Im Lesen bin ich verstrickt

Laudatio von Daniela Seel zur Verleihung des Spycher: Literaturpreises Leuk an Katharina Schultens am 27. September

(c) Thomas Andenmatten
(c) Thomas Andenmatten

Katharina Schultens schreibt: „ich habe das verklärt was du nicht bist / rauschen: du bist ein anderes geräusch // du bist ein unerkannter susurrus / du blendest für mich alles andre aus // sprichst du über den bienenschwarm hinaus / so summt darin mein denken (bienenhaus) // ich kann dir sagen was die bienen sehen / ich kann notieren welche zeichen / der schwarm verwendet hat // dein bienengeist: er dunkelt unter licht / verlässt du weiterhin den stock nicht / muss ich erinnern was du weißt // ich sammle dir ereignisse / sobald ich sie verwandelt habe / bringst du das zuckerwasser: tausch // du füllst den imkeranzug susurr / du hast den schleier nie verloren / du bist hier eigentlich die braut“

Susurrus, ein so lautplastisches Murmeln, Summen, Seufzen, Rascheln, Wispern, wir müssen kein Lateinwörterbuch fragen, um etwas davon zu verstehen. Und während ich noch lesend am Tisch sitze, blenden Susurrus und Surren ineinander, verwandeln sich zu etwas Drittem, dem ich keinen Namen geben kann als eben „ich habe das verklärt was du nicht bist / rauschen“. Ist doch auch Katharina Schultens im Zimmer? Wer wäre dieses „du“, mit dem nicht nur das Gedicht, sondern der ganze Gedichtband schließt, wo dieses „hier“, als „braut“? Bin ich es, Leserin, dem Gedicht in der Lektüre vermählt? Sind Sie es, zu denen ich rede? Oder ist es noch immer Katharina, die spricht? Muss ich Sie nicht verfehlen, indem ich aufschreibe, was ja Rede sein soll? Muss ich nicht Sie, die sie mir jetzt, hier, zuhören, und muss ich nicht Katharina und ihre Gedichte verfehlt haben, wenn ich gar nicht aus diesem Moment zu Ihnen spreche, sondern aus einer Vergangenheit, die uns vielleicht gar nicht meint? Gar nicht meinen kann, weil und solange Sie nicht hier sind. Sind Sie, sind wir, jetzt hier?

Der Himmel verfärbt sich, es wird Herbst. Ich lese: „unausweichliche schwebe: / zu sagen ich brauche etwas.“ So konkret und zugleich offen gesagt, dass ich sofort ins Schweifen gerate, in Eigenes. Ist das schon Abschweifen oder noch Teil des Gedichts, das mich in diesen Gedankenraum hinein geöffnet hat, Teil dieser Rede, einer Realität, vermählt. Der Text fährt fort „ich muss haben: diesen einen blick / auf meine stiefel. kurve. zittern. wahn. das auge muss für uns / imaginäres leder abtasten an dem wir nachher festmachen / was wir begehren. wichtig: kenne dabei nie den preis / wenn du den preis kennst setzt die spannung aus. du spielst / doch auch. du gibst doch aus. du wirfst als ob an jenem tisch.“ Angenommen, das Gedicht wäre der Ort, wo alles – alles Sprachliche – zusammenkommen und synthetisiert werden kann, eine letzte Utopie, die weit Entferntes in Beziehung setzt und zurück in die Gemeinschaft trägt, angenommen, es wirkte in alles hinein, was schon da ist. In die Körper, Gedanken, Spiele, die Situation, derer es zuteil geworden ist, in die es eingreift und sie verschiebt. Verstrickt. Wie es meine Wahrnehmung verstrickt. Fortführt. Beginnt.

Ich beginne noch einmal zu lesen, von vorn. „mein projektleiter stützt abends den kopf in die hände reibt / seine wimpern: er habe mich tagsüber verbrannt ohne not / mein projektleiter erklärt mich zu lots weib.“ Ist das nicht entsetzlich? Schon mit den ersten Zeilen von „gorgos portfolio“, Katharina Schultens jüngstem Band, bin ich, und sind nun wir, mitten im Dilemma. In den Schrecken einer Gegenwart, die weiterhin hierarchisch organisiert ist, wo Männer erklären und Frauen verbrannt werden. Über die Gorgonen wird gesagt, sie seien Schreckensgestalten mit Schlangenhaar, deren Blick in Stein verwandle. Wenn mich nun friert, was kann das Gedicht dafür? Muss ich mich wappnen, um Katharina Schultens‘ Gedichten zu begegnen? Wie viel Kälte braucht es, um in der Welt zu bestehen? Wie viel Demut? Monstrosität? Am Telefon, als wir im Gespräch über Ansprüche an Gedichte und den heutigen Vormittag nachdenken, sagt Katharina: „Trost ist nicht im Text, Trost kann nur in der Welt sein, wenn du dich bewegst.“ Und so sind es gerade das heruntergekühlt Unbehauste der Gedichte, ihr scharfer Blick für Kalküle und Grausamkeiten, für die fatale Erotik von Machtspielen, die Bewegung anregen, Auf-Begehren. Braucht es Aufbegehren? „zu sagen ich brauche etwas. ich muss haben“, stellt mich infrage, stellt fundamentale Fragen an die Annahmen unserer Existenz und gesellschaftlichen Verfasstheit. „du brauchst immer einen kugelschreiber / der sich zum schwert ausfahren lässt / töten wäre drastisch formuliert / ich spreche gern von auslagern / der minderleister im modell. ok?“ Katharina Schultens dichtet ohne Schonung. Indem sie intime Figurenrede engführt mit Begriffen etwa aus der Finanz- und Wirtschaftswelt, infiziert sie das Denken zwischenmenschlicher Beziehungen mit Verwertungslogiken und legt zugleich frei, welche auch poetischen Potenziale in Fügungen liegen, die wir als rein technische zu lesen gewohnt sind. Gewinnwarnung. Nachtdienst. Überschuss. Eigenkapital. Goldstandard. Insider Trading. Dark Pools. Preis. Zitat: „klar habe ich büromethoden übertragen / aber was du mir vorwirfst ist ein versehen: / es ging mir nie um irgendeinen kopf / es ging mir auch nicht um den sieg / ich habe eine differenz gelöst“. Durch die Ich-Form habe ich mir beim Lesen etwas kaum Verdauliches einverleibt, noch bevor ich mich hätte wappnen können. Sprachkritik, Gesellschaftskritik, Selbstkritik gehen ineinander über. Die Konflikte finden nicht irgendwo entfernt statt, im Abstrakten, in der Fremde. Sie sind längst in mir, in der Intimität des eigenen Körpers. Niemand hier ist ohne Verantwortung. Im Lesen bin ich verstrickt in Welt wie Gedicht. Das kein Unterstand ist, das die eigene Grausamkeit freilegt. Und wohin stelle ich mich damit, um weiter zu reden. Um Lob zu reden.

Auch dieser Akt ist nicht frei von Gewaltförmigkeit. Ich rede und Sie sollen, ja müssen zuhören. Denn die Ohren sind ein Sinnesorgan, das man nicht schließen kann. Das selbst in der Nacht auf Hab-Acht bleibt. Und wer hat bestimmt, wer reden darf, und wer schweigt? Liebe Zuhörende, machen Sie Gebrauch vom Aufbegehren durch Abschweifen! Oder besser noch, durch Bewegung in der Welt. Angeregt von Katharina Schultens‘ Texten.

Es sind nicht nur Gedichte. In diesem Herbst etwa erscheint in der Edition Poeticon im Verlagshaus Berlin ein Essay zum Thema „Geld“, aus dem ich eine längere Passage zitieren möchte, um die Frage nach der Gewaltförmigkeit noch aus einer anderen Richtung zu beleuchten. Zitat: „Ein Gedicht operiert, inzwischen, unter einer modifizierten Logik der zeremoniellen Gabe, und damit unter einer Logik der tatsächlichen Gabe. Das bedeutet, es gibt mir etwas, und verlangt keine Gegengabe, erwartet nichts außer Offenheit. Es verlangt keine Gunst, keine Entscheidung, keine Hilfe bei der Ernte oder in der Liebe. Es verlangt weder Verständnis noch Interpretation. Es erpresst nicht, es hat diese Option nicht, es kann seine Gabe nicht wiederholen, denn sie ist einmalig und andauernd. Könnte es vergelten, wenn eine Gegengabe ausbleibt? Eine, die zudem noch keinen Adressaten hätte? Ach.

Absichtslos nichts außer Offenheit zu erwarten, ist allerdings eine Zumutung. Offenheit bedeutet, sich jederzeit tatsächlich auf die Gabe einzulassen, egal, was sie eventuell bewirkt. Sie könnte Gift sein oder Heilmittel. Sie könnte mich noch weiter öffnen. Sie könnte ein Messer sein oder ein Kissen, beides im Wechsel, ein Vogel, ein Frachter, eine Summe oder meine Liebe.

In der Öffnung kann mir etwas zustoßen. In der Öffnung kann ich, da ich sie nicht gewöhnt bin, auf Voraussetzungen zurückfallen, die in ihr nicht gelten. Es kann sein, dass ich panisch werde und sie sich schließt. Es kann sein, dass ich mich der vermeintlich geltenden Voraussetzungen wegen unzureichend fühle, dieses Gefühl aber im Nachhinein der Öffnung oder ihrem Auslöser zuschreibe. Es kann sein, dass es mir auffällt – dass ich mich geöffnet, aber nicht von anderweitigen Voraussetzungen gelöst habe. Es kann sein, dass ich wütend werde.“ Zitatende.

Wenn wir nun aber das Gedicht als Gabe annehmen, wie verhält es sich, wie verhalten wir uns zu dem oder derjenigen, die es gibt? Schon die Beziehung von Autorin oder Autor zum „eigenen“ Text ist eine mehrfach verwickelte. Indem er veröffentlicht wird, sei es als Text oder Vortrag, verlässt er zudem den Raum des Privaten und wird eben dies: öffentlich, geht über in die Vergemeinschaftung, das Kollektiv, das Sprache ist. Können wir die Person, die dies geschrieben hat, von hier aus überhaupt noch erreichen? Wenn der Raum, in dem gegeben wird, dazu noch ein zeremonieller ist, handeln darin überhaupt Personen? Wer bin ich, wenn ich hier rede? Eine Funktion, eine Sprechakteurin, der ein Ort im Zeremoniell zukommt, ein Amt, nicht Person, obwohl ich doch vordergründig von mir selbst dargestellt werde. So wie auch der Körper des Autors, der Autorin ein öffentlicher ist, der im öffentlichen Auftritt, auf kaum zu begreifende Weise, vom Privatkörper gedeckt wird, und doch Amt ist, Persona. Wir sehen Katharina Schultens und möchten sie loben für die Gedichte, die sie uns gab. Aber indem sie hier, im Raum der Zeremonie, unter uns ist, müssen wir die, die diese Gedichte schrieb, für die wir sie auszeichnen möchten, verfehlen. Man könnte verrückt werden darüber.

Viel lieber als das aber möchte ich uns in der Welt bewegen. Von diesem Katheder abtreten und hinübergehen zum Tisch. Das Reden über, in dem der andere fremd und beinahe monströs als anderer steht, umkehren in ein Reden mit.

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