12 Sätze

Ein böser Streit zweier Dichter, die ich bewundere (beide auch im polemischen Zugriff, wenn auch vielleicht nicht in jeder polemischen Windung) zuckt durch die Szene. Ich widerstehe der Versuchung, was auch immer „bezeichnende“ Stellen herauszupicken, sondern zitiere jeweils die ersten vier Sätze in umgekehrt chronologischer Folge.*

Ann Cotten: Antwort auf Gerhard Falkner
In: lyrikkritik.de

Lieber Gerhard,

einen bestürzenden Knäuel Gekränktheit hast du jetzt ausgespuckt zwei Jahre nach dem Aufsatz über ein paar Gedichte von dir in Text und Kritik, den ich auf deine Anfrage hin über dich schrieb im dich ehrenden Band. Inzwischen habe ich deine Ignatien getreulich übersetzt, die in Manfred Rothenbergers starfruit press erschienen, mit im Grunde der selben relativ gleichmütigen Haltung, die ich dir gegenüber allgemein hege. Auf der Ebene, wo du dich hier bewegst, möchte ich mich nicht aufhalten. Gehässiges Geschnatter, seniles Getue.

Gerhard Falkner: Ann Cottens Schwuppdiwuppismus
Antwort auf Ann Cottens Beitrag: Katachresen.
Beobachtungen an Gedichten von Gerhard Falkner | Text + Kritik. In: Poetenladen

Um erst gar keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen, ich liebe Ann Cotten; (als Autorin). Jeden­falls hin und wieder. Ich würde auch mit ihr ins Bett gehen, wenn das dazu beitragen würde, ihre aber­witzigen Speku­lationen über meine Sexualität zu über­winden.

Aber gerade, weil ich sie als Dichterin zu den doch gegenwärtig Interessanten zähle, möchte ich ihren – gern diskutierten und zitier­ten – Beitrag im kürzlich erschie­nenen Text + Kritik-Heft über „mein Werk“ einem kritischen Blick unterziehen.

Ann Cotten: Katachresen
– Beobachtungen an Gedichten von Gerhard Falkner. –
In: Text+Kritik. Heft 198. Gerhard Falkner, edition text + kritik, April 2013. Auszug bei Planet Lyrik

Vermutlich bin ich die jüngste Falkner-Leserin in diesem Band. Davon darf man sich mit Fug einen frischen und, sage ich Ihnen, unvoreingenommenen Blick auf die Gedichte von Gerhard Falkner versprechen. Im Folgenden habe ich einige ,Patentmethoden‘ des Autors, die mich interessieren, zu benennen und anschaulich zu machen versucht. Diese – die Zotenpointe, das Husarenstück und die fickende Uhr – erscheinen eingebettet in ein Weltmodell, das mich diese Gedichte erahnen lassen.

*) Ich beschloß das mit den vier Sätzen nach ratlos-verstörtem (Wieder-)Lesen der Texte, ohne mich in dem Moment an diese jeweiligen Sätze zu erinnern, erschrak dann als ich das Ergebnis sah – aber ich bleibe jetzt dabei. Der Einstieg in einen Text repräsentiert diesen ja schon, wenn auch wohl meist nicht metaphorisch (im Sinne von Jakobsons Unterscheidung von Metapher und Metonymie).

In Gott

STANDARD: Lassen Sie mich unser Gespräch mit Goethe beginnen. „Wenn Islam Ergebenheit in Gottes Willen heißt, / In Islam leben und sterben wir alle …“, schrieb er im „West-östlichen Divan“.* Stimmen Sie ihm zu?

Ahmad Milad Karimi: Voll und ganz. Ich lebe, was Goethe dichtete. Diese Hingabe in Gott befreit mich als Mensch. / Der Standard

*) Genauer gesagt:

Närrisch, daß jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam Gott ergeben heißt,
In Islam leben und sterben wir alle.

(Aus dem Hikmet Nameh. Buch der Sprüche)

Best poetry books of 2015

▪ “Conflict Resolution for Holy Beings,” by Joy Harjo (Norton). … She is a member of the Muscogee Creek Nation of Oklahoma and uses her heritage to prove poetry transcends despair.

▪ “Felicity,” by Mary Oliver (Penguin). …

▪ “How to Be Drawn,” by Terrance Hayes (Penguin). African-American legacies underpin this book that is as broad, deep and swift as the Mississippi. The poet’s online notes include songs, books, photographs, newspapers and videos.

▪ “The Last Two Seconds,” by Mary Jo Bang (Graywolf). …

▪ “Memories,” by Lang Leav (Andrews McMeel). …

▪ “My Secret Wars of 1984,” by Dennis Etzel Jr. (Blazevox). … He mixes 1984 texts from Marvel comics, Ronald Reagan, feminist writings and George Orwell.

▪ “Report to the Department of the Interior: Poems,” by Diane Glancy (University of New Mexico Press). Glancy’s versified history, or docu-poetry, stretches from the first Native American prison school to Red Lake Reservation shootings of 2005.

▪ “Scattered at Sea,” by Amy Gerstler (Penguin). … Gerstler shows what to do with gazillions of factoids accumulating in the age of the Internet. She collages them in exuberant verse scrapbooks.

▪ “A Small Story About the Sky,” by Alberto Rios (Copper Canyon Press). The first poet laureate of Arizona writes lyrical works about the Mexico-United States border. …

▪ “Twelve Clocks,” by Julie Sophia Paegle (University of Arizona Press). …

▪ “War of the Foxes,” by Richard Siken (Copper Canyon Press). …

/ The Kansas City Star

abgelehnt

liebe katja horn, kai pohl, clemens schittko, kristin schulz (redaktion des »schwarzbuchs der lyrik«),

könnte ein modell sein: autorinnen und autoren, die für eine anthologie texte einreichen und nicht dafür ausgewählt werden, in selbiger aufzulisten, eine art negativ-impressum. da überlegt es sich die/der eine oder andere noch einmal gut, ob sie/er wirklich einreichen will, und so sparen sich die herausgeber die mühe, viel überflüssiges zeug lesen zu müssen. ließe sich auf wettbewerbe erweitern. dumm nur: Ihr müsst das vorher ankündigen, sonst funktioniert der trick nicht. so blieb Euch keine einsendung erspart und Ihr habt obendrein papier für das abdrucken belangloser begleitschreiben verschwenden müssen.

anders gesagt: ich wäre gerne gefragt worden, ob ich mit dem abdruck meiner e-mail im »schwarzbuch der lyrik« einverstanden bin. nein, bin ich nicht.

es wundert mich, dass Ihr so wenig auf persönlichkeitsrecht und datenschutz achtet. und bitte sagt nicht, dass die wiedergabe der initialen statt des vollen namens im sehr überschaubaren kontext der zeitgenössischen deutschsprachigen lyrik als ernstzunehmende anonymisierung anzusehen sei.

blöd gelaufen, leider in erster linie für mich. was tun? die stelle schwärzen wäre eine option, die dem buchtitel eine neue bedeutungsebene hinzufügen würde, aber die meisten exemplare werden ja längst draußen sein. eine flasche guten weins würde mich wahrscheinlich versöhnlicher stimmen, wenn Ihr mir versprecht, meine privatadresse nicht im nächsten schwarzbuch zu veröffentlichen.

beste grüße
àxel sanjosé (à.s.)

Gestorben

„Meine Stadt ist kein Knüller in Reisekatalogen“ hieß ihr bekanntestes Gedicht und eines ihrer Bücher. Gemeint war Gelsenkirchen – dort ist Poetin Ilse Kibgis geboren und in der vergangenen Woche im Alter von 87 Jahren nach schwerer Krankheit auch gestorben. Als Arbeiterdichterin war sie eine der Letzten ihrer Art. / Münsterland Zeitung

D/O Poeticon#3: Schönheit | Geschlecht

mit Crauss und Swantje Lichtenstein — plus Ricardo Domeneck

22.12., 20:00 Uhr
Ausland
Lychener Strasse 60, 10437 Berlin

http://ausland-berlin.de/do-poeticon3-schonheit-und-geschlecht

Diskussion mit Crauss. und Swantje Lichtenstein

Als Gesprächsgast: Ricardo Domeneck
Moderation: Asmus Trautsch

Geöffnet ab 20:00 Uhr, Beginn 20:30 Uhr | Eintritt 5 EUR

Der dritte Abend in der Reihe D/O Poeticon ist terminlich von sehr vorweihnachtlichem Gepräge, thematisch aber eher zeitlos – und das heißt hier sicher auch: abendsprengend – angelegt: Ausgehend von den Essays „Geschlecht. Schlagen vom Schlage des Gedichts“ (2013) und „Schönheit. Simultanabschweifung mit Grimm“ (2014), die sie in der Edition Poeticon (beim Verlagshaus Berlin) veröffentlicht haben, diskutieren Crauss. und Swantje Lichtenstein im reichlich weiten Spannungsfeld zwischen den beiden titelgebenden Begriffen; zusammen mit einem weiteren Gesrächsgast, moderiert vom Herausgeber der Edition Asmus Trautsch und gemeinsam mit allen in der für Einwürfe und Interventionen stets offenen Runde!

Crauss., *1971, lebt in Siegen. Dozent für Rhetorik und Kreatives Schreiben, Werbetexter, Postsortierer, Museumstänzer, Redakteur der Kritischen Ausgabe (Bonn). Zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien. Zuletzt erschienen von ihm unter anderem „Lakritzvergiftung“ (2011), „Schönheit des Wassers“ (2013) und der Poeticon-Band „Schönheit. Simultanabschweifung mit Grimm“ (2014, alle im Verlagshaus Berlin).
www.crauss.de

Swantje Lichtenstein, *1970 in Tübingen, ist Autorin, Künstlerin, Hochschullehrerin und lebt in Köln. Zuletzt erschienen von ihr unter anderen die Bücher „turtle dreams“ (2015, zus. mit Maria Schleiner), „Kommentararten“ (2015) und der Poeticon-Titel „Geschlecht. Schlagen vom Schlage des Gedichts“ (2013).
swantjelichtenstein.de

Mit der Edition Poeticon hat das Verlagshaus Berlin 2013 eine Buchreihe mit Essays zur Lyriktheorie und Poetologie eröffnet, in denen Dichterinnen und Dichter jeweils ein titelgebendes Thema verhandeln: Ein Forum zum Nach-, Um- und Weiterdenken von Fragen und Problemstellungen der zeitgenössischen Lyrik, auch in ihrem Verhältnis zu anderen Künsten und Diskursen. „Lyrik im ausland“ und Asmus Trautsch begleiten diese Auseinandersetzung mit dem Format D/O Poeticon: Jenseits von Buchvorstellung oder bloßer Lesung sind einzelne oder mehrere Bände der Edition Ausgangs- und Reibungspunkt der gemeinsamen Diskussion zwischen den Autor*innen, ihren Gesprächspartnern und dem Publikum. Alle, die an diesem offenen Format gerne teilnehmen, die mitargumentieren, -streiten oder einfach nur zuhören möchten, sind herzlich willkommen – die spontane Diskussion im Plenum ist Programm…

Ricardo Domeneck, *1977 in São Paulo, gehört zu den aufregendsten Stimmen Lateinamerikas, und ist als Repräsentant einer neuen brasilianischen Lyrik, die Lesung und Performance verbindet, Gast an Orten wie dem Museum of Modern Art in Rio de Janeiro und dem Reina Sofia Museum, Madrid. Bei Veranstaltungen las und diskutierte er mit Autoren wie Wole Soyinka, Tomaž Šalamun und Yang Lian.
Er veröffentlichte fünf Gedichtbände, außerdem Rezensionen und Übersetzungen (Hans Arp, HC Artmann, Thomas Brasch, Jack Spicer, Frank O‘Hara, etc.) in brasilianischen Zeitschriften und Zeitungen. Seine Gedichte wurden in Anthologien, u. a. in Deutschland, USA, Belgien, Spanien und Argentinien, übersetzt und publiziert.Seit 2002 lebt Domeneck in Berlin.
https://en.wikipedia.org/wiki/Ricardo_Domeneck

Das Stalin-Epigramm („Ich habe nichts gehört, und Sie haben nichts rezitiert“)

Nicht jedem gefällt der Lubjankajargon. Der Fernsehsender Doshd veröffentlicht auf seiner Facebookseite ein Foto, das Stalins „Sicherheitsorgane“ von dem Häftling Mandelstam machten, und das Gedicht, das zur ersten Verhaftung des Dichters führte, das sogenannte „Stalin-Epigramm“. Es ist die kürzere Version von 16 Zeilen – von dem Text gibt es eine schärfere Variante mit zwei zusätzlichen Zeilen, die Mandelstams Frau Nadeshda im Gedächtnis aufbewahrt hat.

Häftling Mandelstam
Häftling Mandelstam

Мы живём, под собою не чуя страны,
Наши речи за десять шагов не слышны,
А где хватит на полразговорца,
Там припомнят кремлёвского горца.
Его толстые пальцы, как черви, жирны,
А слова, как пудовые гири, верны,
Тараканьи смеются усища,
И сияют его голенища.

А вокруг него сброд тонкошеих вождей,
Он играет услугами полулюдей.
Кто свистит, кто мяучит, кто хнычет,
Он один лишь бабачит и тычет,
Как подкову, кует за указом указ:
Кому в пах, кому в лоб, кому в бровь, кому в глаз.
Что ни казнь у него – то малина
И широкая грудь осетина.

Hier die ersten beiden Verse in verschiedenen Varianten und anschließend die Verse 5-8 der längeren Fassung in der Übersetzung Ralph Dutlis (die ersten zwei davon fehlen in den meisten Übersetzungen).

Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,

(Kurt Lhotzky)

Und wir leben, doch die Füße, sie spüren keinen Grund,
Auf zehn Schritt nicht mehr hörbar, was er spricht, unser Mund,

(Ralph Dutli)

Our lives no longer feel ground under them
At ten paces you can’t hear our words.

(Clarence Brown and W. S. Merwin)

We live without feeling the country beneath us,
our speech at ten paces inaudible,

(David McDufff)

We live, deaf to the land beneath us,
Ten steps away no one hears our speeches,

(John Simkin)

Nous vivons sans sentir sous nos pieds de pays,
Et l’on ne parle plus que dans un chuchotis,

(François Kérel)

We live without feeling our country’s pulse,
We can’t hear ourselves, no one hears us,

(Ian Probstein)

Verse 5-8:

Nur zu hören vom Bergmenschen im Kreml, dem Knechter,
Vom Verderber der Seelen und Bauernabschlächter.

Seine Finger wie Maden so fett und so grau,
Seine Worte wie Zentnergewichte genau.

(Ralph Dutli)

Dutli merkt zu diesem Gedicht in dem Band „Mitternacht in Moskau. Die Moskauer Hefte“ (Ammann 1986 / S. Fischer 1990) an:

Vgl. zu diesem Gedicht die Erinnerungen der letzten Lebensgefährtin Boris Pasternaks, Olga Iwinskaja (deutsch 1978 unter dem Titel »Lara. Meine Zeit mit Pasternak«): »Ende April 1934 traf er  / Mandelstam / eines Abends Boris Leonidowitsch / Pasternak / auf dem Twerskoj-Boulevard und rezitierte ihm sein Gedicht /. . ./.  >Ich habe nichts gehört, und Sie haben nichts rezitiert<, sagte Boris Leonidowitsch. >Sie wissen, es gehen jetzt seltsame, schreckliche Dinge vor, Menschen verschwinden; ich fürchte, die Wände haben Ohren, vielleicht können auch die Pflastersteine hören und reden. Halten wir fest: Ich habe nichts gehört.< Auf die Frage, was Mandelstam zu diesem Gedicht veranlaßt habe, erklärte er, er hasse nichts so sehr wie den Faschismus, in welcher Form er auch auftrete.

PennSound link of Probstein reading this poem in Russian: MP3 
Ian Probstein über 3 englische Übersetzungen (mit Link zu weiteren Versionen)

Freie Pdf mit Übersetzungen Ilya Bernsteins ins Englische

Tag der Tschekisten

Am 20. Dezember 1917 beschloß der Rat der Volkskommissare der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik die Bildung der „Allrussischen Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution und der Sabotage“ (nach dem russischen Namen Всероссийской чрезвычайной комиссии, ВЧК „Wetscheka“ oder Tscheka genannt) unter Leitung von Felix Dserschinski (Feliks Dzierżyński). Dieser Tag wurde später als „Tag der Tschekisten“ (so der inoffizielle Name) begangen. 1995 benannte Boris Jelzin ihn in „Tag der Mitarbeiter der Sicherheitsorgane der Russischen Föderation“ um. Die „Agentur für Politische Nachrichten“ der rechtsradikalen russischen „Nationaldemokratischen Partei“ sagt es poetisch so: „Den Erben Felix Dserschinskis gratuliert der Präsident und die Meister der Kunst geben ihnen ein großes Konzert im Kreml“. Über den Feiertag sagen sie a) „In der Lubjanka nennt man ihn der Tradition gemäß Tag des Tschekisten“ und b) zwar habe Jelzin das Dekret erlassen, aber erst unter Präsident Putin werde er in gesamtrussischem Maßstab (russ. масштаб, Mas-schtab) begangen.

Genug muckraking*! In einem zweistufigen Anlauf zurück zur Normalität, aka Poesie. Hier die erste Stufe.

1981 veröffentlichte Uwe Kolbe das Gedicht „Kern meines Romans“. Hier die vierte Strophe:

Einsicht Umweg Reime Ergebnis Maß
Hochachtung Ehre Lob Demut Edelmut Nutzen Tadel Unsicherheit Mut
Dank Erziehung Nachsicht
Offenbarung Pathos Frieden Erscheinung Reinheit Nichts
Weg Irrtum Droge Mahnmal Erklären
Ideal Cäsur Haltlose
Eines Ich Norm Einfaches Natur
Opfer Rasen Genick Arche Suche Musik Unwirsch Schwanz

Mit Gedichten kann man vielerlei tun. Sie lesen, vorlesen, nicht verstehen, lesen, kopfschüttelnd weglegen, interpretieren, lesen, verstehen, zu verstehen glauben, zu verstehen behaupten, loben,kritisieren, ignorieren, denunzieren, lesen… In Haft nehmen kann man Gedichte nicht, das geht nur mit den Schreibern oder Lesern. Dieses Gedicht hat etlichen Angehörigen der Sicherheitsorgane und Funktionären auf verschiedenen Ebenen Arbeit gemacht. Als jemand nämlich (ein gebildeter Literaturwissenschaftler, nehme ich mal an) den Organen steckte, daß das Gedicht ein Palindrom ist. Liest man die Anfangsbuchstaben aller Wörter, entsteht Zeile für Zeile ein neuer Text.

*) Für heute? Schön wärs, aber kann mans vorher wissen?

Jürg Laederach 70

Aus einem Gespräch, das die NZZ mit dem Schweizer Autor und Musiker führte

Welchen Rat geben Sie einem jungen Autor, der heute zu schreiben beginnt?

Ich würde eine Doppelstrategie vorschlagen. Einerseits sehr sorgfältig lesen, was publiziert wird. Und dann, da würde ich mich selbst als Beispiel nehmen, würde ich versuchen, eine Art eigener Analytik zu entwickeln: dass man in einem eigenen Emotional- und Erkenntnis-Vokabular sieht, was man jeweils vor sich hat. Und da sollte man sich auf niemand anderen verlassen müssen. Denn es sagt einem niemand die Wahrheit. Aber zugleich sollte man, auf einer zweiten Ebene, Ratschläge holen und anderen zuhören, ohne gleich ein Heiligtum daraus zu machen.

Die Bereitschaft, komplexe Texte zu verlegen und zu lesen, hat sich drastisch verändert. Wie nehmen Sie das wahr?

Das ist so, obwohl doch auch sehr komplexe Gedichte geschrieben werden. Aber Gedichte interessieren mich unendlich weniger – da bringe ich alle Lyriker gegen mich auf, ich weiss. Ich habe unrecht, und es entgeht mir einiges, ich weiss, aber das kümmert mich nicht. Es gibt auch immer wieder erfreulich komplexe Prosa, die, durchaus nach meinem Prinzip, nicht so gigantische technische Apparate in Bewegung setzt, sondern mit gut ausgedachten Veränderungen etwas sehr Interessantes bieten kann.

Poetopie

lange bevor du geboren wurdest, hat dein Leben schon begonnen

Hansjürgen Bulkowski

Ohne Meinungsfreiheit muß ein Land verkommen

Aus einem Interview, das Hans Christoph Buch mit Wolfgang Kubin führte (NZZ 17.12.). Der Sinologe wurde am 17. Dezember 70.

Unter den Poeten der Gegenwart ist mir Bei Dao der liebste . Wir kommen beide vom spanischen «modernismo» her. Deswegen sage ich spasseshalber, er brauche seine Gedichte gar nicht erst auf Chinesisch zu schreiben. Sein von mir übersetztes «Buch der Niederlage» (Hanser) enthält Wahnsinnstexte. Ich könnte in Tränen ausbrechen!

Vor ein paar Jahren erregten Sie mit der These Aufsehen, die chinesische Gegenwartsliteratur sei ästhetisch unbedarft und uninteressant, zumal der Roman. Das zeitgenössische China habe traditionelle Tugenden wie Zurückhaltung und Bescheidenheit aufgegeben zugunsten von Konsumwahn und blindem Materialismus. Trifft das heute noch zu?

Leider noch mehr als bisher. Das Problem ist, dass weltweit nur umfangreiche Romane als Literatur gelten, daneben werden weder Lyrik noch Essays oder Dramen als Literatur gewürdigt, obwohl China mit Poeten und Essayisten Weltliteratur zu bieten hat. Die aber werden kaum gelesen, und wenn, dann eher in Deutschland als im Reich der Mitte.

Sie kritisieren offen Missstände in China, aber oft wirft man Ihnen vor, nicht für die politischen Dissidenten Partei ergriffen und die real existierende Unterdrückung klein- oder schöngeredet zu haben.

Journalisten, die mich kritisieren, haben als Gegner Chinas Regierung und die Kommunistische Partei vor Augen, aber eine differenzierte Darstellung hat in den deutschen Medien kaum eine Chance, deshalb werde ich hie und da angefeindet. Dabei rede ich an chinesischen Universitäten nicht anders als in Bonn. Mündlich werde ich nicht zensiert, schriftlich dagegen immer. Ich sage in Peking, was ich denke, das ist kein Problem. Was ich sage oder schreibe, darf jedoch nicht immer gedruckt werden. Ich sage offen und öffentlich, dass meine Werke auf Chinesisch zensiert sind. Kein Parteisekretär stellt mich dafür zur Rede. Wenn ich in China Theologie lehre, unterrichte ich natürlich gegen den Strich der Partei, und meine Studenten schreiben höchst kritische Klausuren. Niemand schreitet ein. Mündlich, privat und an den Universitäten sind wir in China so frei wie in Deutschland, aber noch nicht in schriftlich publizierter Form. Ich sage: noch nicht! Denn kein Land kann sich ohne Meinungsfreiheit so entwickeln, dass es nicht verkommt.

Nachrichten von der Hauptstadt der Sonne 1919 – 1984

Das von dem deutschen Sinologen Wolfgang Kubin herausgegebene und aus dem Chinesischen übersetzte Buch Nachrichten von der Hauptstadt der Sonne – moderne chinesische Lyrik, 1919 – 1984, das der Verlag Suhrkamp zum ersten Mal 1985 herausbrachte, ist in diesem Jahr erneut erschienen, diesmal beim Bacopa Verlag. Während die alte Suhrkamp-Version einsprachig, deutsch war, ist die neue Bacopa-Version zweisprachig, deutsch-chinesisch: diese Erneuerung nennt Professor Kubin im Vorwort zur Neuauflage„einen offensichtlichen Unterschied“ – „Die chinesischen Originale sind den deutschen Übertragungen nun zur Seite gestellt.“ Es stellt sich die Frage: Was kann das Motiv für Bacopa sein, eine Neuauflage zu drucken? Vielleicht gilt es den deutschsprachigen Sinologen, oder auch den chinesischen Germanisten? Natürlich hat sich auch der Auftritt erneuert: Aus dem typisch suhrkampisch (r)einfarbigen, hellblauen Umschlag wird einer des Bacopa, worauf das Gelb des Sonnenlichtes von oben her allmählich auf dem Grün in Form eines Daches weich landet. Als Chinese assoziiere ich damit das Tian’an Men (das Tor des Himmlischen Friedens), das die Stadt Beijing symbolisiert. Wenn schon Kubin in dem 1984 verfassten Vorwort schrieb, dass der Buchtitel auf Bei Daos Gedichtszyklus Nachrichten von der Hauptstadt der Sonne zurückgehe, und obwohl er zu Recht meinte, dass Bei Dao damit auf Campanellas Sonnenstaat anspiele, entspricht das Design des Bacopa-Verlags wohl eher, was Bei Dao vor allem meinte: die Hauptstadt Chinas, Wohnsitz des Vorsitzenden Mao, der von den Chinesen mit der Sonne verglichen wurde, als der Gedichtszyklus entstand.

(…)

Erst aus Liebe zum Gedicht kann man beim Übersetzen lauschen, wo des Gedichtes Herz schlägt, wie es atmet. Sobald das zu übersetzende Gedicht dem dichtenden Übersetzer begegnet, ergibt sich eine gute Übersetzung, an der der Zuwachs an Sprachkunst durch Übersetzung leicht erkennbar wird.

Gu Cheng:

                     远和近                                      Fern und Nah

 

你,                                          Du
一会看我,                                Schaust bald mich
一会看云。                                Bald die Wolken.
 

我觉得,                                   Als
你看我时很远,                         Sei ich fern,
你看云时很近。                         Die Wolken nah.

 

Wenn man als zweisprachiger (im Fall eines chinesischen Germanisten) Liebhaber moderner chinesischer Lyrik Kubins Übersetzung – beispielsweise eines beliebten Gedichtes von Bei Dao – liest, ist die Freude doppelt so groß, als ob man sich selbst nicht un-narzisstisch im Spiegel betrachtet. / WANG Yanhui, cri.cn

John Trudell †

Seine Karriere als Poet und Popstar begann für den indianischen Widerstandskämpfer 1979, dem Jahr, in dem er in Washington die US-Flagge verbrannte. Ein Jahrzehnt davor war John Trudell Wortführer der „Indians of all Tribes“ – Indianer aller Stämme – , die die ehemalige Gefängnisinsel Alcatraz besetzten, um in den ehemaligen Kerkern eine indianische Universität einzurichten. Er startete den Inselsender „Radio Free Alcatraz“, bis die Staatsgewalt nach 19 Monaten das alternative Projekt mit Gewalt beendete. Anschließend trat er dem American Indian Movement (AIM) bei, jener pan-indianischen Widerstandsbewegung, die quer durch Nordamerika die geschwächten Stämme vereinte und mit militanten Aktionen auf sich aufmerksam machte.

(…)

Trudell verbrannte aus Protest den Sternenbanner vor der Zentrale des FBI. In der folgenden Nacht fing sein Haus auf dem Shoshone-Reservat Duck Valley in Nevada Feuer; seine schwangere Frau Tina, seine drei Kinder und seine Schwiegermutter verbrannten. Der Brand wurde nie untersucht. In Trudells Augen war es ein Racheakt des FBI; Beweise dafür gab es keine.

Er war nah daran, sein Gleichgewicht für immer zu verlieren. Um sich zu retten, griff er zu Papier und Stift und heilte sich durch Poesie. Er schrieb und schrieb und produzierte „Lines“ – Zeilen –, wie er sich ausdrückte. Seine ersten Büchlein sind Kult. 

(…) Am Dienstag starb Trudell 69-jährig an Krebs in seinem Haus in Nord-Kalifornien. / Claus Biegert, Süddeutsche Zeitung 10.12.

Manès-Sperber-Preis an Ilma Rakusa

Die Schweizer Autorin Ilma Rakusa, Tochter einer Ungarin und eines Slowenen, erhielt den Manès-Sperber-Preis für Literatur 2015. Wie Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) bei der Verleihung in Wien betonte, zeichnet sich Ilma Rakusa „durch ihre Vielseitigkeit, Vielsprachigkeit und ihren europäischen Geist aus“.

(…) „Gerade in Zeiten wie heute, in Zeiten des täglichen Ringens darum, dass europäische Werte aufrecht erhalten werden, gerade in solchen Zeiten ist ein Werk wie jenes von Ilma Rakusa von ganz besonderer Bedeutung. Sie ist eine Autorin, die in ihrem Schaffen immer weit über Grenzen hinausgegangen ist“, sagte Ostermayer laut Aussendung des Bundespressedienstes.

Die in der Schweiz lebende Autorin Ilma Rakusa wurde 1946 im slowakischen Rimavská Sobota geboren – als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen. Ihre frühe Kindheit war geprägt von Umzügen nach Budapest, Ljubljana und Triest/ Trst. 1951 zog die Familie nach Zürich, wo Ilma Rakusa ihre Schullaufbahn absolvierte. Sie studierte Slawistik und Romanistik in Zürich, an der Pariser Sorbonne und in Sankt Petersburg. Seit den 1970er Jahren lehrt sie an der Universität Zürich. Aus den 1970er Jahren stammen auch ihre ersten veröffentlichten Gedichte.

(…)

Der mit 8.000 Euro dotierte Manès-Sperber-Preis wird vom Bundeskanzleramt gestiftet und alle zwei Jahre von der Manès-Sperber-Gesellschaft in Wien vergeben. Ausgezeichnet werden Persönlichkeiten, deren literarisches und essayistisches Werk in einem sichtbaren thematischen Zusammenhang mit dem Oeuvre von Sperber steht. Dabei spielen die transnationale europäische Orientierung sowie das intellektuelle und zivilgesellschaftliche Engagement eine wesentliche Rolle. / volksgruppen.orf.at

Sowjetische Kantaten

Kürzlich wurde Sawjalow für sein neues Werk «Sowjetische Kantaten» mit dem Andrei-Bely-Preis in der Sparte Poesie geehrt. Die Preissumme besteht aus einem symbolischen Rubel, dazu wird aber immerhin eine Flasche Wodka und ein Apfel zur unmittelbaren Konsumation abgegeben.

Trotz ihrer kargen Ausstattung verfügt die Auszeichnung über beträchtliches Prestige. Die Liste der bisherigen Preisträger liest sich wie ein Who is who der russischen Literatur und Wissenschaft: Die Leningrader Untergrundlegende Wiktor Kriwulin, der Okkultist Juri Mamlejew und der Minimallyriker Gennadi Ajgi finden sich hier ebenso wie der Philosoph Boris Groys, der Kulturwissenschafter Michail Jampolski oder der Soziologe Boris Dubin.

Sergei Sawjalow wurde 1958 in Puschkin bei Leningrad geboren. In den achtziger Jahren gehörte er zu den aktiven Mitgliedern des nonkonformistischen Klubs 81, der damals eigene hektografierte Literaturzeitschriften herausgab. Sergei Sawjalow blickt heute selbstkritisch auf diese Zeit zurück, in der man den Sowjetkommunismus für alles Übel verantwortlich machte und das Ausland für ein märchenhaftes Paradies hielt.

Die nonkonformistischen Dichter schenkten der gesellschaftlichen Gegenwart wenig Aufmerksamkeit und versuchten, direkt an das Silberne Zeitalter der russischen Poesie nach der Jahrhundertwende anzuknüpfen.

(…)

Seine Dichtung beschäftigt sich vornehmlich mit tragischen Gegenständen: mit Stalins Grossem Terror, mit der Hungersnot während der Leningrader Blockade und mit dem Holocaust. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Typografie: Sawjalow setzt bewusst alte Schrifttypen, Grossschreibung, Kursivschrift und Flattersatz ein, um die verschiedenen Stimmen seiner Protagonisten zu unterscheiden. Wahrscheinlich muss man Sergei Sawjalow viel eher als Komponisten und nicht so sehr als Dichter bezeichnen. Seine «Sowjetischen Kantaten» hat er jedenfalls auf der Grundlage von Prokofjew- und Schostakowitsch-Oratorien zu einem Wortgesamtkunstwerk gefügt. / Ulrich M. Schmid, NZZ