Bis auf einen indischen Berg aufgrund seiner Purpurfarbe

Georges Schehadé

(* 2. November 1905 in Alexandria; † 17. Januar 1989 in Paris)

Bis auf einen indischen Berg aufgrund seiner Purpurfarbe
Und diesen Bronzegeruch den manchmal die Pferde haben
Lassen die welken Blätter uns kalt
Es gibt Traurigkeiten die nicht die unsrigen sind
Nur mein Herz ist mein Kind
Um zu berühren was wir geliebt
Werden wir ins Haus einer ländlichen Gegend gehen
Und der Engel einer Mauer wird unser Vorfahr sein

Aus Les Poésies, 1952
Übers. Heribert Becker

Aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Edouard Jaguer u. Petr Král. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1986 (2. Aufl.), S. 1202

Friedenshoffnung

Georg Philipp Harsdörffer

(* 1. November 1607 in Fischbach / Nürnberg; † 17. September 1658 in Nürnberg)

Friedenshoffnung bey noch schwebender Handlung zu Münster und Oßnabruck

Der Kriegsmann wil ein Schäfer werden

1
Trommel und Pfeiffen / Herpaucken / Trompeten /
Donnerkartaunen und Hagelmusqueten /
eiserne Schlossen / Blitz / Kugel und Keul /
Rauben / Mord / Brennen / und Jammergeheul /
Bluttrieffende Degen /
dollrasende Waffen /
das Puffen und Paffen
der rollenden Wägen /
entweiche nun weit
des guldenen Friedens behäglicher Zeit.

2
Sicherheit baue die dankbaren Felder /
Sicherheit hege die lustigen Wälder /
setze die Baume / vergleiche den Waal /
pflantze die Gärten und pflüge den Thal.
Die Quellen erhellen
vermählet den Auen;
das silberne Tauen /
beblume die Schwellen
an Ceres Altar /
Glück Segen und Wonne bekröne das Jahr.

3
Zieret ihr Lantzen und Pantzer die Posten
Harnisch und Spiese verfaulen und rosten /
Häcker und Wintzer vergessen das Leid /
Hirten und Heerde geniessen der Weid.
An Schiffbaren Flüssen /
erschallen die Flöten /
der Meisterpoeten /
den Frieden zu grüssen.
Ich lasse das Schwert
und führe (nicht Heere) die wollichte Heerd.

4
Ströme / so vormals die Threnen vermehret /
werden mit wehrten Gedichten verehret:
Bober und Elbe / die Donau / der Rhein
schenken für Lieder den niedlichsten Wein.
Die Najaden springen / die Heleconinnen
viel Neues ersinnen /
Sie pflegen zubringen
Ruhm würdige Lehr.
Ich schweige / dir Rumpler zu geben Gehör.

Aus: Georg Philipp Harsdörffer, Der Poetische Trichter. 2. Band. Nürnberg: Endter, 1648, S. 108ff

Hier in der Originalgestalt

Standhafter Stern

John Keats

(* 31. Oktober 1795 in London; † 23. Februar 1821 in Rom)

Bright star, would I were stedfast as thou art—
Not in lone splendour hung aloft the night
And watching, with eternal lids apart,
Like nature’s patient, sleepless Eremite,
The moving waters at their priestlike task
Of pure ablution round earth’s human shores,
Or gazing on the new soft-fallen mask
Of snow upon the mountains and the moors—
No—yet still stedfast, still unchangeable,
Pillow’d upon my fair love’s ripening breast,
To feel for ever its soft fall and swell,
Awake for ever in a sweet unrest,
Still, still to hear her tender-taken breath,
And so live ever—or else swoon to death.

Sonett

O könnt ich gleichen dir, standhafter Stern:
Nicht hohen Lichts geheftet an die Nacht,
Betrachtend aus dem ewigen Auge fern,
Dem Eremiten gleich, der ruhlos wacht,
Bewegter Wasser priesterliches Amt,
Uns zu entsühnen längs der Küsten Kreis,
Vielleicht auch blickend auf der Maske Samt,
Wenn Neuschnee hüllt die Berge in sein Weiß;
O nein, doch standhaft, doch unwandelbar,
Zu fühlen, an der Liebsten Herz gelegt,
Wie lieblich reifend ihrer Brüste Paar
Sich senkt und hebt, vom Atem leis bewegt;
Erwachend nur dies süße Bild zu sehn
Und sonst, wie trüg ichs! klaglos zu vergehn.

Deutsch von Uwe Grüning, aus: Ein Ding von Schönheit ist ein Glück auf immer. Gedichte der englischen und schottischen Romantik. Leipzig: Reclam, 1980, S. 435

Sag: stirbt auch die Seele?

Paul Verlaine

(* 30. März 1844 in Metz; † 8. Januar 1896 in Paris)

Für diese Verse wird man mich verleumden

Für Charles Vignier

GEBEUGT STAND ICH am Bett: ganz hingegeben
den keuschen Leib, lagst du im Abendschlummer.
Und ich begriff, als läse ich mit stummer
und jäher Klarheit: eitel alles Streben!

O welch ein flüchtig Wunder ist das Leben!
Ein Blumenhauch der Leib – ein krummer
Gedanke, wahnsinndrohend, läßt im Kummer
um dich – schlaf du! – mich wachend beben.

O Elend, dich zu lieben, zart und schmächtig!
Dein Atem geht, wie schon vom Tod verriegelt,
dein Auge scheint zum Sterben schon versiegelt,

dein Mund lacht irre schon und jenseitsträchtig,
noch träumend, daß er meinem sich vermähle!
Wach auf, geschwind, und sag: stirbt auch die Seele?

Deutsch von Hans Krieger, aus: Paul Verlaine: Poèmes. Gedichte. Waakirchen: Oreos, 2005, S. 41

VERS POUR ÊTRE CALOMNIÉ

À Charles Vignier

Ce soir je m’étais penché sur ton sommeil.
Tout ton corps dormait chaste sur l’humble lit,
Et j’ai vu, comme un qui s’applique et qui lit,
Ah ! j’ai vu que tout est vain sous le soleil !

Qu’on vive, ô quelle délicate merveille,
Tant notre appareil est une fleur qui plie !
Ô pensée aboutissant à la folie !
Va, pauvre, dors ! moi, l’effroi pour toi m’éveille.

Ah ! misère de t’aimer, mon frêle amour
Qui vas respirant comme on respire un jour !
Ô regard fermé que la mort fera tel !

Ô bouche qui ris en songe sur ma bouche,
En attendant l’autre rire plus farouche !
Vite, éveille-toi. Dis, l’âme est immortelle ?

Die andere Nacht der ermordeten Dichter

Als Nacht der ermordeten Dichter gilt der 12. August 1952, als auf Befehl Stalins zahlreiche der führenden jiddischen Dichter der Ukraine ermordet wurden, darunter David Bergelsson, David Hofstein, Lejb Kwitko, Perez Markisch und Itzik Fefer. Aber es gibt mindestens eine zweite Nacht, die den traurigen Titel tragen könnte. Am 29. Oktober 1937 wurden zahlreiche weißrussische Intellektuelle erschossen, darunter die Schriftsteller Anatol Wolny, Platon Golovatsch (Galawatsch), Ales Dudar, Michail (Michas) Sarezkij, Wasil Kawal (Kowal), Mosche (Moische) Kulbak, Jurka Ljawonny, Waleri Marakoj, Wasil Staschewski und Michas Tscharot.

Hier ein jiddisches Gedicht von Mosche Kulbak aus der Anthologie „Der Fiedler vom Getto. Jiddische Dichtung aus Polen“ (Reclam Leipzig 1968, herausgegeben und übersetzt von Hubert Witt).

Lied eines armen Mannes

Auf dem Boden sitzt bei Nacht ein armer Mann
mit einem dünnen Lächeln auf dem Gesicht.
Er singt, wie sowas, hör mal, leben kann,
denn überall hilft man sich schon und braucht ihn nicht.

Er streckt den langen Leib, wird länger und schwächer
er klagt und singt sein armundgraues Lied
und der gehörnte, der stechende Mond auf den Dächern
kriecht herum wie ein weißer Wurm und glüht.

O die gilbe Stimm des Armen voller Schrecken
in allen Winkeln dieser grauen Welt.
Stimm eines Menschen, angetan mit Säcken –
wie schwer sie sich aus ihrer Trauer schält.

Er singt die dünne Freud, die er aus Qual gewann
wie kühles Wasser unter nackten und verbrannten Steinen.
Auf dem Boden singt bei Nacht ein armer Mann
und rührt den Mond, doch weiter keinen keinen …

(S. 103f)

Nicht Poesie

Gustav Sack

(* 28. Oktober 1885 in Schermbeck; † 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien)

Bekenntnis

Das sind mir Worte nur und Klänge,
künstliches Reflexionsgedränge,
das hat nicht Herz, nicht Poesie,
das läßt mich kalt, ich weiß nicht, wie.

Gewiß: denn dem Poet,
wie ihr ihn liebt und ihn versteht,
sprang noch die Welt nicht jäh entzwei
in Ding und Dinges Konterfei,
dem ist noch nicht die Welt verdorrt
zum hohlen Klang und dürren Wort,
der sieht noch nicht in jedem Ding
sich selbst, der in die Dinge ging,
der findet sich nicht ewig wieder,
der pinselt seine warmen Lieder
herzhaftig nach der Wirklichkeit,
nach Grund und Sinn und Raum und Zeit,
als ob das alles Dinge wären,
die plastisch aus dem Chaos gären
und ohne Zweifel so bestehn,
wie er sie eben stets gesehn.

Mir aber klirrend eins, zwei, drei
sprang diese schöne Welt entzwei
und ließ mir, nicht viel mehr als nichts,
den Wiederschein nur jenes Lichts,
das rätselhaft die Nacht durchfährt
und dann für immer wieder in sie kehrt,
zwecklos, sinnlos und gänzlich einerlei,
was es in Wahrheit wohl gewesen sei.

Darum ich denn die Poesie,
wie ihr sie pflegt, verlach, ich weiß nicht, wie.

Aus: Versensporn 35: Gustav Sack. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2019, S. 15

Du geh nicht sanft in diese gute Nacht

Dylan Thomas

(* 27. Oktober 1914 in Swansea, Wales; † 9. November 1953 in New York City) 



Do not go gentle into that good night

Do not go gentle into that good night,

Old age should burn and rave at close of day;

Rage, rage against the dying of the light.



Though wise men at their end know dark is right,

Because their words had forked no lightning they

Do not go gentle into that good night.



Good men, the last wave by, crying how bright

Their frail deeds might have danced in a green bay,

Rage, rage against the dying of the light.



Wild men who caught and sang the sun in flight,

And learn, too late, they grieved it on its way,

Do not go gentle into that good night.



Grave men, near death, who see with blinding sight

Blind eyes could blaze like meteors and be gay,

Rage, rage against the dying of the light.



And you, my father, there on the sad height,

Curse, bless me now with your fierce tears, I pray.

Do not go gentle into that good night.

Rage, rage against the dying of the light.

1951

Bertram Reinecke

Do not go gentle into that good night 1. Versuch

Du geh nicht sanft in diese gute Nacht
brenn, tobe Alter, eh der Tag zerfließt
entzünde Zorn wenn stirbt die helle Pracht

Der Weise weiß, ins Dunkel einst gebracht
daß auch sein Donnerwort kein Licht dreingießt
er geht nicht sanft in diese gute Nacht

Wer gut ist schreit, die letzte Woge kracht
und glänzt und tanzt, wie sie ins Wehr einschießt
entzündet Zorn wenn stirbt die helle Pracht

Der Wilde singt dem Tag der fliehend lacht
begrämt zu spät, das Ende seiner Frist
er geht nicht sanft in diese gute Nacht

Der Greis vom nahen Tod geblendet wacht
auf mit Kometenaugen, eh er schließt
entzündet Zorn, wenn stirbt die helle Pracht

Und Vater Du in düstrer Höhe, ach
daß Fluch Du, Segen nicht, nicht mein vergißt
Du geh nicht sanft in diese gute Nacht
entzünde Zorn wenn stirbt die helle Pracht.

Bertram Reinecke     05.09.2008 

Chronik des Tages

Tadeusz Peiper

Aus: Chronik des Tages

5

Die Agentur P.O.E.T. berichtet:
In einem Poznaner Tageblatt wird in Kürze
der Artikel eines journalistisch glanz-
vollen Kopfes erscheinen,
darin tritt der Verfasser den literarischen Kritikern auf die Zehen,
dafür, daß sie den engen Zusammenhang nicht sehen
zwischen der Poesie und der Handelsbilanz.

1929

Deutsch von Heinrich Olschowsky. Aus: Der Mensch in den Dingen. Programmtexte und Gedichte der Krakauer Avantgarde. Hrsg. Heinrich Olschowsky. Leipzig: Reclam, 1986, S. 287

Du weißt

Heute ein Gedicht in vier Fassungen in drei Sprachen. Es war gestern abend auf der Veranstaltung mit dem norwegischen Dichter Jan Erik Vold im Greifswalder Koeppenhaus zu hören. Die deutsche und englische Fassung kann ich nur nach dem Gehör wiedergeben, aber ich konnte den norwegischen Originaltext einsehen.

Walter Baumgartner, der seit seiner Studentenzeit mit Vold bekannt und befreundet ist, gab eine deutsche Stegreiffassung in seiner Einleitung, nein zwei Fassungen, um dessen lakonische Schreibweise zu verdeutlichen. In einer ersten Fassung habe das Gedicht so gelautet:

Du weißt, wir
arbeiten mit Stille, wo andere
Bomben einsetzen.

Es ist ein Haiku aus einem ganzen Band mit, wenn ich mich richtig erinnere, über 150 Haikus. Es entstand in den 60er Jahren, während des Vietnamkrieges, auf den es sich natürlich bezieht. Baumgartner erläuterte, das sei dem Autor offensichtlich zu laut gewesen, zu eindeutig, zu wenig japanisch. In der Druckfassung, die 1970 erschien, heißt es:

Du weißt, wir
arbeiten mit Stille
wir

Vold selber trug in seinem dreisprachigen Programm, musikalisch begleitet von Ellen Bødtker (das Programm der beiden ist auf CD erhältlich: Sommeren der ute, 2015), eine englische Fassung vor:

As for us
we‘re working with
silence

Schließlich die norwegische Buchfassung:

du vet, vi
jobber med stillhet
vi

Aus dem Band Spor, snø (1970, unpag.)

NB: Zu dem Band gab es noch eine Anekdote. Nämlich das Buch wurde im norwegischen Parlament, dem Storting, diskutiert. Der norwegische Staat kauft von jedem Buch eine Anzahl Bücher auf und gibt sie an Bibliotheken. Wer zahlt, hat Mitspracherecht. Die Parlamentarier schimpften, es sei Verschwendung auf Kosten der Steuerzahler: auf seinen paar 150 Seiten steht jeder Dreizeiler auf einer eigenen Seite.

Ach nein

Jan Erik Vold

(* 18. Oktober 1939 in Oslo)

EINE KUGEL
aus dem
Herzen
des Opfers und zurück

in
die
Mündung
der Schusswaffe – ach nein, Gott

spult
den Film
nicht
zurück. Allah auch nicht.

Aus: Jan Erik Vold, DIE TRÄUMEMACHER. TRILOGIE. Aus dem Norwegischen von Walter Baumgartner. Münster: Josef Kleinheinrich, 2019,  S. 104

Heute Abend in Greifswald: „Sommer dort draußen“ – eine musikalische Lesung mit Jan Erik Vold, Ellen Bødtker, Arve Henriksen und Eirik Raude auf dem Nordischen Klang in Greifswald (Mehr)

Man kann die Heimat gar nicht genug dichten

Herbert Behrens-Hangeler

(* 3. August 1898 in Berlin; † 20. November 1981 in Fredersdorf)

(Mit verstecktem Gruß an Kito Lorenc und Patricia S.)

HEIMATDICHTER

Heimatkrone
Heimatsonne
Heimatsterne
Heimatruhm
Süddeutsche Kost
Schwäbische Kost
Böse Sieben
Heimatlohn
Privatstudium
Improvisator
Vereinsmeier
Edelkrone
Residenzväter
Reklameöl
Sicher sauber sparsam schnell
Fährt man mit dem Karussell.

Aus: Herbert Behrens-Hangeler, Gedichte. Eine Auswahl. Siegen 1987 (Vergessene Autoren der Moderne XXVII), S. 3

Zum Künstler Herbert Behrens-Hangeler siehe hier

Anschwellendes Lachen

Hendrik Werkman

(* 29. April 1882 in Leens, Niederlande; † 10. April 1945 in Bakkeveen, Niederlande)

ANSCHWELLENDES LACHEN

Oktober 1923

Der Kunst zum Trotz. Denn die Kunst hat viel auf dem Gewissen.
Der Presse zum Trotz. Denn die Presse ist ein noch schuldigerer Finsterling.
Immer haben sie gemeinsam versucht, jeden guten Keim zu ersticken, jeden guten Gedanken zu verschleimen und jede gute Tat zu verschmieren.
Die seuchenartige Hirnerweichung und die entsetzliche Leberverdorrung gehen auf ihr gemeinsames Konto.
Aber trotzdem wird schon ziemlich viel gelacht in der Welt.
Vergiß das nicht bei dem, was Du machst, und betrachte dieses Lachen nicht als eine üble Erscheinung, die sich derzeit an Straßenecken offenbart.
Es hat natürlich nichts gemein mit dem Getue des ordentlichen Bürgers, der mit seiner wohlgenährten Frau in stilvollen Zimmern hockt, die dringend eine Ausmistung bedürfen.
Es ist das Lachen des Freigekämpften beim Anblick von Versuchen, den freien Geist daran zu hindern, weiterzugehen.
Noch flaniert das handschuhbewehrte Offizierchen auf lächerliche Weise durch die Hauptstraßen.
Noch imponiert der Bürokrat und übt seine Gewalt aus.
Noch duldet der Bär die Kette um seinen Hals.
Noch geht theatralisch und unter Einmachparole die Schnibbelbohne durch die Straßen.
Noch begafft der Arsch jeden goldenen Karren bis zur Verblödung und kennt seine Funktion nicht.
So grobschlächtig geht die Wanderung durch das Sumpfland weiter und stört sich nicht am Verdruß andrer und schlurft zu ihrem Ende und findet zu guter Letzt den Tod.
Höre das Lachen.
Über alle Bajonette hinaus, über alle goldenen Kragen zieht der freie Geist durch die Welt.
Alle Gesetzeshüter, alle Gerichtsvollzieher, alle eitlen Gendarmen und Protokollführer, alle Beffchen, Talare und Barette werden das Lachen des Vorgeladenen und Verfolgten anhören, das so laut in ihrem Gerichtssaal schallen wird, daß sie ihr Mundwerk nach der stumpfsinnigen Beglotzung nie mehr schließen können.

Aus: Hendrik Werkman: Travailleur & Cie. Texte 1923-1944. Mit e. Nachwort hrsg. v. Hubert van den Berg und Walter Fähnders. Siegen: Universität Gesamthochschule Siegen (Vergessene Autoren der Moderne LXIII), 1995, S. 10f

Herkunft

Heinz Czechowski

(* 7. Februar 1935 in Dresden; † 21. Oktober 2009 in Frankfurt am Main)

HERKUNFT

Die Schützenhofstraße.
Die steile Treppe.
Die Polizeikaserne. Die Häuser
Auf der Neuländerstraße.
Der Birkenweg,
Der zur Baumwiese führt. Dort
Ging ich an der Hand meines Vaters. Der kaufte mir
Für 50 Pfennig
Ein Ei, das
Aus dem gackernden Blechhuhn fiel. Manchmal
Erinnre ich mich: In diesem Ei
War ich.

Aus: Heinz Czechowski, Die Zeit steht still. Ausgewählte Gedichte, ausgewählt
und mit einem Nachwort von Alexander Nitzberg. Düsseldorf: Grupello Verlag, 2000, S. 151

Pastior Petrarca

Oskar Pastior

(* 20. Oktober 1927 in Hermannstadt, Siebenbürgen; † 4. Oktober 2006 in Frankfurt am Main)

Heute aus einem alten Greifswalder Vortrag von mir:

Der folgende Text stammt von dem aus Siebenbürgen stammenden, seit den 60er Jahren in der Bundesrepublik lebenden Oskar Pastior. Es ist ein Gedicht in Prosa:

Konsum, Komfort und Zeitvertreib – darauf beschränkt sich nun alles; sogenannte Bedürfnisse; zeitweilig, scheint es, geht die Physis fremd – sie ist nicht so; aber wer blickt noch durch; opak sind die großen Zusammenhänge, an denen man sich orientieren könnte – seltsam nur, in welchem Maße jetzt deutlich wird, was Dichtung ausmacht, wer sie trägt; zu stellen wäre auch die Frage nach dem öffentlichen Rang, dem Preis, der Anerkennung; dem ach so duften Geschmack; »Bescheidenheit und Armut schärft den Intellekt«, meint eine große Mehrheit – sie ist auf Effektivität bedacht; und nur wenige denken anders – die Weggefährten; darum mein Werben für dich, und um dich, weitblickender Geist; du solltest, was du in großen Zügen anfingst, nicht aufgeben.

Der Text entstand Anfang der 80er Jahre. Es ist ein aktueller Text, ein moderner Text. Er beschreibt die Zeit und damit zugleich den Zustand heutigen Dichtens. Ein moderner Text, aber kein zeitgeist-stromlinienförmiger. Er beschreibt eine Tendenz als übermächtig, aber ergibt sich ihr nicht.

Wer meint, daß ihn dieser Text an Petrarca erinnert, ist ein belesener Zeitgenosse (oder zumindest ein Romanist). Beides gibt es ja auch in Greifswald.* Pastiors Text ist die Übertragung eines Petrarcasonetts. Eine Übertragung, die der skizzierten Tendenz zu größerer poetischer Lizenz folgt, indem sie sie vorantreibt. Wie Herder auf den Reim, verzichtet Pastior nun auch auf die Versform. Wahrscheinlich ist es kein Sonett mehr; aber da das Sonett eine rhetorische, eine argumentierende Gedichtform ist, mag der Verzicht läßlich sein, weil er das Argument für uns klarer herausarbeitet. Ein Vergleich auch mit gelungenen Nachdichtungen macht das deutlich. Die Versform zwingt den Nachdichter zu Zugeständnissen in Form von Füllseln, Auslassungen und Ausschmückungen, die die natürliche Tendenz haben, das Maß zu überschreiten. Puristen schließen daraus, daß Gedichte unübersetzbar seien. Ich bin kein Purist. Ich bin der Meinung, daß die Vielzahl sehr unterschiedlicher Nachdichtungen keine Beeinträchtigung, sondern eine Bereicherung für deutsche Petrarcaleser darstellt. Man muß nicht so weit gehen wie jener Engländer, der diesen Stoßseufzer tat: Ihr habts gut, ihr könnt den Shakespeare übersetzen.

Ein paar Sätze zu Pastiors Petrarca zum Schluß. Eine genaue Betrachtung zeigt neben großer Nähe zu Petrarca auch beträchtliche Distanz. Manches scheint wie eine – vielleicht zu weitgehende? – Modernisierung, wie der Anfang:

Konsum, Komfort und Zeitvertreib – darauf beschränkt sich nun alles; sogenannte Bedürfnisse

Manches, was auf den ersten Blick befremdet, scheint sehr genau zu sein, z.E.

zeitweilig, scheint es, geht die Physis fremd –

nostra natura vinta dal costume;

Ist das nicht genauer als selbst die reimlose Übertragung Herders:

Verscheucht von ihrer Laufbahn ist die Menschheit,
In Banden der Gewohnheit fest gebunden.

Ich muß zum kurzen Ende kommen. Pastior, von Michael Krüger aufgefordert, sich mit Petrarca zu befassen, zögert. Ich zitiere Pastior:

Daß ich nicht italienisch spreche, war ja nicht ausschlaggebend. Als ich dann aber, es geschah plötzlich, eine (vermutlich mir gemäße) poetologische Aufgabenstellung zu entdecken glaubte, hatte mich bereits die Neugierde gepackt. Und zwar: versuchsweise einmal zu sehen, was innerhalb der poetischen Vorgänge, im Spannungsfeld der Begriffs- und Metaphernbildung, sich während der Kenntnisnahme durch Sprache ergeben könnte. Plump gesagt, die Metaphern … schienen mir unzuverlässig, aus zweiter Hand; es reizte mich, sie abzuklopfen, abzurubbeln, wie Abziehbilder; bloß mit dem Unterschied, daß ich hier ja die glänzend-bunte Oberflächenschicht der Bilder probeweise „beseitigen“ wollte, um herauszufinden, was sich … an Anschauung, Erkenntnisvorgängen, ja vielleicht Erkenntnistheorie, „darunter“ verbirgt; bei Petrarca verborgen haben mag.

„Kenntnisnahme durch Sprache“ wäre eine Formel für die hier gewählte Methode. Es geht nicht wie bei dem Experiment Rolf Dieter Brinkmanns um den Versuch, aus der Unkenntnis einer Sprache sozusagen poetisches Kapital zu schlagen. Sondern es geht Pastior um wirkliche, genaue Kenntnisnahme durch Sprache und sozusagen nichts als Sprache. Auch daß er nicht Italienisch spricht, bedeutet hier etwas anderes als auf ersten Anschein. Einerseits spricht er Rumänisch, eine in Morphologie und Syntax verwandte Sprache. Andererseits arbeitete er über mehrere Jahre sorgfältig mit Wörterbüchern und Konjugationstafeln, aber ohne die Hilfe der Philologen. Seine Unkenntnis bewußt als heuristische Methode einzusetzen, sozusagen nach dem Grundsatz, daß das Bekannte nicht erkannt ist. Durch dieses mühsame und zugleich überraschungsreiche, somit auch schöne, prozessuale Annähern sozusagen „die Metaphern in statu nascendi zu überraschen“.

Pastiors Version kann man schwerlich eine Übertragung nennen. Das Titelbild zeigt das tatsächliche Kräftespiel. Der alte und der neue Dichter stehn einander gegenüber, und jeder steuert seins bei. Zwei besessene Wortfexe, zwei Neuerer sui generis. 33 Gedichte von Pastior, die Morhof schwerlich als Gedichte verstanden hätte, gefolgt von 33 italienischen Gedichten Petrarcas.

(Michael Gratz)

*Schrieb ich vor der Abschaffung der Romanistik in Greifswald.

Petrarcas Original:

SONETTO VII.

LA gola, e ’l sonno, e l’oziose piume
  Hanno del mondo ogni virtù sbandita,
  Ond’è dal corso suo quasi smarrita
  Nostra natura vinta dal costume;
Ed è sì spento ogni benigno lume
  Del ciel, per cui s’informa umana vita;
  Che per cosa mirabile s’addita
  Chi vuol far d’Elicona nascer fiume.
Qual vaghezza di Lauro? qual di Mirto?
  Povera, e nuda vai, Filosofia,
  Dice la turba al vil guadagno intesa.
Pochi compagni avrai per l’altra via;
  Tanto ti prego più, gentile spirto,
  Non lassar la magnanima tua impresa.

Irrsinniger Herbst

Roland Erb

DIE OKTOBERFRÜHE

Irrsinniger Herbst, du gehst
Straßen voll Laub und Blut:
Dunstiges Weichbild, du siehst
Dämmerung ringsum in Glut.

Einsame Taube, die hüpft
über Fliesen, knirschender Schrei.
Henkersmahlzeit, das Korn
bricht wie Dornen entzwei.

Nahender Winter, Tauben
hocken versteckt im Haus.
Irrsinniger Herbst, der nächste
bläst ihre Federn hinaus.

Aus: Roland Erb: DIE STILLE DES TAIFUNS. Gedichte. Berlin/Weimar: Aufbau, 1981, S. 10