Die Wahl des Gedichtbandtitels ist programmatisch. Das in ihm enthaltene Versprechen erinnert an den auch als Eindruckskunst bezeichneten Impressionismus. In Roloffs Gedichten wird die impressionistische „Forderung höchster Empfänglichkeit, differenziertester, hingebungsvollster Aufnahmefähigkeit“ (Luise Thon) von Eindrücken sicherlich eingelöst. Doch geht es ihm nicht so sehr um die passive, Aufnahmefähigkeit bedingende Grundhaltung des wahrnehmenden Subjekts, sondern um den Augenblick, in dem sich seine Aufnahmefähigkeit erschöpft: „dass dies gestorbensein so / aus dem schatten springt // aus dieser röntgenmaske / dem dreifaltigen flipchart // hat mich aus dem tritt gebracht / als du dich hinknietest / hörte ich auf genauer hinzusehen“. Ihm geht es um die Voraussetzung des Schreibens schlechthin: Erst bei Überreizung und Rhythmusverlust, nämlich dann, wenn man von gewissen Eindrücken erschlagen wird und aus dem Tritt kommt und wenn das wahrnehmende Bewusstsein zu einem vollen Aura- und Inspirationsspeicher wird, so dass man nicht mehr genauer hinsehen muss, wird Schreiben möglich. / Alexandru Bulucz, Park. Zeitschrift für neue Literatur, Heft 68, Dezember 2015, S. 108f.
was für ein Klima herrscht wohl unter den Teilnehmern der Pariser Klimakonferenz?
Hansjürgen Bulkowski
Vietnam gab eine Briefmarke zum 250. Geburtstag des Dichters Nguyên Du (1765-1820) heraus. Der Dichter, der unter den Namen Tô Nhu und Thanh Hiên publizierte, ist Autor des Romans „Truyên Kiêu“ oder „Kim Vân Kiêu“. Der Roman ist in 3.254 Versen in der traditionellen Lục-bát-Versform (6-8 Füße) geschrieben und erzählt das Leben einer schönen und talentierten jungen Frau, die ihre Liebe opfern muß, um ihre Familie zu retten. / vietnamplus
Gouverneur Jerry Brown ernannte den Dichter Dana Gioia zum Poet laureate von Kalifornien. Die Institution des Poet laureate (Wörtlich „Gekrönter Dichter“, in den USA so etwas wie Staats-, Bundesstaatsdichter) in Kalifornien wurde 2001 begründet, um die Wertschätzung für Dichtung im Land zu fördern. Während seiner zweijährigen Amtszeit wird Gioia öffentliche Lesungen in Klassenzimmern und andernorts halten.
Eins seiner persönlichsten Werke mit Kalifornien-Bezug ist “Being a California Poet” („Kalifornischer Dichter sein“), in dem er das Paradoxe an der reichen Mischung von Einwanderersprachen und -kulturen in Kalifornien erkundet.
Sein neuster Gedichtband heißt 99 Poems: New & Selected, er wird im März erscheinen. / Andrew Good, USC News
Andererseits wird Sinn überschätzt. 2 zufällig nebeneinander gelesene Zitate:
… allerdings sind ihre Texte nicht simulierter Nicht-Sinn, sondern Proteste gegen die Verfälschung von Wirklichkeit durch eine sinnentleerte Sprache (FAZ, siehe die beiden vorangegangenen Nachrichten hier).
Der interessante, freche Mix an zeitgeistigen Themen, Problemen und Sprachebenen. Schikaneders „Zauberflöte“ war so ein Mix, eine Art Musical wie die „Horror Picture Show“ fast zweihundert Jahre später. Goethe flog auf den gekonnten Wiener Klamauk rein, ahnte Tiefen, die er einfach selber konstruierte. / Ulrich Bergmann, KuNo
Aber war es so nicht überhaupt? Wie groß ist der Unterschied zwischen Schikaneders Klamauk und Goethes Faust (in dem mehr Klamauk und offener Nonsense steckt als in der Zauberflöte)? Wenn größere und kleinere Menschengruppen übereinkommen, Tiefsinn hinein- und wieder herauszulesen, wenn ganze Berufsgruppen und Medien davon leben, Interpretationen zu produzieren und zu verbreiten … dann ist der Sinn real, und nur Kinder, Betrunkene und Dissidenten halten den Kaiser für nackt.
Wie Flarf-Poeten und doch anders gehen auch Kai Pohl und Clemens Schittko vor, die auf meine Anfrage bei fixpoetry.com mit Hinweisen in eigener Sache reagierten. Interessant finde ich ihre Anthologie serieller Texte „my degeneration. the very best of WHO IS WHO“, die im freiraum-Verlag vorliegt. Das titelgebende sprachkritische Listengedicht „WHO IS WHO“ basiert auf Suchmaschinenergebnissen, die per Cut-up und Montagetechniken miteinander kombiniert wurden: „Krieg heißt jetzt Friedenssicherung, Angriffskrieg heißt jetzt Verteidigung vitaler Interessen, Destroy heißt jetzt Erase.“ Die Haltung der Berliner Kompilatoren ist ebenso unprätentiös wie die der Flarf-Poeten; allerdings sind ihre Texte nicht simulierter Nicht-Sinn, sondern Proteste gegen die Verfälschung von Wirklichkeit durch eine sinnentleerte Sprache. / Elke Heinemann, FAZ.net
Nachzutragen die erwähnten Bücher:
Die genuine Digitalpoesie unserer Tage, die zur Medienkunst zählt, nutzt Sprache als reines, vom Semantischen losgelöstes Material für akustisch-visuelle Installationen und Online-Experimente. Ist aber die genuine Lyrik unserer Tage, die mit Permutationen und Kombinationen immerhin mathematischen Verfahren folgt, völlig frei von digitalen Einflüssen? Das habe ich mich gefragt und diese Frage an deutschsprachige Lyrikportale weitergegeben. Die zahlreichen ausführlichen Antworten, von denen ich hier aus Platzgründen nur einige auszugsweise zitieren kann, könnten glatt den Grundstock einer germanistischen Dissertation bilden.
Schreibt Elke Heinemann in der FAZ (jetzt auch online). Und gibt damit glatt ein Beispiel für Chancen und Gefahren digitaler Kommunikation. Bei der analogen (sich selektiv digital präsentierenden) Zeitung bündelt Fachfrau für Diskurs Brocken und Bröckchen aus „zahlreichen ausführlichen Antworten“ zu einem Feuilletonartikel. In der germanistischen Dissertation dann bündelt Fachmann noch mehr Material zu einer 250seitigen Facharbeit, die, von den Gutachtern gelesen, ihm einen akademischen Titel einbringt und später von anderen Spezialistinnen zitiert (manchmal auch nur bibliographiert) wird.
Ein digitales Medium könnte das gesamte Material vernetzt präsentieren, mit einem oder mehreren Kommentaren versehen und der selektiven Benutzung des Publikums überlassen. Ein (utopisches) Kommunikations-und Wissensmodell ohne einschränkende Regularien, bei dem es „nicht darum [geht], zu zeigen, wie tiefgründig oder klug Texte sein können*, sondern darum, inwieweit die Diskurse von Ärzten, Wissenschaftlern, Romanciers[, Lyrikern, Kritikern] und anderen die Sachverhalte, die sie zu analysieren vorgeben, erst schaffen.“** Aber wer will das schon?
Die Besprechung für den Leser hinter den großen Zeitungsseiten endet mit einem Zitat, das Neugier weckt:
Ich schließe mich hier dem Herausgeberteam des Lyrikportals karawa.net an, das mir schreibt: „Wenn der Begriff des ,Digitalen‘ Konsens für ein fortschrittliches Literaturverständnis zu werden droht, ist es selbstredend poetische Pflicht, ihn als solchen zu sabotieren.“
Ein guter Gedanke. Und schwupp! vom Feuilleton vereinnahmt. Ich wüßte zu gern, was das Herausgeberteam (aktuell Konstantin Ames / Sonja vom Brocke / Richard Duraj / Mara Genschel / Norbert Lange / Léonce W. Lupette) außer dem einen Satz noch geschrieben hat. Vielleicht gibt uns die Zeitung ja in 4 Wochen weitere Bröckchen.
*) die zu besprechenden Texte und nicht zu vergessen die Besprechung selber
**) Jonathan Culler: Literaturtheorie. Eine [sehr] kurze Einführung. Stuttgart: Reclam, 2002, S. 26
Die Form ist herb, eigenwillig und verdankt sich vor allem Schrotts Umgang mit dem Reim. Der gängigen Reimlosigkeit des modernen Gedichts schließt er sich nicht an, doch ebenso scheiden die eingängigen metrisch-strophischen Muster des 18. und 19.Jahrhunderts aus. Schrott kehrt in eine ältere Zeit zurück, das 16. Jahrhundert oder noch früher, als es den Druckakzent noch nicht gab und der füllungsfreie Knittelvers blühte, den man später zu Unrecht als kunstlos geschmäht hat. Deshalb, und weil das Schema frei gehandhabt ist, merkt man relativ spät, dass hier überhaupt Reime vorliegen – und auch, weil Schrott unbedenklich Wörter mit Doppelhebung reimt, die der populäre Geschmack als unreimbar ansieht, Wörter wie „ábbúcht“, „sélbstláut“, „weíhnácht“. Der Reim wirkt bei Schrott vor allem als gewolltes Hemmnis, das er der Beliebigkeit einerseits des gänzlich Formlosen, andererseits der allzu leicht gelingenden Form entgegenstellt. Hier liegt der unverwechselbare Kern des Werks. Es schadet wenig, wenn sich darum ein Kranz von Liebes-, Reise- und Gelegenheitsgedichten rankt. / Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung 5.12.
Raoul Schrott: Die Kunst an nichts zu glauben. Carl Hanser Verlag, München 2015. 168 Seiten, 17,90 Euro.
Arabische Poesie ist ein Kosmos für sich. Es ist jedoch keineswegs eine verstaubte, antiquierte Welt. Denn gerade Lyrik ist das Ausdrucksmittel schlechthin für eine junge arabische Generation. Aber auch ein verbindendes Glied zwischen den Generationen. Gleichermaßen Lebenseinstellung wie Kunstform. Eine herb glitzernde Welt, die hinter die Fassade der Worte blickt, die es zu erkunden lohnt. Sofern die Texte in deutscher oder zumindest englischer Übersetzung verfügbar sind. Einen Schritt in diese Richtung hat dieser Tage der österreichische PEN-Club getan. Mit der ersten Tagung für arabische Literatur in Wien. Im Rahmen dieses Symposiums erschien auch der Gedichtband „Symphonie der Rub al-Chali“ (der arabischen Wüste). Er enthält deutsche Übersetzungen von Gedichten junger Poetinnen und Poeten aus der Golfregion – aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und dem Oman.
(…)
Die junge Dichterin Shaikha Bin Jassim etwa nutzt soziale Medien, um Freunde an ihren Gedichten teilhaben zu lassen. Sie hat bereits einige Lyrikbände veröffentlicht und mehrere Preise dafür bekommen. Für die Bibliothekarin aus den Emiraten ist Literatur wie eine tägliche Mahlzeit: „Man braucht etwas für die Seele und unsere Seele ist Poesie.“ Die Gedichte der jungen Frau mit den wachen, melancholischen Augen kreisen um das Menschsein, die Liebe. Es ist für sie eine Möglichkeit, etwas in einer andren Sprache zu sagen. In der der Poesie.
In ihrer Heimat sei man „verrückt nach Gedichten“, Literatur ein integraler Bestandteil des Lebens, keineswegs einer Bildungselite vorenthalten. Der Scheich von Schardscha etwa, einem der sieben Emirate, hat jedem Haushalt eine Bibliothek mit 50 Büchern gestiftet. Inklusive Regal. / Judith Belfkih, Wiener Zeitung
„Symphonie der Rub al-Chali“, 14,80
edition pen im Löcker Verlag
da kommt Robert Gernhardt und bespricht die Anthologie „Lyrik von jetzt drei“:
Es dominieren die freien Rhythmen, teilweise im freien Fall. Auch auf semantischer Ebene erinnert mancher Metaphernsalat weniger an Gedichte als an poetisches Packpapier, frei nach dem schönen Satz von mir: Morgens um zehn habe ich schon drei Celans geschrieben, aber noch keinen einzigen Brecht.
Auch sonst nur Gutes:
Die Überraschung von „Lyrik von Jetzt 3“ ist, dass ausgerechnet aus den Reihen der Novizen ohne lange Publikationsliste die interessantesten Beiträge kommen. Frieda Paris‘ kleine Serie über die Klosterschule Wald beispielsweise gehört zu den gelungensten Versen des Buches:
fünf Jahre verbracht in einem Schutz-
Gebiet dem alles Wilde ausgetrieben
bis auf ein paar jungen Rehen das Ora et Labora
eingebläut der Traum: diesen Hort verlassen
bleibt unausgepackt im Koffer
A wie Ausbildung und Abitur
vom Ortsabgang an kannten die Mädchen
nichts als Falten:
Rock-, Stirn-, Tischdecken-, Hände-
Max Czollek, Michael Fehr, Robert Prosser (Hg.): Lyrik von Jetzt 3 / Babelsprech,
Wallstein Verlag, Göttingen 2015, 360 Seiten, 19,90 Euro
Weitere Stimmen:
„Lyrik von Jetzt“, die dritte Staffel: Eine Anthologie überwindet die letzten Grenzen des Gedichts. Tom Schulz in Die Welt
Pressemitteilung, Darmstadt, 2. Dezember 2015
„Das ist ein Todesurteil gegen ein Mitglied des deutschen PEN“
PEN verurteilt Todesstrafe gegen Dichter Ashraf Fayadh in Saudi-Arabien – Fayadh Ehrenmitglied des deutschen PEN – Brief an saudischen Justizminister
Mit aller Schärfe verurteilt das deutsche PEN-Zentrum die Todesstrafe gegen Ashraf Fayadh, die von einem saudischen Gericht vor wenigen Tagen verhängt wurde. Fayadh soll sich mit seinem Gedichtband „Instructions Within“ der Apostasie schuldig gemacht haben. Um seine Solidarität mit dem Dichter zu demonstrieren, hat das Präsidium des deutschen PEN Fayadh mit sofortiger Wirkung zum Ehrenmitglied ernannt. „Dies ist nun nicht mehr nur ein Todesurteil gegen einen Kollegen, der weit entfernt lebt, es ist ab sofort ein Urteil gegen ein Mitglied des deutschen PEN“, betonte der Vizepräsident der Autorenvereinigung und Beauftragte für „Writers-in-Prison“, Sascha Feuchert. In einem Brief an den saudischen Justizminister verlangte das deutsche PEN-Zentrum zusammen mit über 70 anderen Autorenverbänden und Menschenrechtsorganisationen, dass „Ashraf Fayadh unverzüglich und bedingungslos freizulassen ist, ebenso alle weiteren Menschen, die in Saudi-Arabien gegen ihr Recht auf freie Meinungsäußerung festgehalten werden.“ Die Unterzeichner stellen fest, Saudi Arabien verhalte sich in absolutem Widerspruch zu den Rechten, die es als Mitglied des UN-Menschenrechtsrats zu schützen versprach. Der Wortlaut des Briefes in deutscher Übersetzung und im englischen Original.
Für das PEN-Zentrum Deutschland
Josef Haslinger Regula Venske
Präsident Generalsekretärin
Das PEN-Zentrum Deutschland ist eine der weltweit über 140 Schriftstellervereinigungen, die im PEN International vereint sind. Die drei Buchstaben stehen für die Wörter Poets, Essayists, Novelists. Der PEN wurde 1921 in England als literarischer Freundeskreis gegründet. Schnell hat er sich über die Länder der Erde ausgebreitet und sich als Anwalt des freien Wortes etabliert – er gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter SchriftstellerInnen.
Die National Book Awards 2015 (USA) gingen in 4 Kategorien an
FICTION
Adam Johnson, Fortune Smiles: Stories
NONFICTION
Ta-Nehisi Coates, Between the World and Me
YOUNG PEOPLE’S LITERATURE
Neal Shusterman, Challenger Deep
POETRY
Robin Coste Lewis, Voyage of the Sable Venus
Zusätzlich wurde in diesem Jahr die Medaille für einen hervorragenden Beitrag zur amerikanischen Literatur an Don DeLillo für sein Gesamtwerk vergeben.
Im Detail zum Lyrikpreis
Robin Coste Lewis, Voyage of the Sable Venus (Alfred A. Knopf)
– Interview >

Sherman Alexie, Willie Perdomo, Katha Pollitt, Tim Seibles, Jan Weissmiller
Im altehrwürdigen Kaffeehaus Trianon in der Mittelmeermetropole Alexandria, seiner Heimatstadt, erzählt Omar Hazek jetzt seine Geschichte. Eigentlich hätte er das in den letzten Wochen auf Einladung des Österreichischen PEN-Clubs in Wien und Graz tun sollen, aber die österreichischen Behörden haben seinen Visumsantrag abgelehnt und ihm zu verstehen gegeben, dass ihre Zweifel ob er auch sicher wieder nach Ägypten zurückkehrt, nicht ausgeräumt werden konnten.
Hazek ist erst seit dem 23. September wieder auf freiem Fuß. An dem Tag kam er zusammen mit etwa 100 anderen politischen Häftlingen im Rahmen einer Amnestie frei, die Präsident Abdelfattah al-Sisi zum islamischen Opferfest verkündet hatte. Diese Geste hatte ihm zwei Monate der zweijährigen Haft erspart.
Im Dezember 2013 war er bei einer Solidaritätskundgebung für die Familie des zu Tode geprügelten Bloggers Khaled Said verhaftet und zu zwei Jahren Gefängnis und einer Buße von 50.000 Pfund (rund 6000 Euro) verurteilt worden. (…)
Die Zeit im berüchtigten Gefängnis von Borg al-Arab, wo die politischen Gefangenen unter sich sind, habe sein Leben und ihn als Person tiefgreifend verändert, er sei demütig geworden, sagt Hazek. In der Zelle, wo bis zu 28 Männer auf 5,5 mal drei Metern zusammengepfercht gewesen waren, habe er über alle weltanschaulichen Grenzen hinweg viel Solidarität und Mitmenschlichkeit erfahren. / Astrid Frefel, Der Standard 1.12.
Omar Hazek, „In der Liebe des Lebens. Kassiber aus der Haft.“ € 19,80 / 101 Seiten. Löcker, Wien
Zwölf arabische Autoren und Journalisten aus dem Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten, mehrheitlich Frauen, nehmen am 2. und 3. Dezember auf Einladung des PEN-Clubs Austria an der ersten europäischen Tagung für arabische Literatur in Wien teil. Eröffnet wird diese am 2. Dezember um neun Uhr mit einer Pressekonferenz in den Räumen des PEN-Clubs (1., Bankg. 8).
„Parodie & Poesie“ heißt die Video-Reihe, die die FAZ von heute an in acht Folgen bis kurz vor Weihnachten immer montags und donnerstags auf FAZ.NET ausstrahlt. Dahinter verbirgt sich zunächst ein Lyrik-Rätsel: Zu Parodien auf einige der beliebtesten Gedichte der Deutschen sollen die Originale, die Vorlagen, geraten werden. Die Gewinner erhalten ein digitales Jahresabonnement von F.A.Z. und Sonntagszeitung.
Die 30 Gedichte in minmal sind in ihrer inhaltlichen und motivischen Bandbreite vielfältig und sind geprägt durch kurz angeschnittene Sprachbilder: deskriptiv, impressionistisch und „ehrlich“. Tanikawas Verse entziehen sich gekonnt einer hermetischen und überladenen Metaphorik. Gepaart wird diese „offene“ Art des Dichtens in drei grob zusammenhängenden thematischen Blöcken aus je zehn Gedichten, jedoch mit einer strikten formalen Gestaltung in vier bis fünf Strophen aus jeweils drei Zeilen, was Tanikawas Selbstversuch als Dichter der modernen Schule mit der klassischen japanischen Kurzdichtung (Haiku) darstellt, wie dieser im kurzen Nachwort selbst konstatiert. Dem Resultat mangelt es trotz der Kürze jedoch nicht an Kunst: Das Gedicht „Lumpen“ zum Beispiel, das den Band eröffnet, schildert auf prägnante, ja fast „minimale“ Weise das Dichten selbst als eine flüchtige wie nie den Abschluss findende Tätigkeit, als Flicken. In die sprachliche Gestalt des Lumpengewands gesetzt gibt Tanikawa Einblicke in seine musische Beziehung zur Lyrik, seine lange und fast zehrende Liebe zur Dichtung und setzt den Ton für den gesamten Band.
Lumpen
Vor Tagesanbruch
kam
das Gedicht
in schäbige
Wörter
gehüllt
es gibt nichts
was ich ihm schenken könnte
werde nur selbst beschenkt
sein nackter Körper
flüchtig erspäht
durch die gerissenes Naht
wieder und wieder
flicke ich
an seinem Lumpengewand
/ Christian Chappelow, literaturkritik.de
Tanikawa Shuntarō: minimal. 30 Gedichte. Deutsch und Japanisch. Übersetzt aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein. Zürich: Secession Verlag für Literatur, 2015. 100 Seiten, 42,00 EUR. ISBN-13: 9783905951226
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