nennt er sein „Horrorjahr“. Ein anonymer Anrufer sprach davon, ihm einen Nagel in den Kopf schlagen zu wollen. Der Sicherheitsdienst machte dem Schriftsteller und Journalisten schließlich klar: „Entweder bringen sie mich um oder ich emigriere“, sagt Samson. …

1984 löste sich der Literaturkreis selbst auf – aus Protest, weil die Lesung des westdeutschen Autors Günther Herburger verboten wurde, wie Samson erzählt. „Das war ein Paukenschlag.“ Denn: „Die Securitate wollte den Kreis haben als Propaganda für die Minderheitenpolitik Ceausescus, aber eben keinen kritischen.“ Mit dieser Aktion habe der Kreis die Propagandamaschinerie unterhöhlt, so Samson. Doch die Securitate trieb weiter Keile in die Freundschaft der Schriftsteller, spielte den einen gegen den anderen aus. „In meiner Akte steht, dass sie mich erfolgreich isoliert hätten und ihre Diversionsarbeit voll zum Zuge gekommen sei“, erzählt Samson.

Die Akte über ihn füllt 870 Seiten. Vor deren Inhalt hatte sich Samson gefürchtet, vergangenes Jahr wagte er den Blick hinein. Dass er als Staatsfeind angesehen wurde, überraschte ihn wenig, dass er aber unter anderem wegen seiner Beziehung zum Goethe-Institut als westdeutscher Spion galt, sehr. „Da habe ich an den Stasi-Ausspruch gedacht, dass Spione erschossen werden.“ Heiß sei ihm geworden, als ihm diese Dimension bewusst wurde. Samson durchblättert die Kopien der Akte, die Berichte eines „Voicu“. Beim Studieren der Akte habe Samson erkannt, dass unter diesem Decknamen ein Freund aus dem Literaturkreis, mit dem er noch in losem Kontakt stand, ihn beschattet hatte. „Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben.“ …

Auch wenn er sich mit seinen Gedichten eine Reihe von Preisen erschrieben hat, sein „Broterwerb“ war und ist der Journalismus. Samson schreibt etwa 15 bis 20 Gedichte im Jahr. / Tina Full-Euler, FR 10.12.

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