Das berühmte kleine Ungarnland

Das „berühmte kleine Ungarnland“, das böse ist, bekommt den Marsch geblasen aus alter Anhänglichkeit, und auch die Eltern, die Juden beschimpfen, werden sanft und unmissverständlich korrigiert und weiter geliebt. Auf ein wenig Distanz zum eigenen Kleinmut hofft der Dichter auch, passend kleinmütig. Von der Gegenseite, vom König und von Gott, ist ja nichts zu erwarten: Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens ertönt seit jeher nur Schweigen. Seine Enttäuschung darüber spricht Kemény in gleich drei Gedichten aus.

In ihrem Nachwort erklären die Übersetzerinnen und Lyrikerinnen Orsolya Kalász und Monika Rinck das Nichts zum „Totemtier“ Keménys: Er bedichte es. Tatsächlich findet sich das Nichts in den frühen Poemen öfter. In den neuen aber wird es nur zweimal erwähnt, einmal gar als „Stützknochen“. Kemény ist sicher nicht hoffnungsvoller geworden, aber der Spagat gelingt ihm besser: der Spagat über den Abgrund. / Jörg Plath, DLR

István Kemény: „Ein guter Traum mit Tieren“
Aus dem Ungarischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Orsolya Kalász und Monika Rinck
Matthes & Seitz, Berlin 2015
144 Seiten, 19,90 Euro

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