Anfang der 1980er sah es gar so nicht schlecht aus für Rainer René Muellers Dichterkarriere. Der geborene Würzburger bekam ein Stipendium des Berliner Senats und den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis. Dann wurde es allerdings still um ihn. Bis auf ein paar gemeinsame Projekte mit bildenden Künstlern und als Leiter der Galerie am Markt in Schäbisch Hall und des Kunstmuseums Heidenheim war er schriftstellerisch weniger präsent. Aufgrund seiner aussergewöhnlichen Schreibweise ist es aber mehr als gerechtfertigt, dass eine Gedichtauswahl erscheint, die in diesem Fall Texte von 1981 bis 2013 versammelt und von Dieter M. Gräf herausgegeben wird. /
Walter Fabian Schmid, Signaturen
Rainer René Mueller: POÈMES – POȄTRA. Ausgewählte Gedichte 1981-2013. Hrsg. von Dieter M. Gräf. Harbouey, Heidelberg, Berlin u.a. (roughbook 34) 2015. 108 Seiten. 9,00 Euro.
All diese Metamorphosen und Mutationen des anarchistischen Biotops im Prenzlauer Berg kann man nun in einem herrlich ausgestatteten und mit Zeichnungen von Ronald Lippok und heiteren Fußnoten von Papenfuß versehenen Buch nachlesen, das in dem Nürnberger Künstlerbuch-Verlag „starfruit publications“ erschienen ist. Allein schon die sorgfältig erstellte Typographie und die liebevolle Gestaltung, die dem „starfruit“-Verleger Manfred Rothenberger zu verdanken ist, machen dieses „Psychonautikon Prenzlauer Berg“ zu einem großen Lesevergnügen. Die Gedichte und Traktate werden auf weißem Papier im Querformat präsentiert, auf gelbem Papier dann die ethnografischen Gespräche zur Genese des anarchistischen Biotops. Auch wenn man nicht bereit ist, in die kokette anarchistische Selbstbeweihräucherung der Autoren mit einzustimmen, liest man mit Begeisterung diese kleine Kulturgeschichte der poetischen Renitenz. Aus dem Mann mit der Lederkluft ist dreißig Jahre später ein Mann mit üppigem Seemannsbart geworden, der seine experimentellen Poeme in Moritaten, Traktate und lästerliche Lieder verwandelt hat. Bert Papenfuß, der Wortartist, hat mittlerweile eine Poetik der heiter-beiläufigen Schnoddrigkeit entwickelt, die ihre Quellen und Stichwortgeber aus altnordischen Mythologien, Störtebeker-Romantik, der Gaunersprache Rotwelsch und anarchistischem Schrifttum bezieht. Das klingt manchmal verdammt kalauerhaft oder bierselig, zelebriert aber in den stärkeren Passagen einen immer noch verblüffenden Wörter-Tanz. In heiterer Selbststilisierung entwerfen Papenfuß, Ronald Lippok und Annett Gröschner eine „psychogeographische“ Weltkarte des Prenzlauer Bergs, wo alle kleinen Kampfplätze der Szene eingezeichnet werden und wo am Ende deutlich wird, dass alle Wege der Anarchie in die Metzer Straße und die dort von Bert Papenfuß bis September 2015 betriebene Kulturspelunke „Rumbalotte Continua“ führen. / Michael Braun, Signaturen
Bert Papenfuß/Ronald Lippok: Psychonautikon Prenzlauer Berg. Gedichte und Texte: Bert Papenfuß. Zeichnungen: Ronald Lippok. starfruit publications, Nürnberg 2015. 216 Seiten, 21 Euro.
Der Schweizer Lyrik-Editor Urs Engeler hat für die neue Ausgabe, das Heft 10 seiner seit drei Jahren erscheinenden Zeitschrift „Mütze#“ einen herrlichen Essay des französischen Poeten Jean Daive über den österreichischen Maler Joerg Ortner übersetzt. Beide, Jean Daive und Joerg Ortner, waren mit Paul Celan befreundet und lernten sich bei Celans Beerdigung im April 1970 kennen. In seinem poetischen Essay beschreibt Daive den Malerfreund Ortner als einen Künstler, der seine Kunst „bis zum Gipfel des Desasters“ gelebt habe. Das letzte Jahrzehnt seines Lebens arbeitete Ortner mit obsessiver Intensität an einem Fresko im oberitalienischen Lucca; ein Fresko, das er en detail skizziert hatte, ohne seine Vollendung je zu erreichen. In den sehr sinnlich geschriebenen Erinnerungen, Anekdoten und Szenen, die Jean Daive zu einem Porträt Joerg Ortners verflochten hat, steht eine Geschichte im Mittelpunkt, in dem das Imaginationsvermögen des Künstlers in der Art eines Mysteriums aufblitzt. Bei einem Abendessen mit Freunden findet Ortner zu einer magischen Formel, die er unablässig wiederholt, bis er schließlich wie in Ekstase in Tränen ausbricht. Fast litaneiartig repetiert der Künstler einen Satz: „Man muss das Herz von Rimbaud waschen.“ Die stärksten Momente hat dieser exzellente Essay, wenn Daive in poetischen Evokationen von Licht und Wasser über seine ästhetische Erfahrung berichtet. Der Dichter wird zu einer Art „Lichtschreiber“, der die Intensitäten der Elemente beim Blick auf den nächtlichen Fluss darstellt: „Ein Mysterium, wahrhaftig – was sich in der Nacht auf der Oberfläche des Wassers kräuselt – eine Frage der Reflexion, eine Frage des Wetters, eine Frage des Lichtes, eine Frage der Strömung – unbeweglich und bewegt – am selben Ort, es fließt und es fließt nicht, rückwärts oder an Ort und Stelle. …Nicht immer ist es nötig zu sprechen [enoncé], um die Hauptsache zu zeigen.“ / Michael Braun, Poetenladen
Mütze# 10
Turnhallenstr. 166, CH-4325 Schupfart. urs@engeler.de, 52 Seiten, 6 Euro.
ob gewünscht oder nicht – schon 2015 war für uns ein neues, neuartig fremdes Jahr
Hansjürgen Bulkowski
Mit seinem neuen Lyrikband setzt der 1977 geborene Daniel Falb Maßstäbe für die Qualität politisch und gesellschaftlich relevanter Poesie heute. Der in Berlin lebende und im kookbooks-Verlag beheimatete Autor hat Naturwissenschaften und Philosophie studiert. Mit französischen Klang hat Falk den Titel seines neuen Lyrikbandes „CEK“ unterlegt: „COÖPERATION EST KOÖRDINATION“.
Was auf den ersten Ton leicht ironisch klingt und verspielt daherkommt, ist starker Tobak: global gesellschaftskritisch, elegant in der Verknüpfung von Zeitgeschehen, Alltag, Philosophie und Naturwissenschaften. (…)
„CEK“ unterscheidet sich dabei von der seit den Sechzigerjahren mit warnenden Ausrufezeichen operierenden Ökolyrik, die sich an Einzelerscheinungen abarbeitet. Falb schreibt nämlich „Terrapoesie“: Geologie, Physik, Biologie und Archäologie hat Falb nach für die Lyrik brauchbaren Mustern abgeklopft und mit bildhaften Szenen, vorwärts drängenden erzählenden Passagen und Sprachbildern verknüpft – alles im Zusammenspiel von altsprachlichen, englischen, arabischen und französischen Zitaten und Zeichen.
Soviel Entgrenzung war nie. / Dorothea von Törne, Die Welt
Daniel Falb: CEK. Kookbooks, Berlin. 74 S., 19,90 €.
Ein chinesischer Autor erregt die Gemüter in China (und Indien!) mit einer verfälschten Übersetzung von Rabindranath Tagores (Thakurs) Gedichten, die ihnen sexistische, pornographische Bedeutung einschreibt. Der Autor, Feng Tang, kann kein Bengali und benutzt offensichtlich ältere chinesische Übersetzungen für seine Fassung. In „Stray Birds“ (Herumirrende Vögel) heißt es in Fengs Übersetzung: „Die Welt öffnete den Hosenstall vor ihrem Geliebten“ („The world unzipped its pants in front of his lover.“). Die chinesischen Medien berichten (schreibt die Times of India), daß die korrekte chinesische Version laute: „Die Welt nimmt die Maske ihrer Unermeßlichkeit ab für ihren Geliebten“ („The world puts off its mask of vastness for its lover“). Schade allerdings, daß die englische Fassung nicht aus dem Chinesischen übersetzt ist, sondern im Wortlaut Tagores eigene Übersetzung ins Englische.
Tagore erhielt 1913 als erster Asiate den Literaturnobelpreis. Als im Jahr 2002 das Copyright erlosch, hieß es über die Lage im deutschen Sprachraum:
Aktuell sind in Deutschland nur wenige schmale Bände des Nobelpreisträgers in kleineren Verlagen erhältlich. „Um Tagore als Figur der Weltliteratur darzustellen, bedarf es anderer Anstrengungen“, sagte Kämpchen. Nur ein kleiner Teil des Gesamtschaffens von Tagore ist nach Darstellung des Übersetzers bisher überhaupt in deutschen Übertragungen zugänglich. Die Werke seien nicht selten tendenziös ausgewählt worden und meist schlecht übersetzt.
Zwei indische Leserkommentare:
„hang him instantly“
„In China little knowledge was never dangerous…“
Stray Birds in Tagores eigener Übersetzung
If it’s all getting too much for you, feel free to sneak off to a quiet corner and enjoy some of these Christmas poems. / Michael Schaub, Los Angeles Times (mit Links zu 6 Texten, darunter [little tree] von e.e. cummings).
Die Wahrheit ist dann doch eher so wie in den Gedichten von Ror Wolf:
„Seit zwanzig Jahren das vertraute Schnaufen / in Mainz im Müll im März im dritten Stock, / im großen Zimmer wo ich hock im trock / im trocknen Rock beim Dichten und beim Saufen // Seit Jahren bin ich hier herumgelaufen, / wobei ich kalt an meiner Pfeife sog / Ich lief zwei dreimal um den Häuserblock, / um Brot und Bier und warme Wurst zu kaufen // Und zweimal dreimal viermal fünfzehnmal / lief ich in etwa achtundzwanzig Tagen / hinüber in das griechische Lokal // und saß danach mit angefülltem Magen / in Mainz im Müll im März ach: ganz egal, / im dritten Stock. Viel mehr ist nicht zu sagen.“ („Am oberen Rand des Topfes. Sonett.“ 2009)
Das ist Lyrik, die man eigentlich nur schreiben kann, wenn man Skeptiker und Stoiker, also ein grundvernünftiger Mensch ist: diese Schwermut, die sich einstellt, sobald man sich erinnert, dass man ein Naturding ist – etwas, das wächst, aber auch wieder welkt; und zugleich die seltsame Widersetzlichkeit, doch noch so etwas wie ein Gedicht zu schreiben, eine Geste der Autonomie, ein paar Zeilen lang. Es ist wie in diesem alten Popsong der Bee Gees, der die Teenage-Angst besingt: „I started a joke“, heißt es darin, „which started the whole world crying“. Bei Ror Wolf verhält es sich umgekehrt. Er erzählt einen Schmerz, aber alle schmunzeln darüber. / Peter Praschl, Die Welt
Ror Wolf
Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember
Gedichte
ISBN 9783895613067
Gebunden, 160 Seiten, 24,95 EUR
Poetry is all but absent from Cultural Studies. Most treatments of the genre tend to focus on canonized poets whose work is wilfully difficult and obscure. Alternative histories should be explored, opening up possibilities to view poetry again as a culturally relevant art form. The demotic and popular strain provides a case in point. From the Romantics onwards modern poetry linked itself with oral or folk traditions like the ballad. Socially the most popular of these forms is the pop lyric. Since the 1950s rock lyrics have been studied in Social Studies, Cultural Studies, Musicology and some English Departments, but rarely within the context of Poetics or Comparative Literature. Rap and canonized singer-songwriters like Dylan and Cohen are the exceptions to the rule. Systematic attention to both lyrics and performance may open up current ideas of what a poem is and how it works.
/ Geert Buelens, Utrecht University/ Stellenbosch University: Lyricist’s Lyrical Lyrics: Widening the Scope of Poetry Studies by Claiming the Obvious
Paper from the Conference “Current Issues in European Cultural Studies”, organised by the Advanced Cultural Studies Institute of Sweden (ACSIS) in Norrköping 15-17 June 2011. Conference Proceedings published by Linköping University Electronic Press: http://www.ep.liu.se/ecp_home/index.en.aspx?issue=062. © The Author.
Technische Neuerungen sind immer auch eine Chance für scheinbar überholte literarische Formen. Bisher bilden die kleinen Formen in jeder Systematik der Literaturwissenschaft neben Epik, Lyrik und Dramatik mit unterschiedlichen Bezeichnungen eine Randgruppe: Epigramm, Sprichwort, Prosagedicht, Kürzestgeschichte und selbstverständlich der Aphorismus. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist der althergebrachte Aphorismus in Form des Mikroblogging eine auflebende Form. Bestand die Modernität dieser Notate bisher in ihrer Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne. Es ist Twitteratur. Der in der Schwebe gelassene Sinn, die Produktion von Ambiguität – was für Roland Barthes Brecht im Theater geleistet hat, indem er die Sinnfrage zwischen Bühne und Zuschauerraum neu verteilte – findet sich in dieser Kunstform wieder. Wir stellen in dieser Twitteratur-Anthologie unterschiedliche Statements von und über Anja Wurm, Franz Kafka, Ulrich Bergmann, Karl Kraus, HEL, Karl Feldkamp, Jesko Hagen, Michel de Montaigne, A.J. Weigoni, Sophie Reyer, Tamara Kudryavtseva, Tom de Toys, Francisca Ricinski, Joanna Lisiak, Angelika Janz, Michael Gratz, Holger Benkel, sowie Haimo Hieronymus, Peter Meilchen und ein fulminates Nachwort von Denis Ulrich vor. Die Autoren bestehen in ihren Ausführungen darauf, daß auch eine alte Kunstform die neue Wirklichkeit entlarvend aufschließen kann. / mehr: Twitteratur, ein vorläufiges Resüme. Von Matthias Hagedorn
Am 5. Dezember 1965 schreibt Kulturredakteur Klaus Höpcke im SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ bildkräftig über die „Drahtharfe“:
„Was Wunder, dass Biermann in einem (…) Gedicht davon faselt, die Partei der Arbeiterklasse hacke sich die Füße ab. In Wirklichkeit handelt es sich um die tönernen Füße des Skeptizismus des Herrn Biermann. Er zerhackt die Verbindungen mit dem Volke, die Verbindungen mit der Partei. Er greift auch in den Draht seiner Harfe, um gehässige Strophen gegen unseren antifaschistischen Schutzwall und unsere Grenzsoldaten erklingen zu lassen. (…) Ist es etwa Zufall, dass solche Verse ausgerechnet in Westberlin gedruckt werden?
Nein, natürlich nicht. Ich nehme an, in Ostberlin warn keine Kapazitäten frei.
Ein anderer Literaturkritiker war der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle, Horst Sindermann:
Könnte ein Volk den Absturz vertragen von Goethes ‚Edel sei der Mensch, hilfreich und gut‘ zu Biermanns Reimerei ‚Es war einmal ein Mann, der trat in einen Scheißhaufen‘.
Der Reim war mir gar nicht aufgefallen. Mir fehlte der Klassenstandpunkt. Unser Lehrer erklärte: „Es kann nicht sein, daß ein junger Dichter dichtet: ‚Es war einmal ein Mann, der trat in einen Scheißhaufen‘.“ Okay, das war auch die einzige Zeile, die er kannte. Literaturkritiker Sindermann erklärt die Nationalkultur, auch er bildkräftig, wieder anhand der Zeile mit dem Scheißhaufen:
Bei einem solch geistigen Absturz muss sich eine humanistische Nationalkultur den Hals brechen. Unweigerlich. Was aber ist an Biermann zu verunglimpfen, was er nicht selbst schon längst verunglimpft hätte. Angeblich haben wir seine Seele, die er als die Seele Francois Villon deklariert, auf der Mauer um Westberlin erschossen. Was legt er seine Seele zwischen Sozialismus und Imperialismus? Warum leidet seine Seele so großen Kummer? Nur weil wir drei imperialistische Armeen in Westberlin eingemauert haben, damit sie hier nicht das gleiche machen können, wie in Vietnam?“
Biermann rächte sich ruchlos:
Ach Sindermann, Du blinder Mann / Du richtest nur noch Schaden an / Du liegst nicht schief, Du liegst schon quer / Du machst mich populär
Der Westberliner Verleger Klaus Wagenbach 1993 im Interview:
„Nach der Veröffentlichung von Biermann kam ja der berühmte junge Journalist Höpcke und hat mir dieses unsittliche Angebot gemacht: Wenn Sie Biermann nicht weiterdrucken, können Sie die Lizenzen haben von allen DDR-Autoren die Sie haben wollen. Silvester 1965. Da ich das nicht gemacht habe, kriegte ich nicht nur die Lizenzen nicht, sondern ich kriegte auch ein Einreiseverbot und ein Durchreiseverbot. Das heißt, die Mauer drückte sich wirklich ein dreiviertel Jahr nach Verlagsgründung bei mir so aus, dass ich hier nur noch mit dem Flieger rauskam.“
Zitate aus Deutschlandfunk
Biermann, Wolf: Die Drahtharfe – Balladen, Gedichte, Lieder
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1965
Seelenverwandschaft, Wahlverwandschaft – Peter Wawerzinek schreibt über den großen walisischen Dichter Dylan Thomas, und schreibt dabei auch über sich selbst: „Ich – Dylan – Ich“ / BR
Und warum keinen Gedichtband zu Weihnachten schenken? Ein bißchen Schönheit in dieser finstren Welt?
Et pourquoi pas un livre de poésie comme cadeau de Noël ? Un peu de beauté dans ce monde plutôt sinistre. Le poète-écrivain Pierre Thiollière vient de sortir un livre de poèmes «La vie pourtant… Poèmes pour un siècle nouveau». / La dépêche
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