So bildet sich in Lyrik von Jetzt 3 ein Porträt der Generation jener, die nach 1980 geboren wurden, ab. 84 Stimmen aus drei Ländern, die etwas zu sagen haben und dies auch noch poetisch verpacken können: Das ist nicht nur schön und bereichernd für die gesamte deutschsprachige Lyriklandschaft, sondern bereitet auch den Weg für die nächste Generation junger Lyriker*innen.
Lyrik von Jetzt 3 beweist, dass es sich durchaus lohnt, für die junge, deutschsprachige Lyrik über Grenzen zu gehen. Die Anthologie verspricht eine kurzweilige, abwechslungsreiche Lektüre und hält mit Gewissheit für jeden Leserin ein neues Lieblingsgedicht bereit. / poesierausch
Max Czollek, Michael Fehr, Robert Prosser (Hgg.)
Lyrik von Jetzt 3 / babelsprech
Wallstein Verlag
ISBN: 978-3-8353-1739-0
Warum hat bislang noch niemand auf die Nähe von Meyers Techniken beispielsweise zur Zwölftonmusik hingewiesen, die mit Mustern des klassischen Kontrapunkts arbeitet? Nicht nur ist darin jeder der zwölf Töne einer Oktave gleichberechtigt – wie im Pangramm „Quizlöß“ alle 26 Buchstaben, drei Umlaute und „ß“ des deutschen Alphabets –, sondern die Themen werden wie bei einer Fuge vorwärts wie rückwärts (‚Krebs‘ genannt) verwendet und jeweils gespiegelt. Der Text „as snow“ wäre in diesem System so etwas wie die Spiegelung des Krebses:
as snow
punos sound
mousse.
Mit diesem „Vertikalpalindrom“ springt der Autor endgültig von der orthographischen zur grafischen Form – da kann man sich wahrhaft auf den Kopf stellen! Wem das zuviel ist, der erfreue sich an Homogrammen, in denen nur Wortzwischenräume und Interpunktion den Unterschied machen: „Language ist / Brauchtum. / Lang u.a. Geist / braucht, um // derbe Steward / zu sein. / Der Beste ward / zu Sein.“
Bertram Reinecke bringt es in seinem Nachwort auf den Punkt: „Wem Palindrome und Anagramme Kreuzworträtseln ähnlich scheinen, der hat im Dunkel das Gesicht des Künstlers noch nicht erkannt.“ Auch Meyers Texte sind nicht nur schlicht ‚gebaut‘. Aus der Ursuppe der Zeichen leuchten da ganz deutlich Witz und der Wille, mit angestammten Mitteln und zeitgemäßer Sprache die Grenzen der Poesie auszuloten. Das ist auch an den beiden abschließenden neunzeiligen ‚Meister-Palindromen‘ abzulesen, deren Akrostichon und Telestichon, also Anfangs- und Schlussbuchstaben der aufeinanderfolgenden Verse, das Wort „Palindrom“ bilden. „Pur ist Sinn Adel“ steht am Anfang – und endet mit „Alle dann ist Sirup.“
Was kritischen Lesern an diesen Gedichten aufstoßen dürfte, ist die Tatsache, dass es darin keinen Ausschuss gibt. Das ‚Material‘ ist stets vollständig anwesend. Das gilt es bei der Lektüre auszuhalten. „Strenge Texte“, sagt Reinecke, seien zwar Kunstwerke, aber immer auch „Dokumente ihrer eigenen Genese: Sie teilen gleichzeitig mit, was unter diesen Bedingungen neben dem Gesagten auch gerade nicht sagbar war.“ Meyers Lyrik mag schwerlich politisch und im Bereich der außersprachlichen Wirklichkeit nur locker verankert sein. Dafür hat er mit „Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung“ dem Anspruch nach ein kleines Wohltemperiertes Klavier gedichtet. / Patrick Wilden: Alpinmord am Polrind: Titus Meyers Palindrome, in: Ostragehege Nr. 78 (Inhalt)
Titus Meyer: „Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung“, Reinecke & Voß Leipzig 2015, 88 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-942901-15-4
17 Nachwuchstalente – darunter ein Kammermusik-Trio, ein Architekten-Duo und zwei Regisseure – werden von Kulturministerin Ute Schäfer mit dem Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler ausgezeichnet. Der mit 7.500 Euro dotierte Preis wird an überdurchschnittlich begabte Preisträgerinnen und Preisträger vergeben, die nicht älter sind als 35 Jahre und dem Land durch Geburt, Wohnsitz oder ihre Arbeit verbunden sind. „Es sind die herausragenden Künstlerinnen und Künstler, die die Strahlkraft unseres Kulturlandes NRW ausmachen. Ich freue mich, auch in diesem Jahr ihre außergewöhnlichen Leistungen auszeichnen zu können. Das Preisgeld soll dazu beitragen, dass besondere Projekte verwirklicht werden können”, sagte Ministerin Schäfer.
Gewürdigt werden die Leistungen in den Sparten Bildende Kunst, Literatur, Musik, Film, Theater, Architektur und Medienkunst. Das Preisgeld wird in der Regel an zwei Preisträger pro Sparte vergeben.
Die seit 1957 jährlich vergebene Ehrung erhielten auch später so prominente Künstler wie Pina Bausch, Günther Uecker oder Frank-Peter Zimmermann.
Ausgezeichnet wurden in der Sparte Dichtung und Schriftstellerei: die Lyriker Sina Klein (Düsseldorf) und Gerrit Wustmann (Kerpen)
/ Land NRW
Ein Kommentar von Axel Kutsch
Rezensionen von Lyrik-Anthologien findet man eher selten in den Medien – und wenn doch, dann kommt es einem mitunter so vor, als hätten Redaktionen Kettenhunden freien Lauf gelassen. Das ist jedenfalls der Eindruck, den einige in den vergangenen Wochen veröffentlichte Kritiken mit Vernichtungspotenzial vermitteln. Fast schon geifernd stürzen sich da Rezensenten auf Gedichte, die nach ihrer Ansicht missraten sind, klopfen sie mit Vehemenz in die Tonne und erwähnen gerade mal am Rande, dass die besprochenen Sammlungen auch gelungene Texte enthalten. Es ist eine billige Masche, das vielleicht weniger Geglückte in den Mittelpunkt zu rücken und damit zu suggerieren, dass die gesamte Anthologie eigentlich wenig bis nichts taugt.
Das Beispiel eines Verrisses, der offenbar von einer Wollust am Vernichten beflügelt worden ist, konnte man unlängst in der „Zeit“ lesen, wo die 2015 erschienene Ausgabe der renommierten Anthologiereihe „Jahrbuch der Lyrik“ regelrecht zerfleischt worden ist. Da heißt es unter anderem, dass man lieber einen Einkaufszettel lesen solle und einem angst und bange werden könne, wohin die Reise geht, wenn man das neue Jahrbuch als Kursbuch der Literatur verstehe. Es werden eifrig angeblich misslungene Passagen aus Gedichten zitiert und immerhin marginal „noch kleine Oasen in diesem geistigen Brachland“ gesichtet. Nun gehört das Jahrbuch 2015 nicht zu den stärksten Ausgaben dieser Reihe, bietet aber mit so manchem lesenswerten Gedicht wenig Anlass, in eine von Langeweile und Empörung angetriebene Schnappatmung zu verfallen, wie es in der Rezension heißt.
Kaum glimpflicher kommt die vor kurzem veröffentlichte Anthologie „Lyrik von jetzt 3 – Babelsprech“ mit Beiträgen junger deutschsprachiger Autorinnen und Autoren im Deutschlandradio davon. Auch hier wird genüsslich das Negative ausgerollt, ist von „Metaphernsalat“, „poetischem Packpapier“, freien Rhythmen, „teilweise im freien Fall“ die Rede. Eher nebenbei wird erwähnt, dass diese Sammlung auch Geglücktes enthält – weitaus mehr jedenfalls, als diese Kritik vermuten lässt.
Nicht einmal einen Hinweis auf die gelungenen Beiträge in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Das Gedicht“ enthält eine Rezension, die jetzt in der „Welt“ erschienen ist. Stattdessen werden Verse, die dem Kritiker missfallen haben, herausgepickt und in einem Fall gar als „furchtbar“ abqualifiziert. Angesichts der Thematik „Götterspeise & Satansbraten – Gedichte vom Essen und Trinken“ kam es ihm offenbar darauf an, mit Tunnelblick auf sein süffisantes Fazit „ziemlich halbgar“ zuzusteuern. Da passt es halt nicht ins Konzept, auch auf vorhandene Leckerbissen hinzuweisen.
Es ist gewiss keine einfache Aufgabe, Lyriksammlungen mit Beiträgen zahlreicher Verfasser und unterschiedlichen Schreibweisen differenziert und seriös zu beurteilen. Man kann da nicht auf alles eingehen. In jeder Anthologie gibt es zwar ein qualitatives Gefälle, aber das angeblich Missratene so in den Mittelpunkt zu stellen wie in diesen drei Rezensionen und den vielen gelungenen Gedichten bestenfalls eine Randnotiz zu widmen, zeugt von einer Mentalität, die man als pure Lust am Niedermachen bezeichnen kann. Seriöse Kritik, die auch das Negative nicht ausschließt, geht anders.
Hochgelobt* heißt längst noch nicht vielgelesen. Das ist die Diskrepanz, die momentan** die Lyrik der Gegenwart umtreibt. Monika Rinck, 1969 geboren, in Berlin lebend, ist eine der herausragenden Protagonistinnen*** der Gegenwartslyrik, hochgradig anerkannt, vielfach ausgezeichnet, aber das Risiko, „ungelesen oder missverstanden zu bleiben“, ist ihr, wie sie selbst schreibt, durchaus bekannt. 2004 veröffentlichte Rinck ihren ersten Gedichtband „Verzückte Distanzen“ im kleinen, feinen Entdeckerverlag zu Klampen!.
Seit 2006 publiziert sie im Berliner kookbooks-Verlag****. Vier große Gedichtbände hat sie seither dort veröffentlicht. Für ihre 2012 erschienenen „Honigprotokolle“ erhielt sie mit dem Peter-Huchel-Preis die höchste Anerkennung, die eine Dichterin innerhalb der deutschsprachigen Lyrik erhalten kann.***** An diesem Wochenende wird ihr in Berlin der renommierte Kleist-Preis verliehen. In diesem Jahr allerdings sorgt Rinck nicht etwa mit ihrer Lyrik, sondern mit ihrem neuen Essayband für Furore. „Risiko und Idiotie“, heißt er, und er trägt den kämpferischen Untertitel „Streitschriften“. / Christian Metz, FAZ
*) In meiner Jugend unterschied man zwischen „zu recht hoch gelobt“ und „zu unrecht hochgelobt“. Im Neusprech kann man das gar nicht mehr ausdrücken.
**) Wenn das mal nicht immer so war. Die sogenannten Klassiker: „Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? Nein. Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein.“ (Lessing sagt „Wir“, statt auf den „schwierigen“ Klopstock zu zeigen.)
***) Wenn man in Deutschland die weibliche Form verwendet, klingt immer die Einschränkung mit: „Naja, unter den Dichterinnen bedeutend“. Dann wäre es schon gleich besser, zu sagen: „eine der herausragenden Protagonisten“. (Dickinson is a great poet, Droste eine große Dichterin.)
****) Auch ein kleiner feiner Entdeckerverlag.
*****) Wenn auch nicht in finanzieller Hinsicht. Huchel (Freiburg): 10.000, Ernst Meister (Hagen): 13.000, Ringelnatz (Cuxhaven), Mörike (Fellbach): 15.000, Hölty (Hannover): 20.000, Rainer Malkowski (München): 30.000
Ganz so einfach war es dann offensichtlich doch nicht, sich auf die Fabeln, Erzählungen, Gedichte und Briefe des 1715 in Hainichen geborenen Christian Fürchtegott Gellert einzulassen. „Als poetische Impulsgeber versagten sie allerdings: beim ersten Lesen, beim zweiten Lesen“, schreibt der Lyriker Jürgen Nendza unumwunden. Und auch Norbert Hummelt gesteht: „Dennoch wäre es ja nicht ausgeschlossen, dass ich mich von einem Gellert-Gedicht angesprochen, von einem seiner Verse dennoch gemeint und befeuert fühlen könnte; dies, muss ich gestehen, hat sich … aber nicht ereignet.“
Fünf seiner „Lieblingsdichter“ hatte der ebenfalls in Hainichen geborene Lyriker Andreas Altmann anlässlich des 300. Geburtstages von Christian Fürchtegott Gellert eingeladen, sich mit dem Werk des zu seiner Zeit beliebten Dichters und Lehrers auseinanderzusetzen, in einen poetischen Dialog zu treten. Womit er auch einen Wunsch von Angelika Fischer, der Leiterin des Hainichener Gellert-Museums, erfüllte. Am Sonntag wurden die Ergebnisse des Zwiegesprächs präsentiert, begleitet von rasanten Gitarrenimprovisationen des Chemnitzers Helmut „Joe“ Sachse, in denen man etwas vom furiosen Briefstil Gellerts wiederfinden konnte.
(…)
Mutig haben alle fünf Dichter im Werk Christian Fürchtegott Gellerts gegraben – Andreas Altmann hat die Fundstücke und die poetischen Reflexionen dazu in einem kleinen Buch versammelt, ergänzt um stimmungsvolle Bilder von Daniel Lorenz, der im Archiv der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig Schreib- und Druckgerätschaften aus Gellerts Zeit fotografierte.
Für Altmann ist so ein „bisher einzigartiger“ Dialog entstanden. „Und auch dort, wo der poetische Faden nicht leicht aufgenommen werden konnte, knüpfen sich Netze, die bei der Lektüre über sich hinausreichen. Die gedankliche Schärfe und Klarheit der Dichtung Gellerts hat nichts an Bedeutung verloren“, merkt Altmann an. / Matthias Zwarg, Freie Presse
Das „berühmte kleine Ungarnland“, das böse ist, bekommt den Marsch geblasen aus alter Anhänglichkeit, und auch die Eltern, die Juden beschimpfen, werden sanft und unmissverständlich korrigiert und weiter geliebt. Auf ein wenig Distanz zum eigenen Kleinmut hofft der Dichter auch, passend kleinmütig. Von der Gegenseite, vom König und von Gott, ist ja nichts zu erwarten: Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens ertönt seit jeher nur Schweigen. Seine Enttäuschung darüber spricht Kemény in gleich drei Gedichten aus.
In ihrem Nachwort erklären die Übersetzerinnen und Lyrikerinnen Orsolya Kalász und Monika Rinck das Nichts zum „Totemtier“ Keménys: Er bedichte es. Tatsächlich findet sich das Nichts in den frühen Poemen öfter. In den neuen aber wird es nur zweimal erwähnt, einmal gar als „Stützknochen“. Kemény ist sicher nicht hoffnungsvoller geworden, aber der Spagat gelingt ihm besser: der Spagat über den Abgrund. / Jörg Plath, DLR
István Kemény: „Ein guter Traum mit Tieren“
Aus dem Ungarischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Orsolya Kalász und Monika Rinck
Matthes & Seitz, Berlin 2015
144 Seiten, 19,90 Euro
Der deutsch-chilenische Schriftsteller Gaston Salvatore ist am Freitag in Venedig im Alter von 74 Jahren gestorben. Er wurde am 29. September 1941 in Valparaiso / Chile geboren. 1965 kam er nach Berlin und studierte an der FU Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaften. Während der Studentenzeit lernte er Hans Magnus Enzensberger kennen, der ihn ermunterte, in deutscher Sprache zu schreiben. Nach dem Militärputsch in Chile 1973 wurde ihm der chilenische Paß entzogen. Er war mit Rudi Dutschke befreundet und einer der Aktivisten der „68er“ Studentenbewegung. 1969 wurde er wegen Landfriedensbruchs – gemeint waren Proteste gegen den Vietnamkrieg – zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Zu einer Anklage gegen Dutschke war es wegen des Attentats auf Dutschke nicht gekommen. Salvatore floh ins Ausland, wurde aber 1972 bei einer Veranstaltung im Hessischen Staatstheater in Darmstadt verhaftet, „weil die Amnestie, die der damalige Bundeskanzler Willy Brandt für die verurteilten Mitglieder der Studentenbewegung erlassen hatte, nur für deutsche Staatsbürger galt. Salvatore schlug den Polizisten vor, den Bundespräsidenten Gustav Heinemann, der den Feierlichkeiten beiwohnte, persönlich zu diesem Zwischenfall zu befragen. Daraufhin erhielt Salvatore umgehend eine unbefristete Arbeitserlaubnis in Deutschland.“ (Wikipedia)
„Am 7. November 1983 wird der chilenische Dichter und Revolutionär Gaston Salvatore, ein Mann großbürgerlicher Herkunft und allerbester Manieren, aus dem deutschen Kulturleben verbannt. Eine Hassschrift, wie man sie nur selten liest, erscheint an diesem Tag im Spiegel. Sie trägt den Titel Ein Papagallo der Prominenz und hat die rufmörderische Absicht, den aufstrebenden Schriftsteller als Irrtum der deutschen Zeitgeschichte, als Parvenü des Betriebs zu deklarieren. Über 20 Jahre später ist das Projekt vollbracht: Den Jüngeren ist heute der Chilene, einer der schillerndsten Intellektuellen der Achtundsechziger, kein Begriff mehr. Nach Erscheinen des Spiegel-Artikels, der Schmähungen überdrüssig geworden, zog Gaston Salvatore sich ganz nach Venedig, wo er seinen Zweitwohnsitz hatte, zurück.
…
Ja, sagt Gaston, während er sich energisch eine Zigarette anzündet, er wolle nicht klagen, aber was hätte er schon werden können in einem Land, das, etwas grob betrachtet, nur eine einzige Klasse herausgebildet habe: das Kleinbürgertum.“ (Adam Soboczynski, DIE ZEIT Nr. 8/2011)
Václav Jan Tomášek wird zum führenden Komponisten in Prag. In Kontakt steht er unter anderem mit Haydn und Beethoven, aber auch mit dem Dichterfürsten Goethe. 1815 beginnt Tomášek damit, Goethes Gedichte zu vertonen. Dass zeitgleich Schubert dasselbe tut, scheinen beide nicht zu wissen. 41 Gedichte bearbeitet der böhmische Komponist für Klavier und Stimme. Aber anders als der etwas jüngere Schubert hat er auch das Glück, sie Goethe sogar vorspielen und vorsingen zu können. (…)
In seinen Memoiren beschreibt der Komponist nicht nur die Begegnungen mit Goethe sehr genau, sondern auch die Lieder, die er vorträgt. Darunter „Schäfers Klagelied“, „Am Flusse“ und in der Zugabe auch den „Erlkönig“. Goethe, so schreibt Václav Jan Tomášek, habe die Vertonungen seiner Gedichte sehr gelobt – und sich hingegen schlecht geäußert über dasselbe Unterfangen Beethovens. Der Dichter bittet daher Tomášek um die Zusendung der Noten zu den Stücken, was dieser gerne auch macht.
Sidonia Hedwig Zäunemann – selbst in ihrer Heimatstadt Erfurt kennt heute kaum jemand den Namen dieser preisgekrönten Dichterin. Sie trat Anfang des 18. Jahrhunderts für die Gleichberechtigung der Frauen ein – zu einer Zeit, als es das Wort noch gar nicht gab. Sie war eine erfolgreiche, geistsprühende junge Dichterin, als sie am 11. Dezember 1740 vor 275 Jahren starb.
(…)
Nicht nur zur Welt der Wissenschaft forderte Sidonia Zäunemann Zugang, sondern auch zu der anderen großen Männer-Sphäre, nämlich der Arbeitswelt, und zwar da, wo sie am härtesten ist: Unter Tage. Wie sie es schaffte, die Genehmigung zu bekommen, weiß man nicht genau. Jedenfalls fuhr sie am 23. Januar 1737 in das damals florierende Kupfer- und Silberbergwerk Ilmenau ein.
Sie kroch und kletterte und rutschte stundenlang durch die Stollen, sprach mit Hauern und Steigern und machte sich Notizen. Daraus hat sie ein Gedicht geformt, das in der deutschen Literatur bis heute einzigartig ist, auch weil sie aus der kräftigen Sprache der Bergleute eine eigenwillige und sozialkritische Poesie schuf. Da ist die Rede von
„nassen Kitteln, Müh und Schrecken,
Und Karren übern Arsch zu drecken
Von Noth und Kümmerniß, von Jammer-vollen Tagen;
Von Elend, Angst und Schmerz kan uns ein Bergmann sagen.“
/ Christoph Schmitz-Scholemann, DLR
die ganze Nacht hindurch stehen Pkws am Straßenrand Schlange – warten nur darauf, von uns bedient zu werden
Hansjürgen Bulkowski
Der Moufdi-Zakaria-Preis für arabische Poesie, der vom algerischen Kulturverein El Djahidia vergeben wird, geht in diesem Jahr an den syrischen Dichter Ahmed Mahmoud Amich für sein Werk „Zweimal von derselben Mutter geboren“.
Der Preis, der im Rahmen einer Feier am Freitagabend an der Universität von Ghardaïa überreicht wurde, ist eine Anerkennung für das humanistische Werk des syrischen Dichters. Ein Großteil der bei dem Anlaß vorgetragenen Gedichte waren seinem geschundenen Land gewidmet.
Die Jury aus algerischen und arabischen Professoren und Dichtern war beeindruckt von der intensiven Reflexion des Dichters, der seine Mutter, seine Wohnung und seine Heimat verloren hat. / Radio Algérienne
Laudatio von Daniela Seel zur Verleihung des Spycher: Literaturpreises Leuk an Katharina Schultens am 27. September

Katharina Schultens schreibt: „ich habe das verklärt was du nicht bist / rauschen: du bist ein anderes geräusch // du bist ein unerkannter susurrus / du blendest für mich alles andre aus // sprichst du über den bienenschwarm hinaus / so summt darin mein denken (bienenhaus) // ich kann dir sagen was die bienen sehen / ich kann notieren welche zeichen / der schwarm verwendet hat // dein bienengeist: er dunkelt unter licht / verlässt du weiterhin den stock nicht / muss ich erinnern was du weißt // ich sammle dir ereignisse / sobald ich sie verwandelt habe / bringst du das zuckerwasser: tausch // du füllst den imkeranzug susurr / du hast den schleier nie verloren / du bist hier eigentlich die braut“
Susurrus, ein so lautplastisches Murmeln, Summen, Seufzen, Rascheln, Wispern, wir müssen kein Lateinwörterbuch fragen, um etwas davon zu verstehen. Und während ich noch lesend am Tisch sitze, blenden Susurrus und Surren ineinander, verwandeln sich zu etwas Drittem, dem ich keinen Namen geben kann als eben „ich habe das verklärt was du nicht bist / rauschen“. Ist doch auch Katharina Schultens im Zimmer? Wer wäre dieses „du“, mit dem nicht nur das Gedicht, sondern der ganze Gedichtband schließt, wo dieses „hier“, als „braut“? Bin ich es, Leserin, dem Gedicht in der Lektüre vermählt? Sind Sie es, zu denen ich rede? Oder ist es noch immer Katharina, die spricht? Muss ich Sie nicht verfehlen, indem ich aufschreibe, was ja Rede sein soll? Muss ich nicht Sie, die sie mir jetzt, hier, zuhören, und muss ich nicht Katharina und ihre Gedichte verfehlt haben, wenn ich gar nicht aus diesem Moment zu Ihnen spreche, sondern aus einer Vergangenheit, die uns vielleicht gar nicht meint? Gar nicht meinen kann, weil und solange Sie nicht hier sind. Sind Sie, sind wir, jetzt hier?
Der Himmel verfärbt sich, es wird Herbst. Ich lese: „unausweichliche schwebe: / zu sagen ich brauche etwas.“ So konkret und zugleich offen gesagt, dass ich sofort ins Schweifen gerate, in Eigenes. Ist das schon Abschweifen oder noch Teil des Gedichts, das mich in diesen Gedankenraum hinein geöffnet hat, Teil dieser Rede, einer Realität, vermählt. Der Text fährt fort „ich muss haben: diesen einen blick / auf meine stiefel. kurve. zittern. wahn. das auge muss für uns / imaginäres leder abtasten an dem wir nachher festmachen / was wir begehren. wichtig: kenne dabei nie den preis / wenn du den preis kennst setzt die spannung aus. du spielst / doch auch. du gibst doch aus. du wirfst als ob an jenem tisch.“ Angenommen, das Gedicht wäre der Ort, wo alles – alles Sprachliche – zusammenkommen und synthetisiert werden kann, eine letzte Utopie, die weit Entferntes in Beziehung setzt und zurück in die Gemeinschaft trägt, angenommen, es wirkte in alles hinein, was schon da ist. In die Körper, Gedanken, Spiele, die Situation, derer es zuteil geworden ist, in die es eingreift und sie verschiebt. Verstrickt. Wie es meine Wahrnehmung verstrickt. Fortführt. Beginnt.
Ich beginne noch einmal zu lesen, von vorn. „mein projektleiter stützt abends den kopf in die hände reibt / seine wimpern: er habe mich tagsüber verbrannt ohne not / mein projektleiter erklärt mich zu lots weib.“ Ist das nicht entsetzlich? Schon mit den ersten Zeilen von „gorgos portfolio“, Katharina Schultens jüngstem Band, bin ich, und sind nun wir, mitten im Dilemma. In den Schrecken einer Gegenwart, die weiterhin hierarchisch organisiert ist, wo Männer erklären und Frauen verbrannt werden. Über die Gorgonen wird gesagt, sie seien Schreckensgestalten mit Schlangenhaar, deren Blick in Stein verwandle. Wenn mich nun friert, was kann das Gedicht dafür? Muss ich mich wappnen, um Katharina Schultens‘ Gedichten zu begegnen? Wie viel Kälte braucht es, um in der Welt zu bestehen? Wie viel Demut? Monstrosität? Am Telefon, als wir im Gespräch über Ansprüche an Gedichte und den heutigen Vormittag nachdenken, sagt Katharina: „Trost ist nicht im Text, Trost kann nur in der Welt sein, wenn du dich bewegst.“ Und so sind es gerade das heruntergekühlt Unbehauste der Gedichte, ihr scharfer Blick für Kalküle und Grausamkeiten, für die fatale Erotik von Machtspielen, die Bewegung anregen, Auf-Begehren. Braucht es Aufbegehren? „zu sagen ich brauche etwas. ich muss haben“, stellt mich infrage, stellt fundamentale Fragen an die Annahmen unserer Existenz und gesellschaftlichen Verfasstheit. „du brauchst immer einen kugelschreiber / der sich zum schwert ausfahren lässt / töten wäre drastisch formuliert / ich spreche gern von auslagern / der minderleister im modell. ok?“ Katharina Schultens dichtet ohne Schonung. Indem sie intime Figurenrede engführt mit Begriffen etwa aus der Finanz- und Wirtschaftswelt, infiziert sie das Denken zwischenmenschlicher Beziehungen mit Verwertungslogiken und legt zugleich frei, welche auch poetischen Potenziale in Fügungen liegen, die wir als rein technische zu lesen gewohnt sind. Gewinnwarnung. Nachtdienst. Überschuss. Eigenkapital. Goldstandard. Insider Trading. Dark Pools. Preis. Zitat: „klar habe ich büromethoden übertragen / aber was du mir vorwirfst ist ein versehen: / es ging mir nie um irgendeinen kopf / es ging mir auch nicht um den sieg / ich habe eine differenz gelöst“. Durch die Ich-Form habe ich mir beim Lesen etwas kaum Verdauliches einverleibt, noch bevor ich mich hätte wappnen können. Sprachkritik, Gesellschaftskritik, Selbstkritik gehen ineinander über. Die Konflikte finden nicht irgendwo entfernt statt, im Abstrakten, in der Fremde. Sie sind längst in mir, in der Intimität des eigenen Körpers. Niemand hier ist ohne Verantwortung. Im Lesen bin ich verstrickt in Welt wie Gedicht. Das kein Unterstand ist, das die eigene Grausamkeit freilegt. Und wohin stelle ich mich damit, um weiter zu reden. Um Lob zu reden.
Auch dieser Akt ist nicht frei von Gewaltförmigkeit. Ich rede und Sie sollen, ja müssen zuhören. Denn die Ohren sind ein Sinnesorgan, das man nicht schließen kann. Das selbst in der Nacht auf Hab-Acht bleibt. Und wer hat bestimmt, wer reden darf, und wer schweigt? Liebe Zuhörende, machen Sie Gebrauch vom Aufbegehren durch Abschweifen! Oder besser noch, durch Bewegung in der Welt. Angeregt von Katharina Schultens‘ Texten.
Es sind nicht nur Gedichte. In diesem Herbst etwa erscheint in der Edition Poeticon im Verlagshaus Berlin ein Essay zum Thema „Geld“, aus dem ich eine längere Passage zitieren möchte, um die Frage nach der Gewaltförmigkeit noch aus einer anderen Richtung zu beleuchten. Zitat: „Ein Gedicht operiert, inzwischen, unter einer modifizierten Logik der zeremoniellen Gabe, und damit unter einer Logik der tatsächlichen Gabe. Das bedeutet, es gibt mir etwas, und verlangt keine Gegengabe, erwartet nichts außer Offenheit. Es verlangt keine Gunst, keine Entscheidung, keine Hilfe bei der Ernte oder in der Liebe. Es verlangt weder Verständnis noch Interpretation. Es erpresst nicht, es hat diese Option nicht, es kann seine Gabe nicht wiederholen, denn sie ist einmalig und andauernd. Könnte es vergelten, wenn eine Gegengabe ausbleibt? Eine, die zudem noch keinen Adressaten hätte? Ach.
Absichtslos nichts außer Offenheit zu erwarten, ist allerdings eine Zumutung. Offenheit bedeutet, sich jederzeit tatsächlich auf die Gabe einzulassen, egal, was sie eventuell bewirkt. Sie könnte Gift sein oder Heilmittel. Sie könnte mich noch weiter öffnen. Sie könnte ein Messer sein oder ein Kissen, beides im Wechsel, ein Vogel, ein Frachter, eine Summe oder meine Liebe.
In der Öffnung kann mir etwas zustoßen. In der Öffnung kann ich, da ich sie nicht gewöhnt bin, auf Voraussetzungen zurückfallen, die in ihr nicht gelten. Es kann sein, dass ich panisch werde und sie sich schließt. Es kann sein, dass ich mich der vermeintlich geltenden Voraussetzungen wegen unzureichend fühle, dieses Gefühl aber im Nachhinein der Öffnung oder ihrem Auslöser zuschreibe. Es kann sein, dass es mir auffällt – dass ich mich geöffnet, aber nicht von anderweitigen Voraussetzungen gelöst habe. Es kann sein, dass ich wütend werde.“ Zitatende.
Wenn wir nun aber das Gedicht als Gabe annehmen, wie verhält es sich, wie verhalten wir uns zu dem oder derjenigen, die es gibt? Schon die Beziehung von Autorin oder Autor zum „eigenen“ Text ist eine mehrfach verwickelte. Indem er veröffentlicht wird, sei es als Text oder Vortrag, verlässt er zudem den Raum des Privaten und wird eben dies: öffentlich, geht über in die Vergemeinschaftung, das Kollektiv, das Sprache ist. Können wir die Person, die dies geschrieben hat, von hier aus überhaupt noch erreichen? Wenn der Raum, in dem gegeben wird, dazu noch ein zeremonieller ist, handeln darin überhaupt Personen? Wer bin ich, wenn ich hier rede? Eine Funktion, eine Sprechakteurin, der ein Ort im Zeremoniell zukommt, ein Amt, nicht Person, obwohl ich doch vordergründig von mir selbst dargestellt werde. So wie auch der Körper des Autors, der Autorin ein öffentlicher ist, der im öffentlichen Auftritt, auf kaum zu begreifende Weise, vom Privatkörper gedeckt wird, und doch Amt ist, Persona. Wir sehen Katharina Schultens und möchten sie loben für die Gedichte, die sie uns gab. Aber indem sie hier, im Raum der Zeremonie, unter uns ist, müssen wir die, die diese Gedichte schrieb, für die wir sie auszeichnen möchten, verfehlen. Man könnte verrückt werden darüber.
Viel lieber als das aber möchte ich uns in der Welt bewegen. Von diesem Katheder abtreten und hinübergehen zum Tisch. Das Reden über, in dem der andere fremd und beinahe monströs als anderer steht, umkehren in ein Reden mit.
Die Schriftstellerin Herta Müller wurde am Freitagabend mit dem diesjährigen Friedrich-Hölderlin-Preis der Universität und der Universitätsstadt Tübingen ausgezeichnet. Die Laudatio hielt der Literaturwissenschaftler und Autor Professor Jürgen Wertheimer, der den Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik bis 2015 an der Universität Tübingen innehatte. Der mit 10.000 Euro dotierte Friedrich-Hölderlin-Preis wird gemeinsam von Stadt und Universität seit 1989 alle zwei Jahre verliehen. Die sechsköpfige Jury besteht aus je zwei Vertretern der Philosophischen Fakultät der Universität, des Deutschen Literaturarchivs Marbach und der Hölderlin-Gesellschaft.
Herta Müller erhält den Preis für „ihre virtuose Sprachgenauigkeit, Unbestechlichkeit und ihr Gefühl für Fremdheitserfahrungen“, teilte die Eberhard-Karls-Universität Tübingen am Donnerstag mit. Diese Eigenschaften und die „zunehmende Intensitätssteigerung ihrer Lyrik“ verbinde Müller mit Hölderlin.
Die Mullahs mochten Rumi nicht, es gab sogar mal gegen Rumis „Mathnawi“ eine Fatwa, man sollte es nicht mit bloßen Händen anfassen. Es gibt aber fünf Dichter, die tief verwurzelt sind in der iranischen Haltung: Chayyam, Saadi, Firdousi, Hafis und Rumi. Die Geschichte hat viele Lektionen parat, man muss sie aber kennen. / Der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 4.12.
Neueste Kommentare