Julian Tuwim
(* 13. September 1894 in Łódź; † 27. Dezember 1953 in Zakopane)
Politische Jamben
Sie sagen – sehr geehrter Herr -,
daß mich die Politik nicht ziert.
Denn Magier, Alchimist sei ich vielmehr,
der Wortessenz im Tiegel destilliert:
ein Fabrikant von zaub’rischer Tinktur
und ein Expert für Mystik im Gesange,
für den Instinkt, für Intuitionen nur
und andre apolitische Belange.
Ich habe viel gezaubert – zugegeben! –
und schäm‘ mich nicht der einstigen Praktiken.
Mein Schmerz war durch Extrakte zu beheben,
der Qual half oft ein Vers-Trank einzunicken.
Mir ging’s um die Romantik im Gedichte
– o Muse, holde Apothekerin! -,
um Trance und apollinische Gesichte.
So sang ich unpolitisch vor mich hin .
Doch da ich einst der Hexerei oblag
in meinem provinziellen Kräuterladen,
sah ich durch der Verzückung Nebelschwaden
und Mullgardinen schon den Tag
im Morgenrote … („Note?“ … „Götterbote?“ … )
Schon trieb’s mich, einen Hymnus hinzuhaun.
Allein es war der Weltbrand, der da lohte,
und fraglos als politisch anzuschaun.
Die off’ne Hölle überflammte mich.
Der Feind ward deutlich und die Umwelt klar.
Zum Teufel auf Vakanz entwich
die Phantasie, die pleite war.
Und die Geschichte barst. Ein Träumer fuhr
aus seiner alchimistischen Retorte,
der sich die Augen rieb. Mit einem Worte:
ein Dichter höchst politischer Natur.
Denn Politik führt rasch zum Menschenhirn.
Geschmeidig weiß sie nach dem Ziel zu streben.
Sie fädelt mich durchs Nadelöhr als Zwirn
und heftet mich mit fester Naht ans Leben.
Sie kreist – vom Strom des Blutes mitgerissen –
im Zeitgeschehn. Elektrisch hochfrequent
läuft sie als Schauer über das Gewissen –
die Politik, die dichterisch bekennt.
Denn sie, die Schöpferische, lehrt den Sinn
der großen Zeiten und der schlichten Woche
und meiner ewigen Gebärerin,
die täglich mich zur Welt bringt: der Epoche.
Aus dem Polnischen von Helene Lahr, in: Der Himmel voller Wunden. Polnische Gedichte, Chansons und Streiklieder aus fünf Jahrhunderten. Hrsg. Frank Geerk. Karlsruhe: von Loeper, 1982, S. 51f
Otto Nebel (* 25. Dezember 1892 in Berlin; † 12. September 1973 in Bern)
Wenn Schurken singen
Wir sind die gelehrten Verkehrten,
wir schnacken so klug, daß es knarrt;
der Wahnwitz, den wir vermehrten:
wie hat er die Völker genarrt!
Woimmer wir Weisheit vermuten,
da setzt unser Nörgeln ein;
da müssen wir quengeln und tuten,
verneinen, entstellen und schrein.
Wir wollen von niemandem lernen,
uns kann kein Kunstwerk erreichen;
uns treibt was, den Sinn zu entfernen,
der Worte Bedeutung zu streichen.
Wir können gefährlich vernünfteln,
das Gute und Wahre zerklauben:
wir haften nur an zwei Fünfteln,
wir können an Ganzes nicht glauben.
Gewißheit ist nicht unsre Sache,
drum haben wir auch kein Gewissen;
wir halten Erkenntnis für Mache,
wir können Erleuchtung vermissen!
Wir kennen wohl tausend Verfahren,
die Rechten vom Wege zu locken;
wir möchten selbst Fromme an Jahren
zuletzt noch zuinnerst verstocken.
Wir gaukeln, daß Irrsterne funkeln,
wir schaffen Wirrnis und Nöte;
wir schuften besessen im Dunkeln
und sorgen, daß Wissenschaft töte!
Aus: Otto Nebel: Prosa, Gedichte, Nachlaß (Das dichterische Werk Bd. 2). Hrsg. René Radrizzani. München: Text + Kritik, 1979, S. 217f (Frühe Texte der Moderne)
Adam Asnyk
(* 11. September 1838 in Kalisch, Russisch-Polen; † 2. August 1897 in Krakau)
Erste Strophe eines Gedichts
DEM XIX. JAHRHUNDERT
Zeit ohne Zukunft, ohne Tagvertrauen,
Die uns am Abgrund düster hingestellte
Lehrmeisterin in Nichtigkeit und Grauen,
Dem Geiste Martergruft und Grabeskälte;
O Zeit des Zweifels, Zeit der Glaubensleere,
Wie bist du schrecklich den im Leid Elenden!
Mit Rätselaugen siehst du die Misere,
Mit Hohn entläßt du, die in Qual verenden,
Und rufst ins Grab noch nach mit Mörderstimme:
„Alles ist aus, nun geht zugrund für immer.“
Nachdichtung Karl Dedecius
Wörtliche Übersetzung von Peter und Renate Lachmann:
Jahrhundert ohne morgen, Jahrhundert ohne Zukunft, / Das du düster vor den Abgrund trittst. / Lehrer des Grauens und des Nichts, / Das du den menschlichen Geist auf die Folter spanntest! / Jahrhundert des Zweifelns, o Jahrhundert des Unglaubens! / Wie schrecklich bist du doch für die Leidenden! / Mit Sphinx-Gesicht schaust du auf die Opfer, / Mit Spott verabschiedest du die, die in Qualen umkommen; / Indem du ihnen ins Grab die blutigsten Worte sendest: / Alles ist zu Ende, Euer Tod ist endgültig.
Aus: Poesie der Welt. Polen. Edition Stichnote im Propyläen Verlag Berlin, 1987, S. 186f.
Das ganze Gedicht im polnischen Original:
XIX-mu wiekowi.
Wieku bez jutra, wieku bez przyszłości,
Co nad przepaścią stanąłeś ponury!
Nauczycielu zgrozy i nicości,
Coś wziął ludzkiego ducha na tortury!
Wieku zwątpienia, o wieku niewiary!
Jakże ty strasznym jesteś dla cierpiących!
Sfinksową twarzą patrzysz na ofiary,
Szyderstwem żegnasz w męczarniach ginących,
Śląc im do grobu te słowa najkrwawsze:
„Wszystko skończone, giniecie na zawsze!”
Na co się przyda, mistrzu, twa nauka,
Na co się przyda dla błądzącej rzeszy?
Gdzież masz pociechę, któréj ona szuka?
Gdzież masz tę miłość, która ją rozgrzeszy?
Dałeś jéj ziemi obszary jałowe,
I dożywotnie dałeś jéj dziedzictwo;
Ale zabrałeś najlepszą połowę:
Idealnego świata uczestnictwo!
Choć jasne źródła stoją jéj otworem,
Ona z nich przecież rozkoszy nie czerpie,
I woła, sercem upadając chorem:
„Poco ja żyję, umieram i cierpię?”
Franz Werfel und Hilda Doolittle (H.D.) haben heute Geburtstag, Pauline Schanz und Mary Oliver, aber Lyrikzeitung gibt heute Elisabeth von Österreich-Ungarn das Wort, Sisi, Kaiserin und Autorin von Tagebüchern und Gedichten. An diesem Tag im Jahr 1898 starb sie. Sie verehrte Heine, der 40 Jahre älter war als sie, sie wollte der Stadt Düsseldorf ein Heinedenkmal schenken, die es aber ablehnte, so dass es nach langer Irrfahrt wie Heine selber in Frankreich Asyl fand. (Okay, verkürzte Fassung einer langen Geschichte. Es gibt zwei Heinedenkmäler, die von ihr finanziert wurden, das zweite steht in New York).
Ein Heine war sie nicht (von ihrem fünf Jahre jüngeren Generationsgefährten Mallarmé schweigen wir). Große Dichtung ist es nicht (aber warum immer nur „große“ lesen? Wie sollte man dann Maßstäbe entwickeln?). Für sie war das Schreiben Tagebuch und wohl auch Therapie. Hier zwei Proben aus dem Zyklus Nordsee Lieder (1885-87). Die erste ist unfreiwillig komisch-anstößig.
3.
Die Fischer geh’n am Strand herum
Im feschen Sonntagsschmuck,
Und kosen, Liebchen fest am Arm,
Mit Blick und Händedruck.
Heissa! Ich brauch‘ kein‘ Fischermann;
Mein Liebster liegt am Meer,
Der Göttliche, der Herrliche,
Mit seinem Schild und Speer!
Die zweite geht so durch.
20.
Finis
Die Feder, die ich vier Wochen
In deine Fluten getaucht,
Nun hab‘ ich sie zerbrochen,
Sie wird nicht mehr gebraucht.
Vier Wochen hat sie besungen
Dich ohne Unterlass;
Ob diess ihr wohl auch gelungen?
Ach, wir bezweifeln das!
Nun wird sie wieder vertauschet
Mit Schläger und Rappier;
Dieweil die Woge hier rauschet,
Trägt dort mich’s edle Tier.
Die Poesie können holen,
(Die ich ins Meer versenkt,)
Die Kabeljau und die Soolen; Ihnen sei sie geschenkt.
(Soolen: alte Schreibweise von Solen, Salzwasser).
Als Zugabe ein Stück Polemik von kaiserlicher Hand, gerichtet an die Kritiker ihres Heinedenkmals – und das hat mehr Biss:
Antwort an …
Dass meinem „Aufruf“ du nicht Lob geschenkt,
Ja, dass du ihn sogar sehr schlecht gefunden,
Es hat mich dies wahrhaftig nicht gekränkt,
Ich hab‘ des Tadels Stachel nicht empfunden.
In seiner Seele hätt‘ ich mich zu tief versenkt
Und zu begeistert Ihm den Kranz gewunden?
Der solche Kritik über mich verhängt,
Der Arme bellt mir gut mit andern Hunden.
Quelle: Sissis [sic] Gedichte. Kaiserin Elisabeth von Österreich (eBuch) Bei Google für 99 Cent zu haben.
Stéphane Mallarmé
(* 18. März 1842 in Paris; † 9. September 1898 in Valvins)
Gabe des Gedichts
EIN KIND AUS EDOMS NACHT, HIER LIEGT ES VOR DIR. BLOSS
Und schwarz, mit Flügeln blutig-bleich und federlos,
Durchs Fensterglas, gebeizt von würzigem Rauch und Gold,
Gefrorne Scheiben, ach, noch eine Hellung hold,
Stürzte die Morgenröte in der Lampe Schein.
Triumph! Und als erschien ihr abgelebtes Sein
Dem Vater, der nur mehr ein böses Lächeln fand,
Da lief ein Schauer durch der Schatten blaues Land.
O Wiegerin, mit deiner Tochter, sündelose
An kühlem Wandel, nimm das Kind aus grausem Schoße,
Und in der Stimme weckend allen Klanges Lust,
Wirst du mit bleichem Finger pressen deine Brust,
Der sibyllinisch weiß das Weibliche entquillt
Für Lippen, deren Durst kein Glanz des Äthers still?
Deutsch von Fritz Usinger. Aus: Stéphane Mallarmé: Gedichte. Jena: Karl Rauch, 1948, S. 15
GABE DES GEDICHTES
Ich bringe dir das Kind aus einer Edoms-Nacht!
Schwarz, blutiger bleicher Schwinge, bar der Federtracht,
warf sich durchs Glas, das duft- und goldversengte,
durch Scheiben, die vereist, ach, Dunkel noch verhängte,
auf meiner Lampe Frieden, Palmprunk! Morgenrot,
und als es, was ihm da verblieb, dem Vater bot,
und er ein Lächeln zwang, worin schon Feindschaft lauert,
hat, unfruchtbar und blau, die Einsamkeit geschauert.
O die du deine Tochter wiegst, mit euern kalten
unschuldigen Füßen, willst den Greuelbalg du halten,
und wirst du, deren Stimme weichen Saitenklängen
gleicht, mit dem welken Finger deinen Busen drängen,
daß ihm, geheimnisvolles Weiß, das Weib entquille,
in keuscher Himmelsluft hungernde Lippen stille?
Deutsch von Richard von Schaukal. Aus: Stéphane Mallarmé: Gedichte. Freiburg/Br.: Karl Alber, 1947, S. 51
Eine weitere deutsche Fassung von Carl Fischer in: Mallarmé, Sämtliche Dichtungen. München, Wien: Hanser, 1992
Don du poème
Je t’apporte l’enfant d’une nuit d’Idumée !
Noire, à l’aile saignante et pâle, déplumée,
Par le verre brûlé d’aromates et d’or,
Par les carreaux glacés, hélas ! mornes encor
L’aurore se jeta sur la lampe angélique,
Palmes ! et quand elle a montré cette relique
A ce père essayant un sourire ennemi,
La solitude bleue et stérile a frémi.
Ô la berceuse, avec ta fille et l’innocence
De vos pieds froids, accueille une horrible naissance
Et ta voix rappelant viole et clavecin,
Avec le doigt fané presseras-tu le sein
Par qui coule en blancheur sibylline la femme
Pour des lèvres que l’air du vierge azur affame ?
(1883)

August Wilhelm Schlegel
(* 5. September oder 8. September 1767 in Hannover; † 12. Mai 1845 in Bonn)
Schillers Lob der Frauen.
Parodie. (Zum Original)
Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe,
Wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe,
Flicken zerrißene Pantalons aus;
Kochen dem Manne die kräftigen Suppen,
Putzen den Kindern die niedlichen Puppen,
Halten mit mäßigem Wochengeld Haus.
Doch der Mann, der tölpelhafte
Find‘t am Zarten nicht Geschmack.
Zum gegohrnen Gerstensafte
Raucht er immerfort Taback;
Brummt, wie Bären an der Kette,
Knufft die Kinder spat und fruh;
Und dem Weibchen, nachts im Bette,
Kehrt er gleich den Rücken zu. usw.
Erwiederung der Jungfrauen und Junggesellen.
Die Jungfrauen.
Du schiltst die Männer, um die Frau’n zu loben.
Wie ungeschickt, o Schiller! wie verschroben!
Wir können nicht den Bräutigam entbehren:
Nun willst du uns, ihn zu verabscheu’n, lehren?
Nein, geh zu Rath bei’m Wiener Schikaneder!
Der giebt das Seine Jedem so wie Jeder.
»Bei Männern, welche Liebe fühlen,
Fehlt auch ein gutes Herze nicht.
Die sanften Triebe mitzufühlen
Ist dann der Weiber erste Pflicht.
Mann und Weib und Weib und Mann
Reichen an die Gottheit an.«
Die Junggesellen.
Pereat Schiller!
Wir fragen: Was will er?
Der moralische Phantast
Macht uns Männer den Frauen verhaßt.
Wären wir beide so, wie er sagt,
So wären wir mit einander geplagt.
Unser Schikaneder lebe!
Laßt uns seine weisen Lehren
Eifrig durch die That bewähren!
Jeder edle Jüngling strebe
So wie jedes holde Weib,
Daß im Bund von Seel‘ und Leib
Nach dem heil’gen Schwur der Treue
Alles sich des Lebens freue,
Und die junge Welt erneue.
Quelle:
August Wilhelm von Schlegel: Sämtliche Werke, Band 2, Leipzig 1846, S. 171-173.
Als Zugabe ein Aphorismus aus der Zeitschrift Athenäum:
„Die Frauen werden in der Poesie ebenso ungerecht behandelt wie im Leben. Die weiblichen sind nicht idealisch, und die idealischen sind nicht weiblich.“
(1798)
Rainer Schedlinski
(*11.11.1956, † 06.09.2019)
theseus zur rolle der frau
das gras wächst, wir aber werden
erwachsen, vermehren uns
mit geschlossenen augen
um besser zu sehen, damit
ein gegenteil entsteht, das ist
die überzeugung, ist die kunst
des sterbens, inflation
der sinne, am ende der futurismus
der zwecklosen mittel, das ist
das system, ariadne, die männer
der frauen verschwinden
gelegentlich ohne ein ziel
Aus: Rainer Schedlinski: Die Männer der Frauen. Zeichnungen Ute Hünniger. Berlin: Druckhaus Galrev, 1991, S. 26
Mikhl Likht
(* 30. Juni 1893 im Dorf Plisk, Distrikt Kremenits, Wolhynien; † 10. Juni 1953, New York)
(kh wie ch in ach)
Aktuelle Leseempfehlung. Im soeben erschienenen Heft 93 der Literaturzeitschrift Schreibheft wird u.a. der jiddische Avantgardist Mikhl Likht vorgestellt. Das von Norbert Lange zusammengestellte Dossier enthält Aufsätze von Lange („Reise nach Jiddishland“), Julian Levinson und Ariel Resnikoff („Englisch denken, jiddisch schreiben“), Auszüge aus Likhts Gedichtzyklus „Prozessionen“, dazu ein poetologischer Aufsatz des Dichters sowie Gedichte von Jerome Rothenberg und Ariel Resnikoff. Wieder eine großartige Entdeckung dieser Schatzgräberzeitschrift – an der ich nur das Fehlen einer wenigstens klitzekleinen jiddischen Leseprobe bekrittele. Vor ein paar Jahren erschien eine englisch-jiddische Ausgabe in den USA, aber weder der Buchhandel noch Amazon und WWW können sie beschaffen.

Nachdichtung nach der amerikanisch-englischen Übersetzung von Rainer G. Schmidt
Fenton Jonson
(* 7. Mai 1888, Chicago, † 17. September 1958, Chicago)
MÜDE
Ich bin müde der Arbeit. Bin müde, an andrer Zivilisation zu bauen.
Wir wollen ausruhn, M’Lissy Jane.
Ich will hinunter in den Chance Salon, ein oder zwei Liter
Whisky saufen, ein oder zwei Würfelspiele spielen und
den Rest der Nacht auf dem Schanktisch verschlafen.
Laß unser altes Heim verrosten. Die Kleider der Weißen
sollen zu Staub werden und die Calvary-Baptistkirche zerbröckeln.
Verbring deine Tage damit, deinen Mann zu vergessen,
und in den Nächten bettle um warmen Whisky, den
Mike den Kokotten hinten im Chance Salon serviert.
Ersäuf unsre Kinder. Zivilisation bescherte uns zu viele.
Für einen Schwarzen ist der Tod das Beste.
Reiß die Sterne aus dem Himmel. Sterne zeichnen unser
Schicksal. Die Sterne zeichneten unser Schicksal.
Müde bin ich der Zivilisation.
Aus: Die neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. Hrsg. u. übersetzt von Claire Goll. Berlin: S. Fischer, 1921, S. 73
Johann Wolfgang Goethe
Onckel und diri bleiben
Werden ich dumsi da
Also nit weiter treiben
Mochten im samsi da.
A.
Das ist wieder ein gefährliches Buch!
B.
Gefährlich! Gefährlich! Was gefährlich. Gefährlich sind
solche Bestien, wie ihr seid. Die alles ringsherum mit
Fäulnis anstecken, die alles Schöne und Gute begeifern
und bescheißen und dann die Welt glauben machen, es
sei alles nicht besser als ihr eigner Kot!
S. 677
Aus: GOETHES SAEMTLICHE WERKE, BAND XIII. Hrsg. Fritz Bergemann und Max Hecker. Leipzig: Insel, o.J.
[LUSTIGE EINFÄLLE, ERNSTE REFLEXIONEN,
POETISCHE ABSCHNITZEL, UNMITTELBARE
BEOBACHTUNGEN]
[I. BIS ZUR ÜBERSIEDELUNG NACH WEIMAR]
Henri Rousseau
(genannt „Le Douanier“, Der Zöllner; * 21. Mai 1844 in Laval; † 2 . September 1910 in Paris)
Der Traum
Jadwiga, süß entschlummert kaum,
Hat einen wunderschönen Traum;
Der Flöte Ton dringt an ihr Ohr,
Ein guter Zauberer ruft ihn hervor.
Das Mondlicht wird zurückgestrahlt
Von Flüssen und vom grünen Wald.
Die Schlangen hören auf zu höhnen,
Sie lauschen still den heitren Tönen.
Aus: Anthologie der Abseitigen Hrsg. Carola Giedion-Welcker. Frankfurt/Main: Luchterhand, 1990, S. 26/273
Le Rêve
Yadwigha dans un beau rêve
S’étant endormie doucement
Entendait les sons d’une musette
Dont jouait un charmeur bien pensant.
Pendant que la lune reflète
Sur les fleuves [or fleurs], les arbres verdoyants,
Les fauves serpents prêtent l’oreille
Aux airs gais de l’instrument.
[1910]

Innokentij Annenskij
(* 20. August jul./ 1. September 1855 greg. in Omsk; † 30. November jul./ 13. Dezember 1909 greg. in Sankt Petersburg)
Die Poesie
In dir sind quälerisch verbunden
Des Lebens Zufall und der Schöpfergeist,
Die Schönheit ist anspielungsreich,
So kann sie sich subtil bekunden …
Du hast die Liebe hier gefunden,
In diesem trügerischen Wüstenreich,
Wo alles sich vermählt im Kunterbunten
Und nicht ein Klang dem andern gleicht.
Du bleibst der Hand, dem Aug entzogen,
Bist uns als Göttin nicht gewogen
Und schimmerst fern als fahles Licht –
Nicht zu enträtseln, auch nicht auszudenken,
Und wer dich liebt, der hat die Pflicht,
Sich bis zum Wahnsinn dir zu schenken.
ca 1900
Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 273
Wolfgang Hilbig
>nach dem zweiten/krieg<
nach dem zweiten
krieg vergaß man beim aufräumen
einige vokabeln
aus der weit zu schaffen.
noch immer nicht
sind aus der deutschen sprache verbannt
wörter wie
unverbrüchlich
unzertrennlich
uneinnehmbar
unbesiegbar.
rundfunk und presse. ach arme
beine zu allengutendingen –
Aus: Wolfgang Hilbig: Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2008, S. 14
Martin Winter
Nach Wang Wei (701-761)
Aus: Martin Winter: Der Mond muss perfekt sein. She has to be perfect. Mit 27 Übersetzungen von Yi Sha. Wien: fabrik.transit, 20
Martin Winters Version „nach Wang Wei“ hat genau so viel Silben wie das Original, sechs mal fünf. Da im deutschen mehrsilbige Wörter kaum vermeidbar sind, hat der Nachdichter bei diesem Verfahren weniger Wörter zur Verfügung als das ohnehin wortkarge Chinesische. Früher hielten deutsche Nachdichter es in dieser Knappheit nicht für poetisch und pumpten deshalb die Gedichte auf. Hans Bethge braucht 86 Wörter (das Chinesische höchstens 30). Nachdichtung als Kommentar:
Der Abschied des Freundes
Ich stieg vom Pferd und reichte ihm den Trunk
Des Abschieds dar. Ich fragte ihn, wohin
Und auch warum er reisen wolle. Er
sprach mit umflorter Stimme: Du mein Freund,
Mir war das Glück in dieser Welt nicht hold!
Wohin ich geh? Ich wandre in die Berge.
Ich suche Ruhe für mein einsam Herz.
Ich werde nie mehr in die Ferne schweifen. –
Müd ist mein Fuss und müd ist meine Seele. –
Die Erde ist die gleiche überall
Und ewig, ewig sind die weissen Wolken…
Gustav Mahler verwendete Bethges Text (der auf eine französische Vorlage zurückging) in „Das Lied von der Erde“. Bethges Sammlung „Die chinesische Flöte“ gibt es in einer modernen Ausgabe beim YinYang Media Verlag.
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