Erfinder

Die Mutter aller Liebesdichtung, die älteste Individuallyrik der Welt. Diese altägyptischen Gedichte wurden seit der 19. Dynastie (1320-1200 v.u.Z.) auf Papyrus oder Kalkstein aufgezeichnet. Sicher existierten sie da schon Jahrhunderte in mündlicher Überlieferung. Die ersten haben keine Vorbilder, sie müssen alles selber erfinden.

Der Granatbaum redet:

  "Meine Kerne sind wie ihre Zähne.
 Meine Früchte
  sind schön wie ihre Brüste.

  Meine Dauerhaftigkeit

  ist größer als die der anderen Bäume

  des Parks.

  Ich bin immer da.



     Dort tun es

     die Schwester und ihr Bruder.

     Sie ruhen

     unter meinen Zweigen.

     Sie sind trunken vom Wein

     und Most,
 durchtränkt von Öl und Salbe.



  Alle Bäume vergehen

  bis auf mich

 in meinem Feld.

  Ich verbringe zwölf Monate,

  Die anderen sterben,

  ich bleibe stehen.

  Fällt auch eine Blüte herab,

  neu löst sich eine Knospe aus mir.

  Ich, ich bin der Erste der Bäume.

  Aber man sieht mich als den zweiten an.



  Wenn wiederholt wird,

  was da getan wurde,

  aufs neue,

  werde ich nicht mehr schweigen

  ihretwegen.
 Ich werde sagen, 
 was sie tun.

  Das Schlimme wird entdeckt,

  und die Liebende wird bestraft:
 
 Nicht mehr wird sie ihren Strauß

  wiederfinden von Lotosblüten
 
 und Knospen."



  "Mädchen, gib Opfergaben

  von Lotosknospen, Öl

  und Bier
 
 in der Art aller Leute.

  Der Baum wird dich einen schönen Tag

  verbringen lassen.

  Ein Pavillon von Rohr

  ist an geschützter Stelle –"



  "Sieh, der Baum,

  er hat sich aufgerichtet, wirklich.

  Laß uns ihm schmeicheln!

  Sieh zu, daß er den ganzen Tag verbringt,

  freundlich,

  und daß er seinen Schutz gewährt!"

Aus: Liebe sagen. Lyrik aus dem ägyptischen Altertum. Hrsg. Hannelore Kischkewitz. Leipzig: Reclam, 1973, S. 51-53

Den Grobian verfolgt die Lust

Sergej Jessenin

(russisch Сергей Александрович Есенин, wiss. Transliteration Sergej Aleksandrovič Esenin; * 21. September jul./ 3. Oktober 1895 greg. in Konstantinowo, Gouvernement Rjasan, Russisches Kaiserreich; † 28. Dezember 1925 in Leningrad)

Den Grobian verfolgt die Lust,
den Zärtlichen die Traurigkeit.
Ich brauche niemanden, gewiss,
und niemand tut mir leid.

O doch, mir selber ich ein bisschen,
armer, heimatloser Und.
Sieh da, das ist der Weg schnurstracks
zum Kiosk am Diamantengrund.

Was regt ihr euch auf, ihr Teufel?
Bin ich kein Kind von hier?
Keiner von uns, dem die Hose nicht
für einen Schluck Rum um die Knöchel fiel.

Mürrisch schau ich aus dem Loch,
im Herzen Schmerz und Langeweile.
Die Sonne glitzert frühlingswonnig
auf dem versumpften Weiher.

Sie wird schon fett und trocknet all
den Gatsch entlang der Straße.
Ein Junge steht da, welcher recht
zufrieden wirkt, er bohrt in der Nase.

Bohre, bohre, mein Junge!
Steck den Finger rein bis zum Knie.
Wund wenn du’s mit aller Kraft versuchst,
deine Seele erreichst du nie.

Ich mag nicht mehr. Ein Flaschenheer
steht vor mir. Wird es endlich langen?
Ich sammle die Korken, um
meine Seele einzufangen.

Deutsch von Ann Cotten, aus: Ann Cotten, Fast dumm. Essays von on the road. O.O., o.J. Fürth: starfruit, 2017, S. 224 f.

Грубым дается радость,
Нежным дается печаль.
Мне ничего не надо,
Мне никого не жаль.

Жаль мне себя немного,
Жалко бездомных собак.
Эта прямая дорога
Меня привела в кабак.

Что ж вы ругаетесь, дьяволы?
Или я не сын страны?
Каждый из нас закладывал
За рюмку свои штаны.

Мутно гляжу на окна,
В сердце тоска и зной.
Катится, в солнце измокнув,
Улица передо мной.

А на улице мальчик сопливый.
Воздух поджарен и сух.
Мальчик такой счастливый
И ковыряет в носу.

Ковыряй, ковыряй, мой милый,
Суй туда палец весь,
Только вот с эфтой силой
В душу свою не лезь.

Я уж готов… Я робкий…
Глянь на бутылок рать!
Я собираю пробки —
Душу мою затыкать.

1923

Engl. Transkription:

Grubym dayetsya radost‘,
Nezhnym dayetsya pechal‘.
Mne nichego ne nado,
Mne nikogo ne zhal‘.

Zhal‘ mne sebya nemnogo,
Zhalko bezdomnykh sobak.
Eta pryamaya doroga
Menya privela v kabak.

Chto zh vy rugayetes‘, d’yavoly?
Ili ya ne syn strany?
Kazhdyy iz nas zakladyval
Za ryumku svoi shtany.

Mutno glyazhu na okna,
V serdtse toska i znoy.
Katitsya, v solntse izmoknuv,
Ulitsa peredo mnoy.

A na ulitse mal’chik soplivyy.
Vozdukh podzharen i sukh.
Mal’chik takoy schastlivyy
I kovyryayet v nosu.

Kovyryay, kovyryay, moy milyy,
Suy tuda palets ves‘,
Tol’ko vot s eftoy siloy
V dushu svoyu ne lez‘.

YA uzh gotov… YA robkiy…
Glyan‘ na butylok rat‘!
YA sobirayu probki —
Dushu moyu zatykat‘.

Lampe

Buch 5, 7: Asklepiades

Lampe, in deinem Beisein hat Herakleia dreimal geschworen
zu kommen, aber sie kommt nicht. Lampe, wenn du ein Gott bist,
dann zahl es der Lügnerin heim! Wenn sie da drinnen mit einem Liebsten
ihren Spaß hat, geh aus und leuchte ihr nicht mehr dabei.

Deutsch von Dirk Uwe Hansen. Aus: Anthologia Graeca I. Bücher 1 bis 5, S. Hiersemann Stuttgart, S. 94

Fremd bin ich / eingezogen fremd

Wilhelm Müller (* 7. Oktober 1794 in Dessau; † 1. Oktober 1827 ebenda)

Gute Nacht

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh‘ ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh‘ –
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.

Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit:
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such‘ ich des Wildes Tritt.

Was soll ich länger weilen,
Bis man mich trieb‘ hinaus?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus!
Die Liebe liebt das Wandern, –
Gott hat sie so gemacht –
Von Einem zu dem Andern –
Fein Liebchen, Gute Nacht!

Will dich im Traum nicht stören,
Wär‘ Schad‘ um deine Ruh‘,
Sollst meinen Tritt nicht hören –
Sacht, sacht die Thüre zu!
Ich schreibe nur im Gehen
An’s Thor noch gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
Ich hab‘ an dich gedacht.

Aus dem Zyklus „Die Winterreise“

Mit dir

Rumi

(*30. September 1207, Balch, Afghanistan, † 17. Dezember 1273, Konya, Türkei)

Mit dir möcht‘ Worte ohne Zungen sprechen ich,
Möcht‘, was zu Ohren nie gedrungen, sprechen ich,
Nur dein Ohr soll vernehmen, was ich sag, soviel
Auch mag inmitt‘ von Alt und Jungen sprechen ich.

Handschrift Istanbul Esad, Blatt 320 b1

Deutsch von Annemarie Schimmel. Aus: Maulana Dschellaladdin Rumi: Aus dem Diwan. Stuttgart: Reclam, 2000, S. 36

Ach, wenn es der letzte ist!

Miguel de Unamuno

(* 29. September 1864 in Bilbao; † 31. Dezember 1936 in Salamanca)

Wir trennten uns in einem Kuß,
ach, wenn es der letzte ist!
Das Herz will uns zerspringen
in diesem tiefen Schmerz!
Küsse, die lachend kommen,
gehn unter Tränen davon,
mit ihnen geht das Leben,
das niemals mehr wiederkehrt.
Du sagst mir: das Leben kehrt wieder;
doch dieses nicht, das da geht:
wir trennten uns in einem Kuß,
ach, wenn es der letzte ist!

Deutsch von Karlheinz Barck, aus: Metamorphose der Nelke. Moderne spanische Lyrik spanisch und deutsch. Hrsg. Carlos Rincón. Leipzig: Reclam, 1968, S. 43/45

Nos partimos en un beso;
¡ay si el último será!
el corazón se nos parte
¡con las penas que nos da!
Besos que vienen riendo
luego llorando se van,
y en ellos se va la vida
y nunca más volverá.
Vuelve la vida –me dices–;
pero no la que se va:
nos partimos en un beso;
¡ay si el último será!

Landschaftsbeschreibung

Schnee am Fluß

Liú Zhōng-Yúan (773-819)

Die Vögel fliegen nicht mehr in den Bergen.
Auf den Wegen gehen keine Menschen.
In einem Boot sitzt einsam ein Alter im Strohmantel.
Im kalten Schnee des Flusses angelt er allein.

–––––––––––––––––
Interpretiert: Kleine Landschaftsbeschreibung.

Aus: Ausgewählte Tang-Gedichte.  Lai, Li-Show. Taiwan, o.J.  S. 32

Gegen alle organisierten Lügen

Yan Jun

Aus: GEGEN ALLE ORGANISIERTEN LÜGEN

gestern nacht träumte ich von sojasoße. gestern nacht begann ich zu wachsen. gestern nacht ging die wüste weit fort, wie ein seufzen. ich habe die wolken gehört, unterm dachstuhl, während der letzte von den jungen, die weggehen mussten, als man ihre häuser abriss, seine zigarette aufrauchte. weil gestern nacht keine frau weinen wollte, wurde shanghai eine stadt aus holzpferden. weil kein nebel über die brücken kommen wollte, wurde guangzhou ein tablettenhimmel. und in xining gingen die lichter aus, während jemand sein messer versteckte und über eine straße rannte, die mit schaföl bespritzt war. gestern nacht verließ der gott von beijing die stadt.

(…)

zum flohmarkt, unsterbliche und unvergängliche!

gestern warst du ein intellektueller, heute bist du ein dieb, morgen wirst du im schlaf sprechen und ein philosoph sein, geht es darum? geht es darum, dass handys nicht durchkommen, aber flugzeuge problemlos einen zerbrechlichen himmel zerkratzen dürfen? geh raus mit dem rinderteufel, schau dir einen gott an, ein jahr sollte reichen um schweigen zu lernen, um beobachten zu lernen, um zu lernen, wie man in lehmstahlhöhlen wohnt und weint.

(…)

Aus dem Chinesischen von Lea Schneider. In: Yan Jun: internationaler tag der reparatur. hochroth Berlin 2016, S. 7

Lest langsam

Vojtech Mihálik

(* 30. März 1926, Dolná Streda, Slowakei, † 3. November 2001, Bratislava)

Anleitung zum Lesen von Gedichten

Noch ehe ihr euch entschließt, Gedichte zu lesen,
bringt Erinnrungen, Phrenologie und Erdkunde in euch zum Schweigen.
Schneidet euch die Nägel.
Schiebt zwischen Umschlag und Einband – vorläufig nur –
das Gemurr eurer kleinen Boshaftigkeiten,
verlorene Rechnungen, Lose und Schnürsenkel.

Lest langsam,
Wort um Wort, aber lest nicht wörtlich.
Es ist mir peinlich, erklären zu müssen,
daß Magda S., Blondine aus Poprad mit einer Fliege auf der Nase,
eigentlich brünett und aus Kiripolec, einen Elefanten auf der Nase trägt.
Und daß sie möglicherweise
identisch ist mit einem Traumgesicht.

Um des Familienfriedens willen
meßt ihren Schädel nicht nach dem Liede.
Lest wehrlos und skeptisch –
nur wenn ihr nichts glaubt, glaubt ihr alles.
Zum Schutz nur ist die empfohlene Maniküre:
Schält ihr die Realien aus dem Papier,
kriecht euch das eingefrostete Gedicht nicht unter die Nägel.
Und in einem bestimmten Augenblick,
einem unbestimmbaren, traurigen, bläulichen,
summt es,
und auffliegt der Elefant von der Nase der Magda S.,
eigentlich der schwarzen Eva aus Levoča.
Mit der Musik fließen Erinnern, Phrenologie und Erdkunde, in eins.
Die Bosheit stirbt, geboren wird Zorn
oder Vergebung.

Das ist der Beweis,
daß ihr richtig gelesen habt
und entgangen seid den Konflikten in Familie und Gesellschaft.

1965

Nachgedichtet von Günther Deicke
Aus: Miroslav Válek, Milan Rúfus, Vojtech Mihálik, Gedichte. Hrsg. Manfred Jähnichen. Berlin: Volk und Welt, 1978, S. 127f

An ein Mädchen

AN EIN MÄDCHEN

BERGDAMA, SW-AFRIKA (Namibia)

Tu doch so schämig nicht,
Du liebes Schwarzgesicht!
Hör auf zu weinen!
Bin ja ein fremder Mann!
Kein Mädchen sieht mich an!
Als schöner Jüngling kann
Ich nicht erscheinen.
Drum denkt auch niemand dran,
Daß du dem fremden Mann
Was hast zulieb getan.
Es kümmert keinen!
Ich geh ja bald davon,
In diesem Jahre schon!
Brauchst nicht zu meinen,
Daß ich für immer dich
Will binden fest an mich!
Ich hab ja keinen
Bestimmten Wohnort mehr,
Geh heimatlos umher.
Brauchst später ja nicht mehr
Mir nachzuweinen!

Aua: Dichtungen der Naturvölker. Religiöse, magische und profane Lyrik. Gesammelt, gesichtet und in deutscher Sprache hrsg. von Eckart v. Sydow. Wien: Phädon, 1935, S. 140. Seine Quelle: H. Vedder: Die Bergdama. Hamburg 1923, II, 48.

Kreuzbraves Lied

Günter Kunert (1929-2019)

Junges Paar an der Ecke

Plätze finden, fröhlich sich zu paaren,
Das ist schwer für solche ohne Raum.
Leichter seinen Samen aufzusparen
Für die Nacht und für den kargen Traum.

Traum von warmen Kammern und von Betten,
Nicht nur drin zu schlafen und allein.
Über den Beton schaun wir nach Stätten
Für die Liebe, und wir finden Stein.

Unruh in uns, streifen wir durch Straßen,
Fern der Wildnis und ihr noch nicht fremd.
In den Städten, groß und ohne Maßen,
Wärmt uns meistens nur das eigne Hemd.

Aus: Günter Kunert: Das kreuzbrave Liederbuch. Berlin: Aufbau, 1961, S. 9

Einband vom Autor

Wie ich ein Fisch wurde

Günter Kunert (* 6. März 1929 in Berlin; † 21. September 2019 in Kaisborstel)

Wolf Biermann singt Günter Kunert „Wie ich ein Fisch wurde“

Biermanns Vertonung ist für mich interessant, weil er (eigentlich bei allen Titeln auf der Platte „Hälfte des Lebens“) radikal das Metrum singt – geradezu skandiert. Hier peitschende, vorwiegend sechshebige Trochäen: „Meine | Arme | dehnten | sich zu | breiten | Flossen“.

 

4 Kurz bevor die letzten Kräfte mich verließen, Fiel mir ein, was man mich einst gelehrt: Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen Die Veränderung, die seine Welt erfährt. 5 Leben heißt: Sich ohne Ende wandeln. Wer am alten hängt, der wird nicht alt. So entschloß ich mich, sofort zu handeln, Und das Wasser schien mir nicht mehr kalt. 6 Meine Arme dehnten sich zu breiten Flossen, Grüne Schuppen wuchsen auf mir voller Hast; Als das Wasser mir auch noch den Mund verschlossen, War dem neuen Element ich angepaßt. 7 Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten, Und ich spüre nichts von Wellen oder Wind, Aber fürchte jetzt die Trockenheiten, Und daß einst das Wasser wiederum verrinnt. 8 Denn aufs neue wieder Mensch zu werden, Wenn man’s lange Zeit nicht mehr gewesen ist, Das ist schwer für unsereins auf Erden, Weil das Menschsein sich zu leicht vergißt.

Aus: günter kunert: der ungebetene gast. Berlin und Weimar: Aufbau, 1965, Seite 12f (dort korrekt mit acht durchnummerierten Strophen).

Das Buch erschien 1966 in zweiter Auflage, obwohl Kunert immer heftig angegriffen wurde. 1963 brachte eine Bezirkszeitung der SED eine ganze Seite mit Beiträgen von Literaturwissenschaftlern und „einfachen Bürgern“ gegen drei Gedichte von Kunert. Damals waren Gedichte noch wichtig!

Knospen

Jehuda Amichai

(hebräisch יהודה עמיחי)

(* 3. Mai 1924 in Würzburg; † 22. September 2000 in Jerusalem)

Knospen

Ich stieg auf das Dach des weißen Hauses
Um zu sehen, was war
Und mich zu erinnern an die, die hier starben.
Zwischen den Eukalyptusbäumen und den Orangenhainen
Und den gelben Dünen.

Die meisten Menschen leben weiter
Nach ihrer ersten Liebe
Und die meisten Menschen überleben
Ihren ersten Krieg.

Ich habe zum Gedenken einen Hut aufgesetzt
Und in meinen Kopf wurde alles eingeschlossen.
Ich nahm den Hut zum Gedenken ab
Und meine Gedanken flogen in alle Winde
Wie Samen, die nicht aufgenommen werden.

Dann stieg ich hinunter vom Dach
Und setzte mich in das Haus, und um die Mittagszeit
Hörte ich die Geschichte vom Mut und vom Tod
Der Miri Ben-Ari, ihr Name
Ist klar wie eine Vogelstimme, und die Geschichte ihres Todes
Ist wie der Flug eines Vogels.

Aus dem Hebräischen von Alisa Stadler

Aus: Jehuda Amichai: Auch eine Faust war einmal eine offene Hand. Gedichte. München, Zürich: Piper, 1994, S. 16

An die Verächter der Wissenschaft

Antioch Kantemir

(russisch Антиох Дмитриевич Кантемир; * 10. September jul./ 21. September 1708 greg. in Konstantinopel; † 31. März jul./ 11. April 1744 greg. in Paris)

Erste Satire:
An die Verächter der Wissenschaft

An meinen· Verstand

Unreife Frucht flüchtiger Studien: mein Verstand,
Gib endlich Ruh, zwing nicht zu schreiben meine Hand!
Auch dem, der nicht schreibt, kann der Tag im Flug verrinnen,
Auch wer nichts selber schafft, kann dennoch Ruhm gewinnen,
Zum Ruhm will das Jahrhundert leichtre Wege zeigen,
Die mutge Füße ohne Straucheln aufwärts steigen,
Die größte Mühsal nimmt noch immer der in Kauf,
Der euren Pfad wählt, Musen. Mancher gab schon auf,
Weil ihn die Kraft verließ. Du erbst nur Schweiß und Leiden,
Poet, dich wird man wie den Aussatzkranken meiden.
Gelächter und Verachtung werden deine Gäste:
Wer über Büchern sitzt, erwirbt wohl nie Paläste.
Kein Park mit Marmorbildern wird sein eigen werden,
Und um kein Schaf vermehrt er die ererbten Herden.

Zwar unser junger Herrscher läßt die Musen hoffen.
Die Ungebildeten – sie meiden ihn betroffen.
Apollos Ruhm weiß er zu schirmen und zu wahren,
Apolls Gefolge selbst kann bei ihm Schutz erfahren.
Und seine Sorge ist’s, des Parnaß Volk zu mehren.
Ein Ärgernis nur bleibt, und keiner kann ihm wehren:
Wie viele loben überschwenglich das am Zaren,
Wogegen sie bei andern tadelnd sich verwahren!

Schisma und Häresie sind des Studierens Preis,
Der lügt am meisten, wer das meiste weiß,
Wer über Büchern hockt, wird sich vom Glauben wenden –
So seufzt die heil’ge Seele, Kriton. In den Händen
Den Rosenkranz, fleht er, man möge doch erkennen,
Daß uns von unserm Heil die Wissenschaften trennen:
Die Kinder, die so still und folgsam an uns hingen,
Gehorsam nach der Väter Art zur Messe gingen,
Mit Angst und Zittern hörten, ohne zu verstehen,
Wolln nun zum Leid der Kirche eigne Wege gehen,
Lesen die Bibel selbst, stelln Fragen, wollen denken
Und unsern Geistlichen nicht länger Glauben schenken.
Zur Fastenzeit trinkt keiner Kwaß. Nicht Stock, nicht Bitten
Bringt sie zum Pökelfleisch. Verloddert sind die Sitten.
Sie weihen keine Kerzen, halten keine Fasten.
Am liebsten wollten sie der Kirche Macht antasten.
Und raunen: Wer der Welt entsagt und ihrem Leben,
Soll sich mit Reichtum nicht und Landbesitz umgeben.

Silvan hat eine andere Gefahr erkannt:
Studiererei, sagt er, bringt Hunger übers Land.
Als wir noch nicht Latein erlernten, ja, in jenen Jahren
Lebten wir besser. Als wir ungebildet waren,
Hatten wir gute Ernten, litten keine Not.
Die fremde Sprache brachte uns um unser Brot.
Soll sich ein Edler seiner schlechten Sprache schämen,
Ob falschen Satzbaus sich, ob der Grammatik grämen?
Ach was! Für einen Mann von Stand reicht Ja und Nein.
Logik und Stil laßt niedrer Leute Bettel sein.
Will man der Seele Kraft, will man ihr Maß ergründen,
Des Weltalls Plan, der Dinge Grund und Ursach finden,
Muß man als Narr und neunmal tumber Trottel leben,
So dumm ist’s grad, wie Erbsen an die Wand zu kleben.
Mehrt es mein Geld, mein Leben nur um einen Tag,
Erfahr ich, was mir Vogt und Pächter stehlen, sag?
Kann es, wie man den Teich mit Wasser füllt, mich lehren,
Kann es die Fässer in der Kelterei vermehren?
Auch die sind töricht, die voll Unrast Feuer zünden,
Um, ruß’gen Augs, der Erze Wesen zu ergründen.
Auch wenn mich nicht ihr närrisch Wesen plackt und kleidet,
Weiß ich, wie man das Gold vom Kupfer unterscheidet.
Arznei- und Krankheitskunde – nichts als Gaukelwesen!
Schmerzt dich der Kopf? Der Arzt will es am Puls ablesen
Er simpelt, daß das Blut der Übel Ursach wär.
(…)

Daß man zu viel Papier verdrucke und verschreibe
Und daß am Ende nicht ein Blättchen übrigbleibe
Zum Lockenwickeln, so klagt Medor. Doch mitnichten
Würd für Senecas Werk auf Puder er verzichten.
Vergil sei nichts, der Schuster Jegor alles wert.
Nicht Cicero – Rex, unser Schneider sei geehrt.

Tagtäglich stürmen solche Reden auf mich ein,
Drum duck dich, mein Verstand, und lerne still zu sein.
Ist schon die Arbeit nutzlos und umsonst die Plage,
Begehrst du doch, mein Herz, daß sie dir Ruhm eintrage.
Doch handelst du zumeist statt Lob nur Tadel ein.
Weit schlimmer ist’s, als mangelte dem Trinker Wein,
Als wenn dem Popen man das Osterfest mißgönnte,
Der Kaufmann nicht sein Bier mit Hopfen würzen könnte.

Wohl weiß ich, mein Verstand, du kannst mir leicht beweisen,
Daß lasterhafte Menschen nie die Tugend preisen,
Geizhälse, Stutzer, Frömmler und dergleichen mehr,
Sie schmälen jede Art von Bildung seit jeher.
Wen schert’s, wen kümmert es, was solch ein Kläffer bellt?
Dein Rat, Verstand ist gut, wie aber ist die Welt?
Bosheit kann heut’gentags der Klugen Schicksal schmieden.
Und um nicht abzuschweifen, habe ich vermieden,
Zu sagen – und in Wahrheit auch, weil ich’s nicht wagte,
Wie boshaft man auch andre Wissenschaften plagte.
Reicht dies? Die Wächter vor dem Paradies
Und jene, denen Themis ihre Waage ließ,
Kaum einer liebt die Wissenschaft, die wahre Zier.

(…)

Willst du ein Richter sein, leg die Perücke an!
Sprich schuldig den, der für sein Recht nicht zahlen kann!
Ein hartes Herz verachtet stets der Armen Träne.
Liest man das Protokoll, so schlafe nur und gähne!
Jedoch, wenn einer auf des Staats Gesetz verweist,
Vor dir das Völkerrecht und das Naturrecht preist,
Erkläre, daß er lügt, und spuck ihm ins Gesicht,
Wenn er so Unerhörtes fordert vom Gericht –
Daß Sekretäre Aktenberge wälzen müssen:
Der Richter unterschreibt – mehr braucht er nicht zu wissen.

Vorbei die Zeit, da wir die Weisheit thronen sahn,
Sie ebnete zum Höheren uns allein die Bahn.
Durch sie nur könnten wir den Lorbeerkranz erlangen.
Der goldene Äon – wie lang ist er vergangen!
Dünkel und Reichtum hat die Wahrheit stolz bezwungen,
Unwissen hat bei uns der Bildung Rang errungen,
Stolziert im Höflingskleid, prunkt unter Bischofskronen,
Spricht Recht am Richtertisch, befiehlt den Bataillonen.

Nichts ist der Wissenschaft vom alten Glanz geblieben,
Aus allen Häusern hat man sie mit Schimpf vertrieben,
Wie einer, der leicht seekrank wird, die Seefahrt meidet,
Flieht man die Wissenschaft, jedem ist sie verleidet.
Nutzlos ist jede Bildung, schallt es ringsumher:
Sie füllt die Köpfe, und sie macht die Taschen leer.

(…)

Schweig still, Verstand, wenn du die Narren prahlen hörst,
Und gräm dich nicht, wenn du auch niemals Dank erfährst.
Denn frei von Angst, scheint es auch schwer, ist dessen Leben,
Der in dies Los sich schweigend hat ergeben.
Und jeder, dem der Weisheit Gabe ward zuteil,
Soll ihrer sich erfreun, doch halt er sie nicht feil.
Denn will er sie für andre Menschen nutzbar machen,
So erntet er kein Lob. Man wird ihn bös verlachen.

1729

Nachdichtung: Uwe Grüning

Aus: Chorus an die verkehrte Welt. Russische Dichtung des 18. Jahrhunderts. Leipzig: Reclam, 1983, S. 29ff

Der Spiegel

Der Spiegel

Tschö Tschi Won

(857-915)

Die Fuchsfee kann sich verwandeln
in ein wunderschönes Weib,
und mancher üble Geist erscheint
in einem Gelehrtenleib.

Das sind zwar keine Menschen,
doch gleichen sie ihnen genau,
der böse Geist im Gelehrtenleib
und die Fuchsfee als schöne Frau.

Das Schwerste ist nicht das Verwandeln;
das lernt man schon mit den Jahren.
Viel schwerer ist es, in dieser Welt
ein menschliches Herz zu bewahren.

Und willst du unterscheiden,
was Wahrheit ist und was Schein,
dann mach aus deinem Herzen
einen Spiegel und halt ihn rein.

Aus: Lob des Steinquells. Koreanische Lyrik. Aus dem Sino-koreanischen übertragen, nachgedichtet und herausgegeben von Ernst Schwarz. Weimar: Gustav Kiepenheuer, o.J. (1973), S. 36